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Peter Schlögl, Michaela Stock u.a. (Hrsg.): Berufsbildung, eine Renaissance?

Cover Peter Schlögl, Michaela Stock, Daniela Moser, Kurt Schmid, Franz Gramlinger (Hrsg.): Berufsbildung, eine Renaissance? Motor für Innovation, Beschäftigung, Teilhabe, Aufstieg, Wohlstand,. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 351 Seiten. ISBN 978-3-7639-5763-7. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegende Sammelband vereint in Form eines Tagungsbandes zentrale Beiträge einer Berufsbildungsforschungskonferenz, die 2016 in Österreich stattgefunden hat. Die Aufsätze bilden zentrale Themen der Berufsbildungsforschung ab.

Herausgebende

Der Sammelband wird von einer Autor_innengruppe herausgegeben. Peter Schlögl, Michaela Stock, Daniela Moser, Kurt Schmid und Franz Gramlinger bilden das Herausgebendenteam. Das Editorial macht deutlich, dass sie gleichzeitig die Konferenz maßgeblich mitgestaltet haben.

Aufbau

Der Sammelband untergliedert sich in acht Kapitel mit jeweils zwei bis vier Aufsätzen, diese Kapitel und die damit verbundenen Aufsätze werden folgenden vorgestellt. Vorangehend findet sich ein Editorial der Herausgeber, das die einzelnen Kapitel erläutert und in die Struktur des Bandes einführt (S. 9 bis 17).

1. Tiefenstrukturen sichtbar machen.

  • Karin Büchter führt in ihrem Beitrag Allgemeinbildung und Berufsbildung – übergreifende Widersprüche historisch betrachtetin drei zentrale Widersprüche der tertiären Bildung ein. Sie diskutiert erstens den Widerspruch einer Bildung für alle als Menschenrecht und sozialer Portionierung, den Widerspruch von Allseitigkeit von Bildung und Halbbildung sowie den Widerspruch von allgemeiner Nützlichkeit von Bildung und Ökonomisierung als Widersprüche, die die Struktur des tertiären Sektors maßgeblich mitbestimmen und die Diskurslinien des Feldes prägen.
  • Philip Gonon zeichnet im zweiten Beitrag dieses ersten Kapitels die Entwicklung der beruflichen Bildung und Modernisierungsschübe dieser am Beispiel der Schweiz nach.
  • Abschließend stellt Michael Thoma in einer Kurzzusammenfassung die Ergebnisse einer diskursanalytisch inspirierten Studie vor, in deren Rahmen die österreichischen BWL-Bücher auf ihre vermittelten Weltbilder untersucht wurden.

2. Curriculum und Outcome.

  • Der Beitrag von Stephanie Conein & Henrik Schwarz präsentiert den Untersuchungsaufbau und die Ergebnisse einer Studie zu den Modernisierungsbedarfen von vier dualen IT-Berufen, die durch das BiBB durchgeführt wurde.
  • Julia Bock-Schappelwein & Ulrike Huemer vom WIFO stellen die Ergebnisse einer Studie vor, in der die ausbildungsbedingten Risiken in den Blick genommen wurden, die eine nicht adäquate Verwendung von Arbeitskräften begünstigen. Sie können geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen: Frauen sind in sehr viel höherem Maß von formaler Überqualifikation betroffen.
  • Doris Landauer diskutiert in ihrem Beitrag Bildungsarmut und ihre Folgen für individuelle Lebensverläufe. Sie nutzt empirische Daten aus Österreich, um immense Folgekosten aufzuzeigen, und geht gleichzeitig auf Desiderate in diesem Forschungsbereich ein.
  • Das Konzept der „Entrepreneurship Education“ als Innovationskraft der Berufsbildung wird von dem Autor_innenkollektiv Halbfas et al. aus unterschiedlichen Perspektiven und durchaus kontrovers in den Blick genommen.

