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Regine Bendl, Edeltraud Hanappi-Egger u.a.: Diversität und Diversitäts­management

Cover Regine Bendl, Edeltraud Hanappi-Egger, Roswitha Hofmann: Diversität und Diversitätsmanagement. Facultas Verlag (Wien) 2012. 366 Seiten. ISBN 978-3-8252-3519-2. D: 23,99 EUR, A: 24,60 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Vielfalt ist ein strukturelles Charakteristikum offener Gesellschaften. Sie durchdringt alle Lebensbereiche und findet ihren Niederschlag beispielsweise in einer Ausdifferenzierung von Lebensstilen, Ethnien, sexuellen Orientierungen und vielen anderen Aspekten. Als Antwort auf diesen gesellschaftlichen Strukturwandel sucht die Politik aber auch die Wirtschaft nach Strategien und Instrumenten, wie Vielfalt in verschiedenen Kontexten sinnvoll genutzt werden kann. Eine von vielen Initiativen stellt die „Charta der Vielfalt“ dar, die 2006 von vier Wirtschaftskonzernen unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angelika Merkel gegründet wurde. Die Unterzeichner der Charta verpflichten sich, in ihrem Bereich ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen ist und setzen sich u.a. für gegenseitigen Respekt und Wertschätzung in ihren Unternehmen ein.

Um Vielfalt produktiv zu nutzen, bedarf es eines gezielten Change Managements in Unternehmen. Hilfreich ist dabei ein differenziertes theoretisches und empirisches Wissen über den Gegenstandsbereich Diversität, um darauf aufbauend reflektierte und evaluierte Strategien eines Diversitätsmanagements in Unternehmen implementieren zu können. Die Herausgeberinnen des Buches setzen an diesem Punkt an. Sie stellen die erforderlichen sozialwissenschaftlichen Grundlagen zu dem Thema Diversität differenziert dar und diskutieren darauf aufbauend Strategien und Instrumente der Umsetzung eines Diversitätsmanagements in Unternehmen.

Herausgeberinnen

  • Prof. Dr. Regine Brendl ist Universitätsprofessorin für Gender and Diversity in Organizations an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und Leiterin des Instituts für Gender und Diversität in Organisationen.
  • Prof. Dr. Edeltraud Hanappi-Egger ist Universitätsprofessorin für Gender and Diversity in Organizations an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und seit 01.10. 2015 Rektorin der WU Wien.
  • Dr. Roswitha Hofmann ist Projektmitarbeiterin am Institut für Gender und Diversität in Organisationen sowie Lektorin am Institut für Soziologie der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien zum Thema nachhaltige Organisationsentwicklung unter Diversitätsperspektive.

Neben den Herausgeberinnen, die jeweils auch mit eigenen Beiträgen vertreten sind, haben sechs weitere Autorinnen mit Beiträgen zu dem Sammelband beigetragen.

Entstehungshintergrund

Gesellschaftliche, politische und ökonomische Veränderungen haben dazu geführt, dass das Thema Diversität und Diversitätsmanagement in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. EntscheidungsträgerInnen in Organisationen, ForscherInnen, interessierte PraktikerInnen aber auch Studierende sind zunehmend mit dem Thema konfrontiert. Das Buch soll diesen Zielgruppen einen Überblick über das sozialwissenschaftliche und betriebswirtschaftliche Grundlagenwissen zu Diversität vermitteln sowie Eckpunkte und Konzepte eines Diversitätsmanagments vorstellen und reflektieren.

Die Beiträge des Buches sind in dem Diskurszusammenhang des Instituts für Gender und Diversität in Organisationen an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien entstanden und stellen eine vorläufige Zwischenbilanz der Forschungen am Institut bis zu dem Jahr 2012 dar.

Aufbau

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert.

