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Ada Fuest (Hrsg.): Mit Flüchtlingskindern lernen

Cover Ada Fuest (Hrsg.): Mit Flüchtlingskindern lernen. Anregungen und Projekte aus der Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 241 Seiten. ISBN 978-3-8340-1624-9. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Wenn es um die schulische Integration von Kindern mit Fluchterfahrung geht, ist zuallererst die Frage zustellen, welche Schule das ist, wie die Lehrerinnen und Lehrer die Individualität jedes einzelnen Kindes anerkennen und verstehen, wie sie seine schöpferische Kraft nutzen und beleben.

Herausgeberin, Autorinnen und Autor

Ada Fuest ist Lehrerin und Leiterin einer Grundschule mit Zusatzausbildungen als Individualpsychologin und Körperpsychotherapeutin.

Dr. Reinhard Stähling ist ebenfalls Lehrer und individualpsychologischer Berater, Barbara Wenders ist Lehrerin und Sonderpädagogin, Krystyna Strozyk an einer Grundschule und in der Lehrerbildung tätig.

Alle sind in der Stadt Münster tätig.

Aufbau

Nach einer Einleitung der Herausgeberin und Überlegungen von Stähling zum Thema „Flüchtlingskinder bereichern unsere Schulklassen“ folgen sieben Kapitel von Ada Fuest, im sechsten mit Material von B. Wenders. In fünf dieser Kapiteln entfaltet Fuest ihre pädagogischen Grundüberlegungen, die sie mit vielen Beispielen aus der Praxis belegt. Zwei Kapitel sind den Kindern aus Sinti- und Roma-Familien gewidmet.

Den Abschluss bilden Anmerkungen von Strozyk zur Mehrsprachigkeit.

Inhalt

Hintergrund der Überlegungen von Stähling und Fuest ist der Zuzug von Flüchtlingen aus dem Kosovo 1997. Ihre Schule, ohnehin in einem multikulturellen Umfeld gelegen, hatte zeitweilig ein Drittel Roma-Kinder. Die Lehrkräfte nahmen die Herausforderung an, weil sie an die Potentiale aller Schülerinnen und Schüler glaubten. Wichtig war dabei, dass der Klassenrat die Regeln des Zusammenlebens setzte, auch durchsetzte; der 10jährige Farhid erlebte so Orientierung, Klassengemeinschaft und Zugehörigkeit. Alle Schülerinnen und Schüler profitierten davon, dass sie voneinander und miteinander lernten, sich gegenseitig dabei halfen, die Aufgaben zu bewältigen.

Am Beginn jeder Begegnung einer Lehrkraft mit einem „neuen“ Schulkind steht das Bemühen, eine tragfähige Beziehung mit dem Kind aufzubauen. Um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Ängste und Nöte auszudrücken und zu überwinden, aber auch um Träume und Wünsche zu artikulieren, können verschiedene Medien eingesetzt werden. Will ein Kind nicht sprechen, wird es eingeladen, einen Märchenanfang schriftlich fortzusetzen. Lehrer und Schüler schreiben sich regelmäßig Briefe. Kinder werden ermutigt, Geschichten zu schreiben und vorzulesen. Beziehungen in der Familie werden gezeichnet und durch Tiere charakterisiert. Eine Unterrichtseinheit wird, anhand von Märchen wie Erzählungen der Kinder selbst, der Frage gewidmet, wie sich Kinder fühlen und welche Rollen sie auszufüllen haben, je nachdem, ob sie Einzelkinder, mittlere Kinder oder „Nachkömmlinge“ sind.

Kinder werden ermutigt, ihre Rechte zu formulieren, Grenzen zu ziehen. Dazu gehört auch, Nein zusagen, auch auf die berühmte Lehrerbehauptung hin, „Wir wollen jetzt …“ Wenn die Klasse einen Aufsatz schreiben soll, dann soll die Lehrerin es sich nicht zu leicht machen, sondern mitschreiben! Wenn die Kinder knatschig sind, darf die Lehrerin das auch mal sein – und umgekehrt. Auch die Lehrerin muss sich an die Gesprächsregeln halten (Ausnahme: Ergebnisse im Sachunterricht festhalten).

