socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Karl Binneberg: Wahrnehmung pädagogischer Fallstudien

Cover Karl Binneberg: Wahrnehmung pädagogischer Fallstudien. Darlegung einer zeitgenössischen Methode. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. 116 Seiten. ISBN 978-3-8300-8869-1. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Autor erörtert im vorliegenden Band die Grundlagen und methodischen Überlegungen zu einer pädagogischen Kasuistik und deren sprachliche und logischen Schritte zur Erschließung ihrer immanenten Sinnstruktur. Vor seinem, schon in Studienzeiten sich eröffnenden Erfahrungshorizont in der Aneignung und Auseinandersetzung mit den für die pädagogische Kasuistik relevanten Überlegungen des Göttinger Philosophen Günther Patzig, dem Logiker Gottfried Frege, den Pädagogen Hermann Groothoff, Wolfgang Klafki und Heinrich Roth, besteht für den Autor eine zentrale Aufgabe darin, dass Gedanken und Begrifflichkeit die pädagogische Realität immer besser zu erfassen suchen, indem sie sich dieser gleichsam anschmiegen.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel differenziert der Autor dieses Anliegen: Kasuistik sei die Kunst der Verbindung und Transformation von Fallbeobachtung in eine Falldarstellung hin zu einer Fallanalyse. An einem ersten Fallbeispiel einer Vorschulsituation werden anhand der kindlichen Benennungsbemühungen zum Gegenstand und der Funktion eines Schneebesens als „Rührbürste“ die sinnlich, logisch und sprachlich verknüpfenden Abstraktionsbemühungen um die sinnadäquate Zuordnung vor dem jeweiligen entwicklungslogischen Niveau und der individuell ausgeformten Besonderheit veranschaulicht. Die Erkenntnisgenerierung einer gelungenen Fallstudie für den reflektierenden Praktiker bilde sich durch ein reflexives Gleichgewicht zwischen kasuistischer Wertschätzung pädagogischer Ereignisse, einer hierdurch motivierten Fallbeobachtung, einer protokollnahen Falldarstellung und schließlich einer theoriefundierten Fallanalyse. Pädagogische Kasuistik gewinne so ihre eigene Dignität neben einer empirischen und hermeneutischen Pädagogik.

Im zweiten Kapitel erläutert Karl Binneberg die Gründe für die zunehmende Bedeutung der Kasuistik. Zum einen steige das Bedürfnis der pädagogischen Praxis nach Anschaulichkeit der pädagogischen Theorie. In diesem Sinne ist Kasuistik eine bestenfalls empirisch erschlossene Übersetzungshilfe der handlungswissenschaftlich orientierten pädagogischen Disziplin. Zum zweiten zeichne sich auch in den angrenzenden sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine differenzierte und methodologisch fundierte Orientierung an einzelfallbezogener Empirie ab. Drittens sei die pädagogische Kasuistik dem Wunsch nach einer methodischen Korrektur in der erziehungswissenschaftlichen Forschung entsprechend ihrer eigenlogischen Sinnstruktur so zu würdigen, dass eine an Einzelfragen orientierte Verbindung von Hermeneutik und Empirie ihren besonderen erkenntnisgenerierenden Stellenwert erhalte. Die pädagogische Kasuistik entfaltet sich vor dem Hintergrund kasuistischer Gütekriterien, die der Autor wiederum sehr anschaulich an Beispielen pädagogischer Praxis verdeutlicht, aber auch vielfältig theoretisch-reflexiv einzuordnen vermag. Dabei werden auch die Traditionen der unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Bezugsdisziplinen in ihrer sinnerschließenden Potenzialität für eine theoretische Fundierung und Orientierung so ins Spiel gebracht, dass die präsentierten Fallprotokolle der pädagogischen Situationen immer wieder neue Aspekte hervorbringen. In ihrem gleichermaßen mehrdimensionalen Zusammenspiel bilden diese einerseits einen wichtigen Bezugspunkt für die pädagogische Kasuistik. Andererseits weist Karl Binneberg immer wieder auf die Kriterien einer begründungsverpflichtenden Rekonstruktionslogik im Sinne kritischer Lizenzen hin.

Die pädagogisch relevante Frage, wie sich moralische Argumentationsfiguren von Kindern in einer ethisch ausgerichteten Erziehung fallförmig präsentieren veranschaulicht der Autor im dritten Kapitel anhand der Niederschrift einer Klassenversammlung mit Erstklässlern. Die erkennbaren moralischen Urteilsstrukturen der Kinder im Dialog werden entlang der von Kant entwickelten universalistischen Handlungsmaximen und ihres allmählichen sozialisatorischen Erwerbs sowie Pestalozzis sittlicher Elementarbildung plausibel interpretiert.

