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Karl Peter Schwarz: Die Vermarkt­wirtschaftlichung sozialer Hilfebedarfe

Cover Karl Peter Schwarz: Die Vermarktwirtschaftlichung sozialer Hilfebedarfe. Entfremdungsprozesse als Wirkfaktoren in pädagogischen bzw. sozialen Einrichtungen. Plöger GmbH (Annweiler) 2017. 515 Seiten. ISBN 978-3-89857-301-6. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
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Thema und Enstehungshintergrund

Die Vermarktlichung bzw. Verbetriebswirtschaftlichung sozialer Dienste ist ein Thema, das unter dem Stichwort Ökonomisierung des Sozialen in den letzten Jahren breit diskutiert wurde.

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um eine Dissertation aus dem Jahr 2013, die der Autor an der Universität Duisburg-Essen abgeschlossen hat. Sie thematisiert das Thema der Ökonomisierung Sozialer Dienste vorwiegend aus entfremdungstheoretischer Perspektive. Der Autor hat langjährige Erfahrungen in der Leitung u.a. von Einrichtungen der Eingliederungshilfe.

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von der These, dass auch im Sozialsektor die Terminologie der betriebswirtschaftlichen Disziplinen flächendeckend übernommen wurde, ordnet der Autor diese Entwicklung in eine neoliberale Strategie der Sozialbürokratie ein, der aus seiner Sicht mit einer „Pädagogik des Widerstehens“ durch mehr Aufklärung und Transparenz gegenüber getreten werden sollte.

Zentral für seine Argumentation ist die Kategorie der Entfremdung, die im Zentrum des ersten Kapitels des Buches steht. Hier werden zunächst Dimensionen der Kategorien Vermarktwirtschaftlichung und Entfremdung entwickelt, wobei der Begriff der Entfremdung als zentrale Kategorie zur Analyse der Ökonomisierung des sozialen Sektors heran gezogen wird. Der Autor fasst Entfremdung als Phänomen gestörter gesellschaftlicher Teilhabe. Hierzu nimmt Schwarz Bezug auf die Entfremdungstheorie von Karl Marx, die er vor dem Hintergrund verschiedener Theorieansätze einer näheren Betrachtung unterzieht. Er typisiert Entfremdung dabei als einen Begriff der Aufklärung und der ursprünglichen Akkumulation, der in den Eigentumsverhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft seinen spezifischen Ausdruck erhält. Im Unterschied zum Warenmarkt – so die Einlassung des Autors – ist der Sozialmarkt durch die Besonderheit gekennzeichnet, dass der dort festgelegte Preis sich „planwirtschaftlich“ konstituiert, da der Staat hier mit seinen Budgets eine entscheidende Rolle spielt.

Nach einer ausführlichen Darstellung des Entfremdungsbegriffs in seinen unterschiedlichen philosophischen und historischen Bezügen (manches ist hier für die zentrale These des Buches verzichtbar und lässt sich nur aus dem mit einer Promotion verbundenen Theorieanspruch erklären) präzisiert Karl Peter Schwarz seine Ausgangsthese: er begreift die Entwicklung der sozialstaatlichen Aktivitäten als ein Spiegelbild der Machtverhältnisse zwischen den gesellschaftlichen Klassen und sieht spätestens seit der Finanzkrise eine Verschiebung hin zu einer Entwicklung, in der das Soziale insgesamt unter Druck gerät. Der Sozialstaat soll durch Investitionen in das Humankapital Eigenverantwortung und Selbstsorge durchsetzen und damit soziale Kompensationen auf ein Minimum beschränken.

Kapitel zwei des Buches widmet sich der zentralen Fragestellung ob die beschriebenen Kategorien der Entfremdung auch bei pädagogischen bzw. sozialen Diensten ihre Wirkung entfalten, wobei im Kapitel 3 zunächst Dimensionen der Vermarktlichung des Sozialen Sektors beschrieben werden. Der Autor diagnostiziert einen „sozialpolitischen Paradigmenwechsel“, den er als „Deregulierung versus Sozialpartnerschaft“ konkretisiert, wobei er die Kategorie der Dienstleistungsgesellschaft als neoliberales Paradigma typisiert. Ausführlich widmet er sich Gouvernementalitätsstudien bis er schließlich im Begriff der Local Governance (zurecht) eine neue Steuerungsform diagnostiziert, die im Gegensatz zur Subsidiarität steht und dieses als „Auslaufmodell“ erscheinen lässt.

Dies führt im dritten Kapitel hin zur näheren Analyse aktueller Entwicklungen in der Sozialwirtschaft, wobei im Zentrum der Analyse Veränderungen in der Eingliederungshilfe stehen. Der Autor beschreibt die ökonomische Zwecksetzung von Verschiebebahnhöfen zwischen Pflege und Eingliederungshilfe und entschlüsselt den Kundenbegriff als Hinwendung zu einer stärker an den Interessen der Leistungsträger ausgerichteten Steuerungsstrategie. Am Beispiel eines Projekts in Weilheim-Schongau werden die Zielsetzungen eines „inklusiven Gemeinwesens“ skizziert und eine Zusammenarbeit zwischen Sozialbürokratie und Sozialwirtschaft im Sinne einer forcierten Ökonomisierung behauptet.

