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Wilfried Kürschner, Joachim Kuropka u.a. (Hrsg.): "Wir schaffen das!"?

Cover Wilfried Kürschner, Joachim Kuropka, Hermann von Laer (Hrsg.): "Wir schaffen das!"? Migration, Zuwanderung, Flucht. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2017. 184 Seiten. ISBN 978-3-643-13735-7. 34,90 EUR.
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Thema

Wenn Hunderttausende von Menschen in Deutschland Sicherheit suchen, können sich viele Fragen stellen. Werden Erziehung, Bildung und Ausbildung, insbesondere auch die Sprachkurse, der Integration der Menschen mit Fluchterfahrung förderlich sein? Ist die Einwanderung finanziell und wirtschaftlich zu leisten, vielleicht gar ein Innovationsschub? Ist die kulturelle Vielfalt ein Gewinn oder drohen Parallelgesellschaften?

Entstehungshintergrund

Der Band versammelt neun Artikel, die auf eine Ringvorlesung an der Universität Vechta im Sommersemester 2016 zurückgehen.

Herausgeber

Herausgeber sind die drei Vechtaer Professoren Kürschner, Kuropka und von Laer.

Autorinnen und Autoren

Die Beiträge stammen von den drei Herausgebern und vier weiteren Professoren, bis auf einen allesamt im Ruhestand, sowie zwei Dozentinnen. Sie vertreten verschiedene Disziplinen, insbesondere Theologie, Soziologie, Linguistik, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften, Philosophie und Religionspädagogik.

Aufbau

Vorangestellt sind „notwendige Vorbemerkungen“, mit denen die Herausgeber die politische Kontroverse um diese Vorlesung und die Veröffentlichung vorstellen.

Es folgen die neun Beiträge, die aus den unterschiedlichen Disziplinen das Thema angehen. Die Beiträge unterscheiden sich stilistisch, aber auch der Länge nach erheblich (zwischen 11 und 39 Seiten).

Inhalt

Wilfried Kürschner klärt entlang der rechtlichen Normen die wichtigsten Begriffe, so etwa den Unterschied zwischen Flüchtlingen nach der Genfer Konvention und Subsidiär Schutzberechtigten nach der EU-Richtlinie von 2011.

Joachim Kuropka skizziert eine Geschichte der Einwanderung, u.a. der Polen aus der preußischen Provinz ins Ruhrgebiet Ende des 19.Jahrhunderts, der Vertriebenen und Flüchtlinge aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches seit 1945, der „Gastarbeiter“ seit 1955, der Aussiedler und Spätaussiedler aus den Ländern des (vormaligen) Ostblocks; dass sich diese Menschen alles andere als willkommen fühlen konnten, kann belegt werden. Dagegen herrsche die heutige „Willkommenskultur“ nur in Deutschland und könne damit erklärt werden, dass eine „spezifisch deutsche Moral“ wirke, nämlich die „Scham über vergangene Untaten“…

Hermann von Laer geht davon aus, dass die „Massenzuwanderung“ ohne Rechtsgrundlage war und ist. Ökonomisch sei sie – auch auf lange Sicht – mehr als bedenklich, alles andere als eine Bereicherung, da z.B. die meisten Flüchtlinge aus Syrien funktionale Analphabeten seien und jahrzehntelang die Systeme der sozialen Sicherung belasten werden. Bei allen Gemeinsamkeiten mit dem Christentum und der Heterogenität der muslimischen Welt müsse klar sein, dass der Koran als die göttliche Offenbarung einer „Aufklärung“ oder „Reformation“ nicht zugänglich sei. Neben den Koran treten verbindlich die Sunna und Scharia (Tradition und Recht), aber auch die sog. „Hadithe“, Tausende von Berichten über Mohammed und seine Grausamkeiten. Allesamt zeigen nur eins: Der Islam ist alles andere friedfertig.

Helmut Gross befasst sich in seinen „Thesen“ zunächst mit den „Gutmenschen“, die Politik durch „Samariterhilfe“ ersetzen, allen voran die Bundeskanzlerin, die im Alleingang entschieden habe, „Tausenden … in Budapest gestrandeten Flüchtlingen in Deutschland Asyl zu gewähren“. Die sich anschließende Willkommenskultur sei letztlich eine „Spätfolge des noch immer gesellschaftsprägenden Wiedergutmachungsdenkens“. Wenn Bundesbürger Flüchtlinge anpöbeln oder Brandsätze in Unterkünfte werfen, ist dies hinterhältig und Sache des Strafrechts – unbeschadet dessen sei das Bedürfnis nach „einem nicht überfremdeten Leben im eigenen Land“ doch legitim. Von der Massenzuwanderung wirtschaftliche Impulse zu erwarten, sei naiv, da die Zuwanderer weniger an „unseren demokratischen Werten“, aber mehr am Sozialsystem interessiert seien.

„Ich war fremd und obdachlos und Ihr habt mich aufgenommen!“ (Mt 25,35). „Wir sind alle Flüchtlinge“ (Papst Franziskus). Mit diesen Belegen stellt Ralph Sauer die Barmherzigkeit als Prinzip der christlichen Ethik heraus. Er warnt andrerseits davor, dass in Moscheen und Koranschulen antiwestliche Ideologie gelehrt wird. Er setzt auf einen „westlichen, aufgeklärten Islam“, der dialogfähig wird, da er nicht auf seinen Absolutheitsanspruch beharrt.

