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Gerd Leonhard: Technology vs. Humanity

Cover Gerd Leonhard: Technology vs. Humanity. Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine. Verlag Franz Vahlen GmbH (München) 2017. 229 Seiten. ISBN 978-3-8006-5533-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

„Mit blindem Optimismus oder lähmender Angst kann man keine Zukunft bauen“. Zukunftsforschung ist Vergangenheits- und Gegenwartsanalyse mit dem Ziel, das Gute in der menschlichen Entwicklung zu erkennen und weiterzuentwickeln, sowie das Schlechte zu verhindern! Der Schweizer Optimist, Menschenfreund und Zukunftsdenker Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) hat in seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) mit seiner „positiven Subversion“ darauf aufmerksam gemacht, dass Zukunftsdenken Phantasie, Vision, Neugier und Wagnis ist: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, wenn niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge“. Und der Literaturwissenschaftler und Gesellschaftskritiker Karl Heinz Bohrer greift bei seiner autobiographischen Suche nach dem eigenen und gesellschaftlichen Gestern, dem erlebtem Heute und dem erhofftem, aber unbekanntem Morgen nach dem lebensbejahenden und optimistischen „Jetzt“ (Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die „Future Agency“ ist eine Schweizer-US-amerikanische Beratungs- und Innovationseinrichtung, die mit der entwaffnenden Aussage wirbt: „It wasn´t raining when Noah built der Ark“. Die Philosophie und Zielsetzung des Instituts wird mit neun Grundprinzipien deutlich:

  1. Verstehen des exponentiellen Fortschritts und dessen Folgen!
  2. Die großen Herausforderungen des Lebens zu Chancen entwickeln!
  3. Menschlichkeit leben!
  4. Technologie hat keine Ethik – ohne Ethik kein Menschsein!
  5. Die richtige Balance zwischen den positiven und negativen Folgen bei exponentiellen Technologien finden!
  6. Humanismus ist lernbar!
  7. Den Unterschied zwischen den Realitäten und Simulationen erkennen!
  8. Nicht nur nach dem Wie, sondern auch nach dem Warum und dem Wer fragen!
  9. Es muss das Allgemeinwohl und nicht die technologische oder kapitalistische Verwertbarkeit im Vordergrund stehen!

Gerd Leonhard ist kein Prophet; und er will auch kein Wahrsager sein. Er geht vielmehr davon aus, dass optimistisches Denken und Handeln für eine gegenwartsverantwortete und zukunftssichernde menschliche Existenz sinnvoll und effektiv ist. Wir brauchen eine „globale digitale Ethik“ und ein individuelles und kollektives Verständnis dafür, wie die Menschheit in der Zukunft leben will.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort formuliert der Autor seine Überzeugung, dass die menschliche Vernunft ermögliche, das Gute und Humane im menschlichen Dasein zu entwickeln. Er ruft dazu auf, sich reflektierend und aktiv bewusst zu sein, dass die Prozesse, die sich bei der Bildung und Nutzung von transformativen Technologien und des exponentiellen Fortschritts bilden, kritisch und verantwortungsbewusst betrachtet und gehandhabt werden müssen: „Nur weil wir etwas tun können, heißt das nicht, dass wir es auch tun sollen“. Weiterhin gliedert Leonhard seine Studie in zwölf Kapitel. Im ersten, „Ein Vorwort für die Zukunft“, plädiert er für einen Perspektivwechsel. Es gehe weder darum, sich „wieder auf die Bäume zurück zu wünschen“, noch sich allzu euphorisch und unbedacht den scheinbaren Möglichkeiten und Versprechungen des „digitalen Zeitalters“ zu überlassen; auch nicht, angesichts der enormen technologischen Entwicklungen sich fatalistisch oder resignativ der Auffassung hinzugeben: „Da kann Ich sowieso nichts machen!“. Sein Vorschlag: „Was wir brauchen, ist eine Geisteshaltung und eine Philosophie des Digitalzeitalters, die ich als ‚exponentiellen Humanismus‘ bezeichnen möchte“.

Mit der Frage „Technik oder wir?“ wird im zweiten Kapitel aufgefordert, über unsere Menschlichkeit nachzudenken. Technologien sind Werkzeuge und Hilfsmittel. Sie sollen unser Leben erleichtern und angenehm machen, nicht bestimmen! Die Sorge, dass sich der Mensch zum homo technologicus und nicht zum homo empathicus (Jeremy Rifkin, 2010) entwickele, wird mit der Herausforderung begegnet, sich unserer Menschlichkeit bewusst zu sein.

Der Hinweis, dass „technologische Verschiebungen ( ) dabei (sind), die Gesellschaft neu zu verdrahten und die Landschaft umzuformen“, und zwar mit „Megashifts“, wird im dritten Kapitel behandelt. Es sind die Entwicklungen, wie sie sich in den Schlagworten ausdrücken: Digitalisierung – Mobilisierung – Screenification – Disinternediation – Transformation – Intelligization – Automation – Virtualisierung – Antizipierung – Roboterisierung.

Die Frage „Bringt Technologie mehr Produktivität und höhere Margen, aber weniger gute Jobs zu schlechteren Löhnen?“ wird im vierten Kapitel „Die automatisierte Gesellschaft“ thematisiert. Die technologischen und Automatisierungsprozesse bewirken individuelle und lokal- und globalgesellschaftliche Verwerfungen, die sich in Ungleichheits- und Ungerechtigkeitsprozessen darstellen. Der Autor diskutiert die möglichen negativen Folgen, die sich in den vier A´s ausdrücken: Assentation (unbedachte Einwilligung), Abdication (gedankliche Abdankung), Aggravation (Verärgerung) und Abomination (Abscheulichkeit).

