socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kimberley Weper, Miriam Brennecke: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Cover Kimberley Weper, Miriam Brennecke: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Herausforderungen für Gastfamilien. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2017. 70 Seiten. ISBN 978-3-86387-792-7. D: 19,60 EUR, A: 20,20 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Unter den Hilfen zur Erziehung zählt die Vollzeitpflege in Familien, mit über 70.000 Platzierungen zahlenmäßig gleich nach der Heimunterbringung/betreutem Wohnen einzuordnen, weiterhin zu den Klassikern. Da liegt es nahe, diese Form der Unterbringung auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu erwägen.

Autorinnen und Entstehungshintergrund

Kimberley Weper und Miriam Brennecke haben zu diesem Thema eine Bachelorarbeit im Studiengang Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden vorgelegt, die von der Fakultät ausgezeichnet und mit Unterstützung der Stadt veröffentlicht wurde.

Aufbau

Die Veröffentlichung klärt in den ersten Kapiteln die spezielle Lebenslage von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und die generellen Anforderungen an Pflegefamilien, informiert über ein aktuelles Projekt des Landkreises Holzminden, um dann, nach kurzer Erläuterung des methodischen Vorgehens, zwei Interviews zusammenzufassen und zu kommentieren.

Es geht dabei um zwei Jugendliche aus Afghanistan, die in Familien untergebracht waren. In einem Fall endete das Pflegeverhältnis auf Wunsch aller Beteiligten vorzeitig, im anderen Fall gilt es als erfolgreich. Aus dem Vergleich ziehen die beiden Autorinnen Schlüsse für die Gestaltung dieser Form der Fremdunterbringung.

Inhalt

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterscheiden sich von anderen Kindern und Jugendlichen, die in Pflegefamilien untergebracht werden, ganz erheblich. Da sind vor allem die häufig traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht zu nennen, ebenso die Ungewissheit über den weiteren Verbleib, die Konfrontation mit Deutsch als Fremdsprache und weithin unbekannten gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich in den Regeln und Selbstverständlichkeiten des Alltags widerspiegeln.

Familien, die gemäß § 33 SGB VIII Kinder oder Jugendliche in Vollzeitpflege aufnehmen, haben einige formale Bedingungen zu erfüllen, etwa auch in Hinsicht auf Wohnraum. Sie sollten auch flexibel und bereit sein, Veränderungen in ihrem Leben zuzulassen. Dazu gehört auch, wenn möglich, die jungen Menschen dabei zu unterstützen, den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie aufrechtzuerhalten. Dies ist im Falle eines Pflegekindes mit Fluchterfahrung allerdings selten realistisch.

Das Jugendamt des Landkreises Holzminden hat seit 2003 verstärkt die Familienpflege gerade auch älteren Kindern und Jugendlichen als Alternative zur Heimunterbringung angeboten, seit 2015 dezidiert auch Minderjährigen mit Fluchterfahrung. Hierzu wurden die Pflegeeltern im Vorfeld eigens über die besonderen Herausforderungen informiert. Sie sollten – ohne dass dies nachgeprüft oder getestet werden konnte – über interkulturelle Kompetenzen verfügen, insbesondere kulturelle Unterschiede gut aushalten können („Ambiguitätstoleranz“).

Die beiden Fälle von Familienpflege unterscheiden sich, folgt man den Angaben der Pflegemütter, fundamental. Im ersten Fall ist der junge Afghane sehr religiös, sodass „die Beterei“ die (konfessionslose) Pflegefamilie nervt; Kinobesuch ist nicht mehr drin, da der Afghane einen Film zu sexy fand. Er hat häufig Kontakt zu seinen leiblichen Eltern und ist ihnen loyal verbunden. Er hat wenig Interesse am Familienleben in der Pflegefamilie, während der Pflegevater kaum anwesend ist und der gleichaltrige Sohn sowieso andere Interessen hat …

Im zweiten Fall wird der Pflegesohn am häuslichen Leben (Gartenarbeit, Hund ausführen etc.) beteiligt und beteiligt sich auch selbst gerne daran, spielt mit den jüngeren Töchtern. Die leiblichen Kinder der Pflegefamilie waren von Anfang an in den Aufnahmeprozess eingebunden.

Im ersten Fall mag der Jugendliche die Autorität des Familienvaters missen, während diese im zweiten Fall immer mal wieder angefragt und bestätigt wird. Obwohl sich im ersten Fall die Pflegefamilie vor Erwartungen hüten wollte, hatte sie implizit doch einige, nicht zuletzt die, dass sich das Flüchtlingskind anpassen und dankbar zeigen werde.

Aus dem Vergleich der beiden Fälle ziehen Weper und Bennecke den Schluss, dass die Pflegefamilien noch besser auf die Aufnahme vorzubereiten seien. Mitentscheidend sei wohl, mit welcher Einstellung die Pflegeeltern dem Jugendlichen gegenübertreten; sie sollten sich darüber klar sein, dass „die scheinbar selbstbewussten jungen Männer“ auch „verletzte Kinder“ seien, die Schutz und Geborgenheit suchen. Sie halten daher grundsätzlich, wenn die Persönlichkeiten kompatibel seien, ein Pflegeverhältnis für „eine gute Option“. Jugendliche mit Fluchterfahrung hätten dadurch eine große Chance, die deutsche Sprache zu lernen, das Alltagsleben zu bewältigen und in Deutschland gut anzukommen.

Diskussion

Weshalb die Autorinnen es vorziehen, von der Unterbringung in „Gastfamilien“ zu sprechen, erschließt sich nicht. Abgesehen davon, dass diese „Gastgeber“ wären: Der rechtliche Rahmen ergibt sich aus der Kinder- und Jugendhilfe, auch der Kinderrechtskonvention. Selbst bei einer „Gastfamilie“, wie sie im internationalen Schüleraustausch fungiert, würde die Vermittlungsorganisation darauf achten, dass die Beteiligten vorweg voneinander wissen und auf Gemeinsamkeiten bauen können. Dass sich der afghanische Jugendliche und die deutsche Pflegefamilie in Sachen Religion diametral gegenüberstehen, geht auf einen schweren Vermittlungsfehler zurück. Auch die weiteren Fehler, die im Vorfeld gemacht wurden, machen es den Autorinnen (zu) leicht, Stoff zu sammeln. Sie hätten aber etliche Details klären müssen, so etwa, was es mit den „Hazaren“ (S. 41) auf sich hatte oder wie der Jugendliche es schaffte, den Kontakt mit seiner Herkunftsfamilie so kontinuierlich zu pflegen. Spätestens an dieser Stelle jedoch fragt man sich, wieso nicht auch die beiden Jugendlichen zu Wort kommen, wie sich die Entwicklung aus ihrer Sicht darstellt.

Stattdessen gehen die beiden Autorinnen dazu über, die von der jeweiligen Pflegemutter dargestellten Situationen und Vorkommnisse zu kommentieren und zu bewerten, meist zu rechtfertigen. Sie kommen z.B. nach kurzer Erläuterung zum „Lernen am Modell“ zu dem Ergebnis, dass man das Verhalten des afghanischen Jugendlichen „nicht negativ auslegen“ könne: Er sei nun mal durch Vorbilder geprägt, die Tradition und Religion so vorlebten.

Zum Stichwort „Erwartungen“ (oftmals fälschlich als „Erwartungshaltung“ bezeichnet) gehen die Autorinnen auf die Lebenssituation der fast 18jährigen ein, die sich eingangs durch Anpassung, ja vielleicht Überanpassung auszeichneten, dann aber – durchaus altersgerecht – auf Selbständigkeit, materielle Zuwendungen und die Peer Group hin orientierten. Beide Jungs durften jedoch den Landkreis angeblich nicht verlassen; da wäre nachzufragen gewesen, weshalb die Pflegefamilien und das Jugendamt hier die Interessen der Jugendlichen nicht vehement vertreten haben.

Gerade die Aussagen der zweiten (erfolgreichen) Pflegefamilie führen m.E. ohnehin zu einer grundsätzlichen Frage: Ist eine Familienunterbringung den Beteiligten überhaupt zumutbar, wenn doch der baldige 18.Geburtstag und eine unsichere Zukunft drohen? Wäre nicht gerade die Familienpflege die Basis dafür, den Jugendlichen mit Fluchterfahrung sowohl Schulabschluss als auch Berufsausbildung zu erkämpfen!

Fazit

Kimberley Weper und Miriam Brennecke haben anhand zweier Beispiele die Lebenslage unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge nachvollziehbar dokumentiert und die Potentiale der Familienunterbringung, auch mögliche Schwierigkeiten herausgearbeitet. Damit liegen erste Überlegungen vor, unter welchen Bedingungen Jugendliche mit Fluchterfahrung durch die Aufnahme in Pflegefamilien- und deren Unterstützung! – vielleicht sogar besser gefördert werden könnten als etwa in Heimen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 96 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 21.09.2017 zu: Kimberley Weper, Miriam Brennecke: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Herausforderungen für Gastfamilien. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-86387-792-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23091.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!