Die Auseinandersetzung mit dem Plädoyer für einen ideologiefreien Literaturunterricht eröffnet ein weiteres schulisches Handlungsfeld. Das durchaus in ernsthafter Absicht errichtete abstrakte Idealbild eines Literaturlehrers steht in einem realistischen Spannungsfeld zur notwendig authentischen, autonomen, von solchen Imageentwürfen befreiten Persönlichkeit des Pädagogen.

Es folgt eine sprachkritische Fallstudie zur pädagogischen Auseinandersetzung mit dem dynamischen Begabungsbegriff im Anschluss an die Abhandlung von Heinrich Roth aus dem Jahr 1952. Dieser bestimmte die Begabung eines Menschen als Ergebnis einer Wechselwirkung oder als einen Funktionszusammenhang aus Anlage und Umwelt. Karl Binneberg nimmt eine ethymologische Begriffsanalyse vor. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein behielt das Verb „begaben“ seine Bedeutung im Sinne des Beschenkens und Ausstattens, bevor in Ableitung aus dem Partizip „begabt“ als Abstraktum einen Zustand oder eine Eigenschaft in der engeren Bedeutung von „Ausstattung mit Talenten, Geistesgaben“ begrifflich zu bestimmen versuchte. Das Verb „begaben“ wurde gleichsam getilgt. Das nunmehr dominierende Zustandswort Begabung müsste in dieser dialektischen Bedeutung eigentlich „Begabtheit“ heißen. An diesem Beispiel bestimmt der Autor die fundamentale Bedeutung sprachanalytischer Rekonstruktion als Basis für eine weiterführende Sachanalyse.

Anhand einer „kleinen Fallgeschichte aus dem Tagebuch von Bastiaan“ von Hans Freudenthal wird dem Leser anschließend der kindlich-sinnliche Entdeckungszusammenhang beim Erwerb logischer Verknüpfungsregeln des Zählens veranschaulicht. So zeigt der im Beispiel aufgeführte Junge spontan vier Schneebeeren auf seiner Hand mit der Bemerkung: „ So viele wohnen wir zu Hause“. Das Kind hat die logisch-abstrakte Regel entdeckt, dass die Zahl dasjenige ist, was identisch ist, wenn zwei Begriffe zueinander gleichzahlig sind. Auch das anfängliche kindliche Begreifen von Gegenständen in ihrer prozesshaften Funktion, wie die phantasievolle Kennzeichnung eines Schneebesens als „Rührbürste“ zeigt, dass diese begriffliche Annäherung gleichermaßen einer sachlogischen Realitätsangemessenheit entspricht.

Das literarische Werk „Unser Herr Böckelmann“ von Walter Kempowski, das einen erfahrenen Lehrer in seiner vielfältigen, humoristischen, liebenswerten und eigenwilligen Art aus Sicht der acht- und neunjährigen Schüler lebendig werden lässt, wird schließlich im vierten Kapitel als beispielhaftes und authentisches „Rohmaterial“ des Lehrerseins vorgestellt.

Der Band schließt mit einer kurzen Erörterung der schier unergründlichen Frage, was die Seele sei und findet im Zitat Goethes eine vorläufige Annäherung und mögliche Begrenzung: „ Das schönste Glück des denkenden Menschen ist es, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“ Ein verlässliches Kriterium wie dies im Einzelfall zu unterscheiden wäre, gibt es nicht. So bleibt die Aufgabe bestehen, immer wieder und weiter darüber nachzudenken.

Fazit

Karl Binneberg hat einen lesenswerten, zum Nachdenken anregenden Band vorgelegt. Wenn auch die inzwischen theoretisch und methodologisch fortgeschrittenen Erkenntnisse fallrekonstruktiver Verfahren in den Sozial- und Geisteswissenschaften im Hintergrund verbleiben, so werden gerade die für die pädagogischen Fallstudien zentralen Fragen ihrer Grundlegung und Bedeutung, aber auch ihrer Grenzen und Herausforderungen deutlich gemacht. Sowohl für die Praktiker als auch für die mit Fallstudien befassten Forschenden der Disziplin bietet der überschaubare Band vielfältige Anregungen und Perspektiven.


Rezensent
Prof. Dr. Eberhard Nölke
Hochschule Darmstadt
Homepage www.sozarb.h-da.de
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Eberhard Nölke anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Eberhard Nölke. Rezension vom 27.08.2019 zu: Karl Binneberg: Wahrnehmung pädagogischer Fallstudien. Darlegung einer zeitgenössischen Methode. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-8300-8869-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23120.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung