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Stefanie Wenzel, Heidi Bierwirth: Theaterarbeit mit Förderschülern

Cover Stefanie Wenzel, Heidi Bierwirth: Theaterarbeit mit Förderschülern. Praxisleitfaden zum Darstellenden Spiel im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Persen Verlag (Hamburg) 2017. 72 Seiten. ISBN 978-3-403-20035-2. D: 25,95 EUR, A: 25,95 EUR, CH: 28,50 sFr.

Sonderpädagogische Förderung Bergedorfer Unterrichtsideen.
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Thema

Das DIN-A4-Arbeitsbuch ist ein praxisnaher Leitfaden zur Theaterarbeit in der Sonderpädagogik mit Blick auf die Herausforderungen für pädagogische Lehrkräfte im Bereich der geistigen Förderung von Schülern mit den unterschiedlichsten individuellen Möglichkeiten. Zwischen den Texten der Autorinnen kommen in kurzen Sätzen auch die Teilnehmenden der Theater-AGs zu Wort mit Sätzen, wie: „Das Beste war, dass ich ein Bär war und dass ich nach Panama gezogen bin (…)“ (Anna, 20 Jahre, S. 9)

Autorinnen

Die Autorinnen Stefanie Wenzel und Heidi Bierwirth sind seit 1995 Förderschullehrerinnen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung und in der Schulleitung, Beratung und/oder Fortbildung für Darstellendes Spiel im genannten Bereich tätig.

Entstehungshintergrund

In 18 Jahren gemeinsamer Leitung einer Theater-AG an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung entstanden zahlreiche Theaterstücke und umfangreiches methodisch-didaktisches Material, das in diesem Arbeitsbuch erstmalig zusammengeführt wird. Das Heft ist nach Aussage der Autorinnen ausdrücklich keine theoretisch fundierte Arbeit mit wissenschaftlich abgesicherten Begrifflichkeiten, sondern ein Leitfaden für die Praxis, der insbesondere im Umgang mit den ausgeprägt heterogenen Gruppen der Förderschüler mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen ein methodisch offenes und didaktisch variables Angebot für die praktische Umsetzung darstellt.

Aufbau

Neben dem Vorwort zum Hintergrund der Publikation gliedert sich das Buch in zwei große Themenbereiche.

Der erste Teil ist mit „Grundsätzliche Überlegungen“ überschrieben und behandelt in sieben Kapiteln die Themen:

  1. Bildungsbegriff und Menschenbild,
  2. Kompetenzerwerb: Was kann man beim Theaterspielen lernen?,
  3. Die Bedeutung von Sprache und körperlichem Ausdruck,
  4. Chorisches Arbeiten als Ausdrucks- und Gestaltungsprinzip,
  5. Voraussetzungen: Wer kann Theater spielen?,
  6. Rahmenbedingungen: Was wird benötigt? und
  7. im 7. Kapitel die Rolle der Spielleitung.

Der zweite Teil ist mit „Neun Schritte von der Gruppenfindung zur Aufführung“ überschrieben und erläutert nach einer kurzen Vorbemerkung die einzelnen Schritte von der Gruppenfindung über die Erarbeitung der Geschichte und ihrer Figuren, zur Rollenbesprechung und -verteilung bis hin zur Probenarbeit und Aufführung. Am Ende des Buches findet sich ein umfangreiches Literaturverzeichnis zur besprochenen Thematik sowie eine kurze Liste zu den literarischen Vorlagen der erwähnten Theaterstücke.

Zu Teil I: Grundsätzliche Vorüberlegungen

1. Bildungsbegriff und Menschenbild. Diesem Kapitel vorangestellt ist die Frage, warum ausgerechnet das Theaterspielen mit Schülern mit geistiger Behinderung einen zentralen Stellenwert im Förderbereich haben sollte, wo es im klassischen Sinne um Texte berühmter Dramatiker, um Bühnenpräsenz und Ausdruckskraft geht. Die Erfahrungen der Autorinnen bestätigen den Gedanken aus der Großen Didaktik von Johann Comenius, niemanden vom Lernen auszuschließen, sondern „alle alles ganz zu lehren“ (omnes omnia omnino excoli, S. 6). Bildung unter Einbeziehung ihrer ästhetisch expressiven Dimensionen wird hier nicht im Sinne von Allgemeinbildung verstanden, sondern als Schlüssel zum Verständnis von Welt. Diesen Schlüssel können alle Menschen ohne Ansehen ihrer Herkunft oder ihrer geistig-körperlichen Ausstattung in die Hand bekommen und durch kompetente Unterstützung bedienen lernen; damit sie ihre ureigene Wirklichkeit kennenlernen und andere daran teilhaben lassen.

