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Sandra Heidrich: Intuition und Professionalität (Soziale Arbeit)

Cover Sandra Heidrich: Intuition und Professionalität. Die professionelle Intuition und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2017. 89 Seiten. ISBN 978-3-86387-791-0. D: 19,60 EUR, A: 20,20 EUR.
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Thema

Die vorliegende Qualifikationsarbeit widmet sich einem bislang kaum behandelten professionstheoretischem Aspekt Sozialer Arbeit, indem sie untersucht, in „welchem Verhältnis Intuition und Professionalität zueinander stehen“ (Vorwort).

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um die Masterthesis der Verfasserin an der HAWK in Holzminden. In der Schriftenreihe der Fakultät werden die besten Abschlussarbeiten veröffentlicht. Zur Autorin werden leider keine Angaben gemacht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist übersichtlich in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung,
  2. Professionalität,
  3. Intuition,
  4. professionelle Intuition sowie
  5. Fazit.

In der Einleitung erfolgt eine Präzisierung der erkenntnisleitenden Fragestellung, indem die These aufgestellt wird, dass Intuition bereits jetzt eine wenig beachtete Rolle in der Sozialen Arbeit spielt und somit eine wichtige Ressource darstellt.

Das zweite Kapitel nähert grundsätzlich dem Begriff „Professionalität“ an, der allerdings an einigen Stellen nur unscharf von „Profession“ und „Professionalisierung“ abgegrenzt wird. Als Kernelemente werden „Wissen, Kompetenz, Habitus und Identität“ (S. 6 ff) herausgearbeitet. Kapitel 2.2. wendet diesen Komplex auf die professionelle Soziale Arbeit an, irritierenderweise allerdings ohne einen „tiefergehenden Einstieg in die Professionsdiskussion der Sozialen Arbeit“ (S. 11) vornehmen zu wollen. Ebenso unverständlich ist die Vermischung von Disziplin und Profession Sozialer Arbeit und die Anwendung des Professionsverständnisses auf Wissenschaft, Ausbildung und Praxis (S. 12). So findet sich denn auch im Kapitel 2.2.1 – Gegenstand und Spezifika – ein Sammelsurium unterschiedlichster Beschreibungen Sozialer Arbeit, während einschlägige Definitionen wie die des IFSW fehlen. Unter 2.2.2 werden in Kürze unterschiedlichste Wissensformen abgearbeitet, während 2.2.3 sich auf zwei Seiten den Kompetenzen (Handlungskompetenzen?) der Sozialen Arbeit widmet. Kapitel 2.2.4 ist mit „Ethische Standards (Habitus)“ überschrieben, wobei letzterer im Text weder definiert noch expliziert wird; das Unterkapitel beinhaltet vielmehr einen historischen Abriss über die ethische Verfasstheit der Sozialen Arbeit. Im nächsten Kapitel rekurriert die Verfasserin auf den Identitätsbegriff, u.a. unter Bezugnahme auf Publikationen des Rezensenten. Ein Zwischenfazit beendet diesen Teil des Buches. Es verweist darauf, dass in der Sozialen Arbeit andere „Erkenntnis- Entscheidungs- und Handlungsmethoden“ (S. 24) benötigt werden und leitet über zum Kapitel 2.3, dem „Rationalitätsparadigma“. Die Autorin entfaltet hier historisch begründet die These, dass Wissenschaft wesentlich rational geprägt sei und „Vorrang vor anderen Erkenntnistheorien“ (S. 27) habe. Als Kontrapunkt bearbeitet sie die begrenzte Rationalität in komplexen Handlungs- und Entscheidungsprozessen, die wesentlich emotional, normativ oder durch Alltagsroutinen geprägt sind.

Das 3. Kapitel widmet die Verfasserin nun dem Phänomen „Intuition“, auch hier ohne den Anspruch, „eine vollständige Diskussion sämtlicher widersprüchlicher Konzepte von Intuition“ (S. 33) zu führen. Vielmehr will die Studentin ihre These überprüfen, „dass das jeweilige Wissen die Grundlage für Intuition darstellt“ (S. 33). Hierzu führt sie unter 3.1 eine Definitionsdiskussion, um in 3.2 auf die „Bedeutungsentwicklung des Unbewussten und der Intuition“ einzugehen. Die Bildung von Intuition wird von der Verfasserin im Unterbewusstsein verortet. In den weiteren Kapiteln widmet sie sich den Phänomenen der emotionalen Intelligenz (3.4.1), dem individuellen impliziten Wissen (3.4.2), der Kreativität (3.4.3), der Entscheidungsfindung (3.4.4) sowie dem intiutivem Handeln – Bewusstseinserweiterung (3.4.5). Kapitel 3.5 befasst sich mit den Chancen und Grenzen von Intuition.

Im Kapitel 4 erfolgt nun das eigentliche Thema, die professionelle Intuition. Zunächst wird der Forschungsstand aus unterschiedlichen Disziplinen und Berufen, vorrangig auf Management- und Führungsebenen zusammengefasst, wobei Studien aus der Sozialen Arbeit nicht bekannt sind. Unter 4.2 werden unterschiedliche Verständnisse von Intuition thematisiert. Die Autorin konstatiert unter 4.3, dass Intuition in der Sozialen Arbeit empirisch noch nicht erforscht wurde, jedoch implizit vorhanden ist und belegt dieses an Hand unterschiedlicher Quellen. Sie sieht dabei enge Verknüpfungen zur Reflexivität in der Sozialen Arbeit.

Im abschließenden Fazit konstatiert die Verfasserin, dass „im Falle einer bewussten Auseinandersetzung mit Intuition, der Reflexion und Übung sowie ihrer Einbettung in professionelles Erfahrungswissen …“ (S 86) von einer professionellen Intuition gesprochen werden kann, die aber empirisch noch nicht belegbar ist. Professionelle Soziale Arbeit und Intuition stehen in einem wechselseitigen Ergänzungsverhältnis, so die zentrale Erkenntnis der Verfasserin.

Diskussion

Die vorliegende Masterthesis hinterlässt einen ausgesprochen zwiespältigen Eindruck. Positiv ist zunächst hervorzuheben, dass die Verfasserin ein wirklich neues, hochspannendes Thema gewählt hat (was bei dem derzeitigen Wildwuchs an Masterstudiengängen in der Sozialen Arbeit keineswegs immer selbstverständlich ist).

Zunächst muss auf einige formale Mängel hingewiesen werden. Von einer – im Wortsinne „ausgezeichneten“ Masterthesis darf erwartet werden, dass die Literatur aktuell und vollständig ist, im professionstheoretischen Teil ist dieses nicht immer der Fall: teilweise werden ältere Auflagen zitiert (exemplarisch: Dewe et al. 2001, Engelke (2003), Kraimer 2011) und einige relevante Publikationen wie die neueren Werke von Bernd Dewe oder die internationale Definition der Sozialen Arbeit (IFSW) tauchen erst gar nicht auf. Formatierungsmängel im Literaturverzeichnis erschweren unnötigerweise die schnelle Orientierung.

Inhaltlich verwundern die Unschärfen im professionstheoretischem Teil: Die Unterscheidung von Disziplin, Profession und Praxis sollte eigentlich selbstverständlich sein, ebenso der Unterschied von Profession und Beruf. Die Ungenauigkeiten führen spätestens bei der eklektischen Formulierung des Gegenstands Sozialer Arbeit, bei der Differenzierung unterschiedlicher Wissensformen zu problematischen Schlussfolgerungen, bleibt doch weitgehend unklar, auf welcher Ebene (Disziplin, Profession oder Praxis) argumentiert wird. Das hier skizzierte Professionsverständnis aus Wissenschaft, Ausbildung und Praxis ist schlicht und ergreifend nicht nachvollziehbar, zumal es inhaltlich auch nicht begründet wird (nebenbei bemerkt: Seit wann gibt es eine „Ausbildung“ in Sozialer Arbeit?). Die weiteren Argumentationslinien bleiben in der Folge notwendigerweise unscharf, wenngleich die Verfasserin in ihren umfangreichen Ausführungen zur Intuition durchaus interessante Überlegungen zu dessen Genese und Relevanz anstellt. Der Bezug zum eigentlichen Thema erfolgt leider nur sehr knapp im 4. Kapitel – hier wäre sicherlich mehr möglich gewesen. So verwundert das doch etwas unbefriedigende Fazit der Autorin nicht, verweist aber auf noch unentdeckte Forschungsthemen zu einem wirklich spannenden Thema.

Fazit

Die Publikation greift ein noch weitgehendes unbearbeitetes Thema der Sozialen Arbeit auf, das seine Stärken in der Beschäftigung mit der professionellen Intuition hat. Professionstheoretisch sind leider etliche Einschränkungen zu machen, sodass es für eine systematische Orientierung wenig geeignet erscheint.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Harmsen
M.A. Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter, Supervisor, Qualitätsentwickler, Familienberater. Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel, Lehrgebiet Sozialarbeitswissenschaft
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Zitiervorschlag
Thomas Harmsen. Rezension vom 16.08.2017 zu: Sandra Heidrich: Intuition und Professionalität. Die professionelle Intuition und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-86387-791-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23081.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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