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David Tobinski: Kognitive Psychologie

Cover David Tobinski: Kognitive Psychologie. Problemlösen, Komplexität und Gedächtnis. Springer (Berlin) 2017. 125 Seiten. ISBN 978-3-662-53947-7. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema

Problemlösen, so scheint es beinahe keines Hinweises zu bedürfen, ist ein universales Ereignis, das durch die Psychologie eine besondere Beachtung erfährt, denn in der kognitiven Psychologie, aus deren Blickwinkel Tobinski das Problemlösen betrachtet, ist der Einblick in die Mechanismen möglich, die zur Lösung angewendet werden. In systemtheoretischer und konstruktivistischer Tradition hat sich zu dem Gegenstand des Problemlösens somit eine elaborierte Darstellung und Systematisierung großer Spannweite von den Phänomenen ergeben, die beim Problemlösen auftreten. Dabei steht, so der Autor im Spiegel der jüngsten Forschungsergebnisse, der Umgang mit der Komplexität von Problemen im Brennpunkt der psychologischen Erkenntnisse. Er legt deswegen eine systematische Einleitung in die dominanten Ansätze der Psychologie vom Problemlösen vor, um den aktuellen Forschungsstand zu resümieren und seine Perspektiven herauszustreichen.

Autor

David A. Tobinski arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen, wo er 2011 zur „Informationsverarbeitung in komplexen Systemen“ promoviert hat.

Entstehungshintergrund

Der Band erscheint in der Reihe „Lehrbuch Psychologie“ im Heidelberger Springer Verlag. Andere Veröffentlichungen der Reihe sind „Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen“ (2011) von Bertsch, Funke und Plessner, „Allgemeine Psychologie“ (2017), herausgegeben von Müsseler und Rieger oder „Kognitive Neurowissenschaften“ (2012) von Karnath und Thier. Die Zielgruppe der Reihe sind laut Verlagsauskunft „in erster Linie Studierende der Psychologie und verwandter kognitionswissenschaftlicher Fächer“.

Aufbau

Das Buch ist durch fünf Teile, davon drei Hauptteile, gegliedert:

  1. Grundlagen und Überblick
  2. Komplexität: einfache und komplexe Probleme
  3. Gedächtnis: Informationsverarbeitung in der kognitiven Architektur
  4. Problemlösen: Problemlösendes Denken als Informationsverarbeitung
  5. Epilog

Die Arbeit ist durch die Schwerpunkte Problemlösen, Komplexität und Gedächtnis strukturiert, doch entwickelt sich insgesamt als eine kontinuierlich expandierende Darstellung des Problemlösens. Der Schwerpunkt liegt dabei im Umfang und der inhaltlichen Tiefe auf dem dritten Thema, also dem Problemlösenden Denken als Informationsverarbeitung.

Inhalt

Im ersten Abschnitt, der sich dem Thema der Komplexität widmet, führt Tobinski in den Gegenstand des Buches ein. Er stellt dabei heraus, dass das Problemlösen zwar ein alltäglicher Umstand sei, die Reflexion über dessen kognitive Grundlagen aber nicht beim Alltag stehen bleiben können. Es bedürfe demnach gemäß der Tradition kognitiver Psychologie „psychologischer Modelle“ (9), die die Klassifikation von Verhalten und dessen Determinanten zulassen. Der etablierte Ansatz zur Klassifikation problemlösenden Verhaltens sei dabei die Untersuchung unterschiedlicher Problemarten, insbesondere die Abgrenzung von „einfachen Problemen“ und „komplexen Problemen“. Um ihre spezifische Differenz zu determinieren, werde in der psychologischen Problemlösungsforschung auf die systemtheoretische Darstellung ihrer Form, z.B. des Problemumfangs anhand seiner Elementzahl (12) zurückgegriffen. Der Kern dieser Überlegungen ist, das Problemlösen durch das System, in dem das Problem mit einem kognitiven System, also der systemtheoretischen Darstellung der Person, zu erklären.

