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Forschungsschwerpunkt Tier-Mensch-Gesellschaft (Hrsg.): Vielfältig verflochten

Cover Forschungsschwerpunkt Tier-Mensch-Gesellschaft (Hrsg.): Vielfältig verflochten. Interdisziplinäre Beiträge zur Tier-Mensch-Relationalität. transcript (Bielefeld) 2017. 356 Seiten. ISBN 978-3-8376-3685-7. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.
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Thema

Bereits der Titel des Buches – Vielfältig verflochten – verrät, was den Leser erwartet: In Beiträgen aus verschiedenen Disziplinen (Agrarwissenschaften, Philosophie, Biologie, Kulturwissenschaften usw.) wird die Beziehung zwischen Mensch und Tier beleuchtet, reflektiert und sowohl in einen gesellschaftlichen als auch in einen zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet. Die je nach Intention der Tierhaltung unterschiedliche Relationalität zwischen Tier und Mensch wird analysiert und die Verflechtungen deutlich.

Die einzelnen Beiträge des Buches basieren auf empirischen Zwischenbefunden aus 16 Teilprojekten des hessischen Landesprogramms LOEWE (Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz), welche im Rahmen einer Tagung im Jahr 2015 vorgestellt wurden.

Herausgeber

Herausgeber des Buches ist der LOEWE- Forschungsschwerpunkt „Tier-Mensch-Gesellschaft“ der Universität Kassel.

Die Autorenschaft setzt sich zusammen aus Biologen, Philosophen, Agrarwissenschaftlern, Soziologen, Ethologen, Literaturwissenschaftler, Kunstwissenschaftlern, und Historikern. Alle Autoren sind Mitglied im oben genannten LOEWE- Forschungsschwerpunkt.

Aufbau und Einleitung

Das Buch umfasst insgesamt jeweils sechs Beiträge zu den drei übergeordneten Themenbereichen

  1. GRENZZIEHUNGEN,
  2. INTERAKTIONEN und
  3. A(SYMETRIEN).

In der vorgeschalteten Einleitung von Winfried Speitkamp wird der Leser in das interdisziplinäre Thema eingeführt und ihm werden die zahlreichen Sichtweisen des oben genannten Themas vor Augen geführt.

Zu 1. GRENZZIEHUNGEN

Der erste Beitrag von Francesca Michelini behandelt die Mensch-Tier-Relation in Bezug auf eine historische Konstellation, die von Uexküll (Zoologe), Plessner (Philosoph, Antropologie) und Heidegger (Philosoph) diskutiert wurde.

Im zweiten Text von Stephanie Milling geht es um die Beziehung Mensch-Tier (und umgekehrt) aus Sicht der Kunst. Ausgangspunkt ist die Werkanalyse der Performance „Rat Piece“ des amerikanischen Künstlers Kim Jones. Ein- und Ausschließungsmechanismen des Tieres vom Menschen in der gesellschaftlichen Praxis werden hier beleuchtet.

Eine neue Sichtweise des Themas zeigt sich im dritten Beitrag von Yvonne Sophie Thöne, der sich mit theologischen Fragen, Erklärungen und Textbeispielen aus der Bibel beschäftigt. Die Autorin vergleicht die Schöpfungsgeschichte mit der Erzählung von Bileam aus dem 4. Buch Mose (Numeri). Gott, Mensch und Tier sind miteinander verwoben, aber Gott steht an höchster Stelle.

Die Autoren Ulf Liebe, Benedikt Jahnke und Ulrich Heitholt stellen im vierten Kapitel ihre Bevölkerungsumfrage vor zu den Fragen: Wie ähnlich sind Mensch und Tier? Wie groß ist das Bewusstsein für das Tierwohl? Ergeben sich aus den Antworten Auswirkungen auf das Handlungsverhalten der Bevölkerung?

Thomas Ruhland beschäftigt sich fünften Abschnitt mit der Naturgeschichte des 18. Jahrhunderts und erläutert anhand von Insektenstudien die Debatte über die bisher noch unbekannten Fortpflanzungsarten. Ein Ziel der Naturgeschichte dieser Zeit war das Schaffen einer Ordnung, in die alles und jedes einzugliedern war.

Das sechste Kapitel von Christian Presche zeigt eine empirische Studie, in der Kunstgegenstände in der Zeit von 1677-1806 aus dem hessischen Raum im Hinblick auf die Beziehung Tier-Mensch untersucht wurden. Die Häufigkeit bestimmter Tierarten und deren Symbolik werden vermittelt und in den Kontext der jeweiligen Gesellschaft und Kultur gestellt.

Zu 2. INTERAKTIONEN

Der erste Beitrag von Wiebke Reinert zu diesem Aspekt beleuchtet das Verhältnis von Tierpflegern, Dompteuren oder ähnlichen Berufsgruppen zu der Spezies Tier. Auch dieses Verhältnis hat sich im Laufe der Zeit stark verändert, weil Gesellschaft und Kultur im stetigen Wandel begriffen sind.

Christopher Hilbert sieht im zweiten Text das Thema Interaktionen aus der Sicht der Tierschutzforschung, die sich zur Aufgabe macht, die psychischen Auswirkungen der Haltungsumgebung auf Tiere zu untersuchen. Die tierliche Subjektivität, das tierliche Erleben werden auf der theoretischen Ebene von Darwin über Romanes, Morgan, Lorenz zu Goodall diskutiert.

Birgit Benzing und Ute Knierim betrachten die Erforschung des Wohlbefindens von Tieren in dem dritten Aufsatz. Die Autoren zeigen die Schwierigkeiten der Testverfahren auf, erklären den erarbeiteten Indikatorenkatalog als Spiegelbild des Tieres in der Wissenschaft und somit auch als Hinweis auf die Beziehung Mensch-Tier.

