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Andreas Anter: Theorien der Macht zur Einführung

Cover Andreas Anter: Theorien der Macht zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2017. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 171 Seiten. ISBN 978-3-88506-062-8.
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Thema

Diese Einführung ist bereits in der dritten, nun vollständig überarbeiteten Auflage erschienen. Laut des wissenschaftlichen Beirats der Reihe, Michael Hagner, Ina Kerner und Dieter Thomä, sollen die Bände nebst Wissensvermittlung „kritischer Analyse“ dienen und die jeweiligen AutorInnen sollen „ihren eigenen Standpunkt markieren.“ (S. 5 f.; n. pag.) Davon rückt Anter insoweit in seinem Vorwort zur 3. Auflage ab, als er betont, keinen „eigenen Ansatz präsentieren“ zu wollen. Was er jedoch im Vorwort zur 1. Auflage schrieb, gilt offensichtlich nach wie vor: „Die Sympathien des Verfassers liegen insbesondere bei Heinrich Popitz, dessen unorthodoxer soziologischer Ansatz immer mehr Beachtung findet.“ (S. 9 f.)

Weil es so „scheint, als sei die Macht eine Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft“, weil es eine klassische Frage der Sozialwissenschaften ist, „warum Menschen sich anderen Menschen unterordnen“ (S. 11 f.), weil schließlich für prominente Theoretiker „die Macht ein unausweichliches, konstantes Element menschlichen Handelns und menschlicher Beziehungen“ ist, und weil man offenkundig „über die Theorien der Macht nicht sinnvoll sprechen“ kann, „ohne die jeweiligen zeit- und ideengeschichtlichen Kontexte einzubeziehen“ (S. 134), folgt gleich auf Max Weber, dessen Analysen zu Macht und Herrschaft einen hohen Stellenwert in den Sozialwissenschaften haben, Heinrich Popitz, der ebenfalls als Klassiker an Weber angeknüpft habe und dessen „Weiterführung und Differenzierung“ auch über „feinsinnige Miniaturen mit scheinbar leichter Hand“ (S. 76) ihn zu dem Befund gebracht haben: „Macht ist omnipräsent.“ (zit. S. 77) Dabei betont der Autor, Popitz´ „Machtsoziologie“ beruhe auf einem „Modell“ von „anthropologischen Grundformen von Macht“ (S. 80), was – gleichsam exemplarisch – erwähnenswert ist, weil aus Sicht von Anter die (zumindest in seinem Band) vorgestellten Positionen und Begriffe die Frage „berühren (…), inwieweit die Phänomene der Macht mit der menschlichen Natur zu tun haben.“ (S. 133)

Was nächst der Frage nach einer „Disposition, die zwangsläufig zur Bildung von Machtbeziehungen führt“ (wobei die „Geschichte des anthropologischen Machtdenkens erkennbar ‚voller Brüche‘“ sei) (ebd.), immer wieder zur Sprache kommt, ist Webers Definition von Macht als die „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. (zit. S. 15) Selbst wenn hier offenbliebe, so Anter, „auf welche Weise jemand seinen Willen durchsetzt, durch Drohung oder Bestechung, durch Charisma oder Überzeugungskraft, durch Schmeichelei oder Gewalt“, ist hier die Frage von einer „personale(n) Perspektive“ abgelöst in die Richtung, Macht als „ein Element anonym gewordener Strukturen“ zu analysieren (S. 135), was alles in diesem Band vorgestellt wird.

Aufbau und Inhalt

Um aufzuzeigen, in „welcher Weise sich das Machtverständnis gewandelt“ hat (S. 17), beginnt Anter mit der Vorstellung der Machttheorien der Vorläufer von Hobbes, nämlich mit Thukydides, dem „Politik ein Spiegel der menschlichen Natur“ (S. 20) und nach dem es „immer so gewesen“ ist, „daß der Mindere sich dem Mächtigeren fügen muß“. (zit. S. 19) Demgegenüber beharrte Sokrates laut Plato auf dem „sittlichen Charakter der Macht“, dem Thrasymachos entgegenhält, „das Recht sichere nur den Vorteil des Mächtigen“ und gerecht sei, „was dem Mächtigen nützt.“ (S. 21) Mit schließlich einer „politischen Theologie“ nach dem Römerbrief des Paulus würde „jede politische Machtordnung als gottgewollt“ legitimiert.

