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Michael Tomoff: Positive Psychologie - Erfolgsgarant oder Schönmalerei?

Cover Michael Tomoff: Positive Psychologie - Erfolgsgarant oder Schönmalerei? Springer (Berlin) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-662-50386-7.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das vorliegende Buch erscheint in der Reihe „Kritisch hinterfragt“ des Springer-Verlages. Es beschäftigt sich mit einer neueren Entwicklung in der Psychologie, die angeregt durch Entwicklungen in den USA sich mit Bedingungen und Prozessen beschäftigt, die zu einem gelingenden, positiven Leben beitragen können und sich insofern von einer stark defizitorientierten Betrachtungsweise bspw. in der Klinischen Psychologie abzuheben versucht.

Autor

Michael Tomoff ist Diplompsychologin, hat u.a. an der University of California Positive Psychologie studiert und arbeitet als Trainer und Berater.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapiteln aufgebaut und wird mit einer Danksagung und einem Stichwortverzeichnis beendet. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet das vollständiges Inhaltsverzeichnis.

Im 1. Kapitel beschäftigt sich der Autor mit den „Wurzeln“ der Positiven Psychologie(PosP). Er referiert die überwiegend philosophischen Beschäftigung mit „Glück“ und geht dann über zu der eher modernen Glückforschung im Bereich der Psychologie- hier eben dann der PosP. Tomoff betont hier (in Angrenzung zu etlichen thematisch ähnlichen Selbsthilfebüchern) den wissenschaftlichen Charakter der PosP und die Notwendigkeit, prüfbare Ergebnisse zu den Bedingungen vorzulegen, die Leben gelingen lassen und zu umfassender Gesundheit beitragen können.

Im 2. Kapitel soll PosP kritisch gesehen werden- hier insbesondere entlang der Fragestellung, ob es sich bei dieser Richtung überhaupt um etwas „Neues“ handelt, ob hierbei wirklich wissenschaftliche Standards eingehalten werden oder nur schlaues Marketing im Psychomarkt praktiziert wird. Ebenso wird diskutiert, ob es bei dieser Richtung auch eine echte Verbindung zwischen (leicht zu vertretender ) Theorie und praktischer Umsetzung gibt, die auch unabhängig von materiellen Ressourcen für (alle?) Menschen anwendbar ist.

Im knappen 3. Kapitel wird da sog. Modell positiver Aktivitäten vorgestellt (Eigenschaft der Aktivitäten, der Person und die Passung zwischen Aktivität und Person), welches durch vier Variablen (Positive Emotion, Gedanken, Verhaltensweisen und Bedürfnisbefriedigung) beeinflusst wird.

In den folgenden Kapiteln wird dann die PosP anwendungsorientiert betrachtet und Ergebnisse relevanter (?) Forschung zu verschiedenen essentiellen Themen menschlicher Lebensführung vorgestellt:

  • Kap. 4. Liebe,
  • Kap. 5 Unterricht,
  • Kap. 6 Gesundheit,
  • Kap. 7 Umgang mit Geld,
  • Kap. 8 Arbeit und Beruf und
  • Kap. 9 PosP in verschiedenen Kulturen.

Kapitel 10 schließt das Buch ab, „Wie geht es weiter- Ein Ausblick“, nennt der Autor dieses Kapitel.

Allen genannten Kapiteln ist gemeinsam, das der Autor viele Studien referiert, die belegen, dass PosP und deren verschiedene Aspekte Wirkung zeigen, dazu beitragen, dass Personen, die entsprechende Übungen und Haltungen entwickeln können, in ihrer umfassenden Gesundheit und Lebenszufriedenheit profitieren. Die zitierten Untersuchungen sind so zahlreich, dass sie hier nicht -auch nicht ausschnittweise – berichtet werden sollen; ihr Fazit ist durchgängig eindeutig und klar: PosP wirkt und trägt zum Wohlbefinden bei!

Diskussion

Es ist schwierig, dem Buch summarisch gerecht zu werden. Der Autor legt fraglos eine Bibliographie der Ergebnisse zur PosP vor, belegt vielfältig und beredt, dass es hinreichend Beweise dafür gibt, dass PosP „wirkt“. Dabei trägt das Buch bewusst auch persönliche Züge und lässt das Engagement und die Begeisterung des Autors und Coaches spüren.

Ob allerdings in der Reihe des Verlags das „Kritisch hinterfragt“ dieses Motto im vorleigenden Buch eingelöst wird, sei zumindest in Frage gestellt. Was der Autor nämlich nicht leistet und vielleicht auch nicht leisten kann, ist die kritische Reflexion der zumeist korrelativen Studien mit ihrer beschränkten und fragwürdigen Variablen-Auswahl und Messung bis hin zu methodologischen Diskursen. Hierfür fehlt dem Buch (und der PosP insgesamt?) auch ein nachvollziehbares und prüfbares Modell menschlichen Handelns und Erlebens, wie es zumindest in anderen Richtungen der z.B. Klinischen Psychologie etwa von Grawe unter dem Titel „Allgemeine Psychotherapie“ und den sich hierauf aufbauenden Veröffentlichungen versucht wurde. Nur im Kontext eines umfassenden Models werden wir die Abhängigkeit des Menschseins von kaum fassbarer Vielfalt beeinflussender Faktoren konzeptionieren können. Dieser Mangel lässt die meisten berichteten Ergebnisse der PosP dann doch zumindest in wissenschaftlicher Reflexion schal schmecken lassen; sie erscheinen dann oft trivial – und auch zynisch, bedenkt man die Abhängigkeit und Wechselwirkung menschlichen Handelns und Erlebens von Person und Lebenssituation- muss ich am Ende doch nur „Positiv denken“ um Armut, schwere Krankheit und Krieg persönlich zu bewältigen?

So wichtig PosP als Gegengewicht zu einer überwiegend sich mit Defiziten beschäftigenden Klinischen Psychologie war (denn längst beschäftigt sich Psychologie insgesamt mit Themen wie Resilienz, Coping, Salutogenese, Gesundheit, etc. pp), wenn sie sich als eigenständige Richtung innerhalb der Psychologie versteht, mangelt es der PosP wie gesagt an einem prüfbareren umfassenden Modell – berichtete Zusammenhänge zwischen Positivem und Wohlsein wie im Buch vorgestellt wirken ohne ein solches unbefriedigend.

Fazit

Ein Buch, was in gutem Überblick die bisherigen Ergebnisse bestimmter Wirkungsstudien zur Positiven Psychologie und deren Anwendbarkeit in verschiedenen Lebensbereichen durchaus engagiert und enthusiastisch darstellt – den Mangel einer umfassenderen Einordnung in das Verständnis der komplexen Bedingtheit von Gesundheit und Zufriedenheit im Menschseins aber (auch) nicht beheben kann.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 15.05.2018 zu: Michael Tomoff: Positive Psychologie - Erfolgsgarant oder Schönmalerei? Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-50386-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23071.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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