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Silvia Gavez, Samuel Keller u.a.: Zurück in den Alltag - Mütter nach Behandlung ihrer Alkoholabhängigkeit

Cover Silvia Gavez, Samuel Keller, Trudi Beck: Zurück in den Alltag - Mütter nach Behandlung ihrer Alkoholabhängigkeit. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 156 Seiten. ISBN 978-3-86388-728-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

In der Forschungsstudie werden vierzehn alkoholkranke Mütter kurz vor Ende des stationären Aufenthalts in einer Entwöhnungsklinik und sechs Monate nach Austritt befragt. Anhand der Gesundheitsbalance von Hurrelmann und Bründel werden belastende und entlastende Aspekte im Alltag der Frauen beleuchtet. Drei Herausforderungen der Mütter werden beschrieben: Ihre Position als Frau und Mutter, Beziehung zu den Kindern und ihre persönliche Entwicklung. Im Weiteren werden die Möglichkeiten ihrer Bewältigung dargestellt, respektive ungünstige oder fehlende Bewältigungsmöglichkeiten.

Entstehungshintergrund

Die Studie entstand an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Kooperation mit der Forel Klinik. Die Studie wurde vom Schweizerischen Nationalfond unterstützt. Da ca. 40% der Frauen in der stationären Entwöhnungsklinik Kinder haben, stellte sich die Frage, welche speziellen Herausforderungen diese Gruppe erlebt. Um mehr von den Anforderungen des Alltages zu erfahren, wurden katamnestische Befragungen durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Es handelt sich um eine qualitative Studie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel.

In der Einleitung wird das Forschungsinteresse umrissen und der Inhalt der einzelnen Kapitel des Buches aufgelistet.

Im ersten Kapitel wird dargestellt, dass Frauen, die bei der der Nachbefragung mit Kindern zusammenleben, eher rückfällig werden als Frauen, die ohne Kinder leben. Im Gegensatz dazu werden alkoholabhängige Männern, die mit Kindern zusammenleben seltener rückfällig, als die ohne Kinder. Daraus ergibt sich die Frage, mit welchen speziellen Schwierigkeiten die alkoholabhängigen Mütter konfrontiert sind und wie Ihnen Unterstützung gegeben werden könnten. In der Studie hatten alle Mütter minderjährige Kinder.

Im zweiten Kapitel wird erklärt wie aus einem genussvollen ein missbräuchlicher Konsum werden kann. Geschlechtsspezifische Unterschiede werden aufgezählt.

Die Verfasser ziehen die Gesundheitsbalance von Hurrelmann und Bründel bei: Die drei Bereiche Person (Veranlagungen, Wünsche, Bedürfnisse, Selbstwertgefühl etc.), Umwelt (Familie, Freunde, Beruf, Wohnsituation, etc.) und Droge (Drogengebrauch) können bei einer produktiven Lebensbewältigung durch das Individuum in einem guten Sinne gegenseitig ausbalanciert werden. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung beispielsweise trinkt Alkohol im risikoarmen Bereich. Vielen dient der Alkohol in der Freizeit zur Erholung vom Alltagsstress. Bei Abhängigen allerdings verhilft der Alkoholkonsum nur mehr zur vermeintlichen Bewältigung des Alltages.

Im dritten Kapitel werden die ICD-10 Diagnose der Alkoholabhängigkeit, physiologische Wirkung, Abhängigkeitspotential, Folgen des Konsums, Behandlung und Rückfälligkeit und geschlechtsspezifische Unterschiede dargestellt. Nochmals wird hier vermerkt, dass für Männer in einer Partnerschaft und im Lebensgemeinschaft mit Kindern in der Tendenz ein Schutzfaktor gegen Rückfälligkeit darstellt. Bei Frauen ist eine gegenteilige Tendenz bemerkbar.