2. Kompetenzerwerb – Was kann man beim Theaterspielen lernen? Theaterspielen ist ein Prozess, in dem das Wesentliche zwischen Schüler, Stück und Lehrenden passiert (S. 8). Dabei unterscheiden die Autorinnen den Lernprozess wie in diesen Zusammenhängen üblich in die Ausbildung von:

  • Selbstkompetenz: Ich bin wichtig! Ich schaffe das! Ich bin es wert! Ich weiß, was ich kann! Ich mache es selbst! (S. 9)
  • Sozialkompetenz: Ich darf mal anders sein! Ich achte auf die anderen!
  • Fachkompetenz: Ich werde verstanden! (kommunikative Fähigkeiten), Ich bekomme mit, was passiert! (Wahrnehmung und Konzentration), Ich kann etwas darstellen! (Motorik und Körperausdruck), Ich weiß, was passiert! (Merkfähigkeit) usw.

3. Bedeutung von Sprache und körperlichem Ausdruck. Theater lebt von der Vielfalt der menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die im hier angesprochenen Kontext der geistigen Beeinträchtigungen in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt sein kann (Artikulation, kurze Merkspannen, Sprachentwicklungsstörungen wie Dysgrammatismus etc.). Die Autorinnen fördern durch Körperarbeit die nichtsprachlichen Ausdrucksmittel wie Gestik, Mimik oder setzen Kommunikationstafeln mit Piktogrammen oder elektronische Sprachausgabegeräte ein, wobei insbesondere beim Einsatz technischer Hilfsmittel darauf geachtet werden sollte, dass der Spielfluss gewährleistet bleibt. Die Erfahrungen der Autorinnen zeigen, dass der Einsatz von Lautsprache in Kombination mit körperlichem Ausdruck und visuell starken Choreografien in der Theaterarbeit mit Förderschülern zentral ist.

4. Chorisches Arbeiten als Ausdrucks- und Gestaltungsmittel. Wie in jedem theaterpädagogischen Prozess mit Gruppen muss mit den unterschiedlichsten methodischen Fragestellungen umgegangen werden, die mit geistig Beeinträchtigten in all ihrer Unterschiedlichkeit eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Zum Beispiel:

  • Wie halten wir möglichst viele Darsteller beschäftigt?
  • Wie können Schwächere mit Stärkeren zusammen agieren?
  • Wie kann dies choreografisch einfach und ästhetisch ansprechend umgesetzt werden?

Ein bewährtes Mittel ist das chorische Sprechen bzw. chorische Zusammenspiel im Allgemeinen, wo durch Anpassung an die Möglichkeiten der anderen das Gruppengefühl ganz besonders gestärkt wird und neue, noch unsichere Teilnehmer sich im Schutz der Gruppe langsam an größere Aufgaben wagen können. Das chorische Prinzip lässt sich sowohl durch Körperübungen, wie gemeinsames Laufen und Stehenbleiben üben, als auch durch synchrones Sprechen, wobei die Herausforderung ist, Inhalt, Tempo, Rhythmus, Lautstärke, Betonung in Einklang zu bringen. (Anmerkung Rezensentin: interessanterweise wurde das chorische Prinzip durch einen stark sprechbehinderten professionellen Theatermann, Einar Schleef, zum künstlerischen Prinzip entwickelt und fand wegen seiner pädagogischen Möglichkeiten Eingang in die Theaterpädagogik.)