Weil sie in Medien eingebettet seien, welche in Abhängigkeit von der Anzahl der Variablen, der Vernetztheit und ihrer Dynamik determinieren, ob es sich um ein einfaches oder komplexes Problem handelt, wird die Komplexität, als Merkmal der Medien, für den Autor zum Brennpunkt der Klassifikation unterschiedlicher Problemarten. Komplexe Probleme, deren Erforschung vor allem durch Dörner und Funke vorangetrieben worden sei, könnten vor allem dadurch gekennzeichnet werden, dass ihre Struktur in Abhängigkeit zum Zeitverlauf Eigendynamik gewinne, sodass das Lösen dieser Art von Problemen anders als bei einfachen resp. analytischen Problemen keine bloße Reproduktion der Struktur bedeute, sondern eigene Kompetenzen erfordere (22).

Im zweiten Abschnitt versucht Tobinski diese Kompetenzen auf Grundlage des „Paradigmas der Informationsverarbeitung“ (VII) darzustellen. Dieses Paradigma sei seit den 1970er Jahren dank der Veröffentlichungen von Neisser oder auch von Newell und Simon etabliert worden. Es fuße wesentlich auf kybernetischen Überlegungen, die in der Rückkopplung als Selbstreferenz die wesentliche Eigenschaft psychischer Systeme sehen (25). Dies erfolge in der Verarbeitung von Informationen, die dem kognitiven System über seine Umwelt zur Verfügung stünden. Das Problemlösen werde also dadurch verständlich, dass die Eigenschaften und Formen der Information erfasst werden, etwa deren Entropie (27), Redundanz (28), oder algorithmische Verarbeitung (29f). Dabei können die Informationen selbst im Sinne des Pragmatismus von Peirce als Symbole verstanden werden, also Repräsentationen, die bestimmte Schlussfolgerungen, d.h. Informationsverarbeitungen, gestatten.

Der für die kognitive Psychologie maßgebliche Ansatz zur Untersuchung der Informationsverarbeitung seien die kognitiven Architekturen, also algorithmische Simulationen des Verhaltens von Menschen in Situationen problemlösenden Verhaltens. Auf der Grundlage von computationalen Annahmen wie der Turing Maschine werde eine kognitive Architektur als modulares Gefüge verschiedener Funktionseinheiten, etwa mindestens den „Elementarkomponenten Gedächtnis und Prozessor“ (24), konzipiert. Diverse axiomatische Setzungen bestimmen hierbei ein Modell der menschlichen Kognition, beispielsweise das ACT Modell von Anderson (36ff).

Während sich das Kapitel über das Gedächtnis vorwiegend mit Eigenschaften des kognitiven Systems beschäftigt, untersucht der dritte Abschnitt insbesondere seine Umwelt. Dazu führt Tobinski zunächst den Begriff der Situation ein. Im Falle von komplexen Problemen sei die Situation durch Intransparenz (47) und die Möglichkeit unterschiedlicher Ziele (48) ausgezeichnet, sodass für die Problemlösung die „Verringerung von Unsicherheit“ (65) ausschlaggebend werde. Zugleich trete unter diesen Voraussetzungen die Frage in den Vordergrund, inwiefern es dem kognitiven System gelänge, seine Umwelt adäquat zu repräsentieren. Um die verfügbare Sicht des Problemlösers auf seine Lage abzubilden, greife die Psychologie deswegen auf das Konzept des Problemraums zurück, der nicht nur von verfügbaren Informationen, sondern auch von der „Vorstellungskraft des Problemlösers“ (50) abhänge.

Hier entfaltet der Autor eine detaillierte Abgrenzung diverser Informationstypen, die für die Beschreibung des Problemraums ins Verhältnis gesetzt werden, z.B. „semantische Information“ (54). Diese entstehe als Emergenz von bestimmen Formen verfügbaren Codes, der als „biologischer oder kultureller Code“ (57ff) die Bedeutung der Information für das kognitive System determiniere. In einem weiteren Schritt könne auf Grundlage des Problemraums, der die Repräsentation der Systemumwelt beschreibe, zum problemlösenden Denken und Handeln als geplante Manipulation übergegangen werden. Hierfür werde der Problemraum zum Planungsraum weiterentwickelt (71). Die Operationen des kognitiven Systems im Planungsraum seien als Transformationen des Problemraums zu verstehen, welche durch die Aufmerksamkeit als selektiven Prozess aktiviert würden. Wegen der zeitlichen Struktur dieses Vorgangs schlägt Tobinski vor, diesen Transformationen zwischen Ist- und Soll-Zustand als „Episoden“ (75) zu bezeichnen. In ihnen sei maßgeblich, dass „operativ-modulierte Muster“ (97) entstehen, welche die funktionale Information, die im Organismus vorliegt, zu pragmatischer Information prozessiert wird, welche das Handeln ermöglicht.