Im vierten Kapitel wird zusätzlich zu den empirischen Befunden zur Alkoholabhängigkeit bei Frauen auf die gesellschaftlichen Erwartungen, auf die sozialen Beziehungen und auf die Mutterschaft eingegangen. Es scheint, dass Frauen stärker von Stigmatisierungsprozessen betroffen sind als Männer. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen in Bezug auf die Erziehung der Kinder scheinen höher zu sein als diejenigen an die Männer. Gleichzeitig erhalten die Frauen offenbar weniger Anerkennung aus dieser Verpflichtung. Je mehr es Frauen gelingt Probleme in der Partnerschaft, im sozialen Umfeld, in der Beziehung zu den Kindern, in der Arbeitswelt oder als Hausfrau zu lösen, desto eher steigt die Wahrscheinlichkeit die Abhängigkeit zu überwinden.

Im Kapitel 5 werden die Risiken für die Kinder dargestellt. Es ist bekannt, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien ein hohes Risiko haben selber abhängig zu werden. Sie zeigen zudem auch Einschränkungen oder Auffälligkeiten beispielsweise bei den Selbstwirksamkeitserwartungen, den Kontrollüberzeugungen und der Lebenszufriedenheit. Trotz der Risiken und Belastungen sollte der Blick nicht versperrt sein für ihre Stärken und Ressourcen. Werden diese Kinder befragt, welchen Wunsch sie für die Zukunft hätten, äusserten die meisten Wünsche in Bezug auf Ausbildung und Schule.

Im sechsten Kapitel wird das methodische Vorgehen der Studie vorgestellt. Es handelt sich um eine qualitative Studie. Es wurden Patientinnen in der Klinik gesucht, die bereit waren mitzumachen. 15 wurden gefunden, mit ihnen wurde kurz vor Austritt ein Gespräch geführt. Mit 14 Frauen konnte dann auch das katamnestische Gespräch nach einem halben Jahr nach Austritt geführt werden. Die Interviews wurden transkribiert und nach inhaltsanalytischen Gesichtspunkten ausgewertet. Folgende Forschungsfragen wurden gestellt:

  • Wie sieht der Alltag der Mütter mit minderjährigen Kindern nach einer stationären oder tagesklinischen Behandlung aus und wie wird dieser bewältigt?
  • Lassen sich diesbezüglich Veränderungen über den Zeitraum von einem halben Jahr hinweg feststellen?
  • Wie bewerten die Mütter die Nachsorge?
  • Wie schätzen die involvierten Fachkräfte den Unterstützungsbedarf der Mütter zur Alltagsbewältigung ein? Wie gehen sie vor?
  • Welche Unterstützung erhalten die Mütter aus dem familiären und ausserfamilären Umfeld?
  • Welchen Einfluss hat die Mutterschaft auf die Bewältigung des Alltags?

Im Kapitel sieben folgen die Ergebnisse aus den Befragungen der Mütter, die Verläufe werden charakterisiert und anhand von vier Verläufen und zwei kontrastierenden Fallbeispielen veranschaulicht.

Als kurzes Fazit lässt sich folgendes sagen: Wenn sich die Mütter proaktiv für Veränderungen einsetzten in ihrer Positionierung als Frau und Mutter im sozialen Umfeld, in der Beziehung zu ihren Kindern und in ihrer persönlichen Entwicklung, erfolgte zunehmend eine Entlastung ihres Alltages und der Druck wurde kleiner. Versuchten die Mütter dagegen beispielsweise die Kinder (und sich) zu schonen mit Aussprachen, erhöhte sich der Druck auf die Anpassungsleistung der Mütter: Jetzt mussten sie endlich eine gute Mutter sein, um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. So baten sie auch weniger um Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld. Durch den erhöhten Druck sowie der grossen Unsicherheit ob ohne Suchtmittelkonsum psychische Entlastung möglich ist, erhöht sich stetig ihre Labilität. Es wurde für diese Mütter zunehmend schwieriger ihre Gesundheitsbalance aufrecht zu erhalten.