5. Voraussetzungen – Wer kann Theater spielen? Nach Erfahrung der Autorinnen geht in den Schulen vom Theaterspiel eine große Faszination aus, da hier andere Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse gefragt sind und die Schüler andere Facetten von sich zeigen können als in den anderen Unterrichtsfächern. Theaterspielen und das kindliche Spiel sind eng miteinander verbunden, wobei die Autorinnen betonen, dass das kindliche Spiel keineswegs, wie oft betont, zweckfrei ist, da sich das Kind im Spiel ausprobiert, neue Erfahrungen sammelt, Erlebnisse re-inszeniert, um sie zu begreifen. Neben diesen kognitiven Lernmöglichkeiten entwickelt das Kind im spielerischen Tun Freude an der Bewegung und am körperlichen Ausdruck. Den Förderbereich mit geistig eingeschränkten Kindern und Jugendlichen verbinden die wenigstens mit der komplexen Kunst des Theaters, dennoch ist es möglich. Die Autorinnen Stefanie Wenzel und Heide Bierwirth grenzen ihr Theaterverständnis bewusst vom sogenannten Basalen Theater ab, da dort rein über die verschiedenen Sinne das Teilhaben an einer kleinen Geschichte ermöglicht wird und ein künstlerisches Produkt mit öffentlicher Vorführung nicht im Vordergrund steht. Die Autorinnen möchten ihren überaus gemischten Gruppen darüber hinausgehen, beziehen schwerst-mehrfachbehinderte Schüler jedoch nur aktiv ein, wenn sie den Eindruck haben, dass diese die Teilnahme genießen können. Die Gruppenzusammensetzung der Theater-AG setzt sich jedes Schuljahr in der Regel aus 12 Schülern der Grund-, Mittel- und Hauptstufe oder der Haupt- und Berufsorientierungsstufe mit teils hohen Altersunterschieden zusammen. Die Auswahl der Schüler für maximal drei Jahre geschieht zusammen mit den jeweiligen Klassenlehrern, mit denen sowohl die Voraussetzungen der Schüler als auch die Lernziele besprochen werden. Wenzel und Bierwirth haben im Laufe ihrer praktischen Arbeit erkannt, dass es gerade die Heterogenität der Gruppe ist, die eine Theaterarbeit erfolgreich macht.

6. Rahmenbedingungen – Was wird benötigt? Da die Theaterarbeit Räume, Ressourcen und besonders gegen Ende eines Schuljahres vor allem Zeit bindet, ist ein solcher Aufwand ohne die Wertschätzung von Seiten des Kollegiums und der Schulleitung nicht möglich. Die wöchentlichen Stunden der Theater-AG müssen zeitlich, räumlich und personell in die allgemeine Stundenplanung mit aufgenommen werden und beginnen zwei Wochen nach dem Schulbeginn, um die Gruppenzusammensetzung sorgfältig mit dem Kollegium zu besprechen. Die Erstellung eines circa 20 – maximal 40minütigen Stückes wird innerhalb eines Schuljahres erstellt. Für die Proben wird die unter psychomotorischen Aspekten gestaltete Turnhalle genutzt, wo bei den Aufführungen das Publikum auf die dort vorhandene Schräge platziert wird. Wegen der hohen Akzeptanz der Theaterarbeit an den jeweiligen Schulen konnte sukzessive ein umfangreicher Fundus aus den Schulbudgets angelegt werden.

7. Die Rolle der Spielleitung. Neben einer pädagogischen Ausbildung im Förderbereich, kreativen und auch künstlerisch handwerklichen Fähigkeiten ist Einfühlungsvermögen, Flexibilität, Theaterbegeisterung und das Interesse an jedem einzelnen Teilnehmer unabdingbare Voraussetzung für die Leitung einer Theater-AG im Förderschulbereich. Wie in jedem theaterpädagogischen Prozess geht es um Verantwortung: Verantwortung für die Rahmenbedingungen, für die Herstellung einer wertschätzenden Atmosphäre, für die Teilnehmer, für die szenischen Geschichten, für das Publikum und für den gesamten Ablauf vom Aufbau der Gruppe über die Probenphasen bis hin zur öffentlichen Aufführung. Die Spielleitung muss sich (natürlich) an den Stärken und Begabungen der Teilnehmer orientieren und darf sich nicht von deren Defiziten leiten lassen. Die Texte entstehen durch Improvisation, Merkhilfen werden auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen durch Requisiten, Licht, Musik oder Piktogramme verankert. Die Fallstricke des gesamten Prozesses sind zum Beispiel Überforderung durch zu hohe künstlerische Ansprüche und eine Form der Grenzüberschreitung, die als Gratwanderung zwischen Darstellen und Bloßstellen beschrieben wird (S. 34).