Diese Sicht ist bei Machiavelli gänzlich überwunden, der „gewissermaßen ethisch unmusikalisch“ gewesen sei und bei dem zu erkennen wäre, „dass sein Machtdenken auf bestimmten Annahmen über die menschliche Natur beruht.“ (S. 23) Hobbes schließlich habe einen „ersten prägnanten Machtbegriff der politischen Moderne“ entwickelt, der bereits beinhalte, dass man schon „dann über Macht (verfügt), wenn man für mächtig gehalten wird.“ (S. 29 f.) Macht auf dieser Folie als „eine Art Potenz zu begreifen“ (S. 31) scheine bei Kant wieder auf, wo es heißt: „Macht ist ein Vermögen, welches großen Hindernissen überlegen ist. Eben dieselbe heißt eine Gewalt, wenn sie auch dem Widerstande dessen, was selbst Macht besitzt, überlegen ist.“ (zit. ebd.) In welche Richtung dies zielt, ist nach Anter ein Staatsverständnis, nach dem, so Kant, der Staat als „eine Macht (potentia) schlechthin“ zu verstehen ist. (zit. ebd.)

In dieser Rückschau sind gleichsam ‚Urschriften‘ präsentiert, weshalb der Autor meint, von hier aus eine Brücke zu Weber und Arendt als zwei modernen MachttheoretikerInnen schlagen zu können. Vorher jedoch lotet er das Problem um „Gut und Böse: Macht und menschliche Natur“ aus, wo er Burckhardt mit seinem bekannten Diktum aufnimmt, dass „die Macht an sich böse“ sei, „gleichviel wer sie ausübe. Sie ist (…) eine Gier und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muß also Andere unglücklich machen.“ (zit. S. 35) Davon war der junge Nietzsche beeinflusst. Solche Machtkritik wäre, so der Autor, zur „gängigen Münze in der Machtkritik des 20. Jahrhunderts“ geworden. (S. 36) Vergleichbare Popularität habe auch der prägnante Satz von Acton gewonnen: „Power tends to corrupt und absolute power tends to corrupt absolutely.“ (zit. S. 41) Dem sei das Konzept der Gewaltenteilung bei Montesquieu entgegenzuhalten, nach dem sich die „verschiedenen Machtinstitutionen (…) gegenseitig in Schach“ halten sollen. (S. 45) Neben u.a. Freud und Simmel wird auch Gehlen zur Klärung der Frage herangezogen, „warum sich die Machtunterworfenen in so großer Zahl den wenigen Mächtigen unterordnen.“ „Entlastung“ oder ein „Entlastungsbedürfnis“ werde hier wirksam (so übrigens auch Luhmann) – oder anders: „Es gibt ein Interesse am Gehorsam. Dieses Interesse verdankt sich dem Gewinn, den das Machtverhältnis bietet.“ Man kann auch von „‚Ordnungssicherheit‘“ reden, was wiederum „einen Zusammenhang von Macht und menschlicher Natur“ unterstellt. „Wenn dies aber zutreffend ist“, gibt der Autor mit auf den weiteren (Lese-)Weg, „dann sind alle Hoffnungen auf eine machtfreie Gesellschaft utopisch und illusionär.“ (S. 49 ff.)

Max Webers Machtbegriff wird unter Macht als soziale Beziehung, Macht und Herrschaft und Macht im modernen Staat durchbuchstabiert, wobei der Verfasser anmerkt, dass Weber „in seiner politischen Soziologie auf eine Analyse der Macht zugunsten einer Analyse von Herrschaft, ihrer unterschiedlichen Formen, Legitimitätsgrundlagen und Gehorsamstypen“ verzichtet. (S. 68) Mit Recht habe Weber hervorgekehrt: „Herrschaft ist im Alltag primär: Verwaltung.“ (zit. S. 74) Danach wendet sich Anter explizit unter der Zwischenüberschrift „Anthropologie der Macht“ dem Phänomen zu, das Popitz in Erbschaft von Hume wesentlich beschäftigt hat, nämlich der „Leichtigkeit, mit der die Vielen von den Wenigen regiert werden, und die bedingungslose Unterwerfung, mit der die Menschen sich ihren Herrschern unterordnen“ – eine im Kern „herrschaftssoziologische Frage“. (S. 77) Dass es nicht ganz so „bedingungslos“ abgeht, war Popitz klar, sah er doch, „dass Machtausübung immer mit historischen Leidenserfahrungen verbunden ist“ (S. 79) – und unmissverständlich Popitz: „In der Konkurrenzgesellschaft werden Machtkonflikte zu einer individuellen Erfahrung in Permanenz. (…) Je offener für vertikale Mobilitätsprozesse die Gesellschaft erscheint, (…) um so eher werden individuelle Erfahrungen als Machterfahrungen interpretiert werden.“ (zit. ebd.) Dazu merkt der Autor an, dass diese Beschreibung zweifelsfrei für die globalisierte Gesellschaft gilt, stellt aber Popitz Annahme in Frage, durch ein „sensibilisiertes Freiheitsbewußtsein“ (Popitz) könnten Machtverhältnisse erschüttert werden, und er fragt „kritisch“, ob ein solches Bewusstsein „tatsächlich unsere heutige Gegenwart prägt.“ (ebd.) Auf der Basis seines Modells der „anthropologischen Grundformen von Macht“ (S. 80), deren „anthropologischer Status“ darauf beruht, „dass sie in der einen oder anderen Form in allen menschlichen Beziehungen präsent sind“, kommt Popitz zu dem Schluss, dass im Prozess der Zivilisation Machtstrukturen nicht verschwinden, wohl aber „verfeinert“ werden, wo der Autor einen Berührungspunkt mit Elias sieht. (S. 83) Wo sich „Macht mit der bestehenden Ordnung verzahnt“, wenn die Situation der „Veralltäglichung zentrierter Herrschaft“ eintritt (zit. S. 84 f.), was staatliche Herrschaft meint, so Popitz, kommt es zu einer „paradoxe(n) Kombination“, insbesondere in Form der „Zentralisierung der Gewalt und gleichzeitiger Rechtsbindung der Staatsgewalt“, was kontinentaleuropäische Gesellschaften kennzeichne, aber nicht zu „einer restlosen Ausschaltung jeder nicht-staatlichen Gewalt“ führe: „Das Gewaltmonopol bleibt zwangsläufig unvollkommen.“ (S. 86 f.) Ergo brauchen die „Motive der Fügsamkeit“ einen tragfähigen Grund, und der liegt in der „Gewährleistung von Sicherheit“: „Die Sicherheitsgarantie ist also die Legitimitätsgrundlage der Macht.“ (S. 88)

Bei Hannah Arendt geht der Verfasser der Frage nach Macht und Gewalt nach und erhellt ihre Frage: „Was tun wir eigentlich, wenn wir etwas tun?“, eine Frage, die auf die „Fundamente des Seins“ zielt. Anter unterschlägt nicht, dass Arendt zu „Heideggers Philosophie zwar terminologisch eine gewisse Distanz“ wahrte, aber „philosophisch (…) war für sie das Studium bei Heidegger (…) von größter Bedeutung“ (S. 100) – denn, so Arendt, „der Sturm, der durch das Denken Heideggers zieht (…) stammt nicht aus dem Jahrhundert. Er kommt aus dem Uralten, und was er hinterläßt, ist ein Vollendetes.“ (zit. ebd.) Was Arendt „erstaunt“ habe, sei das „Dasein der Gesellschaft“, wo sie der Macht eine „alles entscheidende Funktion“ zuweise, da Macht für sie die „Bedingung der Möglichkeit von Politik“ sei. (ebd.) Anter kritisiert die Aufnahme Arendts seitens Habermas als eine „Theorie ‚kommunikativer Macht‘“ (S. 101) und hält ihm vor, er habe Arendt für seine Theorie instrumentalisiert; Arendt habe nämlich etwas ganz anderes gemeint, nämlich dass „Macht (…) der menschlichen Fähigkeit“ entspricht, „sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner.“ (zit. S. 102) Somit laute ihre These: „Macht existiert nicht ohne Kommunikation.“ (ebd.) Sie betone also „symmetrische“, akzentuiere die „einvernehmlichen Elemente von Machtbeziehungen“ (ebd.), ein Aspekt, der sowohl für Luhmann als auch für Foucault belangvoll ist. Doch auch hier merkt der Autor kritisch an: „Wenn Machtbeziehungen meist etwas Einvernehmliches wären, dann wären auch alle Bemühungen um Machtkontrolle und Machtbegrenzungen obsolet. Dass sie aber nach wie vor nötig sind, steht außer Frage.“ (ebd.)

Bei Foucault hebt Anter wesentlich auf das Strategische ab. Foucault habe nicht nur Habermas´ Kommunikationstheorie „als utopisch“ zurückgewiesen, sondern auch „Sartres These von der Macht als einem Übel“. (S. 117) Mit seinem sehr weit gefassten Verständnis von Macht (z.B. in Liebesbeziehungen) habe er sie anders gefasst: „Die Macht ist nicht das Böse. Macht heißt: strategische Spiele“ (zit. ebd.), woran der Autor die normative Frage anschließt, wenn „Macht nur ein ‚strategisches Spiel‘ ist, warum sollte man sich dann die Mühe machen, sie in Form von Gewaltenteilung zu begrenzen? Warum sollte man sich dann den Machtanmaßungen widersetzen?“ (S. 118) Wichtiger für sein Thema ist für den Autor Luhmann, den er in seiner Bedeutung neben Weber stellt. Dessen Machttheorie sei Teil seiner „ebenso umfassenden wie artifiziellen Systemtheorie.“ (S. 119) Anter rückt Luhmanns Begriff der Erfahrung der „Machtlosigkeit der Machthaber“ in den Mittelpunkt seiner Würdigung: „Der Vorgesetzte kann zwar befehlen, kann aber gerade dann, wenn er viel befehlen kann, nicht alles selbst im Detail anordnen. Er ist auf Kooperation seiner Untergebenen angewiesen, und auch darauf, daß man ihm sagt, was er befehlen soll. Seine Überlastung und seine Ratlosigkeit dienen anderen als Machtquelle.“ (zit. S. 127)

Gleich eingangs seiner Schlussbemerkung weist Anter darauf hin, dass Theorien meist auf vorangehende Theorien und weniger auf sich verändernde historische und politische Prozesse reagieren und dabei – was zumindest die von ihm vorgestellten Machttheorien betrifft – auf die menschliche Natur rekurrieren. Sinnvoll erscheint es ihm, „die jeweiligen zeit- und ideengeschichtlichen Kontexte einzubeziehen.“ Allgemein habe sich inzwischen die „nüchterne Position durchgesetzt, dass Politik ohne Macht kaum funktionieren würde.“ (S. 134 f.) Methodisch habe sich eine handlungsbezogene Perspektive als vorteilhaft erwiesen und überdies dürften Probleme, die sich aus der ‚Kultur‘ und ihrer Entwicklung ergäben, nicht vergessen werden, zumal es in den Sozialwissenschaften nicht darum gehe, „endgültige Erkenntnisse zu fixieren.“ (S. 135)

Diskussion

‚Endgültig‘ scheint die Erkenntnis zu sein, dass Macht etwas ist, was in der menschlichen Natur liegt – also eine anthropologische Konstante. Man könnte hier, zumal sich Anter auf ihn bezieht, ggf. mit dem Gehlenschen Begriff des „Dauerantriebs“ argumentieren: „Im Verkehr der Menschen miteinander entwickelt sich ein unübersehbares, stilles Spiel von Durchsetzungen, Anpassungen, Vereinigungen, Suggestionen usw. In der Fähigkeit, durch die notwendigen Verschiebungen, Umwege und Anpassungen hindurch Dauerantriebe festzuhalten, zeigt sich die Kompliziertheit der menschlichen Lebensbedingungen ebenso deutlich, wie die Kraft des Menschen, ihnen gewachsen zu sein.“ Für das instinktresiduale „Mängelwesen“ Mensch, laut Gehlen unspezialisiert und organisch mittellos, gilt nach ihm zentral: „‚Kultur‘ ist daher ein anthropo-biologischer Begriff, der Mensch von Natur ein Kulturwesen.“ Beim „Kulturwesen“ und da in Bezug auf seine „Antriebe“ könnte man Hoffnung darauf setzen, dass dieser Antrieb – selbst als „Dauerantrieb“ – zumindest „verblaßt“, wie es bei Gehlen heißt, möglichst bis zur Unkenntlichkeit, was unter der Prämisse, Macht sei anthropologisch verankert, in den Bereich des Utopischen exiliert wird. Dort stört es das Tagesgeschäft der Machtausübung selbst in Form der Sicherheitsgarantie gegenüber Fügsamen nicht, legitimiert so den jeweiligen Status quo und sorgt für Bestandserhalt. (Und mehr noch: Wenn das auch anthropologisch begründete „Entlastungsbedürfnis“ derer, die sich der Macht unterwerfen, nicht greift, dann handeln solche Individuen wider ihre ‚Natur‘, was sattsam bekannte Folgen hat.) Was man Hobbes´ brillantem Werk und vor allem seiner Menschenbildkonzeption entgegenhalten kann, er habe das Resultat zu seiner eigenen Voraussetzung gemacht, möchte man in Bezug auf diese Rechtfertigung von Macht auch vorbringen. Sollte sich allerdings das „Kulturwesen“ nicht aus Macht als Antrieb und somit scheint´s anthropologischer Determiniertheit ausschälen und auch nicht aus seiner es je epochal prägenden Geschichte, worin „das Individuum schon als durch die Gesellschaft bestimmt“ (Marx) ist, dann bleibt es in der Tat so, dass „alle Hoffnungen auf eine machtfreie Gesellschaft utopisch und illusionär“ sind (s.o.), wo dem Tenor nach Soziobiologen und Evolutionspsychologen zustimmen würden. – Zu diskutieren wäre auch, ob und wie anthropologische Erklärungen zu Letztbegründungen avancieren und so gegen Einwände immunisieren, in Narrative für den Zweck der Erhaltung gesellschaftlicher Ordnung einfließen oder aber als Meinungsverdichtungen durch Erfahrung genährte Überzeugungen flankieren, etwa in Formulierungen, dass die „Macht an sich böse“ (Burckhardt, s.o.) sei oder „Power tends to corrupt“ (Acton, s.o.).

„In der wirklichen Geschichte“, heißt es bei Marx, „spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.“ In Machtheorien, zwar nicht allen, wird das nicht unterschlagen, vor allem da nicht, wo der Herrschaftsbegriff zentral ist. Den Gewaltbegriff hat Galtung differenziert und „strukturelle Gewalt“ ist bei ihm jene, die in der Sozialstruktur verankert ist, und die „kulturelle“ dient der Legitimation der konkreten Gewalt. Gegen beide gab und gibt es Auflehnung derer, die nicht fügsam sind – aus welchen Gründen auch immer. Auch davon ist die ‚wirkliche Geschichte‘ voll, und zwar nicht nur in der milden Form „nichtkonformistische(r) Gruppen“, die eine „starke Abneigung (…) gegen Macht-Normierungen“ haben (Popitz, zit. S. 85), sondern in Form von Rebellionen, Aufständen, Revolutionen. „Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt“, schreibt Marx im Zusammenhang seiner Analyse des Arbeitstages und da hinsichtlich der in der bürgerlichen Gesellschaft postulierten Rechte. Auf in der Form ‚gleiches Recht‘ können Opponenten gleichviel welcher Couleur sich nicht berufen, aber sie greifen auf Wertorientierungen zurück, die spätestens mit dem deutschen Idealismus zumindest an den Rändern der Ideologie siedeln und im Bewusstsein präsent sind. Nicht lediglich interessengeleitet rechthaberisch (so sich aus Deprivationen gespeiste blindwütige Motive wie Hass, Neid o.ä. Geltung verschaffen), eher schon mit der moralischen Reklamation eines (noch) nicht gesatzten Rechts kann über eben auch gewaltförmige Aktionen jenseits des rechtlichen Ordnungsrahmens der Versuch unternommen werden, etwas rechtens werden zu lassen, was als ‚gerecht‘ empfunden wird, was mit institutionalisierten Machtmitteln, also legitimen, nicht zu erreichen ist. So gesehen entscheidet Gewalt über Recht und gleichwertig erachtete Gerechtigkeit. Spätestens dann sind jene „einvernehmlichen Elemente von Machtbeziehungen“ (s.o.) außer Kraft gesetzt, und „Bemühungen um Machtkontrolle und Machtbegrenzungen“ (s.o.) treten – wie es in der bisherigen Geschichte scheint – erneut auf den Plan, wenn auch in anderen Formen und mit anderen Inhalten (was ex post nicht zwingend ein Fortschritt sein muss). Dass in Theorien u.a. mit dem Zungenschlag, ein Phänomen wie Macht gehöre zu den unverrückbaren Beständen menschlichen Daseins, Handeln als politisches und auf Emanzipation der Herrschaft von Menschen über Menschen zielendes aus der Erklärung dessen herausfällt, was es initiieren könnte, ist zum einen so neu nicht und auch darum die Mahnung Anters ernst zu nehmen, nicht darauf hinzuarbeiten, „endgültige Ergebnisse zu fixieren“ (s.o.); zum anderen kommt man inzwischen jedoch auch über „Ergebnisse“ nicht hinaus, die zeigen, dass es darauf ankommt, die ‚Welt‘ nicht nur zu interpretieren: „es kommt (…) darauf an, sie zu verändern.“ (Marx) Das klingt inzwischen vielen wie aus einer längst auf den Dachboden entsorgten Klamottenkiste und schlechthin allzu vorgestrig oder sie machen sich – auch auf der Theorieebene – anheischig, am Symptom zu werkeln, etwa Macht so zu domestizieren, dass der Machthaber machtlos (wie bei Luhmann) scheint oder die Macht (die ‚an sich‘ natürlich nicht böse ist; das ist Menschen vorbehalten) zu „strategische(n) Spielen“ (Foucault) nivellieren. In diesen Reigen gehören inzwischen auch jene nach Hanloser und Reitter „Zirkulationsmarxisten“, von diesen Kritikern ein wenig despektierlich, aber treffend „Ritter dieser schrägen Marxologie“ genannt, die das „Kapital“ gleichsam durch die Brille des Positivisten lesen; die über Kritik ausgewiesene theoretische Konsequenz verändernden Handelns jenseits bloßer Reparaturmaßnahmen fällt durch die Maschen solcher theoretischen Engführung und interessiert selektiver Aufnahme. – Letzteres ist auf Anter nicht zu beziehen, auch verallgemeinernd nicht, will er doch nach eigenem Bekunden keinen „eigenen Ansatz präsentieren.“ (s.o.) Allerdings merkt man angesichts der Einführung des Beirats auf, wo es gleich eingangs heißt, diese Taschenbuchreihe sei zunächst „als sozialistische Initiative gestartet, die philosophisches Wissen allgemein zugänglich machen und so den Marsch durch die Institutionen theoretisch ausrüsten sollte“ und zeigen, „was kritisches Denken und Forschen (…) heute zu leisten vermag.“ Von diesem Impetus und Elan scheint wenig übrig geblieben zu sein. So die jeweiligen AutorInnen „ihren eigenen Standpunkt markieren“ und eine „eigenen Perspektive auf den Gegenstand“ erkennen lassen sollen, kann man das bei Anter insoweit ausmachen, als er keinen Hehl daraus macht, dass er in theoretischen Schulterschluss mit Popitz geht und dessen vier anthropologischen Grundformen von Macht für ihn von Überzeugungskraft sind.

Fazit

Was hier als Kritik an der anthropologischen Argumentationsfigur anklingen mag, sollte in sozialwissenschaftlichen Seminaren aufleben und diskutiert werden, wozu Anter mit seiner Einführung zu Theorien der Macht eine hervorragende Vorlage bietet, in der kritische Töne anklingen, wo aber nach Absicht des Verfassers ganz bewusst nicht an die äußerst kenntnisreich referierten theoretischen Erklärungsversuche die Elle einer ‚eigenen‘ Theorie angelegt wird. Zusätzlich zum inhaltlichen Reichtums gewinnt der Band auch durch seine ausgesprochen gute Lesbarkeit, die wohl dem souveränen Umgang des Verfassers mit seinem Gegenstand zu verdanken ist. Man kann nur begrüßen, dass dieses Buch in bereits der dritten Auflage erschienen ist, weil es doch weit mehr bietet als das, was man üblicherweise von einer Einführung erwartet.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 18.08.2017 zu: Andreas Anter: Theorien der Macht zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2017. 3., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-88506-062-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23076.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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