3. Lehren und Lernen in der beruflichen Bildung.

  • Clemens Frötschl stellt die Ergebnisse einer Studie zu der Einführung integrierter Unternehmenssoftware in den Berufsschulunterricht vor. Die empirischen Ergebnisse deuten auf ein erhöhtes Verständnis organisationaler Zusammenhänge bei Auszubildenden hin, wenn solche Systeme zum Einsatz gelangen.
  • Krumpholz et al. gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, wie Leistungsselbstkonzepte sich auf die Leistung von Schüler_innen im Fach Rechnungswesen auswirken – Grundlage sind empirische Daten mittlerer und höherer berufsbildender Schulen in Österreich.
  • Benner et al. diskutieren in ihrem Beitrag die Frage, ob vor dem Hintergrund des Inklusionsdiskurses und den damit verbundenen antizipierten Inklusionspotentialen beruflicher Bildung ein neuer Bildungsbegriff notwendig wird.

4. Genderaspekte der Berufs- und Bildungswahl.

  • Marlene Lentner stellt in ihrem Beitrag die Ergebnisse einer Untersuchung zu Berufswahlprozessen junger Frauen und genderspezifischen Phänomenen vor, die sie im Rückgriff auf Bourdieu diskutiert.
  • Ursachen und Folgen von genderspezifischen Unterschieden bei der Schulwahl werden im Rückgriff auf Daten von PISA 2012 in einem Beitrag von Salchegger et al. diskutiert. Dabei wird insbesondere in den Blick genommen, wie Mädchen mit Spitzenleistungen in Mathematik stärker gefördert werden könnten.
  • Das Autor_innenkollektiv um Bergmann et al. diskutiert den Zusammenhang von Berufsbildung und Arbeitsmarkt unter gleichstellungspolitischen Aspekten. Dabei problematisieren sie den Diskurs um Industrie 4.0 und damit verbundene Tendenzen, die bestehende Arbeitsmarktsegmentation eher zu stabilisieren und loten Möglichkeiten zu einer gendersensiblen Steuerung aus.

5. Betriebliches Ausbildungsverhalten.

  • Peter Schlögl & Martin Mayerl stellen in ihrem Beitrag neue Ergebnisse einer Kosten-Nutzen-Analyse der Ausbildung für Betriebe vor, die sich auf Österreich bezieht. Sie stellen diese Ergebnisse Befunden aus anderen deutschsprachigen Ländern gegenüber.
  • Duale Ausbildung als Strategie der Fachkräftesicherung durch Betriebe wird im Beitrag von Jansen et al. vorgestellt. Auf der Basis erster empirischer Ergebnisse wird die Motivation und Organisation von Betrieben im internationalen Vergleich durch Betriebsfallstudien vorgestellt.

6. Betriebliche und schulische Ausbildungsqualität.

  • Patrick Richter zeichnet in seinem Beitrag die Ergebnisse einer Untersuchung nach, die sich mit Übergangsprozessen Auszubildender an der zweiten Schwelle und deren Zufriedenheit nach dem Ausbildungsabschluss beschäftigt. Als Datenbasis dient eine standardisierte Erhebung mit knapp 1700 Schüler_innen an zehn Berliner Berufsschulen zu zwei Messzeitpunkten.
  • Auszubildende als Indikator für Ausbildungsqualität nimmt Norbert Lachmayr in seinem Aufsatz in den Blick. Er beschreibt die Ergebnisse des ersten österrreichischen Lehrlingsmonitors.
  • Cornelia Wagner & Jana Rückmann stellen in ihrem Beitrag die Verbreitung von QM-Strukturen im deutschen Berufsschulwesen vor, die sie im Zeitraum von 2009 bis 2015 prozessbegleitend untersucht haben. Sie stellen einen Anstieg von Schulentwicklungsprojekten fest, arbeiten jedoch gleichzeitig heraus, dass diese Maßnahmen von den Akteur_innen vor Ort häufig als fremd induziert begriffen werden.

