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Alfred Schäfer: Jean-Jacques Rousseau

Cover Alfred Schäfer: Jean-Jacques Rousseau. Ein pädagogisches Porträt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 2. Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-3704-3. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Das Buch beschreibt das fiktive Erziehungsprogramm von Rousseau und beschäftigt sich mit der Frage, wie die Selbstbestimmung des Menschen erreicht werden könnte.

Autor

Prof. em. Dr. phil. habil. Alfred Schäfer war Hochschullehrer für Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung gliedert sich das Buch in fünf Kapitel, Zeittafel, Literaturverzeichnis und ein Nachwort zur 2. Auflage:

  1. Entfremdungstheorie und Vernunftkritik
  2. Das theoretische Werkzeug Rousseaus
  3. „Natürliche Erziehung“
  4. Die Frau: Aufspaltung der Anthropologie
  5. Wirkungsgeschichte und Diskussionsstränge

Inhalt

Im Kapitel 1, „Entfremdungstheorie und Vernunftkritik“, thematisiert der Autor Rousseaus Vorstellung von der „Entfremdung des Menschen von sich selbst“ (S. 14). Rousseau unterscheidet zwischen Bürger und Mensch. Ersterer zeigt sich nur als vergesellschaftetes Individuum, welches von anderen abhängig ist. Nur die von Rousseau „Mensch“ genannte Person kann durch ihre Selbstverwirklichung einer Entfremdung entgehen. Da nach Rousseau auch die Vernunft gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüssen unterliegt, zielt sein fiktives Erziehungsprogramm auf die „Stimme des Gewissens“ ab, um eine Identität des Menschen mit sich selbst erreichen zu können (S. 18).

Kapitel 2 stellt das „theoretische Werkzeug“ Rousseaus vor. Schäfer führt detailreich das Konzept der „formalen Identität“ aus. Er sieht Rousseaus „Emile“ als den pädagogischen Versuch, den natürlichen Selbstbildungsprozess des Individuums zu beschreiben. Weiterhin geht es in diesem Kapitel um die Begriffe „Natur“ und „Naturzustand“, Rousseaus anthropologisches Modells der Ambivalenz und die „Selbstliebe“.

Im Kapitel 3, „Natürliche Erziehung“, thematisiert Schäfer das pädagogische Rechtfertigungsproblem, welches sich im Rahmen eines Konzeptes der formalen Identität eines Menschen stellt. Es stellen sich unter anderem die Fragen, woher der Erzieher eigentlich weiß, was für jede Altersstufe eines Kindes „natürlich“ ist? Wie kann es gehen, dass eine pädagogische Intervention nicht die „natürliche Unmittelbarkeit“ beeinträchtigt und das Selbstbestimmungsrecht des Kindes stört? Schäfer behilft sich, indem er bei Rousseau Phasen der Erziehung bzw. eine „Periodisierung der Entwicklungsstufen“ feststellt (S. 66 ff.). Zum anderen wird hier das Konzept der „indirekten Leitung“ mit all den sich daraus ergebenden Fragen ausgeführt (S. 93 ff.).

Im Kapitel 4, „Die Frau: Aufspaltung der Anthropologie“, thematisiert der Autor sehr kurz die Haltung Rousseaus zur Frau, welche wohl trotz der damaligen Aufklärungszeit auf einer sehr traditionellen patriarchalen Vorstellung gründet.

Kapitel 5, „Wirkungsgeschichte und Diskussionsstränge“, behandelt ebenfalls sehr knapp die Bewertung der pädagogischen Schriften von Rousseau durch nachfolgende Wissenschaftler von Campe bis hin zu Lévi-Strauss.

Diskussion

In einer ersten Fußnote merkt der Autor an, dass er sich in diesem Werk nicht mit der Person von Rousseau, seinem Charakter oder seinen psychischen Defiziten beschäftigen werde (siehe Zeitfenster, S. 148 ff.). Darauf nimmt er nochmals Bezug in seinem Nachwort zur vorliegenden, unveränderten 2. Auflage. In Abgrenzung zu einer nach ihm gegebenen „neoliberalen Überbietungslogik“ (S. 158) ist es sein Anliegen, nur nach den Konstitutionsbedingungen der pädagogischen Theorie Rousseaus zu fragen. Diese werden schwerpunktmäßig an Rousseaus bekanntesten Werk „Emile oder Über die Pädagogik“ von 1762 abgehandelt.

Die Lektüre hinterlässt fortwährend ein Gefühl der Ambivalenz. Da arbeitet Schäfer heraus, dass auf der Basis eines „formalen Identitätskonzeptes“, auf dem Rousseaus pädagogische Vorstellungen beruhen, alle Vorstellungen zurückgewiesen werden müssen, die nicht vom Individuum selbst getroffen werden (S. 27). Geht es also Rousseau in seiner – ausdrücklich fiktiv genannten – Pädagogik nur um die Förderung des Selbstbestimmungsprozesses des Kindes Emile? Was genau besagt das „natürliche Entwicklungsmodell“, der „Naturzustand“, die formale Identität als Übereinstimmung von Wollen und Können bei der gegebenen Anthropologie der Ambivalenz von Rousseau? (S. 34). Helfen soll da die Vorstellung einer „natürlichen Erziehung“, welche -sofern sie gelingen mag – dem Menschen ein „Mit-sich-identisch-Sein“ ermöglicht (S. 60). Da nun jegliche Erziehung nur im Kontext einer sozialen Beziehung denkbar ist, braucht auch die Erziehung von Rousseau einen Erwachsenen – konkret nur einen Mann – der den Prozess des Aufwachsens eines Kindes steuert und dafür Verantwortung trägt.

