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Ulrich Binder, Jürgen Oelkers (Hrsg.): Der neue Strukturwandel von Öffentlichkeit. Reflexionen in pädagogischer Perspektive

Cover Ulrich Binder, Jürgen Oelkers (Hrsg.): Der neue Strukturwandel von Öffentlichkeit. Reflexionen in pädagogischer Perspektive. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-3638-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten der Kommunikation. Inwiefern traditionelle Massenmedien dadurch an Bedeutung verlieren und welche Auswirkungen das auf erziehungswissenschaftliche Fragestellungen haben soll, wird von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Herausgeber

Ulrich Binder ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Jürgen Oelker ist emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich.

Aufbau

In Anlehnung an das Konzept von Jürgen Habermas zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ wird die aktuelle Entwicklung aufgegriffen. Der klassische Herausgeberband beschäftigt sich in einem ersten Teil mit grundlegenden Charakteristika der modernen Öffentlichkeit und beleuchtet in seinem zweiten Teil die Folgen für die Bildung(-spolitik).

Inhalt

Öffentliche Bildung soll, so beschreiben es die Herausgeber Ulrich Binder und Jürgen Oelkers bereits in ihrer Einleitung, dass „die Staatsbürger sich an den politischen Geschäften beteiligen und ihre Anliegen öffentlich zum Ausdruck bringen können“. Dazu sei ein „Grundmaß an Bildung für alle“ notwendig. Schulen seien heute „rivalisierenden Bildungsmedien ausgesetzt“, was die Frage aufwerfe, welche Auswirkungen das auf die Demokratie habe.

Friedrich Krotz plädiert in seinem Beitrag dafür, Aspekte der Globalisierung, Kommerzialisierung und Individualisierung in mediatisierten Gesellschaften als Prozesse zu erforschen. Er stellt fest, dass die „neuen Medienanbieter“ mehr an Gewinninteressen als an Inhalten interessiert seien und somit „keine Aufgabe mehr für die Demokratie erfüllen“. Konsequent fordert Krotz deshalb, „handlungsorientierte Medien“ wie Twitter in Genossenschaften umzuwandeln und Suchmaschinen wie Google der Kontrolle internationaler Organisationen wie der Uno zu unterwerfen.

Tilmann Sutter lenkt den Blick darauf, dass die „interaktiven“ Medien eine für alle verfügbare Wirklichkeit verhinderten. Neue Medien würden „persönliche Öffentlichkeiten“ erzeugen, aber die notwendige massenmediale Verbreitung von Kommunikation nicht hinreichend garantieren.

Von „Mini-Publics“ spricht unterdessen Caja Thimm, die darin ein „Fragmentierungsproblem digitaler Öffentlichkeit“ ausmacht. In einem DFG-Forschungsschwerpunkt „Mediatisierte Welten“ habe man festgestellt, so Thimm, dass sich diese „Mini-Publics“ im Sinne einer polymedialen Mediennutzung entwickelten. Häufig würden die Themen, die in solchen Foren bei Facebook oder Twitter erörtert würden, von Traditionsmedien aufgegriffen und weiter diskutiert.

Martin Stempfhuber empfiehlt angesichts dieser neuen Struktur von Öffentlichkeit, auch den „Strukturwandel der Privatheit“ soziologisch zu untersuchen.

Zurück haltender äußert sich Udo Thiedeke über die Veränderung von der repräsentativen zur individuellen Öffentlichkeit: Er führt aus, dass die Schaffung von Computernetzen nur ein „bislang letzter evolutionärer Schritt der medialen Kommunikation“ sei. Traditionelle Massenmedien würden stets die Leitunterscheidung vornehmen, was veröffentlichungsfähig ist und was nicht. Dadurch entstehe ein „Bereich des Nichtöffentlichen“. Die Repräsentation von Ereignissen und Personen in den Massenmedien werde durch „interaktionsmediale Kommunikation“ ergänzt, die einen anderen Sinnhorizont habe.

Eine dezidiert kulturpessimistische Ansicht vertritt Jürgen Oelkers, der eine Aushebelung der klassischen politischen Öffentlichkeit sieht, wenn sich „soziale Gruppen abschotten, nur noch Medien benutzen, die sie bestätigen“. Nur Interaktion und Austausch zwischen verschiedenen Gruppen konstituiere eine demokratische Lebensform. Wo Bürger bloß als „Nutzer“ aufträten, würden diese weder Rechte noch Pflichten kennen und auch keine wichtigen von unwichtigen Themen mehr unterscheiden. Demokratie verlange Bildung im Sinne von Verstehensleistungen, so Oelkers, die „nicht einfach ad hoc erreicht werden können“.