Nach der Einleitung in Kapitel 1 werden in den Kapiteln 2 bis 5 die sozialwissenschaftlichen und rechtlichen Grundlagen zu dem Thema Diversität vorgestellt und diskutiert. Das Kapitel 6 bildet den link zu den folgenden Kapiteln und führt in den organisationstheoretischen Kontext ein. Die Kapitel 7 bis 11 analysieren und reflektieren verschiedene Aspekte des Diversitätsmanagements. Glossar und Index schließen das Buch ab.

Inhalte

In der Einleitung werden die Zielsetzungen des Buches benannt, die Entstehungsgeschichte des US-amerikanisch und europäisch geprägten Diversitätsmanagements nachgezeichnet, die grundlegenden Positionen des eigenen Ansatzes formuliert und ein Überblick über die Inhalte der einzelnen Kapitel gegeben.

Kapitel 2 legt die theoretischen Grundlagen für einen reflexiven Umgang mit Diversitäten in Organisationen. Dazu werden die Begriffe „Diversität“ und „Diversitätsmanagement“ geklärt, Erkenntnis-, Gesellschafts- und gegenstandsbezogene Theorien diskutiert und gezeigt, dass ein ausschließlich an Kosten-Nutzen Relationen interessierter Zugang zu kurz greift. Ein kritischer Zugang, der eine Weiterentwicklung des Themas in „Richtung einer zunehmenden organisationalen und gesellschaftlichen Inklusivität fördert“ (S. 51) bedarf gesellschafts- und sozialwissenschaftlicher Theoriebezüge, deren Verknüpfungen in Bezug auf Diversitäten herausgearbeitet werden.

Kapitel 3 stellt die Konzepte „Intersektionalität“ und „Stereotypisierung“ und deren Ertrag für ein inklusives Diversitätsmanagement vor. Intersektionalität geht der Frage nach, wann und wie beispielsweise Diversitäten in sozialen Interaktionen und Organisationsprozessen bedeutsam werden und welche Wechselwirkungen dabei erkennbar sind. Stereotypisierung beschreibt kognitive Prozesse in deren Folge sozial geteiltes Wissen beispielsweise in Gruppen entsteht. Dieses Wissen wird als „typisch“ in Bezug auf soziale Zuschreibungen verstanden und setzt sich aus individuellem und kulturell geteiltem Wissen zusammen. Um Stereotypisierungen kritisch zu reflektieren sind binäre Logiken im Denken und Handeln aufzubrechen.

Kapitel 4 betrachtet vertieft ausgewählte Diversitätsdimensionen. Dazu gehören Alter, Behinderung, Ethnizität, Geschlecht, Religion und sexuelle Orientierung. Alle diese Dimensionen werden jeweils begrifflich spezifiziert, deren theoretische Einbettung genauer analysiert und schließlich Ansatzpunkte für die Praxis eines Diversitätsmanagements erörtert. Dabei wird deutlich, dass Diversitätsdimensionen im Sinne eines inklusiven (siehe oben) Diversitätsmanagements nur dann genutzt werden können, wenn eine ganzheitliche und strategische Perspektive gewählt werden und der „Umgang damit auf struktureller und prozessualer Ebene einer Überprüfung“ (S. 121) unterzogen wird. Eine tabellarische Übersicht über konkrete Beispiele eines Diversitätsmanagements zu ausgewählten Diversitätsdimensionen beschließt dieses Kapitel.

Kapitel 5 erörtert die rechtlichen Standards im Umgang mit Diversität am Beispiel der Antidiskriminierungsbestimmungen im österreichischen Gleichbehandlungsgesetz. Das 1979 in Kraft getretene Gesetz enthielt in der ursprünglichen Fassung ausschließlich Regelungen zur „Gleichbehandlung von Mann und Frau bei der Festsetzung des Entgelts“ (S. 139). Aufgrund EU-rechtlicher Vorgaben aus dem Jahr 2000 wurde das Gesetz zu einem Antidiskriminierungsgesetz weiter entwickelt. In dem Kapitel werden die aufgenommenen Merkmale für Antdiskriminierung dargelegt und die Regelungen in den einzelnen Abschnitten erörtert. Konkretisiert wird das Gesetz anhand von 27 Fällen, zu denen jeweils kurze Lösungen angegeben werden. Abschließend werden Anregungen für eine Weiterentwicklung des Gesetzes gegeben.