Der vierte Beitrag von Asja Ebinghaus, Silvia Ivemeyer, Julia Rupp und Ute Knierim beschäftigt sich mit der Entwicklung von geeigneten Messgrößen, um das Verhältnis Mensch-Tier in der Milchrinderzucht zu verbessern. Die Autoren haben zu diesem Thema eine Erhebung durchgeführt und stellen deren Ergebnisse vor.

Daniel Wolf untersucht in dem folgenden fünften Text die bildliche Darstellung von Tieren im 18. Jahrhundert am Kassler Carolinum. Dabei handelt es sich nicht um künstlerische Darstellungen, sondern um Abbildungen, die der Wissenschaft dienten. Das Tier wurde als Objekt angesehen und diente erst ab dem Zeitpunkt des Todes zu wissenschaftlichen Zwecken. Nach der Sezierung wurden die neuen Erkenntnisse durch Zeichnungen etc. für die Nachwelt festgehalten.

Im sechsten Bericht dieses Kapitels befasst sich Susanne Schul mit der Mensch-Tier-Beziehung in der Wolfdietrich-Epik aus dem 13. Jahrhundert. Hierbei handelt es sich um verschiedene Variationen des Romulus-und Remus-Themas, da auch hier ein Kind unter Wölfen aufwächst. Die Begegnung dieser beiden Spezies führt zu erheblichen Auswirkungen auf menschliche sowie auf tierliche Verhaltensmuster.

Zu 3. (A)SYMETRIEN)

Der erste Beitrag von Anna-Theresa Kölczer beschäftigt sich mit der mythologischen Tier-Mensch-Relation am Beispiel des Wiedehopfes. Konrad von Mengenberg veröffentlichte im 14. Jahrhundert Schriften zur Naturkunde, in denen der Wiedehopf im Vergleich zum Menschen eine große Rolle spielt. Bis hin zur Metamorphose (der Wiedehopf war früher einmal ein Mensch) wird das Aussehen und Verhalten des Vogels auf religiöser, sozialer und moralischer Ebene erklärt, sodass die Auswirkungen sogar auf Politik und den Wertekanon Einfluss haben.

Silke Förschler untersucht in dem zweiten Beitrag Tiergemälde aus dem 18. Jahrhundert und konstatiert anhand eines Rhinozeros Bildes von Oudry, dass die Lebendigkeit eines Tieres verstärkt werden kann, je mehr tierisches Material beim Malen verwendet wird (Farben, Pinselborsten, Pergament etc.). Das tote Tier ist folglich als Arbeits- und Kunstmaterial mit dem lebend dargestellten Tier verbunden.

Im dritten Aufsatz stellt der Autor Felix Schürmann seine Forschungsergebnisse zur Geschichte der erstmaligen Auswilderung von Schimpansen vor. Diese elf Tiere wurden unter Leitung vonB. Grzimek 1966 auf einer Insel im tansanischen Teil des Viktoriasees angesiedelt, beobachtet und in ihrer Eingewöhnung begleitet.

Diana Krischke stellt sich in dem folgenden Text die Frage: Warum stellen Menschen ihre Kühe auf Zuchtverbandsschauen aus? Diese Frage hat sie mittels einer Online-Umfrage untersucht und stellt erste Ergebnisse vor. Die Motivation ist nicht der Sieg, sondern eher der Zuchtfortschritt, die Zuchtziele und das gesellschaftliche Ereignis.

Im fünften Beitrag wird das Mensch-Tier-Verhalten im Hinblick auf Zuchtprogramme bei Rindern von Laura Santoa, Kerstin Brügemann und Sven König beleuchtet. Verhaltensmerkmale der Tiere beeinflussen die Produktivität, sowie auch genetische und umweltbedingte Effekte.

Ulf Liebe und Benedikt Jahnke beschäftigen sich im letzten Bericht mit dem Thema Tierrechtsaktivismus. Die Autoren untersuchen in ihrer empirischen Studie die Frage nach der Motivationslage von Tierrechtsaktivisten und die Entscheidung für oder gegen legale oder illegale Formen des Protestes.

Diskussion

Das vorliegende Buch behandelt das Thema Relationalität von Tier und Mensch in einer großen thematischen Bandbreite. Autoren mannigfaltiger Professionen kommen zu Wort und tragen fundierte Aspekte und Erkenntnisse bei. Auf sprachlich hohem Niveau werden von den Autoren durchgeführte Studien und schriftliche Abhandlungen vorgestellt. Die thematischen Ansätze reichen von der Genesis bis zu aktuellen Phänomenen wie Tierrechtsaktivismus, Tierversuchen und bspw. Zuchtverbandsschauen. Alle behandelten Aspekte werden vor dem gesellschaftlichen und ggf. historischen Hintergrund gespiegelt und erläutert.

Fazit

Das rezensierte Werk, welches sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier auf historischer, ethischer, theologischer, philosophischer, literarischer und agrarwissenschaftlicher Ebene befasst, stellt eine interessante Lektüre für Personengruppen dar, die sich mit dem theoretischen Gedankengut rund um das Thema der Verflechtungen zwischen Tier und Mensch aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen möchten.


Rezensentin
Maike Beine
M.A. Soziale Arbeit, B.A. Kindheitspädagogik, Marte Meo Therapeutin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Praxisreferat an der Kath. Hochschule NRW, Abteilung Paderborn
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Zitiervorschlag
Maike Beine. Rezension vom 14.08.2017 zu: Forschungsschwerpunkt Tier-Mensch-Gesellschaft (Hrsg.): Vielfältig verflochten. Interdisziplinäre Beiträge zur Tier-Mensch-Relationalität. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3685-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23106.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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