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Gerd Mietzel: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens

Cover Gerd Mietzel: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2017. 9., aktualisierte und erweiterte Auflage. 700 Seiten. ISBN 978-3-8017-2457-3. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 65,00 sFr.
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Thema

Pädagogische Psychologie ist eine Teildisziplin der wissenschaftlichen Psychologie, die das Lernen und Lehren im pädagogischen Kontext erforscht und ihre Erkenntnisse anwendet, um Menschen praktisch aller Altersstufen auf der kognitiven, der sozial-emotionalen und der Verhaltensebene in Richtung auf gesellschaftlich wünschenswerte Ziele zu fördern. Sie versucht, diese Prozesse zu beschreiben und zu erklären und auf Grundlage dieser Erkenntnisse das pädagogische Handeln von Lehrern, Dozenten, Trainern oder Eltern in die Wege zu leiten.

Die einzelnen Schwerpunkte reichen dabei von Fragen der Früherziehung über den Umgang mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten bis zur Förderung von Hochbegabten. Eine wesentliche Zielsetzung der Pädagogischen Psychologie ist dabei die Anregung und Kontrolle von Lernprozessen. Eine pädagogische Situation liegt immer dann vor, wenn sich Menschen begegnen und mindestens einer die Absicht hat, andere zu fördern, indem er den Ist-Zustand diagnostiziert und einen Lernprozess initiiert, um diesen in einen wünschenswerten Soll-Zustand zu überführen. Die dafür erforderlichen Erkenntnisse liefert die Pädagogische Psychologie.

Der Autor gibt mit seinem Werk einen umfassenden Überblick über alle wesentlichen Aspekte der Pädagogischen Psychologie aus dem Blickwinkel der Lehrer. Ein Schwerpunkt des Werkes liegt auf dem Bezug zur Praxis und der Anwendbarkeit der Konzepte im Unterricht. Zahlreiche Beispiele sowie Zusammenfassungen am Kapitelende sollen dem Leser zusätzlich helfen, sich den Inhalt dieses Buches zu erarbeiten.

Autor

Gerd Mietzel ist Psychologe und emeritierter Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Duisburg. In den 80-Jahren war er als Senior-Lecturer an der Boston-University und als Gast-Dozent an der University of Washington in Seattle tätig. Seine Bücher wurden in ins Spanische, Holländische, Polnische und Chinesische übersetzt.

Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch, das 1973 zum ersten Mal erschien, zählt zu den Standardwerken in der Ausbildung von Studierenden der Pädagogischen Psychologie, der Pädagogik und des Lehramts. Es soll dem Leser einen gut verständlichen und umfassenden Einblick in die Pädagogische Psychologie geben. Vor allem aus konstruktivistischer Sicht werden Themen wie individuelles und kooperatives Lernen, Gedächtnis, Denken, Motivation und pädagogische Diagnostik dargestellt. Dabei wird davon ausgegangen, dass Lernen nicht nur in Kindheit und Jugend, sondern ebenso im Erwachsenenalter stattfindet und entsprechend angeregt werden kann.

Nachdem in den ersten Auflagen behavioristisch orientierte Themen eine große Bedeutung hatten und eine Vorstellung von einem Schüler vorherrschte, der eher passiv war, gewann ab den 80er-Jahren die konstruktivistische Orientierung an Bedeutung.

In den vergangenen Jahren hat sich das Menschenbild vom Schüler deutlich verändert. Die psychologischen und pädagogischen Sichtweisen wurden um Ergebnisse aus der medizinischen Forschung, insbesondere der Neurowissenschaften, aber auch aus den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Architektur erweitert.

In dieser 9., aktualisierten und erweiterten Auflage wurden deshalb aktuelle Studienergebnisse sowie neue Forschungsfelder und Fachbegriffe ergänzt. Die Bedeutung der Emotionen für das Lernen wird noch stärker hervorgehoben und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen wird mehr Platz eingeräumt.

Aufbau und Inhalt

Das Werk gliedert sich in acht Kapitel, in denen der Autor die wesentlichen Themen der Pädagogischen Psychologie bearbeitet.

Zunächst führt er in die Ziele und Anwendungsgebiete der Pädagogischen Psychologie ein, um dann das Lernen aus verschiedenen Ansätzen heraus zu beleuchten. Danach untersucht er insbesondere aus dem Blickwinkel des Lehrers die Frage, was diese erfolgreich macht. Hierbei spielen neben dem Fachwissen und dem pädagogischen Wissen vor allem die Lehrer-Selbstwirksamkeit, hohe Leistungserwartungen, eine klare und verständliche Ausdrucksweise, Begeisterung, fürsorgliche Zuwendung sowie die Bereitschaft zur Selbstkritik eine Rolle.

