socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Patrick S. Föhl, Patrick Glogner-Pilz: Kulturmanagement als Wissenschaft

Cover Patrick S. Föhl, Patrick Glogner-Pilz: Kulturmanagement als Wissenschaft. Grundlagen - Entwicklungen - Perspektiven : Einführung für Studium und Praxis. transcript (Bielefeld) 2017. 171 Seiten. ISBN 978-3-8376-1164-9. 13,80 EUR, CH: 25,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Kulturmanagement ist eine vergleichsweise junge Wissenschaftsdisziplin. Noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eher belächelt, haben sich heute etliche Studiengänge etabliert und Forschungsprojekte entwickelt. Das Buch will Grundlagen, Entwicklungen und Perspektiven zu Kulturmanagement als Wissenschaft aufzeigen und so eine Einführung für Studium und Praxis liefern.

Autoren

Patrick Föhl (Jg. 1978) ist ein Schüler von Armin Klein und hat an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zum Thema „Kooperationen und Fusionen von öffentlichen Theatern“ promoviert. 2004 gründete er ein Netzwerk für Kulturberatung. 2010 übernahm Patrick Föhl an einer privaten Hochschule in Berlin eine Professur für Kulturmanagement.

Patrick Glogner-Pilz studierte Lehramt für Grund- und Hauptschule, absolvierte ein Magister-Aufbaustudium zum Kulturmanagement und promovierte 2006 zum Thema „Kulturelle Einstellungen leitender Mitarbeiter kommunaler Kulturverwaltungen“. Seit 2010 ist er akademischer Oberrat und heute stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur- und Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Entstehungshintergrund

Kulturmanagement wird als Studiengang in Deutschland seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts vermittelt. Als Kombination von Ausbildungsgängen in der Kunst und Kultur einerseits und der Betriebswirtschaft andererseits wurde die Vermittlung von Kulturmanagement oft als eine angewendete Wissenschaft gesehen. Eine Veröffentlichung, ob und wie Kulturmanagement als eigenständiges wissenschaftliches Feld verstanden werden kann, welche untersuchungsleitenden Fragestellungen, welche Vertiefungsbereiche und welche Methoden für die empirische Forschung hilfreich sind, wurde erstmals durch Föhl und Glogner-Pilz 2011 erstellt. 2017 folgt nun eine erweiterte und überarbeitete Auflage.

Aufbau

Das Buch hat sechs Kapitel.

  • In den ersten beiden Kapiteln werden Kulturmanagement als Hochschuldisziplin vorgestellt und aktuelle Themen und Diskurse beschrieben.
  • Im dritten Kapitel schlagen die Autoren eine Brücke zur wissenschaftlichen Bedeutung des Kulturmanagements.
  • Die Kapitel vier und fünf widmen sich dem wissenschaftlichen Arbeiten im Kulturmanagement und beschreiben Methoden zur Wissensgewinnung mittels empirischer Sozialforschung.
  • Im letzten Kapitel findet sich ein Ausblick, in dem die Autoren kurz und knapp die Zukunftsthemen für eine Kulturmanagement-Forschung zusammenstellen.

Inhalt

Deutschland hat sich schwer getan damit, Kulturmanagement als Hochschuldisziplin anzuerkennen. Anders als in den angelsächsischen Ländern wurden die Managementanforderungen an einen zeitgemäßen Kulturbetrieb in Deutschland aufgrund der überwiegend öffentlichen Finanzierung von Kultureinrichtungen gering bewertet und eingeschätzt. Diese Kompetenzen bildeten, so die Autoren, „in den öffentlichen Kultureinrichtungen und -verwaltungen weiße Flecken“ (S. 16). Die Kulturentwicklung in der Nach-68er-Aera war allerdings dynamischer, als dass sie durch Haushaltsausweitungen hat finanziert werden können. Aus dem finanziellen Druck erwuchs die Notwendigkeit die Kulturarbeit in Strukturen und Prozessen zu professionalisieren. Mittels betriebswirtschaftlicher Instrumentarien wurde versucht, Kulturbetriebe und -verwaltungen effizienter und effektiver zu machen. „Mit den … Entwicklungen ging … nicht nur eine Ausweitung, sondern auch eine Diversifizierung des Rollenverständnisses von Kulturmanagern einher, das zwischen dienendem und gestaltendem Kulturmanagement oszilliert“ (S. 19).