Zu Teil II

Ab Seite 35 werden die neun Schritte von der Gruppenfindung bis zur Aufführung mit beispielhaften Übungen beschrieben, die sich im Laufe der Praxisjahre bei den Autorinnen herausgebildet haben:

  1. Freiwilligkeit – sich einlassen
  2. Gruppenfindung
  3. Verpflichtung für ein Schuljahr über eine Art Schauspielervertrag
  4. Entwicklung der Geschichte
  5. Erarbeitung der Geschichte und ihrer Figuren
  6. Rollenbesprechung
  7. Rollenwünsche und Rollenbesetzung
  8. Probenarbeit
  9. Aufführung

Insbesondere die entsprechenden Übungen zu den einzelnen, aus der Theaterpädagogik bekannten Phasen sind in diesem Zusammenhang für entsprechend pädagogisch Geschulte weiterführend, um die Teilnehmer zu begeistern, im Prozess zu halten und ihre Stärken zu fördern. Besonders die Reaktion der Spieler auf die Aufführungssituation ist immer wieder unkalkulierbar und verlangt aufmerksames Einfühlungsvermögen sowie die eingangs erwähnte zugewandte Flexibilität.

Am Ende der Publikation haben die Autorinnen ein umfangreiches Literaturverzeichnis angefügt, wie z.B. „Mit Down-Syndrom auf die Bühne“ von Irene Bazinger, Handreichungen vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales oder „Ungleichheit, Teilhabe, Exklusion“ von Andreas Kuhn von 2015 sowie eine Liste der erwähnten literarischen Vorlagen.

Diskussion

Auch wenn viele Erkenntnisse und Beispiele in diesem Handbuch überwiegend identisch mit den allgemeinen Prämissen und Herausforderungen der Theaterpädagogik mit Amateurgruppen sind, weisen die praxisnahen Hinweise deutlich auf den langjährigen beruflichen Erfahrungshintergrund der Autorinnen hin und geben dadurch einen verständlichen Einblick in die pädagogischen Möglichkeiten dieser besonderen Ausdruckswelt. Dies gelingt den Autorinnen auf gut nachvollziehbare, sympathische Weise.

Fazit

Die künstlerischen und pädagogischen Möglichkeiten der Theaterkunst werden in diesem Praxishandbuch auf den Bereich der Förderschulen erweitert und geben damit allen an Theater interessierten Förderpädagogen ein gut erprobtes und gründlich reflektiertes Repertoire für die praktische Theaterarbeit mit geistig beeinträchtigten Schülern vom Kind bis zum jungen Erwachsenen in die Hand. „Ich habe gelernt: aufpassen, warten, bis ich dran bin, deutlich sprechen, nicht winken. – Immer aufpassen war schwer. Vor der Aufführung habe ich nicht gut geschlafen. Die Leute haben geklatscht. Das war schön.“ (eine Teilnehmerin, 20 Jahre, S. 69)


Rezensentin
Prof. Bettina Brandi
Theaterwissenschaftlerin mit Zusatzqualifikation Medienpädagogik, Lehrgebiet Theater- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur von 1994 - 2013
Homepage web.hs-merseburg.de/~brandi/
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Zitiervorschlag
Bettina Brandi. Rezension vom 17.01.2018 zu: Stefanie Wenzel, Heidi Bierwirth: Theaterarbeit mit Förderschülern. Praxisleitfaden zum Darstellenden Spiel im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Persen Verlag (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-403-20035-2. Sonderpädagogische Förderung Bergedorfer Unterrichtsideen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23066.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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