Diskussion

Auch wenn sich der vorliegende Band vorwiegend mit dem Problemlösen auseinandersetzt, ist der Titel „kognitive Psychologie“ nicht falsch gewählt. Die kognitive Psychologie ist, auch unter dem Namen „Kognitivismus“, eher als das wissenschaftstheoretisch dominante Paradigma der psychologischen Forschung zu betrachten denn als die Psychologie vom Kognitiven. Tobinski stellt diesen Bezug implizit an vielen Stellen heraus, indem er seine maßgeblichen Quellen in diese Tradition einordnet: Die aktuelle Perspektive der kognitiven Forschung basiert größtenteils auf der sog. Computermetapher, nach Newell und Simon (1972) auch als Informationsverarbeitungssytem (IVS) bezeichnet, das „mindestens aus den Elementarkomponenten Gedächtnis und Prozessor besteht“ (24). In diesem Zusammenhang erhellt auch die Wahl des dritten Kernbegriffes der Arbeit: „Da wir in der vorliegenden Arbeit gezielt das bewusste Problemlösen betrachten, ist das Konzept eines AG [Arbeitsgedächtnisses; ANW] für uns der zentrale Ausgangspunkt“ (93).

Es ist deswegen wichtig, die im Lehrbuch vorgetragenen Ergebnisse nicht ohne weiteres auf die Alltagserfahrung zu beziehen, denn „[i]nnerhalb der kognitiven Psychologie erscheint Problemlösen zunächst sehr abstrahiert von einem alltäglich-intuitiven Verständnis“ (2). Für die kognitive Psychologie ist es ausschlaggebend, dass empirische Hypothesen der Überprüfung von Konstrukten dienen, welche nicht etwa den naiven empirischen Eindruck von der Kognition zu überprüfen suchen, sondern Modelle entwerfen, die dezidiert von diesen Erfahrungen unabhängig sind. So wird es klar, weswegen der Autor in seinem erkenntnistheoretischen Ansatz auf die Symbolverarbeitung und den Konnektionismus zurückgreift – es geht mehr um die Modellierung kognitiver Architekturen denn um die Erklärung des phänomenalen Eindrucks, der vom Denken gegeben ist.

Inhaltlich bedeutet dies, dass der Begriff der Kognition sich „nicht erst [auf] die Erkenntnis, sondern […] auf die Prozesse, die den Menschen zur Erkenntnis führen“ (33) bezieht. Das Arbeitsgedächtnis als Ausgangspunkt zielt dementsprechend auf ein Modell ab, dessen Mechanismen erklären können, unter welchen Bedingungen es zu dem Verhalten von Versuchspersonen kommt, die Probleme lösen. Die kognitivistische Pointe der Arbeit ist also das Gedächtnis als „Schnittstelle der beiden Themen Komplexität und Problemlösen“ (VII).

Mit diesem Ansatz der kognitiven Psychologie ist der Ausgangspunkt der Arbeit allerdings noch nicht ausreichend umrissen, denn während die empirische Forschung in den letzten 50 Jahren vornehmlich kognitivistischer Psychologie oftmals rein neo-positivistisch die bloße Akkumulation von experimentellen Untersuchungen bedeuten mag, bekennt sich der Autor zu einigen weiteren Konzepten bzw. Denkschulen. Hierzu zählen vor allem die Theorie der Informationsverarbeitung, der Konstruktivismus, die Systemtheorie und der Pragmatismus. Den wichtigsten Einfluss auf den Aufbau und den Inhalt der Arbeit haben dabei die beiden erstgenannten Ansätze.