Im vierten Kapitel wird am Marktbeispiel Eingliederungshilfe der Entfremdungsbegriff als Salesmanagement definiert und an verschiedenen Konzeptionen (Qualitätsmanagement; Empowerment) heraus gearbeitet, wie Salesmanagement zu einer pädagogischen Schlüsselqualifikation wird. Der Autor sieht im damit verbundenen Casemanagement eine Methode der Kostenkontrolle von Lebensqualität und landet folgerichtig bei der „kritischen Bewertung der Messbarkeit sozialer Dienstleistungen“ (S. 356). Am Beispiel der Balanced Scorecard werden Instrumente sozialtechnologischer Ordnung dargestellt. Das Kapitel endet mit einer exemplarischen Darstellung von Vermarktlichund und Entfremdung im christlich-humanistischen Diskurs.

Im fünften Kapitel des Buches wird die Kritik des Autors an der Vermarktlichung des Sozialsektors noch einmal präzisiert und auf verschiedene Dimensionen wie die De-Institutionalisierung als Leitbegriff einer Neuordnung von Trägerstrukturen ausgedehnt. Absurditäten – wie bspw. die Einlassung des Caritas Verbandes den Autonomiezuwachs von Menschen mit Behinderungen „messbar zu machen“ – werden in den Kontext der Sozialraumorientierung als neuer kommunaler Vernetzungsstrategie gestellt. Karl Peter Schwarz sieht im Konstrukt eines Sozialraums einen „Schulterschluss zwischen Sozialbürokratie, Dienstleistungseinrichtungen, Wohlfahrtsverbänden und Hochschulen“ (S. 411) und eine Ausdehnung der sozialstaatlichen Aktivierungsstrategie auf den kommunalen Raum. Letztendlich geht es nicht mehr um pädagogische Arbeit und Konzeptionierungen, sondern um die Überlebenschancen von Sozialunternehmen als Dienstleister auf einem Wettbewerbsmarkt.

In Abschnitt 5.2 dieses Kapitels finden sich „Überlegungen zu einer Kritischen Pädagogik in ‚Sozialunternehmen‘“. Der Autor plädiert für eine kritische materialistische Pädagogik, die zwar den Menschen als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ begreift, aber keinen Determinismus verfolgt. Dies lässt Möglichkeiten für Widerständigkeit offen und dem Autor ist zuzustimmen, wenn er in der Aufklärung über gesellschaftliche Tatbestände ein Mittel sieht, Interessen zu mobilisieren.

Das sechste Kapitel bietet ein Fazit und einen Ausblick, in dem der Autor seine Auffassung betont, dass die Entfremdungstheorie von Karl Marx den geeigneten theoretischen Rahmen liefert, um das Konzept einer materialistischen Bildungsarbeit zu fundieren.

Diskussion und Fazit

Karl Peter Schwarz legt mit dem Buch eine grundlegende Kritik der Ökonomisierung des Sozialen vor, die sich insbesondere dadurch auszeichnet, dass sie sich von Entwicklungen nicht irritieren lässt, die scheinbar einer Unterwerfung sozialen Handelns unter Effizienzkriterien zuwider laufen. Weder das Konzept der Sozialraumorientierung, noch die normativen Verweise auf Inklusion und Menschenrechte können den Autor in seiner Überzeugung beeindrucken, dass die marktvermittelten Wirkmechanismen den gesamten Sozialsektor durchdringen. Hierfür ist sicherlich auch der Theoriebezug der Arbeit verantwortlich, der aus entfremdungstheoretischer Sicht versucht, die Totalität der Umwälzungen im Bereich sozialer Hilfebedarfe in den Blick zu nehmen. Dies wirft zugleich Fragen auf: die Entfremdungstheorie ist – mit Bezug auf Karl Marx – wesentlich von dessen Auseinandersetzung mit Feuerbach geprägt und Marx hat diese nach seinen ökonomischen Studien hinter sich gelassen. Mit der Werttheorie erklärt Marx die Gesetzmäßigkeiten der (kapitalistischen) Anwendung der Ware Arbeitskraft und die Unterscheidungen, die hierbei zu machen sind. Mit den Kategorien von produktiver und unproduktiver Arbeit erklärt Marx auch die Besonderheiten der Dienstleistungsberufe, die gegenwärtig nachhaltig zu beobachten sind (dauerhafte Austerität; Zweifel an der Funktionalität professionellen Handelns, staatliche Steuerung unter dem Leitbegriff der Effizienz u.a.m.). Die mit der Ökonomisierung des Sozialen verbundenen Veränderungen der Beschäftigungsverhältnisse (auf die das Buch von Schwarz nur sehr kursorisch eingeht) lassen sich als Bestätigung der Marxschen Theoriebildung lesen.

Das Buch von Karl Peter Schwarz provoziert also zur Diskussion und das ist ihm als Vorteil anzurechnen. Es enthält eine Vielzahl von Analysen und kritischen Auseinandersetzungen mit anerkannten Autoren, die für die theoretische Auseinandersetzung über die Entwicklungen im Sozialsektor anregend sind.

Das Buch ist – auf Grund seines Charakters als Dissertationsarbeit – sicherlich keine leichte Lektüre, dies sollte aber nicht abschrecken, sich auf die Gedankenführung des Autors einzulassen und seine Begründungen nachzuvollziehen. Eine empfehlenswerte Lektüre für diejenigen, die an einer theoretischen Auseinandersetzung über Hintergründe und Begründungen der Ökonomisierung des Sozialen interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 18.08.2017 zu: Karl Peter Schwarz: Die Vermarktwirtschaftlichung sozialer Hilfebedarfe. Entfremdungsprozesse als Wirkfaktoren in pädagogischen bzw. sozialen Einrichtungen. Plöger GmbH (Annweiler) 2017. ISBN 978-3-89857-301-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23142.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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