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Katarina Prchal, Kerstin Ketelhut (Hrsg.): Pflege zwischen individuellem Anspruch und gesellschaftlicher Verantwortung

Cover Katarina Prchal, Kerstin Ketelhut (Hrsg.): Pflege zwischen individuellem Anspruch und gesellschaftlicher Verantwortung. Beiträge zur Pflegediskussion. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. 188 Seiten. ISBN 978-3-8300-8919-3. D: 85,80 EUR, A: 88,30 EUR.
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Thema

Die Pflege stellt Politik und Gesellschaft vor eine große Herausforderung. Die demographische Entwicklung auf der einen, persönliche Bedarfe und Bedürfnisse auf der anderen Seite sind der Ausgangspunkt für die Veröffentlichung von Katarina Prchal und Kerstin Ketelhut. Es ist davon auszugehen, dass im Jahr 2030 über 3,5 Millionen Deutsche pflegebedürftig sein werden. Dies entspricht einem Anstieg von einem Drittel innerhalb von 15 Jahren. Heute wird die Pflege insbesondere – bei zwei Drittel der Pflegebedürftigen – von Familienangehörigen geleistet. Ist dies auch künftig möglich? Welche zusätzliche Unterstützung brauchen pflegende Angehörige? Wie entwickelt sich die Personalsituation in den ambulanten Pflegediensten und stationären Einrichtungen? Wie kann eine gute Qualität der Pflege gewährleistet werden? Welche konkreten Bildungsangebote gibt es? Der Sammelband von Katarina Prchal und Kerstin Ketelhut gibt Denk- und Diskussionsanstöße zu diesen Fragen.

Herausgeberinnen

Die beiden Herausgeberinnen sind Hochschuldozentinnen, Prchal am Institut für Soziale Gesundheit der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, Ketelhut als Professorin für Gesundheitspädagogik an der Medicalschool Berlin.

Der Band beschreibt die Pflegesituation für Deutschland mit einem regionalen Fokus auf Berlin und Brandenburg.

Aufbau

Die Beiträge sind nach einer Einleitung der Herausgeberinnen in drei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil werden in drei Texten die Herausforderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen für die Pflege in Deutschland beschrieben. Dies betrifft die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Herausforderungen in der Altenpflege (Carsten Kampe), die Leistungsvoraussetzungen und Leistungen nach dem Pflegestärkungsgesetz II (Gabriele Kuhn-Zuber) und die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf (Katarina Prchal).
  2. Der zweite Teil befasst sich in ebenfalls drei Texten mit der Unterstützung und Versorgung von pflegebedürftigen und pflegenden Menschen. Er beinhaltet einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung durch Sektorenübergreifende Fallkonferenzen nach einem Krankenhausaufenthalt älterer Menschen (Karlheinz Ortmann, Ralf-Bruno Zimmermann), eine wissenschaftliche Studie zu einem aktivierenden Pflegekonzept in ambulanten Betreuungseinrichtungen (Ulrike Morgenstern, Kerstin Ketelhut) und einen empirischen Beitrag zur Zufriedenheit älterer Menschen in Berlin-Lichtenberg (Laura Fricke).
  3. Der dritte Teil befasst sich in zwei Beiträgen mit (Weiter-)Bildungsangeboten im Kontext von Alter und Pflege. Er informiert über den Studiengang Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (Claudia Schacke) und die interprofessionelle Fortbildung „Aktivierung bei Demenz“ (Ulrike Morgenstern, Christiane Hemberger).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte und Diskussion

Der demographische Wandel ist eine wichtige Grundlage für pflegepolitische Entscheidungen sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Statistische Daten werden rückblickend ab 2004 und prognostisch bis 2040 präsentiert. Der Personalmehrbedarf bis zum Jahr 2040 wird auf ca. 600.000 Beschäftigte geschätzt. Als Handlungsfelder werden regionale Strukturpolitik und die betriebliche Fachkräftesicherung präsentiert. Zusätzlich ist das Feld der Ausbildung zu nennen. Die Harmonisierung der Ausbildung von Alten- und Krankenpflege und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – auch durch eine faire, tarifgerechte Vergütung in Ausbildung und Beruf – ermöglichen eine Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs und wirken dem Pflegenotstand entgegen. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II geht ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff einher. Statt einer verrichtungsbezogenen Betrachtung stehen nun die individuellen Ressourcen des Pflegebedürftigen auch bei Demenz im Vordergrund. Das Leistungsrecht hat (v.a. mit dem PSG I) neue Möglichkeiten geschaffen. Doch wichtige Fragen bleiben, so wird richtig bemerkt, offen. Dazu gehört die Refinanzierung der medizinischen Behandlungspflege in vollstationären Einrichtungen.

Im Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird konstatiert, dass die vielfältigen politischen Initiativen von den Betroffenen offensichtlich zu wenig wahrgenommen werden. Folglich sollten auch in diesem Bereich die Beratungsleistungen ebenso ausgebaut werden wie die Evaluierung bestehender Angebote.

Im zweiten Teil wird das Instrument der sektorenübergreifenden Fallkonferenzen beschrieben, auch die Chancen und Schwierigkeiten der Implementierung. Zum aktivierenden Pflegekonzept Brain-Gym® wird eine empirische Evaluationsstudie vorgestellt, die trotz der kleinen Fallzahlen ein hohes wissenschaftliches Niveau aufweist (z.B. mit Blick auf die zufällige Auswahl und Zuordnung der Studienteilnehmer). Im Ergebnis wurde die Hypothese der Wirksamkeit der Bewegungsübungen bei Demenzpatienten unterstützt. Die groß angelegten Zufriedenheitsbefragungen in Berlin-Lichtenberg (2009 und 2014) zeigen einen Anstieg der Zufriedenheit – und aktuell auch überraschende Ergebnisse: Die Gesamtzufriedenheit ist bei den „Hochaltrigen“ (über 80 Jahre) ebenso hoch wie bei den „Mittelaltrigen“ und sogar den „Jungen Alten“ (55-60 Jahre). Und: Männer pflegen dort gleichermaßen wie Frauen. Die Ergebnisse sind eine wichtige Basis für regionale Entscheidungen von Politik und Pflegeträgern.

Die im dritten Teil vorgestellten (Weiter-)Bildungsmöglichkeiten ergeben sich aus der zunehmenden Bedeutung der Pflege. Dies betrifft den Studiengang Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin als akademisches Angebot ebenso wie die interprofessionelle Fortbildung „Aktivierung bei Demenz“. Ergänzend kann erwähnt werden, dass bei Demenz sich insgesamt ein ganzheitlicher Ansatz als erfolgversprechend erweist. Dies legt auch das MAKS-Projekt der Universitätsklinik Erlangen nahe (Luttenberger K, Hofner, B. & Graessel E. Are the effects of a non-drug multimodal activation therapy of dementia sustainable? Follow-up study 10 months after completion of a randomised controlled trial. BMC Neurology 12/2012; 151). Dies ist zu ergänzen für Leser, die sich schwerpunktmäßig für das Thema Weiterbildung für Demenz interessieren,

Fazit

Der Sammelband deckt ein weites Spektrum von Fragestellungen der Pflege ab und ist bundesweit für Entscheidungsträger in der Pflege lesenswert. Die darin beschriebenen Anregungen und Ansätze geben Denkanstöße, die nicht auf Berlin und Brandenburg beschränkt sein sollten.


Rezensent
Dr. Robert Seitz
Abteilungsleiter Soziale Einrichtungen des Caritasverbandes Regensburg
Homepage www.caritas-regensburg.de
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Zitiervorschlag
Robert Seitz. Rezension vom 12.09.2018 zu: Katarina Prchal, Kerstin Ketelhut (Hrsg.): Pflege zwischen individuellem Anspruch und gesellschaftlicher Verantwortung. Beiträge zur Pflegediskussion. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-8300-8919-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23088.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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