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Regina Abeld: Professionelle Beziehungen in der sozialen Arbeit

Cover Regina Abeld: Professionelle Beziehungen in der sozialen Arbeit. Eine integrale Exploration im Spiegel der Perspektiven von Klienten und Klientinnen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 275 Seiten. ISBN 978-3-658-17128-5. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Thema

Regina Abeld thematisiert in diesem Buch den hohen Stellenwert von professionellen Beziehungen in der Sozialen Arbeit. Dieses Thema ist noch unterbelichtet in Praxis und Theorie. In der Exploration dieses so zentralen Themas legt die Autorin einen zugleich empirisch-praktischen wie konzeptionell-theoretischen Entwurf vor. Sie stützt sich dabei auf die empirisch erhobene Perspektive von Klienten und Klientinnen der Gemeindepsychiatrie und bietet einen Einblick in die Diskussion einer modernen bzw. postmodernen Theorie Sozialer Arbeit. Verbunden wird dies mit metatheoretischen Überlegungen zu den Konzepten „Habitus“ und „Identität“ sowie mit Bezügen zur Ethik. Am Ende der Ausführungen wird das Konzept einer „integralen professionellen Beziehungsgestaltung“ vorgestellt. 

Autorin

Dr. Regina Abeld, Sozialarbeiterin M.A., arbeitete als Sozialarbeiterin in einem Forschungsprojekt (Lebensumstände Alleinerziehender), einem Wohnheim für alkoholkranke Menschen sowie im Ambulant Betreuten Wohnen für psychisch kranke und suchtkranke Menschen. Aktuell ist sie freiberuflich als Seminarleiterin, Mediatorin, Familienratkoordinatorin, sowie in der Hochschullehre für verschiedene Themen verschiedener Studiengänge tätig.

Entstehungshintergrund

Anschließend an eine Untersuchung, an der die Autorin beteiligt war, und die die Aspekte gelingender professioneller Beziehungsgestaltung beleuchtete, geht sie den Fragen nach:

  • Von welchen Aspekten hängt eine gelingende professionelle Beziehung ab?
  • Wie verhält sich darin Nähe und Distanz?
  • Welche Relevanz besitzt diese Thematik im Studium und in der praktischen Arbeit?
  • Welche Persönlichkeitseigenschaften benötigt eine Fachkraft?

Ein weiterer Aspekt bezieht sich auf Auswirkungen eines Selbstverständnisses Sozialer Arbeit auf die Berufsidentität und daraus möglichen Rollenunklarheiten. Diese Fragen wurden von Regina Abeld im Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Kassel untersucht und im vorliegenden Buch veröffentlicht.

Aufbau

Die Veröffentlichung gliedert sich in acht Kapitel.

Nach der Einleitung wird die professionelle Beziehungsgestaltung thematisiert und umfasst im Wesentlichen den empirischen Teil mit neun halbstrukturierten Einzelinterviews mit Klient/innen aus drei unterschiedlichen Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie und drei Gruppeninterviews mit den gleichen Klient/innen.

Im dritten Kapitel wird die dieser Arbeit zugrunde gelegte Erkenntnistheorie des Integralen Ansatzes nach Ken Wilber aufgegriffen und die metatheoretischen Bedeutung von Moderne und Postmoderne skizziert.

Aufbauend dazu erstreckt sich das vierte Kapitel auf die Bedeutung der gesellschaftlichen Makroebene auf professionelle Beziehungen. ‚Identität‘ und ‚Habitus‘ bilden im fünften Kapitel den Mittelpunkt der Mikro-Ebene von professionellen Beziehungen.

Die Relevanz von Ethik und Moral beenden die theoretischen Ausführungen und münden in das darauf fußende Konzept einer „Integralen Professionellen Beziehungsgestaltung (IPB)“ ein. In einem Fazit stellt die Autorin Thesen zu einer gelingenden professionellen Beziehung vor.

Inhalt

Die Dichte der einzelnen Abschnitte und die Begrenztheit einer Rezension erfordert eine Reduktion auf bestimmte Schwerpunkte, die keine Bewertung der weniger oder nicht dargestellten Inhalte darstellt.

Für Praktiker/innen aus der Gemeindepsychiatrie werden die ausgewählten Interviews in ihrer ausführlichen Exploration besonders interessant sein, da nicht nur die Äußerungen sondern immer auch der jeweilige Kontext aufgezeigt wird. Die Erkenntnisse aus den Interviews bindet die Autorin immer wieder in den nachfolgenden Kapiteln ein, bis zuletzt in den abschließenden Thesen. In einer Übersicht zum Umgang mit der Rollendiffusität mit den Aspekten einer misslingenden bzw. gelingenden Beziehungsgestaltung zieht die Autorin ein Zwischenfazit ihrer Erkenntnisse aus der einleitenden empirischen Exploration.

Im dritten Kapitel entwickelt die Autorin eine Forschungsstruktur, die sich an den vier Quadranten – Individualität, Kollektivität, Innen- und Außenraum von Beziehungen – orientiert und deren Hintergrund im Wilberschen integralen Ansatz zu verorten ist.

