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Dieter Korczak (Hrsg.): Migration und Demokratie

Cover Dieter Korczak (Hrsg.): Migration und Demokratie. Asanger Verlag (Kröning) 2017. 161 Seiten. ISBN 978-3-89334-618-9. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
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Thema

Die Versorgung von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern in Turnhallen und Containern, in Erstaufnahmeeinrichtungen, war der erste Schritt, jetzt kommt es darauf an, weitere Ressourcen zu mobilisieren: gute Nachbarschaft, Deutschkurse, psychiatrische Behandlung, gute Dolmetscher im Anhörungsverfahren.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Dr. Dieter Korczak (Jg. 1948) ist ein Sozialwissenschaftler, der mit seinem Institut Hunderte von Forschungsprojekten durchgeführt hat und als Vorsitzender der Interdisziplinären Studiengesellschaft (ISG) seit 1997 für deren Schriftenreihe verantwortlich ist.

Die Autorenschaft zeichnet sich durch große Vielfalt aus; Manche sind im Ruhestand, Manche stehen am Anfang einer akademischen Laufbahn; neben der Psychiatrie und Geografie sind Psychologie und die Erziehungswissenschaften vertreten.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Der Band umfasst zehn Beiträge, darunter auch eine Reportage und eine Sammlung Aphorismen. Die meisten Beiträge gehen auf die Jahrestagung der ISG 2016 zurück. Sie haben folgende Themen:

  1. Völkerwanderung (Aron Ronald Bodenheimer)
  2. Xenophobie (Helmwart Hierdeis)
  3. Raum (Astrid Weißenburg)
  4. Dolmetscher im Asylverfahren (Joella Korczak)
  5. Westliche Werte (Carl-Jürgen Kaltenborn)
  6. Psychotherapeutische Behandlung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (Pfister/Kötter)
  7. Friedensprojekt „Zelt der Völker“ (Marius Stark)
  8. Ehrenamtliche Krefelder in der Flüchtlingshilfe (Hansgeorg Rehbein)
  9. Integration von Flüchtlingen im Quartier (Olaf Schnur)
  10. Interkulturalität (Dieter Korczak).

Inhalt

Migration gehört zur Menschheitsgeschichte. Aus der Wanderschaft wachsen das Heimweh und die Heimatliebe, die durchaus auch zu Fremdenhass werden können, wenn Menschen die Angst abwehren, die sie vor fremden, ihnen unverständlichen Anteilen ihrer Person haben. Identitätsbildung ist auch damit verbunden, dass das Andere fremd wird. Dahinter steht oft auch die Angst vor Wandel. Wie schon Freud dargestellt hat, gehen Menschen, die Ohnmacht in Herrschaftsverhältnissen erfahren haben, gegen die „Falschen“ vor, nämlich gegen sich selbst oder gegen Fremde, die sie nur in Form von konstruierten Feindbildern kennen,

In der Praxis der Flüchtlingshilfe ist Kultursensibilität gefragt, gerade wenn unsere Logik eine andere ist. Menschen aus arabischen Ländern drehen Wasserhähne nicht zu, da Wasser ja nur sporadisch kommt. Mit der Muttersprache transportieren Einwanderer auch Konzepte, die z.B. im Schulunterricht diskutiert werden können: Was ist ein „Dorf“? Im Russischen gibt es zwei Wörter dafür, je nachdem ob eine Kirche dabei ist.

Für traumatisierte Jugendliche sind besondere Therapien hilfreich, die Schlafstörungen und Angstattacken mindern. Ziel ist, ihr Selbstbewusstsein zu fördern. Während die Gespräche mit Dolmetschern geführt werden, konzentriert sich die Therapeutin auf Mimik, Gestik, Körpersprache. Spezifische Atemtechnik und Handbewegungen können Überregungen abbauen.

Im Asylverfahren ist die Anhörung eine überaus wichtige Stufe; wieweit ein Antragsteller seine Fluchtgründe dem Entscheider verständlich machen kann, hängt wesentlich vom Dolmetscher ab, der wortgetreu übersetzen, aber eben auch Gefühle und Bedeutungen übermitteln soll. Aus Eritrea geflüchtete Menschen, so berichtet ein Dolmetscher, erwarten von jemandem, der „Hilfe“ anbietet, dass er Probleme löst, nicht nur mit dem Geflüchteten darüber spricht. Dolmetscher wehren sich dagegen, durch Rückgriff auf Dialekte oder Traditionswissen die Herkunft eines Antragstellers überprüfen zu müssen, also in Kontroll- oder Entscheidungspositionen gebracht zu werden.

Helfer in der Flüchtlingsarbeit können, wie das Beispiel Krefeld zeigt, persönliche Begegnungen organisieren und alltagsrelevante Deutschkenntnisse vermitteln. In der ganzen Stadt wurden schnell (!) Begegnungscafés gegründet. Nichts brauchen Neuankömmlinge mehr als Menschen, denen sie vertrauen. Das Quartier ist dabei die „Ankommensressource und … Orientierungsebene“.

Die Formen der Einwanderung sind je nach Zeit und Herkunft sehr unterschiedlich. Das zeigt sich schon für die vermutlich 1,5 bis zwei Millionen Menschen in der Bundesrepublik, die Polnisch sprechen (konnten bzw. könnten), von den „Ruhrpolen“, Zwangsarbeitern, displaced Persons, Aussiedlern bis zu den EU-Bürgern. Diese haben sich, im Unterschied zu Personen mit türkischem Migrationshintergrund, nicht als Gemeinschaft organisiert: „Eine polnische Parallelgesellschaft in Deutschland ist nicht zu erkennen“.

Was ist der Wert des Westens? Was kann der Westen bestens? Die Aphorismen hierzu handeln von Kolonialismus, Rüstungsindustrie und Wirtschaftsmacht. Angemerkt wird auch, dass die Heimsuchung, Katastrophe der Shoah kein Brandopfer (Holocaust) war.

Der Bericht zum Friedensprojekt, das eine christliche palästinensische Familie auf ihrem rechtmäßigen Landeigentum mit vielen Freiwilligen aus aller Welt aufgebaut hat, sendet vor allem eine Nachricht: „Wir weigern uns, Feinde zu sein“.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Band bestätigt die ISG ihren Ansatz, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Disziplinen und Professionen zu Wort kommen zu lassen. Dies erfolgt allerdings nacheinander, ohne dass diese sich wirklich aufeinander beziehen. Dabei durchzieht das Buch doch eine geradezu elektrisierende Spannung: Die ersten Beiträge lassen noch den Schluss zu, Feindbilder und Fremdenangst seien naturgesetzlich, urwüchsig, ja unentrinnbar, während die Berichte aus der Praxis, ob nun aus Krefeld oder Palästina überzeugt und überzeugend diese Auffassung konterkarieren. Der Buchtitel passt auch insofern nicht (überdies schon von anderen verwendet). Demokratie ist hier nicht das Thema.

Die ISG hat natürlich die Freiheit, die Aphorismen von Kaltenborn abzudrucken, entgegen formaler Usancen. Das gilt auch für den Wiederabdruck eines Textes von 2001, dessen Autor Bodenheimer 2011 verstorben ist. Am Beitrag von Pfister und Kötter, so ähnlich bereits 2016 erschienen, zeigt sich auch, dass der interdisziplinäre Ansatz verlangt, die Grenzen der Fachsprachen zu überwinden. Weithin unverständlich und unnötig ist die „Raum-Konstruktion“ bei Weißenburg, der wir aber gute Beispiele kultureller Überschneidungssituationen verdanken. Der Beitrag von Joella Korzcak ist nach Umgang (22 Seiten) und Methode etwas Besonderes, da sie dank ihrer Bachelorarbeit auf Empirie aufbauen kann, gerade auch wichtige Mitwirkende befragt bzw. zu Wort kommen lässt.

Der Band empfiehlt sich durch ein Vorwort, das die Beiträge knapp, aber informativ und präzise vorstellt. Die Terminologie ist, aus gutem Grund, nicht einheitlich: Für „Flüchtlinge“ spricht der traditionelle und offiziell-amtliche Sprachgebrauch, der nicht notwendigerweise verniedlichend oder pejorativ gemeint ist (s. Häuptling, Zwilling, Winzling), während – wie mitunter gefordert – die Bezeichnung „Geflüchtete“ etwas grob, wie „Behinderte“, ohne den ganzen Menschen auskommt. Wenn schon, dann Menschen mit Fluchterfahrungen!

Fazit

Der vorliegende Band zeigt, dass Beiträge aus verschiedenen Wissenschafts- und Praxisbereichen zum Thema „Migration“ sehr hilfreich und fruchtbar sein könnten, wenn sie inter-disziplinär angelegt, also aufeinander bezogen sind.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 19.07.2017 zu: Dieter Korczak (Hrsg.): Migration und Demokratie. Asanger Verlag (Kröning) 2017. ISBN 978-3-89334-618-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23099.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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