7. Verhältnis beruflicher und hochschulischer Bildung.

  • Im Artikel von Kim-Maureen Wiesner geht es auf der Basis der Daten einer BiBB-Studie um die Frage, wie es um die Attraktivität der deutschen Berufsbildung für Studierende in Deutschland bestellt ist. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass ein positives Image der dualen Ausbildung einer Wahrnehmung der Angebote beruflicher Bildung als unattraktiv gegenübersteht.
  • Das Autor_innenkollektiv um Berger et al. stellt Ergebnisse aus drei Forschungsprojekten vor, die sich mit Übergängen im tertiären Sektor beschäftigt haben. Dabei werden Tendenzen der Systembildung und Phänomene in den Blick genommen, die in vermeintlich sehr unterschiedlichen Feldern der tertiären Bildung rekonstruierbar werden.
  • Linda Vieback et al. nehmen die Rolle von Hochschulen als Anbieter von Weiterbildung in den Blick und diskutieren die dabei entstehenden Kontroversen. Dabei geraten insbesondere Fachkräfte der sogenannten Schlüsseltechnologien und deren Wissensbestände in den Blick – ihre Bedarfe werden im Beitrag anhand der Entwicklung eines Pilotstudiengangs und dessen Evaluation dargestellt.

8. Internationale Analysen.

  • Im Beitrag von Korinna Lindinger & Winfried Moser geht es um die Entwicklung einer Typologie, die den Vergleich von Transitionsstrukturen nach frühem Schulabgang in west- und osteuropäischen Staaten ermöglichen soll.
  • Ute Hippach-Schneider zeigt auf, wie die internationalen quantitativen Daten zur Organisation der tertiären Bildung durch qualitative Analysen ergänzt werden können, um Fehlinterpretationen zu vermeiden und folglich eine datenbasierte Steuerung des tertiären Sektors zu unterstützen.
  • Eine politikanalytische Perspektive bietet der Beitrag von Antje Barabasch & Stefanie Petrick. Sie zeigen die berufsbildungspolitische Entwicklung Südkoreas und gehen auf die regionalen und globalen Hintergründe ein, die diese Entwicklung begünstigt haben.

Diskussion

Der vorliegende Sammelband vereinigt als Tagungsdokumentation typischerweise ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Beiträge, die von dezidiert grundlagentheoretischen Auseinandersetzungen bis zu spezialisierten Fachdiskussionen in der Berufsbildungsforschung reichen. Dabei ist schade, dass auf die Heranziehung von Gastbeiträgen verzichtet wurde, die die einzelnen Kapitel und damit das Profil des Bandes hätten konturieren können. So weist der zu Recht prominent platzierte Aufsatz von Karin Büchter in eine Richtung kritischer Auseinandersetzung mit der Organisation von Bildung im tertiären Sektor, an die nur begrenzt angeschlossen wird – die jedoch eine spannende Perspektive bietet. Die Kapitel vier, sieben und acht weisen in diese Richtung, stehen aber relativ unverbunden neben dem Beitrag von Büchter.