Sehr ausführlich und anschaulich wird das Lernen aus neurowissenschaftlicher Sicht erklärt. Auch räumt der Autor mit einer Vielzahl von Neuromythen, also unbegründeten Annahmen über das Gehirn auf. Dazu gehören, dass Menschen nur 10 % ihres Gehirns nutzen würden, dass manche Menschen mehr die rechte oder linke Gehirnhälfte einsetzen würden, die Einteilung in vier Lerntypen oder dass die Entwicklung des Gehirns mit der Adoleszenz beendet wäre. Wichtig ist im Endeffekt eine gute Klassenführung mit dem Ziel, den Anteil effektiver Lernzeit an einer Unterrichtsstunde zu erhöhen.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht werden danach Veränderungen der Menschen im Lebenszeitraum von der Empfängnis bis zum Tode untersucht. Hierbei wirken vielfältige Anlage- und Umweltfaktoren zusammen. Die grundlegenden Prozesse des Lernens sind dabei durch eine Entwicklung von der Fremd- zur Selbststeuerung geprägt.

Im Kapitel Lernen als aktive Verarbeitung von Informationen werden ausführlich die Prozesse des Gedächtnisses und deren Förderung beschrieben und bewertet. Danach geht es um die Förderung der Problemlösungsfähigkeiten und deren Voraussetzungen. Der Leser bekommt Anregungen zur Verbesserung des Begriffsverständnisses, zur Förderung des Problemlösens im Unterricht sowie zur Übertragung von Gelerntem auf neue Situationen, den Transfer. Damit soll die Entstehung „trägen“ Wissens verhindert werden, das relativ rasch vergessen wird.

Soll die Lern- und Leistungsmotivation gefördert werden, spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Motivation ist dabei als ein aktivierender, richtungsgebender und richtungserhaltender Prozess zu verstehen. Der Leser erhält vielfältige Anregungen um die intrinsische und extrinsische Motivation zu fördern.

Bei der Planung des Unterrichts spielen kognitive und affektive Lernziele und die Diagnostik des Gelernten, z.B. durch Notenvergabe oder Tests, eine zentrale Rolle. Alternative Methoden, die vorgestellt werden, sind Handlungs-Assessments oder das Anlegen von Portfolios, die für jeden Schüler seine Arbeitsergebnisse zusammen führen und damit dokumentieren, wie weit der Lerner seine Lern- und Leistungsziele erreicht hat.

Fazit

Die 9. Auflage des Standardwerkes von Gerd Mietzel fasst alle wesentliche Aspekte zusammen, die aus der Pädagogischen Psychologie zur Unterrichtsgestaltung oder zur Klassenführung abgeleitet werden können. Die Leser erhalten eine Vielzahl von praxisbezogenen Hinweisen und Anregungen, wie sie ihr Lehr-/Lernkonzept optimieren können. Hierzu gehören auch die anschaulichen Erläuterungen zu den Erkenntnissen der Neurowissenschaften für das Lernen. Das Buch zeichnet sich dabei durch einen sehr guten Schreibstil, eine anschauliche Darstellung und viele Beispiel aus.

Diese weitgehende Beschränkung auf formelle, fremdorganisierte Lernszenarien hat zur Folge, dass das Werk für Bildungsverantwortliche im beruflichen und betrieblichen Kontext, aber auch für viele Bereiche der Weiterbildung, kaum zu empfehlen ist. Es fehlen insbesondere Antworten auf die Fragen, wie selbstgesteuertes Lernen mit Web Based Trainings oder Lernvideos oder selbstorganisierte, kollaborative Kompetenzentwicklungsprozesse in Social Blended Learning Arrangements oder im Prozess der Arbeit und im Netz mit digitalen Medien (Social Workplace Learning) unter Einbezug der Erkenntnisse aus der Pädagogischen Psychologie optimiert werden können. Was ist beim Lernen in Praxisprojekten oder am Arbeitsplatz, aber beispielsweise auch in Communities of Practice zu beachten? Wie kann das Lebenslange Lernen mit Hilfe der Erkenntnisse der Pädagogischen Psychologie gefördert werden?

Damit ist das Buch eine gute Empfehlung für Lehrer, die ihren Unterricht verbessern wollen. Für Planer und Begleiter betrieblicher Lernprozesse klammert es leider die wichtigsten Bereiche aus.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 06.12.2017 zu: Gerd Mietzel: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2017. 9., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8017-2457-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23124.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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