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Burkhard Pechmann: Im Alter frei werden

Cover Burkhard Pechmann: Im Alter frei werden. Seelsorge im Alter und zum Älterwerden. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2017. 148 Seiten. ISBN 978-3-7448-3855-9. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Thema

Seelsorge bedeutet häufig spirituelle Begleitung in Übergangs- oder Krisensituationen. Eine Übergangssituation, die im biographischen Verlauf „normal“ – oder eben gerade nicht normal – ist, ist das Älterwerden. Für viele Situationen hat die kirchliche Praxis „rites de passage“ entwickelt, die – als professionelle Formate – Sicherheit und Orientierung bieten können: Taufe, Firmung/Konfirmation, Trauung etc. Beim Übergang in eine neue Lebensphase oder Lebenssituation werden Menschen begleitet: Eltern nach der Geburt eines Kindes, Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenwerden, Individuen am Beginn des Lebens zu zweit. An einer wesentlichen biographischen Stelle allerdings fehlt ein Ritual: beim Übergang vom aktiven erwachsenen Berufsleben in den Ruhestand, in der Erfahrung des Älterwerdens.

Dabei ist das Älterwerden geprägt von vielen Themen, die so existenziell sind, dass sie nach einer hilfreichen Begleitung geradezu rufen: Der Abschied vom Beruf bringt auch einen Bedeutungsverlust mit sich. Die körperlichen Kräfte lassen (selbst bei gutem Training) nach. Die Krankheiten mehren sich, die „wartungsfreien Zeiten“, wie manch das schmunzelnd nennen, werden kürzer. Vielleicht lassen auch die geistigen Fähigkeiten nach und Verwirrung setzt ein. Vertraute Weg- und Lebensgefährten sterben, die Einsamkeit nimmt zu. Das ist die Verlustseite, und ganz gewiss könnte man eine ebensolange Liste zusammenstellen, was man mit dem Alter gewinnt. Nur ruft der Gewinn selten nach Seelsorge.

Der Autor, selbst langjähriger Altenheimseelsorger, richtet sich mit seinem Buch an diejenigen, sie beruflich mit alten Menschen zu tun haben, aber auch an ehrenamtlich arbeitende Menschen, um seine seelsorgerlichen Erfahrungen mit ihnen zu teilen.

Autor

Burkhard Pechmann ist Pastor und Altenheimseelsorger sowie Autor mehrerer Publikationen zu den Themen Alter, Demenz, Tod und Sterben.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einführung, mit der Pechmann in das Thema einführt, folgen sechs Kapitel, die zum Großteil auf Aufsätze und Vorträge zurückgehen.

Das erste Kapitel ist überschrieben mit „Zeit zum Freiwerden“. Hier geht es vor allem um Zeit und Zeiterfahrung, um Veränderungen in der Zeitwahrnehmung und darum, wie sehr es bei wirklich hilfreichen Begegnungen mit Menschen im Alter darum geht, sich Zeit zu nehmen, Zeit zu haben.

Das zweite Kapitel trägt die Überschrift „Freiwerden: die Älteren und die Alten, in der Kirchengemeinde, an deren Rand und darüber hinaus.“ Eine etwas rätselhafte Überschrift, und ebenso rätselhaft geht es weiter: „Älter werdende und alt gewordene Menschen können freundlich und liebenswürdig sein. Sie können auch egoistisch sein. Und sie können giftig bis bösartig kalt reagieren.“ (S. 20) Gregory Bateson hat in seiner „Ökologie des Geistes“ eine Information definiert als einen „Unterschied, der einen Unterschied macht“. In dieser Aussage aber finde ich werde einen Unterschied (z.B. zu allen anderen Menschen) noch etwas, das einen bedeutsamen Unterschied macht. Das Kapitel enthält aber mehrere solcher rätselhaften Passagen. Ich verstehe die Absicht, das biographische Thema auf einer Zeitschiene abzubilden (wie auch anders?), aber Sätze wie dieser sind merkwürdig tautologisch: „Alt werden bedeutet immer, älter zu werden, und das wiederum schließt immer die Möglichkeit ein, noch älter werden zu können.“ (S. 24) Im Verlauf des Kapitels werden allerdings grundlegende Fragen gestellt, z.B. wie man Altern verstehen will: als einen Abbauprozess, als Verlust (vor allem bei Demenz), als Auflösung und schließlich Auslöschung, oder als eine Zeit des – wie auch immer – Wachstums und Reifens. Und welche Rolle können christliche Gemeinde in diesem Kontext spielen?

Das dritte Kapitel (im Text fälschlich mit „II“ nummeriert) ist überschrieben mit: Entdeckungen gegen Ende des Lebenslaufs, oder: Woher kam die Kraft zum Freiwerden? Hier geht es, neben anderem, vor allem um das Thema „Resilienz“: Wo gibt es, auch, vielleicht sogar vor allem, Quellen resilienter Kraft, aus denen altgewordene Menschen schöpfen können. Antworten entwickelt der Autor in zehn Thesen, und es liegt in der Logik des Themas, dass dabei zum einen „Beziehung“ und zum anderen „Glauben“ zentrale Bedeutung haben.

Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema „Depression im Alter“ unter der Überschrift „Freiwerden von Abgründen im Alter: Zur Seelsorge bei Altersdepressionen“. Darin geht es aber nur zum einen Teil um Depressionen, zum anderen um andere „Wirklichkeiten des Alters“ (S. 104) wie Kraftlosigkeit, Verlust u.a. Manches von dem, was vorher bereits gesagt wurde, wird hier wiederholt. Das verdankt sich der Tatsache, dass es sich bei den Texten eben um einzelne Vorträge und nicht um eine konsistent entfaltete Monographie handelt. Jeder Altenheimseelsorger, jede Altenheimseelsorgerin, aber auch jede Pflegekraft begegnet beim Umgang mit alten Menschen vor allem einer Personengruppe, die einen relevanten Kontext der eigenen Arbeit darstellen: Den Angehörigen, die eine ganz eigene Dynamik in das Geschehen bringen.

Damit beschäftigt sich das fünfte Kapitel: Freiwerden von den anderen. Oder: Angehörig sein und nicht besitzen. Dass man dabei den unterschiedlichsten Familienkonstellationen und -atmosphären begegnet, liegt in der Natur der Sache. Wie man sich in diesen Konstellationen als SeelsorgerIn bewegen und in ihnen arbeiten kann, dafür eröffnet der Autor eine Reihe von Perspektiven.

Den Schluss bildet ein kurzer Abschnitt, ein sechstes Kapitel: Was bleibt? Im Alter jubilieren! In dem kurzen Text taucht häufig das Wort „manchmal“ auf: Manchmal können alte Menschen jubeln. Manchmal auf die Seelsorger. Manchmal zur Musik. Und manchmal einfach zur Natur.

Es folgt eine Aufstellung der jeweiligen Erstveröffentlichungen und eine Literaturliste.

Diskussion

Die Stärke des Buches besteht in seinem Erfahrungsreichtum im Feld der Altenseelsorge, der Autor kennt den Bereich sehr gut. Deshalb kann er Lesern und Leserinnen viele hilfreiche Perspektiven eröffnen und sicher ist er mit seinem Fachwissen für viele Pfarrerinne und Pfarrer ein hilfreicher Gesprächspartner.

Die Schwäche des Buches ist die Herkunft der einzelnen Kapitel aus ganz unterschiedlichen Publikationen und Situationen, sodass die Kapitel einen eher losen thematischen Zusammenhang bilden.

Noch schwieriger als die Unverbundenheit der Kapitel finde ich allerdings die immer wieder auftauchende Unverbundenheit der Gedanken: Ich verstehe oft den Übergang von einem zum anderen Satz nicht. Um nur ein Beispiel zu zitieren: „Durch immer mehr Erfahrungen, durch das Nachdenken über das Erfahrene, durch Gespräche mit anderen, auch auf Spaziergängen, und dem Nachsinnende (sic) über das Erfahrene – auch unter anderen Aspekten als den eigenen und vertrauten – wird man frei: von jenen Versuchen, sich die Wirklichkeit so zurechtzulegen, dass es einigermaßen erträglich ist: Jedes Bild, das man sich daraufhin macht, jedes Konzept, das daraus resultiert, muss zwangsläufig an Abgründigem bis hin zu Unerträglichem scheitern.“ (S. 87) Und gelegentlich sind es auch arge Klischees, die im Text auftauchen, z.B.: „Seit das Milieu der netten, freundlichen Leute die Gemeinden erobert hat, ist es schwerer geworden für die anderen.“ (S. 47) „Die Jüngeren drängen nach vorne und scheinen so mühelos mit den smarten Dingen der technische (sic) Weltbeherrschung vertraut zu sein (auch wenn sie bei der Frage nach dem Wetter am Nachmittag eher auf ihre Wetter-App als in den Himmel schauen und sich der unmittelbaren und erfahrungsbasierten Wahrnehmung entfremden.)“ (S. 16)

Und schließlich bleibt der Autor, und anders kann es vermutlich auch nicht sein in dem Format von Aufsätzen und Vorträgen, die Begründung manch einer steilen These schuldig und arbeitet eher assoziativ. Wer damit gut leben kann, wird in dem Buch viele gute Impulse finden. Wer mehr eine schlüssige Arbeit über Seelsorge im Alter sucht, dem wird vieles fehlen.

Fazit

Hieße das Buch „Assoziationen zum Thema Alter und zur seelsorgerlichen Begleitung alter Menschen“, wäre die Überschrift m.E. treffender. Viele Puzzleteile kann man allerdings als Impulse zum Weiterdenken und zur Weiterarbeit gut nutzen.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 15.05.2018 zu: Burkhard Pechmann: Im Alter frei werden. Seelsorge im Alter und zum Älterwerden. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2017. ISBN 978-3-7448-3855-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23157.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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