Kapitel 6 ist als Bindeglied zur Managementperspektive zu verstehen. Der Fokus wird dazu auf die organisationstheoretische Perspektive gelegt und die Rolle von Gender und Diversität in Organisationen analysiert. In einem ersten Durchgang wird aufgezeigt, dass die klassischen Organisationstheorien den Fokus auf Organisationen als Institutionen legen und Personen und deren Geschlechtlichkeit außen vor bleiben. Diese Geschlechtsblindheit der klassischen Organisationstheorien wird durch nachfolgende Organisationstheorien korrigiert. Deshalb werden in der Folge ausgewählte organisationstheoretische Konzepte zur Analyse von Gender- und Diversitätsprozessen vorgestellt und der Zusammenhang von Widerstand und Diversitätsmanagement thematisiert.

Kapitel 7 steht am Beginn der Analysen zum Diversitätsmanagement. Darunter wird in dem Buch ein strategischer Managementansatz verstanden. Dies bedeutet zum einen, dass Diversitätsmanagement mit der Gesamtstrategie eines Unternehmens abgestimmt sein sollte (um Wettbewerbsvorteile zu erzielen), zum anderen eng mit der Führungskultur zu verknüpfen ist. Dabei ist es erforderlich, dass sich die handelnden Akteure ihres jeweiligen Diversitätsverständnisses bewusst sind und dies kritisch reflektieren. Deshalb werden in diesem Abschnitt verschiedene Diversitätsverständnisse vorgestellt und Fragen der strategischen Implementierung eines Diversitätsmanagements diskutiert.

Kapitel 8 untersucht in einer vergleichenden Analyse das Verhältnis der Ansätze von Gender Mainstreaming und Chancengleichheitsprogrammen zu Diversitätsmanagement. Dabei zeigt sich, dass zwar in der Theoriediskussion der Kern der jeweiligen Ansätze erhalten geblieben ist, in der unternehmerischen Praxis die Grenzen aber nicht trennscharf sind. Ein Erfolg in der Umsetzung dieser Ansätze ist aber insbesondere dann gegeben, „wenn alle AkteurInnen an einem Strang ziehen“ (S. 258) und betriebliche top-down Strategien und individuelle bottom-up Initiativen sich ergänzen.

Kapitel 9 legt den Fokus auf die Gruppenebene und erörtert die Bedeutung und die Möglichkeiten von Diversitätsmanagement in Teams. Teams haben eine vielfache Bedeutung in Organisationen. Sie spiegeln Organisationskulturen wider, werden als Instrumente der Organisationsentwicklung genutzt und sollen zur Steigerung von Effektivität und Leistung einen Beitrag leisten. Deshalb ist es folgerichtig, bei zunehmend heterogenen Zusammensetzungen von Teams die Fragen von Diversität und Diversitätsmanagement näher zu untersuchen. In dem Beitrag werden die sozialwissenschaftlichen Grundlagen zu Gruppen und Teams vorgestellt, ein Abriss zur Gruppen- und Teamforschung gegeben und abschließend Möglichkeiten der Teamentwicklung diskutiert.

Kapitel 10 untersucht betriebswirtschaftliche Fragen von Kosten-Nutzen zu Diversität und Diversitätsmanagement. Wie aber können Kosten- und Nutzenpotenziale messbar gemacht werden? Um diese Frage zu beantworten wird in das Konzept „Business Case“ eingeführt und die Problematik der Messbarkeit von Kosten und Nutzen im Kontext von Diversität und Diversitätsmanagement erörtert. Darauf aufbauend „werden Konzepte und Studien diskutiert, die sich mit der ökonomischen Evaluierung von Dienstleistungsmanagement beschäftigen“ (S. 299). Den Abschluss bilden Studien zum (Mehr-)Wert von Diversität.