In der gedanklichen Konstruktion einer fiktiven Erziehung von Emile bleibt sich Rousseau scheinbar in seiner Ambivalenz und tiefen Widersprüchlichkeit treu. Seine am Schreibtisch konstruierte Erziehung wirkt – so Schäfer – wie eine „Periodisierung des Natürlichen“, d.h. als Entwicklungsstufen zu einer formalen Identität, deren Ziel die „Übereinstimmung von Wünschen und Zielen“ sein soll (S. 68). Was Schäfer im Folgenden beschäftigt, ist die Frage, wie die „Natürlichkeit“ der Entwicklung mit der gegebenen Macht des Erziehers in Einklang zu bringen ist. Ausgehend von den zunehmenden Fähigkeiten des heranwachsenden Kindes soll das „Arrangieren von Situationen“ die pädagogische Lösung sein. Statt wie früher auf Befehl und Gehorsam zu setzen, soll in der Erziehung nun durch Arrangement erreicht werden, dass das Kind im Tun die Grenzen seiner Fähigkeiten erfahren kann. Der Erzieher arrangiert also „Situationen, in denen Emile scheitert, ohne dass er um den inszenierten Charakter dieses Scheitern wissen darf“ (S. 80). Obwohl sich Schäfer ernsthaft und redlich bemüht, sich nur an die wissenschaftliche Analyse des Textes zu halten, bleibt es nicht aus, dass in einem „Porträt“ auch etwas von der Persönlichkeit des Porträtierten durchscheint. Auffallend am „Erzieher“ von Emile, d.h. an Rousseau, ist, dass er nicht als „subjektive Person“ agieren soll. Im Idealfall – so Schäfer – „agiert er wie ein Automat“ (S. 84). Dieser Erzieher soll keine Person sein, sondern eine Funktion darstellen. Er hat angeblich keine andere Aufgabe und kein anderes Leben jenseits des Erziehungsprozesses von Emile. Außer dem Zögling Emile gibt es in seinem Leben keinen Menschen, die eine Bedeutung für ihn hätten (S. 85). Gleichwohl gilt, dass die Äußerungen des Erziehers „mit der Konsequenz eines Naturgesetzes gelten“ müssen (S. 89). Zuneigung zwischen dem kindlichen Emile und seinem fiktiven Erzieher Rousseau spielen keine Rolle. Bedenkt man hier die Tatsache, dass Rousseau ab 1746 alle fünf Kinder, die seine Lebensgefährtin Thérèse geboren hat, direkt in ein Waisenhaus abgeschoben hat (siehe Zeittafel, S, 148 ff.), verwundert es nicht weiter, wie wenig Rousseau wohl von dem realen Leben eines sich entwickelnden Kindes wusste. So bleibt es dabei, dass im Namen einer „natürlichen Erziehung“ von Rousseau gefordert wird, dass „das Kind nur und ausschließlich dem Erzieher »gehorchen« soll“ (S. 95), womit gemeint ist, dass kein anderer Mensch Einfluss auf das Kind nehmen darf. Daher – so wiederum Schäfer – ist „die Freiheit des Kindes (.) identisch mit seiner absoluten Unterwerfung.“ (S. 101).

In den folgenden Ausführungen speziell zum Jugendalter von Emile wird offensichtlich, dass es – abgesehen von den von Rousseau geschätzten Begrifflichkeiten wie Selbstbestimmung, Gewissen und Vernunft – im Grunde letztlich nur um eine den Erzieher beglückende Abrichtung und Abhängigkeit von Emile geht. So endet dann das pädagogische Porträt mit der Darstellung, dass Emile schließlich Sophia heiratet und Vaterfreuden entgegen sieht. Wird der „Erzieher“ nun überflüssig? Nein, denn Emile bittet ihn herzlich, ihn wegen der anstehenden Verantwortung bloß „nicht im Stich zu lassen und lebenslang als ein Ratgeber zu fungieren.“ (S. 135). Und so schließt Schäfer sein Porträt mit der Feststellung, dass Emile nach intensiver Bearbeitung seiner Identität durch den Erzieher „nicht selbst darüber entscheidet, auf welche Weise er mit sich identisch sein will“ (S. 136).

Fast zum Schluss bringt Schäfer noch gerade auf drei Seiten doch etwas mehr über die Persönlichkeit von Rousseau, wenn er die Aufspaltung der Anthropologie kurz anreißt, d.h. konkret das Frauenbild von Rousseau. Was hier möglicherweise alles angeführt hätte werden können, mag ein Blick in die „Zeittafel“ am Ende des Buches aufzeigen. Durch seine sich selbst auferlegte Enthaltsamkeit hinsichtlich der widersprüchlichen Persönlichkeit Rousseaus hat Schäfer hier eine Chance vertan, auch das Porträt eines wirklichen Menschen zu gestalten.

Fazit

Dieses Buch kann – sofern ein sehr großes Interesse an spezieller systematischer Erziehungswissenschaft gegeben ist – zur Lektüre empfohlen werden. Da es dem Autor ausdrücklich nicht um praktische Fragen zur Pädagogik geht, sondern um die theoretisch abgeleiteten Konstitutionsbedingungen einer fiktiven pädagogischen Theorie, ist nur ein bestimmter theoretischer Erkenntniswert möglich. Der Anspruch Rousseaus, einen zentralen Beitrag zu einer modernen Pädagogik zu leisten, welche eine Selbstbestimmung des jungen Menschen ermöglicht, bleibt nach der Lektüre dieses Werkes leider auf der Strecke.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 29.09.2017 zu: Alfred Schäfer: Jean-Jacques Rousseau. Ein pädagogisches Porträt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-3704-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23149.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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