Jürgen Hargens: "Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug"
Rezensiert von Dr. med. Winfried Häuser, 11.01.2005
Jürgen Hargens:"Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug". (k)ein Selbsthilfebuch. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 4. Auflage. 72 Seiten. ISBN 978-3-89670-142-8. 7,90 EUR.CH: 15,00 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89670-877-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Das Thema
Jürgen Hargens schreibt im Vorwort seines Buches: "Auch wenn der Volksmund sagt: "Jeder ist seines Glückes Schmied", so ist doch nicht jeder von uns ein Schmied - und wie findet man ein bisschen von seinem Glück, wenn man kein Schmied ist?" Der Autor hat kein klassisches Selbsthilfebuch mit Anleitungen zum Glücklichsein bzw. Selbsthilfe beim Unglücklichsein mit guten Ratschlägen nach dem Schema "Du musst..." geschrieben. Er will keine Patentrezepte anbieten, sondern lädt dazu ein, das, was dem Leser geschieht, aus einer anderen Perspektive zu betrachten und vielleicht etwas zu entdecken, was ihm nützlich sein kann. Der Autor möchte dem Leser keine rosarote Brille aufsetzen, mit der das Leben immer schön erscheint - wenn man seinen Ratschlägen folgt. Er weist auf Möglichkeiten hin, selbst ein wenig dazu beizutragen, dass es einem manchmal gut geht und wie man kleine Schritte in Richtung der eigenen Ziele gehen kann. Die theoretischen Grundlagen des Buches sind die der strategischen und lösungsorientierten Psychotherapie, welche u.a. von Paul Watzlawick, Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelt wurden.
Der Autor
Jürgen Hargens arbeitet als Diplom Psychologe und psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Er ist weiterhin tätig als Supervisor und Lehrtherapeut. 1983 gründete er die Zeitschrift "Systemische Therapie", deren Herausgeber er bis 1992 war. Er ist Mitbegründer einer Gesellschaft für Managementtraining, Coaching und Organisationsberatung.
Zielgruppe
Das Buch wendet sich an Laien, Patienten/Klienten, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, Berater und Supervisoren sowie Team- und Organisations - "Coaches". Als Selbsthilfebuch lädt es dazu ein, die eigenen Probleme aus eine anderen Perspektive zu betrachten und nützliche Ideen für Veränderungen des eigenen Denkens und Handelns zu entwickeln. Das Buch eignet sich auch als gut verständliche Einführung in die systemisch-lösungsorientierte Therapie.
Aufbau und Inhalte
Das Buch besteht aus einem Vorwort und acht Kapiteln. Der Autor vermittelt seine Ideen anschaulich durch direkte Fragen an den Leser, Gedankenspiele und Geschichten.
Im Kapitel 1 werden die Grundregeln des Buches (und der lösungsorientierten Therapie) erläutert: Oft sind Menschen so in ihrem Problem verfangen, dass sie gar nicht mehr darauf achten, was funktioniert bzw. immer wieder vergeblich versuchen, ein Problem mit einer Methode zu lösen. Der Leser wird eingeladen, auf das zu achten, was funktioniert/ihm weiterhilft und das zu lassen, was ihn nicht weitergebracht hat. Daher lauten die "goldenen" Regeln:
- Wenn etwas nicht kaputt ist, dass repariere es auch nicht
- Wenn Du weißt, was funktioniert, mach mehr davon.
- Wenn etwas nicht funktioniert, hör auf damit. Mach etwas ander(e)s.
Im Kapitel 2 werden Lösungsmöglichkeiten für Situationen aufgezeigt, in denen der Betreffende den Eindruck hat, dass alle gegen ihn sind und niemand ihn versteht. "Pinkeln gehen" kann z. B. in einer solchen Situation eine mögliche Lösung sein.
Kapitel 3 handelt von "Warum müssen, wenn´s auch können sein könnte" bzw. von "ich kann, ich kann sogar müssen, aber ich muss nicht müssen".
Kapitel 4 beschreibt die Chancen der Wertschätzung der eigenen Angst.
Kapitel 5 skizziert Selbsthilfemöglichkeiten in Situationen, in denen man "Auf immer und ewig" keinen Ausweg mehr zu sehen scheint.
Im Kapitel 6 "Manchmal ja, manchmal nein, aber nicht immer" wird ausgeführt, dass Unglücklichsein manchmal durch eine Haltung bedingt ist, etwas Besonderes mit besonderen Ansprüchen zu sein und wie Bescheidenheit heilt.
Kapitel 7 stellt eine Grundannahme vieler Psychotherapieschulen - Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Heilung - in Frage. "Einsicht ist der erste Schritt - dass alles bleibt wie es ist". Stattdessen wird vorgeschlagen, nach Ursachen für Veränderungen und Lösungen zu suchen.
Im letzten Kapitel "Jedem das Seine" erkennt der Leser, dass er auf jeden Fall von dem Lesen des Buches profitiert hat. Wenn die Ideen des Autors mit seinen eigenen Theorien übereinstimmen, wird er vielleicht einige der Ideen des Buches in die Tat umsetzen. Wer denkt, dass die Ideen des Buches im Widerspruch zu den eigenen Ansichten stehen, hat durch die Auseinandersetzung mit ihnen viel über sich selbst erfahren.
Fazit
Die vierte Auflage des Buches zeigt den anhaltenden Zuspruch, welche die Ideen und der Schreibstil von Jürgen Hargens finden. Dem Autor ist es gelungen, die Quintessenzen lösungsorientierter Therapie prägnant und gut verständlich zu vermitteln. Das Buch empfiehlt sich daher für Ratsuchende und Berater gleichermaßen. Es sollte in keiner privaten und therapeutischen Bibliothek im Falle privater Durchhänger fehlen.
Rezension von
Dr. med. Winfried Häuser
Facharzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin – Spezielle Schmerztherapie
Krankenhausarzt in den Bereichen Innere Medizin, Psychosomatik und Schmerztherapie
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