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Annekatrin Meißner: Kooperative Bildungs­verantwortung als Weg aus der Armut

Cover Annekatrin Meißner: Kooperative Bildungsverantwortung als Weg aus der Armut. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 375 Seiten. ISBN 978-3-658-14922-2. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Ist Bildung ein möglicher Weg aus der Armut? Gibt es neben Eltern und Staat noch andere, die dafür verantwortlich sein könnten? Ist es das alleinige Ziel eines Unternehmens, Gewinne anzuhäufen oder haben diese daneben auch andere Aufgaben gegenüber der Gesellschaft? Kann und sollte Bildung eine dieser Aufgaben eines Unternehmens sein? Und falls ja, wie und unter welchen Voraussetzungen könnte eine solche Aufgabe ganz praktisch übernommen werden?

Diesen Fragen geht Annekatrin Meißner in ihrem Buch „Kooperative Bildungsverantwortung als Weg aus der Armut“ nach. Die zentrale These des Buches lautet, dass Unternehmen nicht nur eine sekundäre Verantwortung für Verwirklichungschancen auf Bildung zukommt, sondern dass diese auch praktisch realisierbar ist, wobei eine ganzheitliche Bildung als entscheidender Weg aus der Armut verstanden wird. Theoretisch stützt Frau Meißner ihre These durch eine detaillierte sozialphilosophische Argumentation, die praktische Verwirklichbarkeit wird anhand einer Fallstudie aus Brasilien aufgezeigt, welche die Zusammenarbeit von Unternehmen mit einer Stiftung in einer Social-Franchise-Kooperation untersucht.

Autorin

Frau Dr. Annekatrin Meißner ist Diplom Kulturwirtin und besitzt Auslandserfahrung, vor allem mit Lateinamerika. Seit 2012 ist sie Lehrbeauftragte an der Professur für Philosophie der Universität Passau, ihre Forschungsschwerpunkte sind Weltarmut, globale Gerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit und Wirtschaftsethik.

Aufbau und Inhalt

Inhaltlich lässt sich im Buch, das die Doktorarbeit von Frau Meißner darstellt, eine klare Zweiteilung erkennen. Nach der Einleitung (Kapitel 1), die einen Überblick über Aufbau und Zielsetzung gibt, wird im ersten Teil (Kapitel 2 bis 5) die Zentralthese theoretisch hergeleitet und untermauert. Im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) wird anhand einer Fallstudie in Brasilien dargestellt, wie eine solche sekundäre Bildungsverantwortung von Unternehmen konkret aussehen kann und eine Integration der empirischen Daten mit den theoretischen Überlegungen durchgeführt. Ein abschließendes Fazitkapitel (Kapitel 8) rundet das Werk ab. Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis lässt sich bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehen.

Der Weg aus der Armut, in dem sich trotz wirtschaftlicher Entwicklung und immer höherer Effizienz sehr viele Menschen befinden, geht für Annekatrin Meißner über eine ganzheitliche Bildung. Diese liegt zwar in erster Linie in der Verantwortlichkeit der Eltern und des Staates, aber wenn diese Instanzen die ihnen zukommende Funktion nicht übernehmen können, stehen durchaus auch die Unternehmen in einer, wenn auch sekundären Bildungsverantwortung.

Um diesen Gedankengang begründen zu können, greift die Autorin in Kapitel 2 auf Amartya Sens entwicklungs- und wirtschaftsethische Konzeption des Menschen zurück. Aus dem Gedankengut Sens verwendet die Autorin zwei Grundideen, zum einen Sens Verwirklichungsansatz, nach welchem Entwicklung eine Erweiterung realer Freiheiten bedeutet, wobei Freiheit hier auf die Chancen abhebt, die jemand hat um ein Leben zu führen, das ihm aus guten Gründen erstrebenswert erscheint. Zum zweiten zieht sie Sens wirtschaftsethisches Konzept heran, welches Ethik als Grundlage wirtschaftlichen Handels betrachtet und das sich gegen die Profitmaximierung als einzigem Wirtschaftsprinzip richtet.

In Kapitel 3 wird auf dieser Grundlage nun der Frage nach Bildung als Verwirklichungschance nachgegangen, wobei hier vor allem auch der Zusammenhang zwischen Bildung und Armut analysiert wird. Eine Diskussion des Bildungsverständnisses führt die Autorin zu dem Schluss, dass eine Bildung, die sich auf die Aneignung einiger Grundkenntnisse bezieht nicht ausreichend ist. Stattdessen plädiert sie, Martha Nussbaum folgend, für eine ganzheitliche Bildung, welche neben Grundkenntnissen auch Aspekte der Persönlichkeits- und politischen Bildung umfasst. Ausgehend von diesem Bildungsverständnis und unter Einbezug der Erkenntnis, dass Armut gerade über den Mangel an angemessener Bildung vererbt wird, führt die Autorin aus, inwiefern eine ganzheitliche Bildung eine Durchbrechung dieses Teufelskreises bedeuten kann.

Wer ist nun aber für eine ganzheitliche Bildung verantwortlich? Und ist es tatsächlich möglich, Unternehmen eine Bildungsverantwortung zuzuschreiben? Um darauf eine Antwort zu finden untersucht die Autorin in Kapitel 4 zunächst den Verantwortlichkeitsbegriff, wobei vor allem die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, oft als Corporate Social Responsability (CSR) bezeichnet, direkt auf unternehmerische Verantwortung Bezug nimmt. Die Argumentation der Autorin geht dahin, dass zwar Eltern und Staat die Primärverantwortung für Bildung besitzen, dass aber bei Entschuldigungsgründen, die auf Armut bzw. fehlenden Finanzmitteln vor allem multinationalen Unternehmen durchaus eine sekundäre, auf positiven Pflichten basierende Bildungsverantwortung zukommt. Das Zentralargument für die sekundäre Bildungsverantwortung liegt in einer Mitverantwortung der Unternehmen für die Entschuldigungsgründe der Erstverantwortlichen, d.h. der Armut bzw. fehlender Finanzmittel.

