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Evi Debora Schwienbacher (Hrsg.): Auf dem Weg zur sprachsensiblen Schule

Cover Evi Debora Schwienbacher (Hrsg.): Auf dem Weg zur sprachsensiblen Schule. Das Mehrsprachencurriculum Südtirol. Carl Link (Kronach) 2017. 101 Seiten. ISBN 978-3-556-07227-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Das Buch stellt Beispiele für den Sprachunterricht in Südtirol vor, beruhend auf dem Beschluss der Landesregierung zur Förderung der Mehrsprachigkeit. Sein Ziel ist nicht eine „wissenschaftliche Abhandlung“ zum Thema, sondern „den Schulen ein Instrument anzubieten, um sämtliche sprachdidaktischen Initiativen, Projekte und Aktivitäten im Rahmen eines einheitlichen, organischen und allumfassenden Gesamtkonzeptes zu planen und durchzuführen“ (S. 2).

Aufbau und Inhalt

Der Einleitung folgen kurze Darstellungen zur Mehrsprachigkeit als „Notwendigkeit“, speziell im europäischen Kontext (Kap. 1) und zur „Mehrsprachigkeit in Südtirol“ (Kap. 2).

Kap. 3 schildert die Entstehungsgeschichte des „Mehrsprachencurriculums Südtirol“. Dessen Grundsätze sind der „Mehrwert der Mehrsprachigkeit“ und die Anwendung in den verschiedenen Schulfächern. Die Autor_innen haben die Aufteilung sprachlicher Kompetenzen des Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (CEFR, deutsch GERS, www.coe.int/) in rezeptive, produktive und interaktive Fähigkeiten aufgegeben und gehen von einem einheitlichen Konzept der Sprachhandlung bestimmter Personen in bestimmten Kontexten aus. Sie übernehmen aus dem CEFR aber die Begriffe „savoir“ (konkretisiert zu „Wissen um Mehrsprachigkeit“), savoir faire (konkretisiert zu „Umgang mit Mehrsprachigkeit“), „savoir être“ (konkretisiert zu „Wahrnehmung und Bewältigung sprachlicher Vielfalt“) und „savoir apprendre“ (konkretisiert zu „Sprachlern- und Transferstrategien“); vgl. dazu Kapitel 5 des GERS auf www.goethe.de/ bzw. http://archive.ecml.at).

Für die Unterrichtsplanung werden ein einfaches Planungsraster, ein Beschreibungsraster für den Handlungskontext und Indikatoren/Deskriptoren für die Bewertung der Schülerleistungen vorgestellt.

Kapitel 4 als Hauptteil des Buchs enthält acht „Lerneinheiten“ mit „mittleren“ und „höheren“ Anforderungen an die Schüler_innen, welche an verschiedenen Schulen in Südtirol durchgeführt wurden („Falsche Freunde“, „Das Reisebüro“, „Freundschaft – eine Herausforderung“ und „Radicalisation“ für Deutsch, Italienisch und Englisch; „Mit mathematischem Blick“ für Deutsch und Italienisch; „Mauern – aufbauen, abbrechen, überwinden“ für Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch und Russisch; „Rotkäppchen – Ein Märchen, viele Geschichten“ für Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch, Chinesisch, Finnisch, Portugiesisch und Bretonisch, sowie „Stadt als Multikulti-Traum“ für Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch). Alle Lerneinheiten werden inhaltlich, nach zeitlichem Rahmen (dieser reicht von vier Stunden bis zu einem Semester), Zielgruppe und den vorgestellten Rastern (unter Verwendung der Deskriptoren beschrieben). Die Unterrichtsaktivitäten werden mittels erwünschter Sprachhandlungen bzw. -funktionen, sowie methodisch-didaktischer Hinweise konkretisiert und verwendete Materialien aufgeführt, sowie ein Kommentar zum Ergebnis abgegeben.

Dazu kommen noch ein „Sprachencafé“ mit sehr einfachen Anregungen zu einer größeren Anzahl von Sprachen und aus diesem ausgegliederte einzelne „Sprachtische“ als freies Angebot.