Mit Dörner „Problemlösen als Informationsverarbeitung“ (26) zu betrachten, bedeutet, dass Informationsspeicherung und Informationsauswertung (33) zu den wichtigsten Mechanismen des kognitiven Systems werden. Die Rezeptivität der Wahrnehmung ist also bereits auf Information verwiesen, denn Tobinski geht davon aus, „dass sich außerhalb des Individuums Information befindet“ (75). In den nachgeordneten Prozessen der Kognition wird die Transformation und Aggregation dieser Umweltinformation vorgenommen, die als Symbolverarbeitung, dem „Rückgrat aller Informationsverarbeitungssysteme“ (29), zu verstehen ist. Dementsprechend bezieht sich die repräsentative Leistung der Wahrnehmung auf den „potenzielle[n] Informationsgehalt einer realen Situation“ (47) – eine Überlegung, die dazu führt, dass ohne die Möglichkeit der Markierung einer Differenz keine Information gegeben ist: ohne eine Abgrenzung ist nichts für die Kognition verfügbar.

Hierin besteht folglich das konzeptionelle Bindeglied zum Konstruktivismus: „unsere Sicht auf die Information folgt nicht dem nachrichtentechnischen Ansatz, sondern orientiert sich am konstruktivistischen Verständnis von Information“ (114). In anderen Worten: Die Frage ist, ob das System der Situation, also das kognitive System und seine Umwelt, die sich als ein Problem innerhalb eines Mediums darstellt, vollständig durch Informationen bestimmt ist. Wo Tobinski sagt, dass die Umwelt „zunächst in Form von ‚Elementarereignissen‘ aufgenommen“ (57) wird, kann unter diesen Ereignissen im obigen, radikal konstruktivistischen Sinne also bereits eine Information verstanden werden – dann bedarf es keines realistischen Umweltbegriffs –, oder es ist mit dem Elementarereignis ein originär empirisches Element, also eine Erfahrung von etwas, das selbst keine Information ist, gemeint – dann handelt es sich um einen indirekten Realismus, der ein repräsentatives Verhältnis zwischen den Inhalten des kognitiven Systems und dessen direkt unzugänglichen Umwelt annimmt.

Dieser Unterschied mag zunächst nebensächlich erscheinen, wenn das pragmatische Interesse an den Problemen in den Vordergrund tritt – was auch der Grund sein mag, weswegen der Autor zwischen radikalem und gemäßigtem Konstruktivismus changiert –, doch letztlich spielt diese Frage eine entscheidende Rolle. Von ihr hängt es ab, ob dem kognitiven System in einer problematischen Situation eine Tatsache begegnen kann, die, wie etwa ein Aufforderungscharakter bei Lewin, ein Problem aufdrängt. Andernfalls, und das scheint der Position des Autors zu entsprechen, ist es möglich, „Problem zu konstruieren“ (11) und „Das Problem kann nun als passiver Sender von Signalen aufgefasst werden“ (15). Diese Gedanken entsprechen auch seiner systemtheoretischen Position zum Organismus: „Das biologische Gehirn stellt mit seiner neuronalen Struktur ein parallelvernetztes System dar“ (33).

Letztlich, und das ist für die Beantwortung dieser Grundsatzfrage über die Realität von Problemen wichtig, bleibt der Text uneindeutig, denn einerseits erwähnt er die Möglichkeit „natürlicher Probleme“ (16) und andererseits diejenige, „Realität zu erzeugen“ (57). Diese Ambivalenz gilt insbesondere auch von seinem Begriff der Situation, den er als „Zeichen-Situation“ einführt: „Eine Situation ist bestimmt durch eine aktuelle Realität außerhalb des Individuums und der Historizität des Organismus“ (75). Was ausbleibt, ist eine Festlegung auf den Ursprung der Inhalte der mentalen Repräsentationen: Sind sie gemäß dem Internalismus konstruiert, also durch lokale Eigenschaften des informationsverarbeitenden Systems determiniert, z.B. durch die neuronale Struktur des Gehirns; oder bezieht der Autor eine externalistische Position, nach der das System einen Bezug zur Welt konstitutiv voraussetzt, der nicht konstruiert werden kann.

