socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Kiefer, Rauf Ceylan u.a.: „Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“

Cover Michael Kiefer, Rauf Ceylan, Jörg Hüttermann, Andreas Zick, Bacem Dziri: „Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“. Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 152 Seiten. ISBN 978-3-658-17949-6. D: 29,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,00 sFr.

Weitere AutorInnen: Viktoria Roth, Fabian Srowig.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es werden Einblicke in die Binnenstruktur und -perspektiven einer radikalisierten Peer Group mit einer ethnografisch ausgerichteten Studien eröffnet, die einen differenzierten Einblick in das Verhältnis von Dschihadismus und Sozialisation leisten.

Die Publikation richtet sich an ein breites Publikum, welches sich für soziologische Hintergrundanalysen interessiert und die Facetten der dschihadistischen Radikalisierung besser verstehen möchte. Sie eignet sich sowohl für ein akademisches Publikum als auch für Fachleute aus der Praxis, welche im Bildungsbereich oder der Jugendarbeit mit der Thematik konfrontiert sind und sich Überlegungen zur Prävention und Intervention machen.

Autorinnen und Autoren

Die AutorInnen sind bis auf Prof. Rauf Ceylan und Bacem Dziri, welche an der Universität Osnabrück im Bereich Islamwissenschaften forschen, alle am „Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ (IKG) in Bielefeld tätig.

Entstehungshintergrund

Angestossen durch ein Forschungsprojekt an der Uni Osnarbrück zur Bedeutung sozialstrukturell benachteiligter Sozialräume für die dschihadistische Radikalisierung von Jugendlichen entstand der Zugang zu den Chat-Protokollen, die den Analysen dieser Publikation zugrunde liegen. Dafür wurde in der Folge die Expertise des IKG hinzugezogen.

Aufbau

Die Publikation gliedert sich in einen Einführungsteil mit einer islamwissenschaftlichen Perspektive, anschliessend werden im Teil „zum Löwen werden“ die Radikalisierung als jugendkulturelles Phänomen erläutert. Im Schlussteil wird die Soziologik der Chatgruppe analysiert und das Fazit gezogen.

Inhalt

Die Auswertung des Gruppen-Chats gibt Aufschluss zu folgenden Dimensionen:

  • Das selbstgewählte Organisationsmodell
  • Die Gruppenstrukturen, -hierarchie und -dynamik
  • Die Konstruktionsprozesse ideologischer Begründungen
  • Die Genese religiös begründeter Auffassungen
  • Die Konstruktion von Selbsterhöhung und nachfolgender Selbstermächtigung

In der Chatkommunikation offenbaren sich folglich wichtige Dimensionen, welche in den verschiedenen Beiträgen der beteiligten AutorInnen mit dem entsprechenden Hintergrundwissen und weiterführenden Reflexionen eingeordnet und analysiert werden:

  • Rauf Ceylan kontextualisiert das Chatprotokoll in der religionssoziologischen Debatte um den globalen Fundamentalismus und Islamismus.
  • Das Kapitel von Bacem Dziri und Michael Kiefer analysiert das Dokument aus islamwissenschaftlicher Perspektive und klären den religiösen Gehalt der Protokolle.
  • Der Beitrag von Andreas Zick, Viktoria Roth und Fabian Srowig beschreibt aus jugendsoziologischer Sicht die Vermischung radikal-islamistischer Inhalte mit westlichen jugend- und konsumkulturellen Elementen.
  • Jörg Hüttermann vergleicht in seinem Kapitel die Soziologik der neo-salafistisch-dschihadistischen Chatgruppe mit der sufistischen islamischen Mystikern im Hinblick auf die Paradoxie der Aneignung von Ursprünglichkeit.

Diskussion

Diese Publikation leistet einen relevanten Beitrag zu einem hochaktuellen Thema und Lesenden direkte Einblicke in die Kommunikation und die Binnenstruktur radikalisierter junger Menschen, welche bereit sind, zu Gewalt zu schreiten und eine Tat vorzubereiten. Durch die Postings entstehen interessante Einblicke in der Welt einer neo-salafistischen Gruppe mit ihren Referenzen, Deutungen und Narrativen, aber auch mit ihren Interaktionen und Gefühlslagen, welche die Gruppendynamik sichtbar machen. Durch die soziologische, sozialpsychologische und islamwissenschaftliche Analyse wird das Datenmaterial in einen breiteren Rahmen gesetzt und verlinkt. So werden einzelne Themen und Facetten herausgearbeitet, welche die Dimensionen und Prozesse der kulturellen Eindeutigkeitsangebote, des Alignements und der Legitimation von Gewalt sichtbar und nachvollziehbar machen

Durch die einzelnen Postings werden die jugendspezifischen Kommunikationsthemen, welche zum Teil skurril wirken, in ihrer «gefährlichen Banalität» entlarvt und zeigen, wie sich mittels solcher Narrative, die von den Jugendlichen geteilt werden, ein Common Ground für Gewalthandlungen entsteht. Wenn es nicht um einen Anschlag ginge, bei dem Menschen getötet und verletzt werden, könnte man die durch die Postings erkennbare Gruppendynamik dieser Jugendlichen auch als eine unterhaltsame Lektüre bezeichnen.

Fazit

Diese ethnografische Feldforschung zu rund 5'700 Postings mit ihren sozial- und islamwissenschaftlichen Exkursen und Analysen ermöglicht differenzierte, authentische Einblicke in das Chat-Material und macht die Evolution der extremistischen Haltungen der beteiligten Jugendlichen besser nachvollziehbar. Dies wiederum eröffnet Erkenntnisse und Perspektiven für die Prävention und Intervention.


Rezensentin
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Miryam Eser Davolio anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 16.10.2017 zu: Michael Kiefer, Rauf Ceylan, Jörg Hüttermann, Andreas Zick, Bacem Dziri: „Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“. Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17949-6. Weitere AutorInnen: Viktoria Roth, Fabian Srowig. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23134.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!