„Das Internet der unmenschlichen Dinge“, so titelt der Autor das fünfte Kapitel. Mit der Frage „Wird das Internet der Maschinen und künstlicher Intelligenz (KI) – der ‚inhumanen Things‘ – ‚erst langsam und dann ganz schnell‘ von uns verlangen, unsere Menschlichkeit zu reduzieren und nach und nach selbst wie unsere Maschinen zu werden, nur um relevant zu bleiben?“, geht er ans Eingemachte, Reale und Bedrohliche.

Im sechsten Kapitel „Von Magisch zu Manisch zu Toxisch“ erinnert Leonhard daran, „statt nur unsere neuen Supermächte auf den magischen Raves der Technologie zu zelebrieren, sollten wir langsam auch über den Preis nachdenken, den wir morgen dafür bezahlen müssen – und für immer“. Big Data „dringt in uns ein, trennt uns dabei aber von unserer Umwelt – und von unseren menschlichen Erlebnissen“. Überwachung, Vereinnahmung, Manipulation…

Das siebte Kapitel prognostiziert „Digitale Fettsucht: Die neue Epidemie“, wenn wir nicht aufpassen und Widerstand leisten gegen ein „digitales Tischlein-deck-dich, das immer reichlich mit Medien, News, Updates und algorithmisch erzeugter Intelligenz gedeckt ist“. Der Ausweg: „Von ‚Mehr ist besser‘ zu ‚Weniger ist am besten‘“.

„Vorsehen vs. Vorpreschen“, das ist der Rat, den der Autor im achten Kapitel gibt. „Die sicherste und vielversprechendste Zukunft ist eine, in der wir Innovationen oder Transformationen nicht sorgenvoll vor uns herschieben, aber in der wir exponentielle Risiken auch nicht einfach als die ‚Aufgabe von jemand anderem‘ abtun“.

Im neunten Kapitel stellt Leonhard fest: „Glück ist kein Algorithmus“. Wie „eutychia“, Glück, verstanden, erworben und erlebt werden kann, ergibt sich nach der anthropologischen Erkenntnis im „euzôja“, dem guten, gelingenden Leben. Es entsteht nicht im Egoismus und mit technologiegetriebenem Hedonismus, sondern im Mitgefühl (siehe dazu auch: Elenor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).

Das zehnte Kapitel verweist auf die „Digitale Ethik“. In Anknüpfung an die „globale Ethik“, wie sie in der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 gefordert wird, formuliert der Autor „fünf neue Menschenrechte für das Digitalzeitalter“: Das Recht, ein natürlicher und nichtaugmentierter Mensch zu bleiben – Das Recht, ineffizient zu sein, wenn davon unsere Menschlichkeit abhängt – Das Recht, abzuschalten – Das Recht, anonym zu bleiben – Das Recht, Menschen zu beschäftigen statt Maschinen. Zwar sind alle diese Rechte in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eingebunden, aber es macht durchaus Sinn, sie in spezifischen Zusammenhängen argumentativ herauszustellen.

„Himmel oder Hölle?“ – diese Alternativen zwischen Gut und Böse, die der anthrôpos aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten unterscheiden und bewerten kann, wird im elften Kapitel damit begründet, „dass wir längst schon an dem Punkt angelangt (sind), wo sich Science-Fiction in Science-Fakt verwandelt (hat)“. Der Blick in die nahe Zukunft – 2020, 2027, 2028, 2030 – verweist auf denkbare, sich im aktuellen Diskurs wie Spekulationen bereits aktuell als positive und negative Szenarien andeuten und ankündigen.

Es ist Zeit für Entscheidungen! Diese Aufforderung artikuliert der Autor im 12. Kapitel. Die Frage: „Team Mensch oder Team Maschine?“ stellt sich in der digitalen Entwicklung in individuellen, beruflichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen alltäglich und perspektivisch. Sie verweist auf die politische Verantwortung für alle! Sie fordert den Menschen als Mensch und nicht als manipulierten Gegenstand heraus!

In einem fünfseitigen Glossar erläutert der Autor die im Buch benutzten Begriffe und ermöglicht so, wie auch mit den 12seitigen Quellenverweisen, eine intensive und weitergehende Auseinandersetzung mit der tatsächlichen grundlegenden, humanen und existentiellen Frage: „Technology oder Humanity?“.

Fazit

Der in der Gegenwart mit seiner Initiative „Future Agency“ geerdete Zukunftsdenker Gerd Leonhard schreibt keinen „Ratgeber“, in dem die Ratschläge „Tu´ dies, dann bekommst du das!“ gegeben werden. Es ist vielmehr eine populäre, wissenschaftliche Bestandsaufnahme darüber, wie wir Menschen unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine gestalten wollen. Es sind Denkanstöße, die sich sowohl zum individuellen Nachdenken eignen, als auch in schulischen, Erwachsenenbildungs- und beruflichen und betrieblichen Reflexions- und Fortbildungsprozessen eingesetzt werden können. Sie stützen die Aufforderung, die von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindringlich formuliert wurde: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt…, Bonn 1997, S. 18).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.08.2017 zu: Gerd Leonhard: Technology vs. Humanity. Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine. Verlag Franz Vahlen GmbH (München) 2017. ISBN 978-3-8006-5533-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23155.php, Datum des Zugriffs 07.04.2020.


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