Unabhängig davon, ob sich Tobinski auf einen radikalen oder gemäßigten Konstruktivismus einlässt, ist jedoch festzuhalten, dass viele seiner Annahmen über problemlösendes Verhalten den Konstruktivismus im Allgemeinen widerspiegeln. Dies ist ihm, unabhängig von allen inhaltlichen Fragen, zunächst zu Gute zu halten, weil er sich klar zu seiner Position bekennt und sie mit wissenschaftstheoretischer Akribie skizziert. Eine für die Phänomenologie des Problemlösens maßgebliche Konsequenz dieser Position ist, dass die Bedeutung von Informationen als abgeleitet verstanden wird. Den Mechanismus, der dafür erwägt wird, ist die Emergenz, die durch Code ermöglicht wird: „Es entsteht eine Bedeutung, die immer von einem Code abhängig ist“ (54). Die Bedeutung der erlebten Situationen wird also nicht ursprünglich erfahren, sondern zugeschrieben oder generiert („Eine Bedeutung erlangt diese [die Störung; ANW] erst durch die Konstruktion des Empfängers“, 53). Es sollte allerdings nicht verkannt werden, dass sich der Autor über die Problematik dieser Darstellung bewusst ist – doch er reißt das entscheidende Verhältnis von „Information und Bedeutung“ (114) auf den letzten beiden Seiten lediglich noch einmal an.

Tobinskis Position zum Problemlösen ist klar aus der einschlägigen Literatur der kognitiven Psychologie hergeleitet und zeigt eine Stoßrichtung der Weiterentwicklung auf. Seine zentrale These ist, dass komplexes Problemlösen im Anschluss ans Pask als eine „Verringerung von Unsicherheit“ (65) verstanden werden kann. Deswegen ergibt sich, dass unter den Eigenschaften, die dem komplexen Problem in der kognitionspsychologischen Denktradition zugeschrieben worden sind, Intransparenz „[d]er für uns wesentlichste Punkt eines Problems ist“ (104). Es handelt sich dabei nicht nur um eine Priorisierung, sondern um den Ansatz einer Fortentwicklung des Problembegriffs: „Das Konstrukt ersetzt daher den traditionellen Begriff der Barriere“ (ebd.).

Es sollte aber klar gesehen werden, dass der Autor mit diesem Ansatz in der Tradition einer funktionalistischen Minimalbeschreibung des Problems steht, die schon im Begriff der Barriere enthalten war. Er schreibt: „Ein Problem ist für uns eine Barriere. Diese wäre somit ein Bereich [sic!] in dem noch keine weitere Unterscheidung getroffen worden ist außer der, dass diese Barriere im Bereich des ‚Nichtwissens‘ liegt. Das Problem besteht insofern an der Grenze des Wissens und es entsteht Wissen, sobald das Problem gelöst worden ist“ (71). Hier zeigt sich einerseits, wie die Intransparenz als Wesen der Barriere verstanden wird, andererseits aber auch, dass dieses Erklärungsmodell vollständig von der Denktradition der Informationsverarbeitung abhängig ist („Unschärfe bzw. Unsicherheit ist fehlender Information gleichzusetzen“, 86).

Was dabei vernachlässigt wird, ist der Bezug zum sog. „natürlichen Problem“, in dem meist eher motivationale Relevanzen dafür ausschlaggebend sind, ob etwas problematisch ist, denn ein Verhältnis des Wissens. Diese Aspekte werden vom Autor nicht vernachlässigt, sondern unterschätzt, weil er den rationalen Operationen einen Vorrang einräumt: „Problemlösen bewegt sich somit immer zwischen dem Vorwissen eines Organismus und seinem unmittelbaren VI-Verhalten [Versuch und Irrtum] in der aktuellen Umgebung. Diese Prozesse vollziehen sich mittels der Aufmerksamkeit“ (82).