Kapitel vier schließt an den Beitrag von Büchter an, da es unter der Überschrift „Genderaspekte der Berufs- und Bildungswahl“, vertreten durch die Autor_innen Lentner, Salchegger et al. und Bergmann et al. unterschiedliche Perspektiven auf Bildungsungleichheit in der Beruflichen Bildung beleuchtet. In eine ähnliche Richtung zielt auch der Beitrag von Benner et al., der sich in Kapitel drei findet und unter einer bildungstheoretischen Perspektive den Inklusionsdiskurs in der beruflichen Bildung betrachtet. Kapitel sieben nimmt den Zusammenhang von beruflicher und hochschulischer Bildung in den Blick – unter dem Eindruck des einführenden Beitrags von Büchter lesen sich die Beiträge des Kapitels sieben, vertreten durch die Autor_innen Wiesner, Berger et al. und Vieback et al. unter einer kritischeren Perspektive. Zu einer weiteren Differenzierung der Zukunft beruflicher Bildung leisten insbesondere die Beiträge im Kapitel acht „Internationale Analysen“, vertreten durch die Autor_innen Lindinger & Moser, Hippach-Schneider sowie Barabasch & Petrick einen wichtigen Beitrag. Insbesondere die internationalen Perspektiven zeigen, wie sehr der Primat individueller Verantwortung der Arbeitsnehmenden als Movens von spezifischen gewachsenen nationalstaatlichen Arbeitsmarktsstrukturen geprägt ist – was gerade im Hinblick auf den Inklusionsdiskurs bedeutsam scheint.

Mit Hilfe eines abschließenden zusammenführenden Beitrags durch die Herausgebenden wäre es möglich gewesen, diese Erkenntnisse stärker zu bündeln und den Diskurs um die Rolle beruflicher Bildung im tertiären Sektor durch eine kritische Perspektive anzureichern. Generell scheint die Berufsbildungsforschung nur begrenzt durch kritische Perspektiven gekennzeichnet und es ist bedauerlich, dass die Konferenzbeiträge in diesem Buch, die in diese Richtung zielen, nicht konturierter sichtbar werden.

Durch die konferenztypische Gemengelage der Beiträge und deren Aufstellung im Band entsteht ein Eindruck thematischer Breite, der eine Diskursanreicherung nur begrenzt zulässt – möglicherweise aber für regionale Herausforderungen beruflicher Bildung, insbesondere in Österreich, anregend ist. Insgesamt kann diese breite Ausrichtung der Konferenzdokumentation ebenso als Stärke begriffen werden: der Band wird damit lesenswert für eine große Gruppe von an der Berufsbildungsforschung interessierten Personen.

Fazit

Der vorliegende Band versammelt als Tagungsdokumentation der 5. Österreichischen Konferenz zu Berufsbildung zentrale Konferenzbeiträge in Aufsatzform. Dabei wird ein breites Spektrum an Themen der Berufsbildungsforschung präsentiert, das in insgesamt acht Kapitel untergliedert ist, der Band umfasst 350 Seiten. Die übersichtliche Gliederung des Bandes ermöglicht, sich über die Ausrichtung der einzelnen Artikel schnell einen Überblick zu verschaffen. Kurze Abstracts zu Beginn der Beiträge lassen es zu, die Inhalte schnell zu erfassen. In den Blick geraten sowohl grundlegende Auseinandersetzungen mit der Organisation tertiärer Bildung als auch spezialisierte Diskurse zur Organisation beruflicher Bildung sowie internationale Perspektiven. Viele Beiträge zeigen explizit österreichische sowie Perspektiven deutschsprachiger Länder auf.

Die Diversität der Beiträge macht den Band für unterschiedliche Gruppen lesenswert, macht es jedoch gleichzeitig schwierig, die sehr lesenswerten kritischen Beiträge in ihrer Bedeutsamkeit zu würdigen. Interessant ist die Lektüre sowohl für in der Berufsbildungsforschung Tätige als auch interessierte Praktiker_innen, die in Konzeptionierung und Politikgestaltung tätig sind.


Rezensentin
Nina Erdmann
Doktorandin im Hans-Böckler-Promotionskolleg „Bildung als Landschaft“
Homepage www.bildungslandschafterforschen.de
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Zitiervorschlag
Nina Erdmann. Rezension vom 10.10.2017 zu: Peter Schlögl, Michaela Stock, Daniela Moser, Kurt Schmid, Franz Gramlinger (Hrsg.): Berufsbildung, eine Renaissance? Motor für Innovation, Beschäftigung, Teilhabe, Aufstieg, Wohlstand,. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-5763-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23063.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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