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Was heißt hier behindert?

Was heißt hier behindert? Aktiv für Inklusion. Universum Verlag (Wiesbaden) 2017. 59 Seiten.


Thema

Die Broschüre „Was heißt hier behindert?“ stellt Behinderungsarten und ihre Auswirkungen vor, um die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Beruf aus Sicht der Inklusionsämter zu unterstützen. Beschreibungen und Infoboxen zu einzelnen Behinderungsarten wechseln sich ab mit Fallgeschichten betroffener Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer und Stellungnahmen von Führungskräften aus unterschiedlichen Bereichen. Dabei stehen Erfolgsgeschichten aus ganz persönlicher Sicht im Mittelpunkt, ergänzt um Fakten, Zahlen und Informationen zu den Leistungen der Integrationsämter.

Herausgeberin

Herausgeberin der Broschüre ist die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH).

Autorinnen und Autoren

Als Autorinnen und Autoren sind Karl-Friedrich Ernst, Ulrich Jakob Hofmann, Elly Lämmlen, Dr. Helga Seel, Andrea Temminghoff und Sabine Wolf genannt.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um einen unveränderten Nachdruck einer Broschüre aus dem Jahr 2012 (S. 59).

Aufbau und Inhalt

Den einzelnen Behinderungsarten sind in alphabetischer Reihenfolge 13 Kapitel mit jeweils vier Seiten gewidmet.

  • Autismus
  • Bewegungsstörung
  • Blindheit | Sehbehinderung
  • Diabetes
  • Epilepsie
  • Gehörlosigkeit | Schwerhörigkeit
  • Geistige Behinderung
  • Hirnschädigung
  • Kleinwuchs
  • Nierenerkrankung
  • Psychische Erkrankung
  • Rheuma
  • Sucht
  • Leistungsangebot: Service Ihres Integrationsamtes
  • Zur Situation: Fakten und Zahlen

Die letzten beiden Kapitel beinhalten je eine Doppelseite mit allgemeinen Informationen über die Integrationsämter.

Erfahrungsberichte und Info-Boxen sind durch kleine Symbole den Rubriken „Beispiele“, „Rat“, „Tipps“, „Wissen“ zugewiesen und dadurch gut zu unterscheiden.

In jedem der Kapitel wird zunächst die Behinderungsart und übliche Förderungs- oder Kompensationsstrategien dargestellt. Es folgen jeweils ein bis zwei Erfahrungsberichte betroffener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie plakative Stellungnahmen aus Sicht der Unternehmen oder der flankierenden Dienste.

Auf den letzten vier Seiten finden sich zahlreiche Informationen zu den Unterstützungsleistungen der Integrationsämter und dem betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) sowie statistische Angaben zur Arbeitssituation (schwer-)behinderter Menschen.

Diskussion

Die Broschüre „Was heißt hier behindert? Aktiv für Inklusion“ ist klar und übersichtlich aufgebaut. Die Behinderungsarten sind allgemein verständlich erklärt. Leider fehlen fast überall konkrete Quellenangaben, stattdessen wird überwiegend auf ZB-Broschüren aus vergangenen Jahren referenziert.

Die Bildsprache der zahlreichen Fotos ist erfreulich modern: Die Motive bedienen keine stereotypen Vorstellungen von Behinderung und sind geschlechtergerecht ausgewählt. Allerdings trifft das nicht auf den Bereich der Sprache zu, in der die Broschüre geschrieben ist: Mit dem Hinweis auf die bessere Lesbarkeit wird keine geschlechtergerechte Sprache verwendet. Damit wird der Umstand vernachlässigt, dass Frauen, die nicht mit genannt sind, auch nicht mitgedacht werden.

Viel irritierender ist aber, dass die sprachlichen Formulierungen in Bezug auf Behinderung recht angestaubt wirken. Für eine aktuelle und moderne Sichtweise auf das System Arbeit wäre es wichtig gewesen, die umfassende Teilhabe am Arbeitsleben als Menschenrecht und Behinderung als normalen Bestandteil der Variationsbreite menschlichen Lebens auch sprachlich darzustellen. Stattdessen wird Behinderung als Merkmal der Betroffenen mit vielen paternalistischen Formulierungen und sprachlichen Hinweise auf Störungen und Defizite beschrieben: „Die Betroffenen profitieren heute von einer intensiveren schulischen Förderung. Damit haben sich die individuellen Voraussetzungen dieser Gruppe für eine Teilhabe am Arbeitsleben deutlich verbessert“ (S. 5). „Sie braucht noch mehr Zeit, um sich entwickeln und Defizite überwinden zu können“ (S. 7). „Blinde und sehbehinderte Menschen […] müssen deshalb vor Lärm geschützt werden“ (S. 15). „[…] werden die Menschen in Betrieben qualifiziert, können sich in Praktika erproben“ (S. 31). Wünschenswert wären mehr Hinweise darauf gewesen, dass sich das System Arbeit auf dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention als System darauf vorbereiten muss, ganz selbstverständlich barrierefrei auf allen Ebenen zu werden und sich daher gesamtgesellschaftlich auf Veränderungen einstellen muss.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um eine gut lesbare informative Broschüre, die es inhaltlich aber leider verpasst, eine moderne Sichtweise auf Behinderung in Übereinstimmung mit der UN-Behindertenrechtskonvention für den Bereich Arbeit zu verbreiten.


Rezensentin
Prof.in Dr. Simone Danz
Professorin für Inklusive Pädagogik uns Heilpädagogik, Evangelische Hochschule Ludwigsburg
Homepage www.eh-ludwigsburg.de/hochschule/personenverzeichni ...
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Zitiervorschlag
Simone Danz. Rezension vom 21.11.2017 zu: Was heißt hier behindert? Aktiv für Inklusion. Universum Verlag (Wiesbaden) 2017. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23121.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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