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Daniel Pauw: Beziehungs­gestaltung im interkulturellen Coaching

Cover Daniel Pauw: Beziehungsgestaltung im interkulturellen Coaching. Eine erste empirische Annäherung. Springer (Berlin) 2017. 92 Seiten. ISBN 978-3-658-14964-2. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Thema

Wie prägt die unterschiedliche kulturelle Herkunft der Klienten die Coach-Klienten-Beziehung und den Coaching-Prozess? Welche Faktoren sind besonders wichtig für die Beziehungsgestaltung und welche Handlungsempfehlungen für den Coach lassen sich daraus für den Umgang mit Diversität ableiten? In seiner mit dem Erdinger Coaching-Preis ausgezeichneten Masterarbeit untersucht Daniel Pauw empirisch die Frage, wie Coaches bei kultureller Diversität tragfähige Arbeitsbeziehungen gestalten können, und verknüpft seine Ergebnisse mit dem gegenwärtigen Stand der Kommunikations- und Therapieforschung.

Autor

Daniel Pauw ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialorganik der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter und nebenberuflich als systemischer Berater und Coach tätig.

Aufbau und Inhalt

Daniel Pauw hat es sich mit seiner Masterarbeit zur Aufgabe gemacht, den aktuellen Forschungsstand zusammenzufassen und den Einfluss von Interkulturalität auf die Coaching-Beziehung anhand semi-strukturierter Experteninterviews empirisch zu untersuchen. Der Aufbau des Buches folgt dem üblichen Schema für Forschungsarbeiten:

  1. Einführung
  2. Stand der gegenwärtigen Theorie und Forschung
  3. Methodisches Vorgehen und Forschungsdesign
  4. Präsentation der Untersuchungsergebnisse
  5. Diskussion der Ergebnisse, Kritik und Relevanz für die Praxis

Die erkenntnisleitende Frage der Arbeit lautet „Wie beeinflusst Interkulturalität das Erleben und die Gestaltung der Arbeitsbeziehung aus der Perspektive von Coaches aus unterschiedlichen Ländern?“.

Pauw führte halbstrukturiere, qualitative Experteninterviews mit zehn Coaches, die aus acht Ländern kommen und in neun verschiedenen Ländern operieren, wobei Ursprungs- und Arbeitsland in vier Fällen übereinstimmen. Alle Coaches, mit einer Ausnahme, haben mindestens sechs Monate im Ausland gelebt, interkulturelle Erfahrungen gesammelt und sind ICF-zertifiziert. Die Auswertung folgt den Prinzipien der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.

Für die Systematisierung und Beschreibung der Ergebnisse erarbeitete der Autor ein Kategoriensystem mit vier Oberkategorien und insgesamt 15 Unterkategorien:

  1. Grundannahmen des Coaches
  2. Anbahnung der Arbeitsbeziehung
  3. Die Arbeitsbeziehung
  4. Coaching-Ausbildung

Für alle Unterkategorien zitiert der Autor kulturell bedeutsame Passagen aus den Interviews.

So berichten die Coaches beispielsweise nicht nur über kulturelle, sondern auch über Unterschiede zwischen Mann und Frau, verschiedenen Funktionen und Bildungshintergründen. Bei allen Coaches spiegelt sich eine Haltung von Offenheit, Transparenz und Wohlwollen dem Klienten gegenüber wider. Kultur ebenso wie die Präsenz von Coaching in der Kultur des Klienten, bestimmen unter anderem, wie schnell und direkt sie zum Punkt kommen können: bei Deutschen und Franzosen geht das schneller und direkter als beispielsweise in arabischen oder asiatischen Ländern, wo auch mehr Ratschläge erwartet werden.

In einigen Kategorien werden keine oder kaum kulturelle Unterschiede festgestellt. Ist die Beziehung einmal aufgebaut, sind Unterschiede kaum mehr sichtbar. Der Weg dahin erfordert viel Sensitivität und Eingehen auf die Person, wobei die Kultur dabei bedeutsam sein kann. Alle Coaches beginnen zunächst mit einer „Chemistry Session“ zum Kennenlernen und um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob eine vertrauensvolle Beziehung möglich ist. Die Coaches investieren auch viel Zeit, um die Erwartungen ihrer Klienten zu verstehen.

Empathie und Flexibilität werden ebenso als Voraussetzung für eine vertrauensvolle Beziehung genannt wie die Authentizität des Coaches. Da Authentizität kulturell unterschiedlich gesehen wird, muss sie unter Umständen erklärt werden. So beschreibt eine Teilnehmerin dem Coachee, wie sie in ihrer Kultur Störungen direkt anspricht und dies auch im Laufe des Coachings tun möchte. Die Thematisierung der Beziehung an sich wird mehrfach als erfolgreiche Intervention genannt.

Die Befragten berichten über unterschiedliche Schwerpunkte in der Coaching-Ausbildung in Deutschland und den USA, wobei in neun der zehn Fälle interkulturelle Theorien und Modelle nicht Gegenstand der Coaching-Ausbildung waren.

In der Diskussion stellt Pauw stellt vier Faktoren der interkulturellen Beziehungsgestaltung als bedeutsam für die Praxis heraus:

  1. Kultur ist nur ein mögliches Unterscheidungskriterium neben, unter anderem, Geschlecht, Funktion, Profession, Organisation oder Persönlichkeitseigenschaften. Der Coach muss den Fokus flexibel halten und erkennen, wann Kultur eine Rolle spielt, um dann kulturelles Wissen einzubringen, ohne jedoch in „sophisticated Stereotyping“ zu verfallen. Vielmehr sind Rogers klientenzentrierte Prinzipien auch und gerade im kulturellen Kontext anzuwenden.
  2. Die Schaffung eines geteilten Bezugsrahmens und die Aushandlung einer gemeinsamen kulturellen Basis zwischen Coach und Coachee sind zentrale Instrumente für die Gestaltung der Arbeitsbeziehung vor dem Hintergrund eines kohäsionsorientierten Verständnisses von Interkulturalität.
  3. Vertrauen ist die wichtigste Zutat zur Arbeitsbeziehung, die neben einem gemeinsamen Kontext auch einen Coach mit Erfahrung und differenziertem Einfühlungsvermögen erfordert. Kulturell bedeutsam ist dabei auch die Zeit, die benötigt wird, um eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, was in Asien beispielsweise bis zu drei Monaten dauern kann.
  4. Ebenso wichtig ist die gemeinsame Reflexion der Arbeitsbeziehung. Diese stellt einen dynamischen Prozess dar, in dem auch Störungen wahrgenommen werden können, die dann adressiert und gemeinsam geklärt werden sollten.

Am Ende steht kein Standardrezept für den Aufbau einer tragfähigen Coaching-Beziehung, da jede einzelne einfühlsam und individuell zu gestalten ist. Vielmehr handelt es sich hier um eine flexible Methode, die den Coach in all seinen Coaching-, aber auch sozialen und persönlichen Kompetenzen fordert.

Das Buch endet mit einer kritischen Methodendiskussion, insbesondere dem Hinweis auf die beschränkte Generalisierbarkeit der Ergebnisse aufgrund der kleinen und homogenen Stichprobe und einem Ausblick für die weitere Forschung. Im Anhang finden wir ein Literaturverzeichnis und den zugrundeliegende Interviewleitfaden.

Diskussion

Pauw gibt mit seiner Forschungsarbeit einen guten Einblick, worauf es im Aufbau einer Coaching-Beziehung ankommt. Im Zentrum steht dabei der einfühlsame Aufbau einer neuen, geteilten Beziehungs- oder Coaching-Kultur. Verdienst der Arbeit ist es, die Beziehungsgestaltung im interkulturellen Coaching auf eine wissenschaftliche und empirische Grundlage zu stellen. Da das Buch neben einer theoretischen Einordnung auch Originalzitate interkulturell arbeitender Coaches aus erster Hand erhält, ist es auch für praktizierende Coaches interessant. Die Schlussfolgerungen weisen auch Übereinstimmungen mit den Erkenntnissen aus der Arbeit mit multikulturellen Teams auf.

Der Autor merkt kritisch an, dass die Ergebnisse der Studie nicht erschöpfend und nur eingeschränkt generalisierbar sind. Sie liefern dennoch wertvolle Denkanstöße für die Praxis und weitere Forschung. Von praktischer Bedeutung sind dabei vor allem Implikationen für die Coaching-Ausbildung und Weiterbildung.

Fazit

Daniel Pauws Arbeit untersucht die kulturellen Einflüsse auf den Aufbau einer Coaching-Beziehung mit wissenschaftlichen Methoden und unter einem praktischen Blickwinkel. Der Leser erfährt durch Hintergrund und Forschungsstand, Originalzitate sowie die Interpretation des Autors, worauf es dabei in der interkulturellen Coaching-Praxis ankommt.

Summary

Daniel Pauw´s work examines the cultural influences on building a coaching relationship with scientific methods and from a practical perspective. The reader learns through theoretical background and state of research, original quotations from the field as well as the author´s conclusions, what matters for the intercultural coaching practice.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 22.11.2017 zu: Daniel Pauw: Beziehungsgestaltung im interkulturellen Coaching. Eine erste empirische Annäherung. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-658-14964-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23068.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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