Kapitel 5 gibt einen Ausblick auf die Entwicklung des Mehrsprachencurriculums, hauptsächlich in Form von Vorschlägen für bewertungsfähige Aufgabenstellungen anhand von drei weiteren Vorschlägen für Unterrichtseinheiten (zu Englisch, Deutsch/Italienisch und Spanisch). Es folgen Überlegungen zur noch ausstehenden Einführung des Curriculums an allen Schulen Südtirols.

Nach einem sehr kurzen Glossar werden die im Curriculum angestrebten Kompetenzen für Grund-, Mittel- und Oberstufen aufgelistet. Literaturangaben finden sich in den Kapiteln 1,2 und 5.

Zum Internetangebot des Buchs: Der Verlag Wolters Kluver betreibt die Webseite www.SchulVerwaltung.de (Eigenbeschreibung: „Deutschlands größtes Beratungs- und Wissensportal für Schulleitungen“). Das Buch enthält einen allgemeinen Freischaltcode, mit dem man zusätzliche Arbeitsmaterialien zu einigen der im Buch beschriebenen Unterrichtskonzepte x als pdf herunterladen kann (4.1.2, 4.1.4 bis 4.1.7, sowie 4.2.1). Unter einem Siegel im Buch ist ein weiterer Freischaltcode zu finden, mit dessen Hilfe man das „Premiumangebot“ des Verlags 4 Wochen lang gratis testen kann (Angebot u.a.: „Online-Zugriff auf über 30 Werke zu allen Themen, die Sie für die Schulleitung benötigen“).

Die gleichen bzw. weitere Materialien werden – ohne irgendwelchen Zugangsaufwand – auf www.bildung.suedtirol.it angeboten, „Neue Lerneinheiten“ unter www.bildung.suedtirol.it/).

Diskussion

Der zentrale Teil des Buchs, nämlich Beispiele und Anregungen (ca. 50 von insgesamt ca. 100 Seiten), sind informativ und anregend, wenn auch nicht immer alle Materialien zugänglich gemacht wurden.

Problematisch sehe ich, dass in keinem der Beispiele und auch nicht in den Kompetenzbeschreibungen ein kritischer Umgang mit dem Begriff „Kultur“ angestrebt wird bzw. auch nur erwähnt ist. Ohne solche Reflexionen (Wie wird der Kulturbegriff bei uns verwendet? Welchen Umfang von Zuständen, Handlungsweisen oder Haltungen beschreibt „Kultur“? Ist sie in einem Land regional oder sozial einheitlich? Was kann „Kultur“ für ein Individuum alles bedeuten?) könnten angestrebte Kompetenzen wie „Die/Der Lernende stellt die Eigenheiten der eigenen Kultur anschaulich dar.“ bzw. „Die/Der Lernende gibt eine detaillierte Beschreibung. von Merkmalen eines kulturellen Umfelds.“ (S. 75) in die Gefahr der Wiedergabe von Stereotypen geraten, welche das Curriculum ja zu vermeiden versucht (S. 59). Eine ähnliche Problematik ergibt sich bezüglich sozial-kommunikativer Kompetenzen, etwa wenn gefordert wird: „Die/Der Lernende gibt eine detaillierte Beschreibung von Aussehen und Charakteristika einer Person, einer Personengruppe.“ (S. 75).

Mir fehlen auch praktische linguistische bzw. metasprachliche Hinweise oder Beispiele (außer der allgemeinen Frage: „Wie kannst Du etwas herausfinden?“), mit welchen Methoden verwandte oder einander ferne Sprachen verglichen bzw. einzelne sprach- bzw. kulturbezogene Informationen aus Texten gewonnen werden können. Dies gilt insbesondere, wenn eine angestrebte Kompetenz so beschrieben wird: „Die/Der Lernende erkennt sprachliche Interferenzen, Unterschiede in Syntax, Grammatik und kann sie erklären.“ (S 59)

Eine Warnung, die den Umgang mit Indikatoren und Deskriptoren im Allgemeinen betrifft: Die Verpflichtung, für alles und jedes einen Deskriptor zu finden und diese noch nach Kompetenzniveaus abzustufen, führt manchmal zu überfordernden Formulierungen wie „Die/Der Lernende findet beim Übersetzen das treffendste Wort“ oder „Die/Der Lernende formuliert die Zusammenfassung adressatenbezogen und ansprechend.“ (S. 58). Unhinterfragte Beurteilungen wie „ansprechend“ können eine grammatische oder stilistische Beckmesserei begünstigen. Fragwürdig sind auch Deskriptoren, welche den Lehrer_innen komplexe ethisch-sozialkommunikative Beurteilungen abverlangen: „Die/Der Lernende zeigt in der Begegnung mit anderen Sprachen und Kulturen eine offene Haltung.“ (S. 75)

Es wäre daher angebracht, dass das Curriculum selbst die Aufforderung an die Lehrenden enthält, die Indikatoren bzw. Deskriptoren und die in ihnen verwendeten Begriff mit den Schüler_innen altersgerecht zu reflektieren.

Ein Kennzeichen der verwendeten Deskriptoren ist auch, dass sie Ausdrücke wie „Lust“ oder „Freude“ vermeiden: Man könnte schließlich auch mit einem geringen Vokabular und wenigen Grammatikkenntnissen „lustvoll“ kommunizieren und sich dabei weitere Kompetenzen in einer Sprache aneignen.

Bezüglich Materialien fehlt mir der Hinweis darauf, dass die EU eine ganze Reihe von Texten verschiedener Schwierigkeit in allen EU-Sprachen anbietet, die eine gute kostenlose Quelle verschiedenster Aktivitäten sein können.

Die in den Lerneinheitenbeschreibungen verwendete Differenzierung zwischen „Sprachhandlung“ und „Sprachfunktion“ ist verwirrend und unklar. Sie könnte auch als Beispiel für „falsche Freunde“ herhalten: Im Deutschen wird „Sprachfunktion“ eher allgemein verwendet (vgl. „appellativ“ oder „referentiell“), während „language function“ im Englischen eher als konkrete, auf einen ganz bestimmten Zweck (z.B. Information erfragen, um Hilfe bitten) Aktivität beschrieben wird, was im Deutschen eher als „Sprachhandlung“ oder „Sprechakt“ beschrieben wird (dem im Englischen wiederum sowohl „language act“ als auch „speech act“ entspricht). So viel zum Glauben an die eindeutige Bedeutung abstrakter Begriffe.

Ein vollständiges Curriculum findet sich im gesamten Buch nicht; die Übersicht am Ende des Buchs enthält nur die angestrebten Kompetenzen, aber keine Inhalte, Methoden oder konkrete Angaben zum Zeitumfang.

Die in den Anleitungen zum Sprachcafé enthaltenen Vorschläge lassen sich in der angegebenen Zeit (20-30 Minuten) nicht umsetzen; z.B. die Einführung in die arabische Schrift ist für Laien unbrauchbar.

Die Inanspruchnahme des Internetangebots von Wolters Kluver aus Österreich (und wahrscheinlich auch aus der Schweiz) scheitert daran, dass die verwendete Software offensichtlich nur deutsche Telefonnummern akzeptiert.

Fazit

Das Buch erfüllt seinen Hauptzweck, Anregungen und Beispiele für Unterricht im Interesse von Mehrsprachigkeit vorzustellen. Daher ist es für in diesem Bereich tätige Personen empfehlenswert, wenn sie sich nicht ein vollständig ausgearbeitetes Curriculum erwarten.

Summary

The central task of this book is to spread information on the developing Multilinguality Curriculum in South Tyrol (Italy). It offers descriptors and indicators for multilingual activities and a lot of examples with mostly sufficient additional materials. The curriculum itself presented in the volume is not complete but contains only competencies and goals to achieve. Up to now, the curriculum lacks reflections on the central notion of “culture” as well as on the multilingual goals and the respective evaluation procedures which should be performed together with the students. The book s useful as a source of examples and a trilingual province‘s efforts to further multilinguality.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 06.10.2017 zu: Evi Debora Schwienbacher (Hrsg.): Auf dem Weg zur sprachsensiblen Schule. Das Mehrsprachencurriculum Südtirol. Carl Link (Kronach) 2017. ISBN 978-3-556-07227-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23062.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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