Kapitel 11 greift abschließend die Entwicklungsperspektive von Organisationen auf. Ein Schwerpunkt wird dabei auf das Konzept der lernenden Organisation gelegt. Dazu wird in die organisationstheoretischen Grundlagen dieses Ansatzes eingeführt und nach den Rahmenbedingungen für diversitätsbezogenes organisationales und individuelles Lernen gefragt. Das Kapitel endet mit einer Darstellung von unterschiedlichen Wissens- und Kompetenzformen für ein inklusives Diversitätsmanagement.

Diskussion

Diversität gehört zu den boomenden Themen in Forschung und Praxis. Der Begriff selbst ist komplex und wird zum Teil normativ aufgeladen verwendet. Dies hat dazu geführt, dass gerade in den politischen und praxisbezogenen Debatten der Begriff unscharf geworden ist und sich parallel eine Vielzahl an Konnotationen entwickelten. Das Buch sehe ich deshalb als einen wichtigen Beitrag, um wieder Klarheit und theoretische Tiefe in die fachlichen Diskurse zu bekommen.

Den Autorinnen des Buches gelingt es sehr gut, die theoretischen Grundlagen und komplexen Verflechtungen des Gegenstandes deutlich zu machen. Dies wird insbesondere noch dadurch befördert, dass es den Autorinnen gelungen ist, ein in sich stringentes Verständnis von Diversität und Diversitätsmanagement in ihren Beiträgen zu Grunde zu legen und aufeinander abzustimmen. Es ist sehr gut erkennbar, dass die Beiträge aus einem längeren gemeinsamen Forschungs- und Diskurszusammenhang entstanden sind. Dieses aufeinander Abgestimmte der Beiträge ist bei Sammelbänden keineswegs selbstverständlich.

Den Autorinnen ist es ein besonderes Anliegen, eine reflexive und kritische Sicht auf ihren Gegenstandsbereich zu fördern. Dies gelingt ihnen in mehrfacher Hinsicht. So werden die theoretischen Grundlagen des Themas in ihrer Komplexität und Vernetztheit überzeugend herausgearbeitet, die erforderlichen Sichtweisen für eine gesellschaftskritische Perspektive entwickelt und schließlich die Eckpunkte von einem Diversitätsmanagement vorgestellt, das all diese Komponenten in sich integriert.

Neben den inhaltlichen Aspekten ist die Didaktik des Buches besonders hervorzuheben. Die Beiträge zeichnen sich alle durch einen klaren Aufbau und eine gut lesbare Sprache aus, ohne dadurch die inhaltliche Tiefe zu verlieren. Jedes Kapitel endet mit Kontrollfragen, die es leichter machen, das eigene Verständnis des gelesenen Kapitels für sich noch einmal zu rekapitulieren. Ein ausführliches Literaturverzeichnis gibt Anregungen für eine vertiefte Lektüre. Das Glossar gibt einen schnellen Überblick über zentrale Begriffe. Lediglich die intern aufeinander bezogenen Verweise zwischen den Kapiteln hätten differenzierter und präziser ausfallen können.

Fazit

Das vorliegende Buch liefert Grundlagen- und Überblickswissen zu dem Thema Diversität und dem darauf aufbauenden Diversitätsmanagement. Sozialwissenschaftliche, ökonomische und gesellschaftliche Theorien und Forschungsergebnisse werden vorgestellt und in Bezug auf ein inklusives Diversitätsmanagement miteinander verknüpft. Auch wenn seit Erscheinen des Buches viele neue Beiträge zu dem Thema veröffentlicht wurden, enthält es immer noch viele Anregungen für die aktuelle Theorie-, Forschungs- und Praxisentwicklung. Deshalb ist es sowohl ForscherInnen, Studierenden, Führungskräften, Unternehmensleitungen und UnternehmensberaterInnen gleichermaßen zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 02.10.2017 zu: Regine Bendl, Edeltraud Hanappi-Egger, Roswitha Hofmann: Diversität und Diversitätsmanagement. Facultas Verlag (Wien) 2012. ISBN 978-3-8252-3519-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23135.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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