Egon Spiegel formuliert mit knappen Überschriften seine Thesen:

  • „Deutschland profitiert von den Flüchtlingen“,
  • „Zuwanderung hat in Deutschland Tradition“,
  • „Flüchtlinge dynamisieren die Gesellschaft“ usf.

Er verweist u.a. darauf, dass jeder 7. Flüchtling einen Hochschulabschluss habe. Auch wenn unter den Schutzsuchenden Salafisten sein können, in der Regel handele es sich um junge Menschen, die sich souverän im Netz bewegen und Modernisierung und Globalisierung mitgestalten.

Holger Morawietz plädiert dafür, die Vielfalt der Muslime (in Deutschland) wahrzunehmen. Zu berücksichtigen sei auch, dass die meisten Flüchtlinge vor den extremen, islamistischen, terroristischen Muslimen geflohen seien. Der Koran werde von Predigern und Geistlichen der einzelnen Glaubensrichtungen höchst unterschiedlich interpretiert. Innerhalb der drei Grundrichtungen (Schiiten, Sunniten, Wahhabiten) seien weitere Differenzierungen nötig. Doch werden in Saudi-Arabien weiterhin unmenschliche Strafen verhängt. Gewalt gegen Frauen, von der Zwangsheirat bis zum Ehrenmord, kommen auch in Deutschland vor. Morawietz berichtet über einige Konflikte, die sich in Schulen ergeben haben. Dabei sei doch klar, dass muslimische Jungen die Autorität einer Lehrerin nicht anzuzweifeln haben. Die Schulen stehen insgesamt vor großen Herausforderungen, jedenfalls helfen Regelklassen ohne ergänzende oder parallele Deutschkurse nicht.

Veronika Zimmer stellt die Probleme dar, die sich bei den Integrationskursen seit 2005 ergeben haben. Da sind einerseits die unterschiedlichen Ausgangsniveaus, sodass es für viele unrealistisch ist, mit 600 Unterrichtseinheiten das Sprachniveau B1 zu erreichen. Aus der Sicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer leiden viele Kurse darunter, dass das Sprachhandeln, das praktische Einüben der deutschen Sprache in realen Situationen zu kurz kommt bzw. in einer Einrichtung nicht möglich ist.

Abschließend erinnert Sandra Markewitz an Wittgenstein, den das „Bewusstsein der Fremdheit“ nie verließ.

Diskussion

Der vorliegende Band spiegelt die Kontroverse, die sich bei diesem Thema offensichtlich einstellen muss.

Drei Beiträge sind sprachlich und inhaltlich so, dass sich die Herausgeber und Autoren nicht wundern müssen, wenn sie in die rechte Ecke gestellt werden. Ein Beispiel dafür: Unter Bezugnahme auf einen Leserbrief (!) sieht ein Autor wieder die „Kollektivschuld“ der Deutschen am Werk – der man als stolzer Deutscher natürlich entgegentreten muss. Zuerst wird also behauptet, allen Deutschen werde (von wem eigentlich? Belege?) die Schuld an den Naziverbrechen vorgeworfen, viele Deutsche geben sie sich auch (wo, wer?) – und dagegen nun müsse man sich wehren.

Und dann das Feindbild Islam. Dass er auch gewaltsame, grausame Züge hat, ist bekannt. Ob man dazu noch seitenlang die über 1000 Jahre tradierten, gruseligen Geschichten aus der Hadithe präsentieren muss, ist Geschmackssache. Was aber hat dies alles mit den Menschen aus Afghanistan oder Syrien zu tun, die vor dem Terror der Taliban bzw. den Bomben des sog. IS oder des Assad-Regimes geflohen sind? Ein anderer Vechtaer Kollege überschreibt einen Absatz schlicht so: „Die Asylsuchenden sind keine Islamisten“.

Richtig und wichtig sind indes die Fragen, die sich für die Zukunft der Einwanderer stellen. Wie können die jungen Leute schnell und solide zu einer Berufsausbildung als Mechatroniker oder Pflegekraft kommen? Eben auch deshalb, damit sie nicht in die islamistische Szene geraten.

Integration braucht Zeit, nicht Doppelzüngigkeit: Ein Autor beklagt die Bildungsmängel der Flüchtlinge, um gleich danach den „Brain drain“ zu verurteilen, wenn tüchtige, ausgebildete Leute ihr Land verlassen und Schlepper bezahlen können… Wenn auch mal Daten und Fakten und Zahlen aufgeführt werden, dann sind sie nicht gerade aussagefähig: Ausländer und Flüchtlinge sind nicht das gleiche (S. 83).

Man erwartet von einer wissenschaftlichen Veröffentlichung Daten und Fakten, nicht Polemik und Übertreibung. Stattdessen aber bedauert ein Autor ein „verabsolutiertes christliches Gebot zur unbegrenzten Flüchtlingsaufnahme“. Er postuliert: Wenn „größere Mengen von Zuwanderern aus fremden Kulturen mit anderen Religionen“ aufgenommen werden, beinhalte dies „eine große Gefahr für die innere Sicherheit“. Behaupten kann man das ja mal.

Fazit

Der vorliegende Band bildet die aktuelle gesellschaftspolitische Kontroverse ab, gibt rechten und rechtspopulistischen Anschauungen reichlich Raum. Einzelne Themen, insbesondere die Zukunft der Integration würde man gerne diskutieren. Aber sachlich und rational, ohne Polemik, bitte.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 13.10.2017 zu: Wilfried Kürschner, Joachim Kuropka, Hermann von Laer (Hrsg.): "Wir schaffen das!"? Migration, Zuwanderung, Flucht. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2017. ISBN 978-3-643-13735-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23113.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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