Das vierte Kapitel umfasst die Problematik und Diffusität der Debatte um Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit. Regina Abeld nennt sie ‚hausgemachte‘ Dilemmata in Wissenschaft und Sozialer Arbeit und verweist auf verschiedene Diskussionsstränge um Moderne und Postmoderne, wobei sie im Besonderen den integralen Ansatz einsetzt, um Verbindungslinien von Postmoderne und Dialektik aufzuzeigen.

Im Mittelpunkt der Ausführungen von Regina Abeld steht, auch nach eigener Aussage, die Mikroebene professioneller Beziehungen. Hier führt sie im fünften Kapitel in die Begriffe Habitus und Identität ein. Die Gefahren einer postmodernen Sozialen Arbeit und in Folge Erscheinungen des Neoliberalismus auf der Seite der Klient/innen und der Fachkräfte nimmt sie als Ausgangspunkt, ein Identitätskonzept zu skizzieren mit den Komponenten einer Wir-Identität und einer Ich-Identität. In einer kurzen Sequenz beschreibt sie die Notwendigkeit von Curricula an Hochschulen, einen Beitrag zur Entwicklung von professioneller Identität zu leisten. Dem schließt sich die Frage an, wie in der Praxis eine sozialarbeiterische Identität entwickelt werden kann, trotz den negativen Auswirkungen der Ökonomisierung Sozialer Arbeit und der Erwartungen von neoliberalen Optimierungsstrategien im Rahmen von Qualitätsmanagementkonzepten. Die Bewältigung von Paradoxien im professionellen Kontext stellt sie mit der Auseinandersetzung um Hilfe und Kontrolle, von Theoriewissen und Praxishandeln, Nähe versus Distanz und mit einem Exkurs zum doppelten Mandat in der Sozialen Arbeit dar.

Zur Anforderung eine gelingende professionelle Beziehung mit den Klient/innen gestalten zu können, zählt eine Haltung des Verstehens-Wollens. Diese Anforderung umreißt Regina Abeld in ihrem Kapitel um die Relevanz von Ethik und Moral und wertet im Besonderen die Ausführungen von Emmanuel Lévinas aus.

Diese bis dahin von Theorie- und Handlungskonzepten getragenen Gedanken bindet die Autorin in der Formulierung von Grundzügen einer Integralen Professionellen Beziehungsgestaltung (IPB) zusammen. Wobei sie wieder die ‚vier Welten‘ Innen- und Außenorientierung, Individualität und Kollektivität aus Ausgangspunkte nimmt. Sie veranschaulicht dies in einer Übersicht zu den Elementen der Handlungsebene einerseits und der Reflexionsebene andererseits mit den Fragen: Was (Gegenstand), Wann (Befinden Klient/in), Wie (Maßnahmequalität), Warum (kurzfristige Begründung), Wozu (Hilfeplanziel), Womit (Haltung).

In ihrem Fazit stellt die Autorin Thesen für eine gelingende professionelle Beziehung in einem ‚dritten Ort‘ (dritte Subjektivität) auf.

Diskussion

Aus den skizzierten Inhalten wird erkennbar, dass Regina Abeld den Versuch unternahm, Theorielinien mit konkreten Anforderungen an die Praxis Sozialer Arbeit in Verbindung zu bringen. Ob dies im Rahmen einer Dissertation gelingen kann, soll hier nicht bewertet werden. Doch werden diejenigen, die theoretische Vertiefungen und diejenigen, die konkrete Handlungsanweisungen erwarten, nicht in Gänze zufrieden zu stellen sein. Ob dies überhaupt in einer Veröffentlichung möglich ist, mag bezweifelt werden. Regina Abeld ist es aber sehr gut gelungen diesen Spagat zu bewältigen, und dem Leserkreis die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Ausführungen zu vertiefen und zu diskutieren. Besonders nutzbar wäre dieses Buch für die curriculare Diskussion an Hochschulen und für den Bereich von Fort- und Weiterbildung. Der Aufbau und die Struktur der Veröffentlichung, die eindringliche Verdeutlichung der Relevanz von professioneller Beziehungsgestaltung besitzen einen eindeutigen Aufforderungscharakter, sich dieser Thematik verstärkt anzunehmen.

Fazit

Die professionelle Gestaltung von Beziehungen zwischen Klient/innen und Fachkräften steht im Mittelpunkt der Veröffentlichung. Weniger wie man dies konkret methodisch bewältigt, dazu gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen, sondern mehr wie diese Anforderung theoretisch begründet und welche Grundlagen (Habitus, Identität, Selbstverständnis, Fähigkeit des Fallverstehens, etc.) dafür vorhanden sein müssten. Damit greift die Autorin ein Kernthema Sozialer Arbeit auf und bietet einen gelungenen Rahmen, dieses Thema in der Lehre und in der Praxis zu vertiefen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Neuffer
Dipl. Sozialarbeiter, Dipl. Pädagoge, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit. Schwerpunkte: Sozialarbeitswissenschaft, Systemische Beratung, Case Management, Mediation
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Zitiervorschlag
Manfred Neuffer. Rezension vom 24.01.2018 zu: Regina Abeld: Professionelle Beziehungen in der sozialen Arbeit. Eine integrale Exploration im Spiegel der Perspektiven von Klienten und Klientinnen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17128-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23111.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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