Ermutigende Leitgedanken werden gesammelt und auf einem Plakat festgehalten: Du hast das Recht, langsamer oder schneller zu lernen; Du hast das Recht, Frau Fuest zu sagen, dass ihr Unterricht gerade langweilig ist usf.

Wie sehr Roma-Kinder Mitgefühl zeigen und Familiensinn haben, zeigte sich z.B., als eine Schülerin sich erst am Lernen beteiligen wollte, nachdem sie sich telefonisch versichern konnte, dass es ihrer Kusine im Krankenhaus gut ergehe. Auch wenn für die Roma-Familien die Schule etwas Fremdes war, wollten sie dennoch, dass die Kinder ihre Bildungschance wahrten. Die Kinder haben ja eigentlich kein Sprachproblem, nur ist die Bildungssprache Deutsch eben nur ihre Drittsprache (nach Romanes und z.B. Albanisch). Ein sprachlich motivierendes und Verständnis förderndes Projekt bestand darin, dass – mit Erlaubnis der Eltern – die Roma-Kinder sich und ihre Familien mit einem Videofilm vorstellten: Besuch im Container!

Wenn Unterricht so gelingen soll, dann hat das für die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte, für die Reflexion und Persönlichkeitsbildung Konsequenzen, vor allem die, authentisch zu sein: Übe das Nein; mach sichtbar, was Du denkst und fühlst; helfe gern, aber lass Dich vor keinen Karren spannen usf.

Auch wenn die Bildungssprache Deutsch angesagt ist, die Familiensprachen der Kinder gehören dazu, zu ihnen. Eine Doppelstunde pro Woche soll dafür da sein, dass den Kindern in ihrer Herkunftssprache vorgelesen wird, dass sie selbst Texte in ihrer „Gefühlssprache“ vortragen. Mehrsprachige Kinder erfahren so praktisch Wertschätzung.

Diskussion

Der Buchtitel weckt zunächst falsche Erwartungen; es geht nicht aktuell um Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung, die in den letzten zwei, drei Jahren in Deutschland angekommen sind.

Damit wird aber auch indirekt und zurecht daran erinnert, dass Deutschland nicht erst seit September 2015 Einwanderungsland ist: Die Lehrerinnen und Lehrer haben sich doch längstens auf multikulturelle Klassenzimmer eingestellt, sollte man jedenfalls meinen.

Und das ist die besondere Hypothese, die mit dem vorliegenden Band erläutert werden kann: Wenn die Kolleginnen und Kollegen sich den Kindern mit Optimismus und Freude, Respekt und Zuneigung, Fairness und Gleichberechtigung zuwenden, jedes Kind schätzen und achten, dann bräuchte es nicht gleich und eigens „Ausländerpädagogik“.

Allerdings geht das nur voran, wenn Kinder mit Fluchterfahrung nicht nur „beschult“ werden, sondern, mit zusätzlichem Personal, versteht sich, Kleingruppen gebildet werden können, vor allem aber die besonderen Zugänge möglich sind, die Ada Fuest hier (und in etlichen anderen Publikationen zur individualpsychologischen Beratung) vorstellt.

Dabei werden hier viele Erzählungen und Zeichnungen der Kinder, insbesondere Märchen über viele Seiten hinweg reproduziert – für den außenstehenden Leser etwas ermüdend.

Fazit

Der vorliegende Band zeigt überzeugend, materialreich und anschaulich, dass Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund miteinander und voneinander lernen können, nämlich insbesondere die Regeln des Alltags und des fairen Umgangs, das Gleichgewicht von Individualität und Zugehörigkeit.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.08.2017 zu: Ada Fuest (Hrsg.): Mit Flüchtlingskindern lernen. Anregungen und Projekte aus der Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1624-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23095.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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