Den Einfluss von privatwirtschaftlichen Lobbygruppen auf Bildungsprozesse, Schulen und Schulbücher kritisiert Michael Klundt in seinem Beitrag. Das sei eine „strukturelle Indoktrination“, die den international verbrieften Kinderrechten widerspreche. Stattdessen solle man selbst organisierten Initiativen von Kindern und Jugendlichen in Öffentlichkeit und Bildungswesen mehr Aufmerksamkeit widmen.

Jeffrey Wimmer betont, dass neben dem Inhalt von Bildung auch deren Mittel verstärkt beachtet werden müsse. Besonders hebt er dabei die Rolle von Computerspielen hervor, deren Potenziale er im Hinblick auf formelle wie informelle Bildung beschreibt.

In einer Tiefenanlayse der Habilitationsschrift von Jürgen Habermas greifen Alessandro Barberi und Christian Swertz die Schwerpunkte der Kapitalismuskritik, der Repräsentation und der Medientheorie auf. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Mensch als denkendes und handelndes Subjekt in den Mittelpunkt aller bildungs- und medientheoretischen Konzepte gestellt werden müsse, damit dieser kritisch reflektieren und sich „am Spiel der Öffentlichkeit beteiligen“ kann.

In einer Art Streitgespräch referieren Ulrich Binder und Heinz-Elmar Tenorth in einem gemeinsamen Artikel ihre unterschiedlichen Haltungen zum modernen Medienwandel. Anhand zahlreicher Theorien der Öffentlichkeit zeigt Binder aus seiner Sicht, dass Selektions-Algorithmen eine gemeinsame Agenda gefährden. Tenorth hält dagegen solche „Verfallsängste“ für übertrieben: Die „Konstruktionsprämisse der Suchmaschinen“, die so genannte Filterblasen für die einzelnen Nutzer entstehen lassen könnten, sei Anlass, die „eigenen Fixierungen selbst noch zum Thema zu machen und im Lernen mit dem Medium auch die Arbeit an der eigenen Selbstwahrnehmung zu intensivieren“.

Walter Hezog weist in seinem Text darauf hin, dass die Bildungspolitik zunehmend versuche, die Erziehungswissenschaft „für sich zu vereinnahmen“. Die Forscher sollten sich dagegen auf ihre kritische Funktion zurückbesinnen.

Unterdessen kritisiert Elmar Drieschner, dass sich „wissenschaftliche, politische und journalistische Kommunikationsweisen mehr und mehr verwischen“. Anhand von Beispielen schildert er „misslingende Kopplungen zwischen Wissenschaft und Massenmedien“. Dabei stellt er Darstellungen in den Mittelpunkt, die sich mit einem pessimistischen Bild der „Kindheitsrhetorik“ beschäftigen – so sei das pauschal verbreitete Vorurteil nicht haltbar, dass bei zunehmender Computernutzung im jungen Alter etwa eine „Bewegungsfaulheit“ entstehe.

Diskussion

Die unterschiedlichen Beiträge des Buches beleuchten zum Teil aus sehr spezieller Sicht den aktuellen Wandel von Öffentlichkeit. Die pädagogische bzw. bildungspolitische Perspektive wird dabei in Ansätzen gestreift. Ein Vorteil des Herausgeberbandes ist, dass er eine Bandbreite an Interpretationen und Forschungsansätzen bietet. An vielen Stellen ergeben sich interessante Hinweise für weiter gehenden Forschungsbedarf.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen medial vermittelter Öffentlichkeit und Bildung(-spolitik) ist in einer Demokratie nicht zu unterschätzen. Es ist das Verdienst dieses Herausgeberbandes, die vielfältigen Herausforderungen der „mediatisierten“ Gesellschaft zu beschreiben und erste Schritte der Analyse zu versuchen. In unterschiedlichen wissenschaftlichen Herangehensweisen werden alte Konzepte neu interpretiert und neue Konzepte entworfen. Insgesamt bietet das Buch eine anregende Lektüre, die zum Nachdenken und Forschen anregt.


Rezensent
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 12.12.2017 zu: Ulrich Binder, Jürgen Oelkers (Hrsg.): Der neue Strukturwandel von Öffentlichkeit. Reflexionen in pädagogischer Perspektive. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3638-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23146.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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