Föhl und Glogner-Pilz beschreiben die Diversifizierung der Studiengänge, denen stets gleich ist, dass sie Kulturwissenschaft und Kulturpraxis auf der einen und Betriebswirtschaft auf der anderen Seite vermitteln. Von diesem Ausgangspunkt wurden die „eher allgemein gehaltenen Kulturmanagement-Ansätze auf die Anforderungen und Bedürfnisse einzelner Sparten und Entwicklungsfelder spezialisiert“ (S. 19).

In der wissenschaftlichen und der Diskussion der Praktiker spielte in Deutschland Kulturmanagement immer eine geringere Rolle als die Erörterung der Kulturpolitik. Sie hatte ein Akzeptanzproblem. Nur mühsam gelang es dem Kulturmanagement Anerkennung zu finden. Zu groß war die Angst, dass Kulturmanagement betriebswirtschaftliche Instrumente unreflektiert auf Kulturarbeit überträgt (s. S. 37). Kern der Selbstverständnis- und Rollendiskussion im Kulturmanagement war immer die Frage, wie stark der Managementprozess verändernd auf Kultur und ihre Inhalte wirkt. Für die Autoren steht außer Frage, dass Kulturmanagement kein „reines Hilfsinstrument“ (S. 46) ist: „Denn eines dürfte inzwischen im Rückblick deutlich werden: Kulturmanager sind vielfach auch intellektuelle, aktive Mitgestalter von Kunst und Kultur, sie sind kritische Betrachter des Systems Kunst- und Kulturbetrieb und damit wertvolle Experten für alle Kulturakteure – und das neben ihrer originären Funktion als Ermöglicher, Vermittler und Vermarkter von Kunst und Kultur.“ (S. 46)

Im dritten Kapitel definieren die Autoren zunächst ihr Verständnis vom Begriff „Wissenschaft“. Hierbei formulieren sie Anforderungen an das wissenschaftliche Arbeiten vor dem Hintergrund erkenntnistheoretischer Ansätze zur Wissensgewinnung. „Dieser Publikation liegt ein Verständnis des Fachgebiets Kulturmanagement als interdisziplinäre und querschnittsorientierte Bezugslehre zugrunde“, schreiben Föhl und Glogner-Pilz. Kulturmanagement ist für die Autoren nicht nur eine Wortkombination, sondern die Verschmelzung zweier wissenschaftlicher Untersuchungsfelder zu einem neuen Berufsbild. Deswegen forden die Autoren auch eine ständige Anwendungsorientierung.

Der Praxisbezug bleibt für die Autoren bei wissenschaftlichen Arbeiten im Kulturmanagement unerlässlich. Doch sie beschreiben, dass neben der quantitativen und der qualitativen Forschung wichtig sei, Erkenntnisse auf unterschiedlichen Ebenen und durch verschiedene Perspektiven zu gewinnen. Sie greifen hierbei auf den von Norman K. Denzin 1970 geprägten Begriff „Triangulation“ zurück. Am Praxisbeispiel des Kulturentwicklungsprozess in Düsseldorf, der 2013 durchgeführt wurde, zeigen die Autoren auf, dass unterschiedliche Akteure unterschiedliche Sichtweisen entwickeln. Diese zu würdigen und abzuwägen war nötig, um Einsichten zu gewinnen. Bei der empirischen Forschung im Bereich Kulturmanagement, so folgern die Autoren, könne auf partizipative Prozesse nicht verzichtet werden.

Im fünften Kapitel vermitteln die Autoren die Methoden empirischer Kulturmanagement-Forschung. Das fängt an mit einem Überblick über zu empfehlende Einführungsliteratur und Vertiefungswerken, geht weiter über einen kurzen Abriss zur Grauen Literatur und Hinweisen zu Arbeiten aus dem Ausland.