Von dieser Position ausgehend stellt sich nun die Frage, wie Unternehmen diese Bildungsverantwortung übernehmen können. Hier schlägt die Autorin das Social Franchising als eine mögliche und interessante Form kooperativer Bildungsübernahme vor. Diese eher neue Form der Zusammenarbeit wird in Kapitel 5 näher dargestellt und es werden die Potenziale, Grenzen und Erfolgsfaktoren herausgearbeitet.

Dass es sich bei der Forderung nach einer von Unternehmen getragenen Bildungsverantwortung nicht um graue Theorie handelt, verdeutlicht die Autorin anhand einer von ihr durchgeführten Fallstudie in Brasilien. Diese bezieht sich auf die Stiftung Pescar (auf Deutsch: Fischen), welche in Zusammenarbeit mit Unternehmen Jugendlichen aus einem benachteiligten sozialen Kontext eine Basisausbildung ermöglicht, welche im jeweiligen Unternehmen durchgeführt wird und parallel zur regulären Schulausbildung verläuft. Kapitel 6 stellt den brasilianischen Hintergrund und vor allem die problematische Schulbildung dar und analysiert die Funktionsweise, das Potenzial und die Grenzen dieses konkreten Projekts, und zwar sowohl aus Sicht der Jugendlichen als auch der beteiligten Unternehmen.

Die abschließenden Kapitel 7 und 8 beziehen die empirischen Daten auf die zuvor herausgearbeiteten theoretischen Aspekte und stellen ein Fazit der vorliegenden Untersuchung vor.

Diskussion

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine bemerkenswerte Studie, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst einmal beeindruckt die kühne These, dass Unternehmen eine positive Pflicht zu einer (sekundären) Bildungsverantwortung zukommt. Dass diese Idee nicht aus der Luft geholt ist, zeigt die Autorin in einer umfassenden, aufwändigen Argumentation, in der Ideen und Positionen der Sozialphilosophie und der Wirtschaftsethik dargestellt und diskutiert werden.

Ein zweiter Aspekt, der Beachtung verdient, ist die interdisziplinäre Anlage der Studie. Wenn auch eine klar philosophische Linie die Arbeit bestimmt, so werden doch auch die Wirtschaftswissenschaften, die Soziologie und, in Grenzen, die Erziehungswissenschaften berücksichtigt.

Schließlich ist die empirische Studie in Brasilien besonders positiv zu vermerken, welche dem Buch Bedeutung gibt, denn an einem konkreten Beispiel können die Chancen, Grenzen und die Bedingungen für eine Bildungsverantwortung von Unternehmen aufgezeigt werden. Dieses konkrete Beispiel gibt der Autorin auch die Chance, eine der Hauptkritiken an Sozialprojekten von Unternehmen zu diskutieren. Während solchen Projekten oft eine „Feigenblattfunktion“ zukommt, kann die Autorin über den Begriff einer verdienten Reputation aufzeigen, wann eine CSR-Maßnahme eher Marketinginteressen entspringt und wann es sich um ein ethisch begründetes Engagement des Unternehmens handelt.

Was die empirische Studie in Brasilien angeht, so zeigt die Autorin, dass sie mit den Landesverhältnissen recht gut vertraut ist. Vor diesem Hintergrund hätte man sich vielleicht noch etwas mehr Berücksichtigung des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire gewünscht, dessen Vorstellung von Bildung recht gut zu einem ganzheitlichen Bildungskonzept, gerade bei ärmeren Bevölkerungsschichten, passen würde. Doch da die Arbeit im Bereich der Philosophie und der Wirtschaftswissenschaften angelegt ist, hätte eine stärker erziehungswissenschaftlich orientierte Diskussion wohl den Rahmen des Buches gesprengt.

Fazit

Das von Annekatrin Meißner verfasste Buch „Kooperative Bildungsverantwortung als Weg aus der Armut“ vertritt die These, dass Unternehmen nicht nur eine sekundäre Verantwortung für Verwirklichungschancen auf Bildung zukommt, sondern dass diese auch praktisch realisierbar ist, wobei Verwirklichungschancen auf eine ganzheitliche Bildung als entscheidender Weg aus der Armut verstanden werden. Diese These wird durch eine solide und detaillierte sozialphilosophische und wirtschaftsethische Argumentation gestützt. Dass dies nicht nur theoretisch gefordert werden kann, sondern durchaus auch praktisch umsetzbar ist, z.B. über eine Social Franchising Zusammenarbeit eines Unternehmens mit einer Stiftung, zeigt die Autorin anhand einer Feldstudie in Brasilien auf. Die Bedeutung dieses Buchs liegt zum einen in der gründlichen, theoretischen Fundierung, vor allem aber in der Verbindung von philosophischen und wirtschaftswissenschaftlichen Reflexionen mit einer empirischen Studie. Dadurch kommt die Autorin zu interessanten, differenzierten Schlussfolgerungen, die eine Bereicherung der Diskussion zur sozialen Funktion von Unternehmen darstellen.


Rezensent
Prof. Dr. Johannes Doll
Professor für Allgemeine Didaktik an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universidade Federal do Rio Grande do Sul, Porto Alegre, Brasilien
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Zitiervorschlag
Johannes Doll. Rezension vom 10.04.2018 zu: Annekatrin Meißner: Kooperative Bildungsverantwortung als Weg aus der Armut. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14922-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23065.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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