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Maik Philipp: Materialgestütztes Schreiben

Cover Maik Philipp: Materialgestütztes Schreiben. Anforderungen, Grundlagen, Vermittlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 175 Seiten. ISBN 978-3-7799-3720-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Seit einigen Jahren hat sich das materialgestützte Schreiben als neuer lese- und schreibdidaktischer Ansatz zur Förderung und zur Prüfung in den allgemeinbildenden weiterführenden Schulen etabliert. Kennzeichen dieses Schreibformats ist, dass Schreibende auf der Basis von mehreren – mindestens zwei – Texten einen eigenen Sachtext verfassen. Der zu erstellende Text kann entweder dominant informierend oder argumentierend ausgerichtet sein. Schülerinnen und Schüler benötigen für dieses neue Schreib- und Prüfungsformat andere Fähigkeiten, als dies beim klassischen erörternden oder analytischen Schreiben über einen einzelnen Text der Fall gewesen ist. Somit entspricht das materialgestützte Schreiben der Forderung nach wissenschaftspropädeutischem Arbeiten insoweit, dass Referate, Vorträge und wissenschaftliche Publikationen aus der Prüfung verschiedener Textquellen bestehen, die dann Grundlage eines neuen, eigenen Textes werden.

Das Buch von Maik Philipp stellt in zwei Teilen überblicksartig das neue Format des materialgestützten Schreibens vor – sowohl aus konzeptionell-theoretischer Sicht als auch mit Blick auf didaktische Vermittlungsmöglichkeiten.

Autor

Dr. Maik Philipp (Jg. 1979) lehrt und forscht als Professor für Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Forschungen zum Erwerb, zur Selbstregulation und zur Förderung von Lese- und Schreibkompetenzen, zur Lese- und Schreibmotivation sowie zum materialgestützten Schreiben.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwei Teilen, denen jeweils verschiedene Kapitel zugeordnet sind:

    Teil 1: Materialgestütztes Schreiben: Grundlegendes
  1. Was materialgestütztes Schreiben ist
  2. Warum sich materialgestütztes Schreiben lohnt
  3. Was materialgestütztes Schreiben so anspruchsvoll macht
  4. Wie sich die Fähigkeit zum materialgestützten Schreiben mutmaßlich entwickelt
  5. Wie das (materialgestützte) Schreiben gegenwärtig zum Lernen in der Sekundarstufe genutzt wird
  6. Was sich aus alldem für die Förderung des materialgestützten Schreibens ergibt Teil 2: Materialgestütztes Schreiben: Didaktisches
  7. Baustein 1: Lese- und Schreibstrategien vermitteln
  8. Baustein 2: Domänenspezifische Wissensbestände vermitteln – das Beispiel Textstrukturwissen
  9. Baustein 3: Gestaltung der Aufgabenumgebung mit Hilfestellungen und gezielter Textauswahl
  10. Baustein 4: Entlastungsmaßnahmen für das materialgestützte Schreiben

Abgerundet wird der Band durch ein neunseitiges Literaturverzeichnis.

Zu Teil 1

Im ersten Teil wird schrittweise in sechs Kapiteln erläutert, was unter dem neuen Konzept des „Materialgestützten Schreibens“ zu verstehen ist. Philipp definiert das Schreibformat folgendermaßen: „Das materialgestützte Schreiben, bei dem eine lesende Person aus den multiplen Texten, die sie liest, Informationen auswählen, verknüpfen und in ihrem eigenen Text integrieren muss, beschreibt (…) ein komplexes interaktives Lesen und Schreiben.“ (S. 12)

Daran anknüpfend widmet sich der Autor der Frage nach dem Mehrwert dieses neuen Werkzeugs des Lesens und Lernens: Unter Bezug auf das fachliche Lernen, das Leseverstehen und das Schreiben selbst werden insgesamt positive Effektive konstatiert, wobei besonders hervorgehoben wird, dass Schülerinnen und Schüler dabei selbstgesteuert lernen Lese- und Schreibstrategien zu nutzen. Jedoch hebt der Autor die Komplexität des neuen Schreibformats hervor und stellt Defizite der Wirkungsforschung heraus: „Materialgestütztes Schreiben ist anspruchsvoll. (.) Es gibt bislang für dieses anspruchsvolle Schreiben über multiple gelesene Texte noch keine umfassende Theorie.“ (S. 35)

Um diesem Befund entgegen zu wirken, stellt Philipp verschiedene Repräsentationsmodelle von Texten vor, die erklären, wie Leser ein Verständnis von Textinhalten bei kontinuierlichen Texten generieren. Ferner betrachtet er intensiv das „Multiple-Document Task-Based Relevance Assessment and Content-Extraction“-Modell, welches zeigt, wie Textinformationen aus Einzeltexten zur Lösung lesebezogener Aufgaben herangezogen werden.

Dieser Ansatz wird ergänzt durch die Analyse des Schreibprozesses, was unter Rückgriff auf das Mehrebenen-Modell von Hayes geschieht. Das theorieorientierte Fazit des Schweizer Wissenschaftlers: „Der kursorische Gang durch die Theorie zeigt deutlich, dass das materialgestützte Schreiben getrost zu den kognitiv anspruchsvollsten schulischen Tätigkeiten überhaupt gezählt werden kann.“ (S. 55) Didaktisch-curriculare Vorgaben werden daher gut beraten sein, alters- und kompetenzspezifische Konzepte für den unterrichtlichen Einsatz des materialgestützten Schreibens zu entwickeln.

Philipp schlägt ein „Kontinuum von Transformationsstrategien“ (S. 75) vor, die nach dem kognitiven Aufwand – progressiv geordnet nach dem Anspruchsniveau – systematisiert erfolgen:

  • Zusammenfassen eines Primärtextes
  • Auflisten von Primärtextinhalten
  • Verbinden von Primärtexten anhand eines Primärtextes
  • Zer- und Zusammensetzen von Primärtexten
  • Synthetisieren von Primärtextinhalten

Diesem strategieorientierten Modell hält der Autor die gegenwärtige Praxis des Schreibunterrichts entgegen und konstatiert: Schreiben sei in der zeitgenössischen Unterrichtspraxis ein marginales Lernwerkzeug, welches von für Schreibunterricht wenig geschultem Lehrperson kaum systematisch vermittelt werde. Mit den Worten Philipps: „Die gegenwärtige Nutzung des Schreibens für das Fachlernen in der Sekundarstufe bleibt (…) hinter dem Potenzial des schriftlichen Weiterverarbeitens von fachlichen Gegenständen und Informationen aus Texten zurück.“ (S. 93) Sein Lösungsvorschlag setzt an mehreren Punkten an: Die gezielte Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte soll mit einer expliziten „Didaktik des materialgestützten Schreibens“ (S. 96) verknüpft werden, die vor allem auf die Lese- und Schreibstrategien, die Vermittlung von domänenspezifischen Wissensbeständen und die Gestaltung präziser Arbeitsaufträge sowie Formen von Textrevisionen ausgerichtet sein sollte.

Zu Teil 2

Im zweiten Teil des Buches werden vier Bausteine vermittelt, die für die Unterrichtsgestaltung vorgeschlagen werden:

  1. Lese- und Schreibstrategievermittlung,
  2. Vermittlung von Textsortenwissen,
  3. Gestaltung der Aufgabenumgebung mit Fokus auf die Textauswahl und
  4. die Aufgabengestaltung bzw. -formulierung sowie personelle und technische Entlastungen.

Die Bausteine sind sowohl fächerübergreifend als auch methodisch innovierend konzipiert. Beispielsweise geht Philipp auf die Frage ein, wie kooperative Lernformen und der Medieneinsatz genutzt werden können, um das materialgestützte Schreiben effizient und erfolgreich im Unterricht zu erarbeiten. Beachtenswert erscheint in diesem Kontext der Hinweis auf das empirisch gut dokumentierte Peer-Feedback für erste Schreibversuche von Schülern, besonders wenn es kriterial durch Peers als Grundlage für Revisionsprozesse eingesetzt wird. Dies könne medial gestützt werden durch Textverarbeitungssoftware und Laptopeinsatz, „denn das Schreiben am Computer kommt der Flexibilität stark entgegen, die für diese Art des Schreibens typisch ist und gerade die Revisionen des Textentwurfs stark erleichtert.“ (S. 165).

Diskussion

Lesen und Schreiben sind grundlegende Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler je nach Bildungsabschluss mit unterschiedlicher Tiefe und Komplexität erworben haben sollten. Dass sich Leseaktivitäten gezielt mit Schreibaktivitäten verbinden lassen, um Lernprozesse anzustoßen und zu forcieren, ist keine Neuigkeit. Jedoch hat die Forschung vermehrt darauf hingewiesen, dass Schreibaktivitäten explizit förderlich für das Textverständnis sind, wenn gelesene Textinhalte stark transformiert werden müssen.

Maik Philipp hat eine gut verständliche, fachlich sehr versierte Einführung in jenes recht neue Schreibformat vorgelegt, das gegenwärtig in vielen Bundesländern und in der fachdidaktischen Diskussion eine spürbare Aufmerksamkeit generiert hat. Philipp warnt jedoch eindringlich davor, die beim materialgestützten Schreiben zu erbringenden Leistungen zu verkürzen bzw. zu unterschätzen. Vielmehr plädiert der Band für einen realistischen Blick auf das zu Leistende: Neben umfassenden allgemeinen und domänenspezifischen Wissensbeständen brauchen Schülerinnen und Schüler ausgebildete Lese- und Schreibstrategien, um den Erfordernissen der Aufgaben gewachsen zu sein. Insofern postuliert er, Schreibaufträge sorgfältig zu konstruieren und vor allem bei der Auswahl der multiplen Texte, welche die Ausgangsbasis bilden für die schriftliche Weiterarbeit, sorgfältig vorzugehen.

Fazit

In zehn Kapiteln stellt der Züricher Deutschdidaktiker Maik Philipp die Grundlagen, Anforderungen und methodischen Vermittlungskonzepte für das materialgestützte Schreiben vor. Als neuer Aufgaben- und Prüfungstyp findet dieses Format gerade Aufnahme in den Unterricht. Der Autor zeigt einerseits die Strategien und Modelle des Lesens, Textauswertens und Schreibens, die Schüler erworben haben sollten, um sich mit dem materialgestützten Schreiben beschäftigen zu können. Anderseits fokussiert er die Fertigkeiten und Kompetenzen der Lehrkräfte, die Schülern dieses anspruchsvolle Format vermitteln sollen. Mehrere Bausteine liefern Ansätze für Unterrichtskonzeptionen und methodische Lernsettings. Roter Faden der Darstellung ist die nachvollziehbare These des Autors, dass das Besondere am materialgestützten Schreiben die „Kombination von Leseaktivitäten bei mehreren Texten [ist], die dazu führen sollen, dass man einen eigenen Sachtext schreibt.“ (S. 33) Gerade Deutschdidaktiker, Deutsch-Lehrkräfte und Lehrerfortbildner werden dank der komprimierten und sachkundigen Schreibweise des Autors für die Chancen und Herausforderungen dieses neuen Schreib- und Prüfungsformats sensibilisiert.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 10.01.2018 zu: Maik Philipp: Materialgestütztes Schreiben. Anforderungen, Grundlagen, Vermittlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3720-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23145.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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