Neben Sekundäranalysen, also der Auswertung bereits dokumentierter Forschungen begründen Föhl und Glogner-Pilz für Kulturmanagement die „Notwendigkeiten originärer Forschungsbemühungen“ (S. 102). Ausführlich beschreiben sie verschiedene Erhebungsmethoden in der Empirischen Sozialforschung, die bei Forschungsarbeiten im Kulturmanagement Anwendung finden können:

  • Interviewmethoden
  • schriftliche Befragungen
  • Telefonumfragen
  • computergestützte Erhebungen
  • qualitative Interviews
  • Gruppendiskussionen
  • Beobachtungen
  • Inhaltsanalysen
  • Experiment
  • Fallstudien

Abschließend folgen Hinweise zur Auswertung qualitativer und quantitativer Forschungsergebnisse (S. 128-132).

Das sechste Kapitel „Ausblick“ nutzen die Autoren für einen kurzen Einstieg, in dem sie kritisch auf die kulturpolitische Diskussion eingehen. Sie erachten als bedenklich, „dass das Kulturmanagement im Enquete-Bericht ‚Kultur in Deutschland‘ des Deutschen Bundestages so gut wie keine Rolle“ spielte (S. 133). Sie beschreiben anschließend Zukunftsthemen Forschungsfelder im Kulturmanagement, die, wenn sie bearbeitet und deren Ergebnisse umgesetzt werden, zu Transformationen heutiger Kulturarbeit und -einrichtungen in eine neue Zeit führen.

Diskussion

Das Ausmaß der Geringschätzung, die Kulturmanager der ersten Jahre erfahren haben, übergehen die Autoren höflich. Reduziert auf die Funktion eines Buchhalters wurde der Kulturmanager in die Schranken verwiesen, im Vordergrund stand immer das Interesse über Kulturpolitik zu sprechen. Erst mit der Ressourcenverknappung wurde Kulturmanagement auch eine Anforderung für den öffentlichen Kulturbetrieb und er tut sich in Deutschland bis heute schwer damit. Doch neben der Kultur durch die öffentlichen Hände entwickelt sich eine Kultur- und Kreativwirtschaft, deren Grundbedingung es ist, Kultur zu managen. Föhl und Glogner-Pilz zeigen diese Entwicklung und die Reaktion darauf auf dem Gebiet der Kulturmanagementlehre und -forschung aus meiner Sicht im ersten Drittel des Buches schlüssig auf.

Auf den Seiten 53 – 132 erfolgt die Einführung für Studium und Praxis im wissenschaftlichen Arbeiten. Die Adaption des Methodenwissens auf das Fach Kulturmanagement ist allgemeingültig und könnte so auch auf andere kultur- und sozialwissenschaftliche Studienfächer übertragen werden. Trotzdem, wer Kulturmanagement studiert, findet hier einen Einblick in den wissenschaftlichen Werkzeugkasten.

Lesenswert in jedem Fall sind die Zukunftsthemen des Kulturmanagement, die die Autoren im Ausblick auflisten. Und lohnend für all diejenigen, die ein Thema für eine wissenschaftliche Bearbeitung suchen. Ich hoffe aber, einer dieser Suchenden liest den Hinweis auf S. 51, wo Föhl und Glogner-Pilz ausführen, „dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung und Fundierung des Fachs Kulturmanagement in seiner Entstehungsgeschichte und gegenwärtigen Verfasstheit angezeigt ist.“

Fazit

Föhl und Glogner-Pilz legen mit ihrem Werk eine Einführung für das Studium des Kulturmanagements vor. Vor dem Hintergrund der noch jungen Entwicklung dieses Wissenschaftsgebiets beschreiben sie Grundlagen, Entwicklungen und leiten Perspektiven ab. Der Hauptteil des Buches befasst sich mit Wissenschaftsmethoden, die für das wissenschaftliche Arbeiten im Gebiet des Kulturmanagements eingesetzt werden.

Damit ist das Buch all denjenigen zu empfehlen, die sich für ein Kulturmanagement-Studium interessieren. Die Herleitung und die als verdienstvoll beschriebenen Forschungsfelder im Kulturmanagement eignen sich dagegen auch als Sekundärinformation bei einer wissenschaftlichen Befassung mit dem Kulturmanagement.


Rezensent
Prof. Peter Vermeulen
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Peter Vermeulen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Vermeulen. Rezension vom 10.01.2018 zu: Patrick S. Föhl, Patrick Glogner-Pilz: Kulturmanagement als Wissenschaft. Grundlagen - Entwicklungen - Perspektiven : Einführung für Studium und Praxis. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-1164-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23105.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung