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Maria Borcsa (Hrsg.): Adoleszenz

Cover Maria Borcsa (Hrsg.): Adoleszenz. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2017. 120 Seiten. ISBN 978-3-13-241051-0. D: 37,00 EUR, A: 38,10 EUR, CH: 42,60 sFr.
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Thema

Die Zeitschrift ‚Psychotherapie im Dialog‘ widmet sich in Heft 2 / 2017 dem Thema Adoleszenz. Insgesamt sind 22 Beiträge zu dem Thema enthalten.

Bekannte AdoleszenzforscherInnen kommen ebenso zu Wort wie psychotherapeutisch Arbeitende, die reflektierend aus der Praxis berichten. Beleuchtet werden sowohl die Herausforderungen der Entwicklungsphase Adoleszenz, die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen, die auftretenden Störungen als auch mögliche therapeutische Interventionen Behandlungskonzepte.

Aufbau

Die Herausgeber ordnen die Aufsätze und Studien zum Thema ‚Adoleszenz‘ verschiedenen Kategorien zu.

Zunächst bringen Editorial und Essentials einen Überblick über die Themen, die in Zusammenhang mit der Lebensphase Adoleszenz behandelt werden.

Im folgenden Abschnitt Standpunkte werden drei theoretische Ansätze zu den Herausforderungen der Adoleszenz vorgestellt.

Das umfangreichste Kapitel Aus der Praxis behandelt eine Vielzahl aktueller Problemlagen zur Thematik. Diese reichen von den Chancen und Risiken der Internetnutzung für die psychische Entwicklung im Jugendalter, Gendervarianz, suizidales und selbstverletzendes Verhalten, Alkoholbezogene Störungen und Essstörungen, ADHS, über die Bedingungen der adoleszenten Entwicklung bei Flucht und Migration, über systemische Perspektiven in der Behandlung bis zu therapeutischen Ansätzen und Modellen wie der Struktur psychodynamisch-diagnostischer Gespräche und der Multifamilientherapie.

Im Kapitel Über den Tellerrand finden sich zwei Beiträge, zum einen Erfahrungen mit der Beschulung im Krankenhaus, zum anderen zu den psychischen und medizinischen Aspekten von Body-Modifications. Es folgt ein Interview mit Klaus Hurrelmann zu den gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen die heutigen Jugendlichen, die ‚Milleniumbabies‘ stehen.

Hinweise auf Internetseiten und auf aktuelle Literatur zum Thema und ein Resümee der Herausgeberinnen schließen den Band ab.

Inhalt

Fegert und Freyberger setzen sich in ihrem Beitrag ‚Adoleszenz – eine Lebensphase weitet sich aus‘ mit der sich ausweitenden Adoleszenz als einer Verlängerung der Transitionsphase, die von Frühadoleszenz bis Spätadoleszenz, zwischen Kindheit und Erwachsenenalter unterschiedliche Entwicklungsaufgaben stellt, auseinander. Die Autoren weisen darauf hin, dass vor dem Hintergrund gesellschaftlich gewandelter Lebensphasen, Normen und Bewertungen des jugendlichen Verhaltens geändert haben, ebenso wie die psychischen Erkrankungen im Jugendalter. Hierbei spielen auch die Veränderungen durch Digitalisierung eine Rolle, wie das Probehandeln im Internet als Teil der Identitätsbildung zeigt.

Annette Streeck-Fischer weist in ihrem Beitrag ‚Identitätsentwicklungen zwischen Krise und Diffusion‘ auf die unscharfe Grenze zwischen Normalität und Pathologie hin, arbeitet die Folgen von Trauma für die Identitätsentwicklung heraus, und illustriert ihre Thesen anhand von Fallbeispielen.

Vera King stellt das adoleszente Entwicklungsdreieck Familie – adoleszentes Selbst – Gleichaltrige vor. Die Veränderung der Familienbindung und die Bedeutung der Peer-Beziehungen werden gleichermaßen in ihrer Bedeutung für die psychosoziale Entwicklung gesehen. Auch King bezieht die Digitalisierung in ihre Überlegungen ein und thematisiert die mit der Digitalisierung einhergehenden neuen Formen der Abgrenzung.

In verschiedenen Beiträgen wird die Internetnutzung in ihren Auswirkungen für die psychische Entwicklung Jugendlicher angesprochen, so bei Eichenberg und Müller und im Interview mit Hurrelmann als der ersten Generation der ‚digital natives‘. Eichenberg und Müller setzen sich damit auseinander, wie die Nutzung moderner Medien die in der Adoleszenz anstehenden Entwicklungsaufgaben unterstützen kann. Sie stellen Veränderungen in den tradierten Beziehungsformen und im Selbstbild der Jugendlichen fest. Das Internet ermöglicht den Heranwachsenden, so Eichenberg und Müller, das Erschließen neuer Erfahrungsräume außerhalb der Familie und die niedrigschwellige Teilnahme an Selbsthilfeforen für Jugendliche. Ausgehend von der Paradoxie zwischen Beziehungswunsch und Distanznahme sehen die AutorInnen hier eine Chance zu niedrigschwelliger Begegnung gerade auch für therapeutische Prozesse.

Inga Becker, Peer Briken und Timo O. Nieder plädieren in ihrem Beitrag ‚Trans im Jugendalter#‘ anhand aktueller Forschungsergebnisse dafür, eine Trans-Identität im Jugendalter nicht grundsätzlich als psychisch auffällig zu verorten. Die zunehmende Zahl von Ratsuchenden in den Beratungseinrichtungen verdeutlicht hingegen die Notwendigkeit, die psychosoziale Entwicklung von Trans-Jugendlichen genauer zu erforschen.

Esther Kleefeldt und Janina Meyeringh setzen sich in ihrem Beitrag ‚Flucht und Migration in der Adoleszenz‘ mit den besonderen Belastungen und psychischen Auswirkungen von Flucht im Jugendalter sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Psychotherapie auseinander.

Franz Timmermann stellt eine qualitative Studie zur Struktur psychodynamisch-diagnostischer Gespräche mit Adoleszenten vor.

Michael Kaess und Alexandra Edinger geben eine Übersicht über suizidales und selbstverletzendes Verhalten in der Adoleszenz mit dem Ziel einer Abgrenzung beider Phänomene.

Silke Diestelkamp, Florian Ganzer und Rainer Thomasius stellen therapeutische Kurzinterventionen und Entzugsbehandlungen bei alkoholbezogenen Störungen im Jugendalter vor.

Günter Reich erläutert Essstörungen als adoleszenztypische Erkrankungen und die entsprechenden Anforderungen an die therapeutische Behandlung.

Ingo Spitcok von Brisinski bringt die systemische Perspektive auf Familie und Individuation in der psychotherapeutisch-psychiatrischen Behandlung.

Rolf-Dieter Stieglitz bezieht sich zur Thematik ADHS auf zahlreiche empirische Studien, die belegen, dass ADHS nicht auf das Kindesalter begrenzt ist und erörtert die Aufgaben in der Behandlung von ADHS in der Adoleszenz.

Kathrin Sevecke und Astrid Bock stellen die Mentalisierungsbasierte Therapie für Adoleszente als Behandlung von Jugendlichen mit selbstverletzendem Verhalten vor.

In ihrem Beitrag ‚Multifamilientherapie und Adoleszenz‘ erörtern Birgit Riediger und Fritz Handerer ihr Konzept der Schaffung einer Triade durch Einbeziehen unterschiedlicher Familien und der damit verbundenen Distanzierungsmöglichkeiten.

Wolfgang Jansen, Ursula Ranke und Elvira Steuck stellen das Konzept ‚Klinikschule‘ aus Baden-Württemberg für Kinder und Jugendliche mit längerem Krankenhausaufenthalt und chronisch kranke Kinder vor.

Die Bedeutung von Body-Modifications für die Persönlichkeitsentwicklung thematisieren Erich Kasten und Nina Zeiler am Beispiel von Piercings und Tattoos und zeigen, dass bei Jugendlichen Insbesondere die subjektiv wahrgenommene Attraktivität und der Kontakt mit Gleichaltrigen steigen können.

Klaus Hurrelmann plädiert im Interview mit Maria Borcsa für eine bessere Verzahnung der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik und eine interdisziplinäre Kooperation in der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen.

Fazit

Das Themenheft ist insbesondere empfehlenswert, da es neben ‚klassischen‘ mit dem Thema Adoleszenz verbundenen Aspekten wie Identitätsentwicklung, Veränderung der Beziehungen zu den Eltern, Bedeutung der Gleichaltrigengruppe auch zahlreiche neue Erscheinungsformen adoleszenten Verhaltens anspricht, wie die Body-Modifications, hier insbesondere die zunehmend unter jungen Menschen verbreiteten Tattoos.
Die Beiträge bieten sowohl für professionell mit Adoleszenten Arbeitende als für interessierte Laien interessante Impulse.

Viele Hinweise zum Weiterlesen, Weiterforschen und Weiterdenken können als Anregung aufgenommen werden.


Rezensentin
Angela Schmidt-Bernhardt
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Zitiervorschlag
Angela Schmidt-Bernhardt. Rezension vom 06.10.2017 zu: Maria Borcsa (Hrsg.): Adoleszenz. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-13-241051-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23130.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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