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Almut Lehmann: Mütterliches Rollenverhalten und das Erleben leiblicher Kinder (...)

Cover Almut Lehmann: Mütterliches Rollenverhalten und das Erleben leiblicher Kinder in der Übergangspflege. universi – Universitätsverlag Siegen (Siegen) 2017. 542 Seiten. ISBN 978-3-934963-44-3.
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Thema

Der Titel des Buches beschreibt treffend das Thema: Es geht um das Rollenverhalten von Müttern, die in ihrer Familie Kinder in der Bereitschafts- oder Übergangspflege betreuen. Anhand von Daten aus Interviews wird untersucht, wie die inzwischen erwachsenen leiblichen Kinder der Übergangspflegemütter das Aufwachsen mit immer wieder wechselnden Pflegekindern erlebt haben.

Autorin

Die Autorin Almut Lehmann, geb. 1971, ist Fachkrankenschwester für Intensiv- und Anästhesiepflege und Diplom-Pflegewirtin. Sie verfügt über berufliche Erfahrungen in der angewandten Pflegeforschung und der innerbetrieblichen Fortbildung. Außerdem ist sie selbst Mutter zweier Pflegekinder.

Entstehungshintergrund

Bei der Analyse des mütterlichen Rollenverhaltens handelt es sich um die Dissertation der Autorin zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie an der Universität Siegen. Von 2013-2016 hat Almut Lehmann am Doktorandenkolloquium „Aufwachsen in Pflegefamilien“ der Universität Siegen teilgenommen.

Aufbau

Nach der Einleitung (Kap.1) ist das Buch ist in vier Teile gegliedert.

  1. Der theoretische Teil umfasst Kap. 2-7,
  2. der empirischer Teil Kap. 8-11.
  3. Die Ergebnisse werden in Kap. 12-14 dargestellt und
  4. in Kap. 15 diskutiert.

Das 16. Kap. enthält das Literatur-, Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis.

Zum Theoretischen Teil

Die Autorin beginnt mit der Begriffsbestimmung (z.B. leibliche und soziale Geschwister) und führt den Begriff der Profimutter ein, die in ihrem Rollenverständnis klar zwischen leiblichen und Pflegekindern unterscheidet. Anhand von Literaturquellen werden die Begriffe Familie und Familiensystem sowie verschiedene Beziehungskonstellationen (Paar, Eltern-Kind, Geschwister, Außenbeziehungen) dargestellt. In Bezug auf Geschwisterbeziehungen werden Aspekte wie Geschlecht, Altersabstand und Rivalität beleuchtet. Ein kurzer Abschnitt ist den Herausforderungen für die Familie gewidmet, die mit der Aufnahme eines Übergangspflegekindes verbunden sein können.

Bei der Darstellung von Rollen und Rollenerwartungen geht Almut Lehmann ausführlich auf die (Pflege-)Mutterrolle ein.

Im Kapitel über die leiblichen Kinder in Übergangspflegefamilien wird zunächst anhand statistischer Daten aufgezeigt, dass die Zahl der Inobhutnahmen im Zeitraum von 2008-2014 von etwa 32.000 auf 48.000 Kinder und Jugendliche gestiegen ist. Rund 6500 Kinder wurden 2013 in Übergangspflegestellen untergebracht (S. 91).

Eine eigene Befragung von Jugendämtern durch die Autorin ergab, dass die Rolle und das Erleben der leiblichen Kinder in der Schulung von zukünftigen Übergangspflegeeltern bisher allenfalls in Einzelgesprächen thematisiert wird.

Im Kapitel über den Stand der Forschung zum Erleben leiblicher Kinder in Pflegefamilien werden die methodischen Ansätze und Ergebnisse von Studien und Metaanalysen aus den vergangenen 45 Jahren aufgearbeitet. Dabei zeigt sich, dass das Erleben der leiblichen Kinder von Pflegeeltern nur als Nebenaspekt oder „Forschungssplitter“ (S. 103, 161) auftaucht. Keine Studie stellt die leiblichen Kinder in Übergangspflegefamilien in den Mittelpunkt.

Im 7. Kapitel werden die verschiedenen Formen der Fremdunterbringung in Deutschland mit ihren gesetzlichen Rahmenbedingungen aufgezeigt. Dem werden zum Vergleich die Formen der Übergangspflege in Großbritannien und den USA gegenübergestellt.

Zum Empirischen Teil

Der empirische Teil beginnt mit der Vorstellung des methodischen Ansatzes (narratives Interview), dem Verfahren der Auswahl der Interviewpartner (selektives und theoretisches Sampling) und der zentralen Forschungsfrage „Wie erleben leibliche Kinder das Aufwachsen im Setting der Übergangspflegefamilie?“

Die Wahl der Methode – Grounded Theory in der Methodologie von Strauss & Corbin und in Abgrenzung zu Glaser - wird ausführlich begründet. Die Auswertung der Daten (Kodieren, Memos, computergestützte qualitative Datenanalyse) wird ausführlich und literaturbasiert beschrieben.

Zu den Ergebnissen

Der Ergebnisteil beginnt mit einem „Blick in die Forschungswerkstatt“ (S. 261). An konkreten Beispielen legt Almut Lehmann dar, wie aus Textabschnitten Phänomene benannt und in Kodes und Kategorien überführt werden. Die Fragestellung wird noch einmal präzisiert und eine Arbeitshypothese formuliert: „Je souveräner zwischen der Rolle der Profimutter und der Rolle der leiblichen Mutter differenziert wird, desto sicherer und im Familiensystem integriert fühlt sich das leibliche Kind“ (S. 298).

Es folgt die Wiedergabe von fünf Interviews mit insgesamt sechs Personen, d.h. vier Erwachsenen, davon zwei Schwestern, die in einer Familie mit Übergangspflegekindern aufgewachsen sind, und zwei Jugendlichen, die noch in dieser Konstellation leben. Die Interviewten waren zwischen 15 und 54 Jahre alt, bis auf einen Befragten hatten alle auch leibliche Geschwister. Die Zahl der Übergangspflegekinder wurde mit vier bis über 100 angegeben. Die Interviewausschnitte geben mit zahlreichen Zitaten einen guten Einblick in das Erleben der leiblichen Kinder. Zusammen mit der Darstellung der Kodierparadigmen wird die Interpretation der zitierten Textstellen nachvollziehbar.

Die Abfolge der Interviews zeigt eine überforderte Mutter, die sich nicht abgrenzen kann und ihre leiblichen Kinder aus den Augen verliert; eine Mutter, die alle Kinder gleich zu behandeln versucht, wobei die Pflegekinder mit ihren vielfältigen Problemen mehr Ressourcen erfordern als die leiblichen Kinder. In diesen Konstellationen fühlen sich die leiblichen Kinder nicht wahrgenommen, sie ziehen sich innerlich und dann auch äußerlich aus der Familie zurück. Dann wird eine alleinerziehende Mutter beschrieben, die bei der Wahl der Pflegekinder das Wohl ihres leiblichen Sohnes im Blick behält, und schließlich eine professionelle Mutter, die ihre leiblichen Kinder explizit voranstellt, während sie ein oder zwei Übergangspflegekinder betreut. In dieser Familie werden Feiertage wie Weihnachten und Familienurlaube ohne Pflegekinder verbracht. In den beiden letzteren Konstellationen bewerten die leiblichen Kinder das Aufwachsen mit Übergangspflegekindern als überwiegend positiv. Für sie war das Aufwachsen mit den Pflegekindern mit einem Zugewinn an Erfahrungen, Kompetenzen, Eigenständigkeit und Verantwortungsgefühl verbunden. Interessant ist, dass der Vater, sofern er mit in der Familie lebt, als Erziehender nicht in Erscheinung tritt.

Zur Diskussion der Ergebnisse

Almut Lehmann kommt zu dem Ergebnis: „Je mehr wir die leiblichen Kinder im Blick haben, in Entscheidungen mit einbeziehen und je mehr die Mütter ihr Verhalten den jeweiligen Rollen anpassen, desto positiver erleben die leiblichen Kinder das Aufwachsen“ (S. 477). Daraus leitet die Autorin Handlungsempfehlungen für die sozialpädagogische Praxis ab wie die Notwendigkeit eines Anforderungsprofils für Pflegemütter, die Thematisierung der Rolle der leiblichen Kinder in der Schulung von Pflegemüttern, die qualifizierte Betreuung der leiblichen Kinder, etwa durch Supervisionsgruppen, und die Einrichtung von Zeiten ohne Übergangspflegekinder. Darüber hinaus besteht weiterer Forschungsbedarf, der bspw. auch die Rolle des Vaters einbezieht.

Fazit

Die Arbeit von Almuth Lehmann ist auf wissenschaftlich hohem Niveau verfasst, aber dabei gut verständlich geschrieben. Die Autorin macht deutlich, wie unterschiedlich die leiblichen Kinder einer Übergangspflegemutter das Aufwachsen mit immer wieder wechselnden Pflegekindern erleben und welche Strategien sie – je nach Rollenverständnis der Mutter und eigenem Temperament – sie zur Bewältigung ihrer Lebenssituation entwickeln. Damit ist das Buch für Familien bzw. Mütter interessant, die sich mit dem Gedanken tragen, Übergangspflegekinder aufzunehmen. Das Buch kann auch Mütter, die bereits Pflegekinder betreuen, zur Reflexion der eigenen Rolle/n anregen.

Für Studierende ist der methodische Teil interessant, weil die Autorin sehr transparent darstellt, wie mit dem Material aus narrativen Interviews im Forschungsprozess Erkenntnisse gewonnen werden, die zu weiteren Forschungsfragen führen.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 28.11.2017 zu: Almut Lehmann: Mütterliches Rollenverhalten und das Erleben leiblicher Kinder in der Übergangspflege. universi – Universitätsverlag Siegen (Siegen) 2017. ISBN 978-3-934963-44-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23086.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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