Diese Perspektive auf das Problemlösen kann allerdings bereits auf sein Verständnis des Problems zurückgeführt werden, in seiner Auseinandersetzung mit klassischen Ansätzen der Psychologie hebt er hervor, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Problemen und Aufgaben gibt: „Die Aufgabe erfordert ein rein reproduktives Denken, während beim Problemlösen scheinbar etwas Neues geschaffen werden muss“ (7). Problemlösen bedeutet also, dass die Lösung das Problem in eine bloße Aufgabe transformiert (vgl. 81); und weiter: „So teilt die Aufgabe mit dem Problem die gegebene Situation (Ist-Zustand) und die gewünschte Situation (Soll-Zustand), die Barriere ist allerdings in der Aufgabe nicht vorhanden“ (7). Die Grundlage dieses Gedankens ist die funktionalistische Minimaldefinition des Problems von Newell und Simon, dass ein Problem die Vermittlung eines Ausgangs- mit einem Zielzustand ist, die durch Barrieren erschwert ist.

Die Auseinandersetzung mit diesem Ansatz führt zum wesentlichen Kritikpunkt am vorgetragenen Verständnis des Problems. Für Tobinski scheint die Bedeutung des Problems vornehmlich vom kognitiven System auszugehen, während das Problem selbst nur „passiver Sender von Signalen“ ist: „Erst das kognitive System verändert die passiven Elemente des Problems in aktive Elemente, indem es diese zu einer Lösung hin bewegt“ (15). Erst hier wird klar, weswegen die Verwendung des Begriffes der Aufgabe dem intuitiven Verständnis fremd ist: Eine Aufgabe ist gemeinhin eine Anforderung, die an das Handlungssubjekt herangetragen wird – im Sinne etwa des Aufforderungscharakters, den Lewin beschreibt. Diese Aktivität der Situation, die z.B. von Graumann (der peripher zitiert wird) untersucht wurde, wird von Tobinski nicht anerkannt. Der Grund hierfür ist nicht, dass die Arbeit einen anderen Schwerpunkt hat, sondern dass die konstruktivistische Theorie der Informationsverarbeitung diesen Gedanken einer phänomenalen Reziprozität nicht zulassen kann: Das kognitive System bleibt das Zentrum der Aktivität („Nehmen wir den Problemlöser bzw. Beobachter aus dieser Situation heraus, so bildet ein einfaches Problem kein System, sondern allenfalls eine räumliche Struktur“, 14)

Im selben Zusammenhang fällt auf, dass der Autor den Begriff des Ziels – wie schon denjenigen der Aufgabe zuvor – ungleich der intuitiven Verwendung aufgreift. Er spricht immer wieder nur vom Ziel als „angestrebten Soll-Zustand“ (72, auch 73), als „Steuerelementen“ (38) und somit scheint es, dass hier Ziele mit Absichten verwechselt werden, denn wo von Zielen („subgoals“, 87) gesprochen wird, kommt der Autor nur auf Pläne zu sprechen. Diese Vermutung erhärtet sich, denn Tobinski meint, „Werte und Präferenzen sind austauschbare Begriffe“ (97). Dieses Verständnis des Ziels wird der phänomenalen Realität des Zieles, z.B. eines Strebensziels, welches ohne rationale Komponenten im Subjekt aufkommt, nicht gerecht.

Es sind diese Abweichungen von der phänomenalen Bedeutung des Problems, die Tobinskis Entwurf künstlich erscheinen lassen. Um zu erklären, wie dieser Eindruck entstehen mag, kann auf einen Gedanken aus Max Schelers Text „die Idole der Selbsterkenntnis“ zurückgegriffen werden: „Es gibt – so scheint mir – eine ganze Reihe Fälle, wo bestimmte Lehren der Normalpsychologie sich gerade dadurch als falsch erweisen, dass das, was sie behaupten, nur in pathologischen Sonderfällen stattfindet, im normalen Leben aber keineswegs“ (1915, Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 98). Tobinski erklärt das Auftreten von Problem durch den informationstheoretischen Begriff der Störung: „denn eine Störeinwirkung kann eindeutig als Problem bezeichnet werden“ (57); weiter: „Es scheint, als sei die Störung der wichtigste Ausgangspunkt von allem zu sein, mit unseren Worten, das Problem“ (79). Es scheint ihm also ein kognitives System ein Problem zu haben, wann immer eine Störung auftritt. Wird dieser Begriff der Störung allerdings nicht alltagspsychologisch aufgeladen, sondern so funktionalistisch verstanden, wie er vom Autor eingeführt wird, reicht jedes Ereignis, das vom Vorwissen nicht erklärt werden kann, dafür, ein Problem zu haben: Das Profil allenfalls einer generalisierten Angststörung. Der Störungsbegriff kann nicht ausreichen, um das Auftreten echter Probleme zu erklären.

Um über diese rein funktionalistische Erklärung des Problembegriffs hinaus zu gelangen, würde es einer Berücksichtigung der Subjektivität – und eben nicht bloß eines kognitiven Systems – bedürfen. Das gelingt dem Autor allerdings nicht, denn auch wenn er zwischen „bewusstseinspflichtigen und automatisierten Prozessen“ (39) unterscheidet, neigt er dazu, „Wachbewusstsein als Epiphänomen“ (61) zu verstehen. Auch der von Newell und Simon etablierte Begriff des Problemraums als „subjektive Repräsentation eines Problems und dessen Lösung“ (50) reicht nicht aus, um der Subjektivität des Problems gerecht zu werden, denn es handelt sich nur um eine Funktion der Repräsentation, die nicht ausreicht, die Erste-Person-Perspektive zu entfalten. Statt von einem Bewusstsein, das allenfalls positivistisch auf den „treelet“ als „kleinster bewusstseinsfähiger Baustein einer aktiven und willentlichen Informationsverarbeitung“ (61) zu reduzieren versucht wird, spricht Tobinski meist von dem Organismus (bspw. 75, 82, 86). Selbstbewusstsein wird in gleicher Weise auf Selbstreferenz reduziert („Eine interne Information ‚Y‘ ergibt sich aus den internen Zuständen des Systems, man könnte auch sagen aus seiner Historizität oder seinen Eigenwerten“, 63). Es geht um die „Erzeugung des Bewusstseins“ (78) und nicht um das Bewusstsein als Erleben von Problemen.

Unter diesen Vorbemerkungen wird verständlich, weswegen sich der Autor auch ohne Weiteres auf intellektualistische Reflexionspsychologie einlässt. So sagt er: „Bewusste Informationsverarbeitung bedeutet in jeder Situation ein transparentes Bild des Ist-Zustandes“ (81) und, „dass ein Zustand im Problemraum nicht repräsentierbar ist, bevor er erfahren worden ist“ (91). Das eine Lösung nur geahnt, gewünscht oder erhofft wird, Lösbarkeit also keine Frage von Systemzuständen, sondern eines atmosphärischen Bezugs zur Welt sein mag, kann unter diesen Voraussetzungen nicht diskutiert werden. Es handelt sich somit bis zu einem gewissen Grad um eine Verkennung der Bedeutung von Informationen für das Problemlösen, denn es bleibt bei einer einzelnen Referenz (83). Lediglich das Konzept der somatischen Marker, das allzu schnell auf „Start- und Endmarkierung eines rationalen Prozesses“ (95) bezogen wird, birgt das Potenzial, dieser subjektiven Tiefe der problematischen Situation gerecht zu werden.

Insgesamt tun sich für den aufmerksamen Leser also einige lose Enden auf, wenn es ihm darum geht das Erleben von eigentlichen Problemen zu verstehen, statt Störungen eines Systems zu konstruieren. Wichtig wäre es also gewesen, die Grundlagen im Erleben, die die kognitive Psychologie zu erklären sucht, ernst zu nehmen – ein Beitrag, der z.B. mit der Phänomenologie geleistet werden kann, doch das gelingt schon deswegen nicht, weil Tobinski die Philosophie bewusst meidet, denn sie ist für ihn im vorliegenden Werk nur ein einleitendes „Stilelement“ (6). Zu den losen Enden gehören Aspekte wie Freiheit (56), Bewusstsein (ebd.) oder der Mensch (was bedeutet „anthropogen beeinflusst“,58?). Aber jenseits dieser fehlenden Verweise in die Philosophie oder die Geschichte der Psychologie (Denkpsychologie wird als „wesentlicher Wegbereiter“, VII, nur erwähnt), die nur kontingent scheinen mögen, fehlen auch die Erläuterungen von Kernelementen der Erklärung: Bspw. der Symbolbegriff wird lediglich auf Grundlage des Pragmatismus reflektiert (30f) und auch der Informationsbegriff wird eher präsuponiert als ihn mehr als etymologisch aus dem Erleben heraus zu bestimmen.