Im Kapitel 8 werden die Interviews von vier nachbetreuenden Personen zusammengefasst. In den Experten- und Expertinneninterviews zeigte sich, dass die in der Nachsorge besprochenen Themen sich mehr oder weniger deckten mit den drei zentralen Herausforderungen der Mütter: Positionierung als Frau und Mutter im sozialen Umfeld, in der Beziehung zu ihren Kindern und in ihrer persönlichen Entwicklung und Veränderung.

Im neunten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst und Empfehlungen für die Praxis formuliert. Ein wichtiger Punkt ist, dass sich vor allem die professionellen Helfer und Helferinnen im stationären Setting der drei zentralen Herausforderungen der Mütter bewusst sind und vermehrt die Mütter bereits in der Klinik auf diese künftigen Herausforderungen vorbereiten sollten. Der vermehrte Einbezug des sozialen Umfeldes wäre dazu ein weiteres, wichtiges Anliegen.

Diskussion

Die Verfasser haben eine systemische Analyse aus der biologischen, psychologischen und sozialen Perspektive durchgeführt. Durch diese Differenziertheit ist es möglich die Situation von alkoholkranken Müttern mit Kindern gut darzulegen und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben nachvollziehbar darzustellen. Vor allem im Alltagsleben nach Austritt aus der Klinik rächt sich eine mangelhafte Vorbereitung auf die Themen wie beispielsweise Muttersein oder soziale Unterstützung.

Die Studie erfüllt ihren Anspruch: Die Fachleute in der Klinik werden auf die wichtigen Themen bei alkoholkranken Müttern mit Kindern hingewiesen. Zusätzlich erhalten sie wertvolle Hinweise wie sie den Müttern behilflich sein können, möglichst viel Druck im nachstätionären Alltag abzubauen.

Die Autoren halten sich zurück bezüglich Tipps, wie die Behandlung von alkoholkranken Müttern noch niederschwelliger gestaltet werden könnte. Denkbar wäre beispielsweise, dass, wie in einigen Drogeninstitutionen, die nichtschulpflichtigen Kinder mit der Mutter in die Behandlung kommen können.

Fazit

Eine lesenswerte und interessante Studie, welche die Herausforderungen im Alltag von alkoholabhängigen Müttern mit Kindern plastisch schildert. Darüber hinaus gibt sich wichtige Hinweise für die Fachleute, die im stationären Setting arbeiten.

Als theoretischer Bezugsrahmen dient die Gesundheitsbalance von Hurrelmann und Bründel. 15 Mütter wurden kurz vor ihrer stationären oder halbstationären Entlassung zu den Herausforderungen befragt. 14 Mütter konnten katamnestisch ein halbes Jahr nach Austritt ein zweites Mal befragt werden. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Zusätzlich wurden vier Fachleute aus der Nachsorge, welche die Mütter betreuten, befragt.

Die Studie identifiziert zentrale Herausforderungen, vor denen die Frauen stehen: Die Positionierung als Frau und Mutter im sozialen Umfeld, in der Beziehung zu ihren Kindern und in ihrer persönlichen Entwicklung und Veränderung.

Vor allem die Fachleute im stationären Setting sollten sich der drei zentralen Herausforderungen der Mütter bewusst sein und vermehrt die Mütter schon in der Klinik auf diese vorbereiten. Neben der Thematisierung der drei Herausforderungen sollte ein vermehrter Einbezug des sozialen Umfeldes schon in der Klinik stattfinden. Ein frühzeitiger Einbezug der Kinder, Angehörigen, Arbeitgeber, Nachsorger etc. wäre fachlich angezeigt.

Das Buch gibt wichtige Denkanstösse. Es ist sowohl Studierenden wie auch Praktikern zur Lektüre empfohlen.


Rezensent
Prof. lic. phil. Urs Gerber
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Zitiervorschlag
Urs Gerber. Rezension vom 08.09.2017 zu: Silvia Gavez, Samuel Keller, Trudi Beck: Zurück in den Alltag - Mütter nach Behandlung ihrer Alkoholabhängigkeit. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-86388-728-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23061.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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