Dieser losen Enden zum Trotz handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine ambitionierte und engagierte Einführung in das dominante Paradigma der empirischen Problemlösungsforschung in der Psychologie, in der lediglich durch einige Auslassungen im Literaturverzeichnis (7, 14, 55) und Referenzen mit verkürzten Erläuterungen (z.B. die Erwähnung der voraussetzungsreichen Theorien von Spencer-Brown, 12, 21) das Verständnis erschwert wird. Bis zuletzt bleibt jedoch der Eindruck, dass alle Beispiele aus dem Alltag den konstruktivistischen Überlegungen nur äußerlich sind, ihnen nur künstlich ergänzt werden. Die Überlegungen, die Tobinski vorträgt, passen deswegen deutlich besser zu einem automatisierten Prozess der Kognition: Handelt die Arbeit vielleicht vielmehr vom Lernen? An einer Stelle scheint diese Äquivokation kurz auf: „wenn nicht ein einmaliges Entfernen einer Barriere erfolgt ist, sondern aus dem Gesamtprozess gelernt worden ist“ (84). So bleibt eine eigentliche Psychologie des Problems und Problemlösens ein Desiderat.

Fazit

In den letzten fünfzig Jahren wurde mit dem Paradigma des Kognitivismus ein Beitrag zum Verständnis von problemlösendem Verhalten geleistet. Die funktionalistische Idee einer Minimaldefiniton von Problemen als Ausgangs- und Zielzustand, die durch Barrieren getrennt sind, hat eine detaillierte und komplexe Tradition psychologischer Empirie angeregt. Tobinskis Lehrbuch stellt die wesentlichen konstruktivistischen und informationstheoretischen Konzepte dieser Denktradition vor, nicht ohne dabei Perspektiven für eine Weiterentwicklung aufzeigen: Intransparenz und Komplexität seien die Begriffe, mit denen die Erkenntnis vorangetrieben werden könne. Während die konstruktive Reichweite dieses Ansatzes nicht geleugnet werden kann, zeigen sich jedoch einige lose Enden, sofern der Leser die stark formalisierten Überlegungen auf das eigene Erleben, dessen Erklärung letztlich der Auftrag der Psychologie bleibt, zu übertragen sucht. Das Lehrbuch kann deswegen als Einführung in das momentan dominante Paradigma der psychologischen Problemlösungsforschung empfohlen werden – sollte aber mit einem kritischen Blick in die Hand genommen werden, wenn es darum geht, weiter- und darüber hinaus zu denken.

Summary

In the last fifty years, cognitivism as a paradigm delivered a contribution to the comprehension of problem-solving behavior. The functionalist concept of a minimal-notion of problems as a relation between initial states and goal states which are separated by barriers has incited a detailed and complex tradition of psychological empirical research. Tobinski´s textbook presents the principal constructivist and information-theoretical concepts of this tradition of thought, not without displaying perspectives of advance: intransparency and complexity are seen to be notions with which comprehension can be fostered. While there is no reason denying the constructivist scope of this approach, some lose ends appears once the reader tries to transfer the heavily formalized considerations onto their own experiences as the actual objective of psychological research. Therefore, the textbook can be recommended as an introduction into the contemporarily dominant paradigm of psychological problem-solving research – however, one should not examine it without a critical attitude provided the purpose of further and refined thought.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 23.01.2018 zu: David Tobinski: Kognitive Psychologie. Problemlösen, Komplexität und Gedächtnis. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-53947-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23070.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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