socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Raina Zimmering: Lateinamerikanische Migration und der Blick nach Europa

Cover Raina Zimmering: Lateinamerikanische Migration und der Blick nach Europa. Welt Trends c/o Universität Potsdam (Potsdam) 2017. 140 Seiten. ISBN 978-3-945878-48-4. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Migration aus Lateinamerika, speziell aus Mittelamerika, nach den USA reicht bis in die 1940er Jahre zurück, war ursprünglich primär Arbeitsmigration, die zu Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften in der Landwirtschaft gefördert wurde. Mit der Zunahme von Armut und Gewalt in vielen lateinamerikanischen Staaten wurden und werden Menschen massenhaft in die Flucht und aufgrund der Abschottungspolitik der USA in die Illegalität getrieben. Die Autorin stellt die Fluchtursachen oder Migrationsmotive dar und schildert die Migrationspolitik der US-Regierungen bis hin zu Trump, geht aber auch auf die Migrationspolitik Mexikos ein. Indem sie auf Parallelen zur Migrationspolitik der EU aufmerksam macht, möchte sie die Ineffektivität der Strategien verdeutlichen.

Autorin

Zimmering hat sich nach eigenen Angaben „jahrzehntelang mit den sozialen und politischen Entwicklungen in Lateinamerika beschäftigt“ (9). Außerdem hat sie in der „Zivilen Internationalen Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte in Mexiko“ Erfahrungen gesammelt und Diskussionspartner gefunden (12).

Aufbau und Inhalt

Nach der Einführung geht die Verf. in Kapitel 2 kurz auf einige theoretische Ansätze ein (Postmigration, Derrida über die Gastfreundschaft, die psychoanalytische Rassismustheorie von Almuth Bruder-Bezzel).

In Kapitel 3 liefert die Verf. statistische Daten zur lateinamerikanischen Migration, anhand derer sie die Zunahme der Care-Migration von Frauen und das Phänomen der Kinderflüchtlinge hervorhebt.

In Kapitel 4 „Fluchtursachen oder die Push-Faktoren für Fluchtbewegungen in Lateinamerika“ werden zuerst (4.1) die verschiedenen Formen von teils exzessiver Gewalt für die Migration verantwortlich gemacht und dann in 4.2 ökonomische und soziale Ursachen herausgearbeitet. Die Verf. geht in je eigenen Abschnitten auf die Formen staatlicher und gesellschaftlicher, speziell auch krimineller Gewalt in Mexiko, im sog. „Norddreieck“ Zentralamerikas, nämlich Honduras, Guatemala und El Salvador, sowie in Kolumbien ein. Sie verdeutlicht die Rolle der Drogenmafia, von Paramilitärs und die Folgen der Militarisierung des Sicherheitsapparats in Mexiko. Bei Honduras, Guatemala und El Salvador wird den Leser*innen klar gemacht, wie auf Diktaturen und blutige Bürgerkriege nahtlos Repressionen der Bevölkerung folgten, die heute von der neoliberalen Doktrin gerechtfertigt werden. Im Abschnitt über Kolumbien hebt die Verf. gleich eingangs hervor, dass Vertreibungen der ländlichen Bevölkerung dort „ein relativ altes Phänomen“ sind (45), das den jahrzehntelangen Widerstandskampf von FARC und ELN erklärt, der wiederum von der herrschenden Klasse mit dem Terror der Paramilitärs beantwortet wurde. Auch auf den Drogenhandel wird eingegangen. Eine der Hauptursachen für Armut und Gewalt in der ganzen Region sieht die Verf. in der sozialen Ungleichheit, speziell der ungerechten Verteilung des Bodens (54). Für deren Verfestigung macht sie die neoliberale Politik verantwortlich(55).

Das Kapitel 5 ist überschrieben „Amerikanische Flüchtlingspolitiken – bewusst initiierter Anti-Pullfaktor“. Die Verf. behandelt darin die Migrationspolitik der USA (5.1) und Mexikos (5.2). Sie zeichnet das historische Hin und Her zwischen Willkommenskultur und Abschreckung bzw. Abschottung gegenüber den Latinos nach, wobei sie die Differenzen innerhalb des Establishments und zwischen den Bundesstaaten nicht übergeht. In einem eigenen Abschnitt geht sie auf die Befürchtungen ein, die die restriktive Migrationspolitik unter der Präsidentschaft Trumps weckt, wobei das nachfolgende Unterkapitel verdeutlicht, dass schon unter Obama Abwehrstrategien entwickelt wurden, bei denen die mittelamerikanischen Staaten in eine Allianz eingebunden wurden. Mexiko wird einerseits „als Vorposten der US-amerikanischen Migrationspolitik“ (5.2.2), andererseits in einer „Zwitterstellung“ (5.2.5) befindlich dargestellt, bedingt durch kulturelle Ambivalenz und die wirtschaftliche Bedeutung der Remesas.

In Kapitel 6 werden beispielhaft „alternative migrantische Räume“ vorgestellt, wie sie Migrant*innen und deren soziale Advokaten vor allem in Mexiko geschaffen haben.

In Kapitel 7 konfrontiert Zimmering die euphorische Sicht auf „Integrationsgesellschaften“ mit dem Hinweis auf die kapitalistischen Bedingungen, die zur Migration zwingen und die Lage der Migrant*innen bestimmen.

Als „Fazit“ konstatiert sie eine „Militarisierung der Migrationspolitik“ und zieht – nicht zuletzt mit Blick auf die EU – den Schluss, „dass Migration nicht durch verstärkte Abschottungs- und Abschreckungsmaßnahmen einzudämmen ist“ (125).

Diskussion

Wer sich über die lateinamerikanische Migrationsbewegung nach dem Norden, die jüngsten Entwicklungen eingeschlossen, informieren möchte, der oder die ist mit dem kleinen Buch gut bedient. Man merkt, dass die Autorin auf Erfahrungen in der Region zurückgreifen konnte. Als entscheidenden Erklärungszusammenhang macht die Autorin die neoliberale Politik aller Staaten der Region aus. Nicht einsichtig wird der Stellenwert der anfangs angeschnittenen psychoanalytischen Theorien. Den sprachlichen Formulierungen hätte stellenweise ein Lektorat gut getan.

Fazit

Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich fachlich, ehrenamtlich oder in einer politischen Funktion mit Migration beschäftigen, für letztere lehrreich deshalb, weil die EU und die Bundesrepublik dabei sind, dem gleichen migrationspolitischen Muster zu folgen wie die USA.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 59 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 24.08.2017 zu: Raina Zimmering: Lateinamerikanische Migration und der Blick nach Europa. Welt Trends c/o Universität Potsdam (Potsdam) 2017. ISBN 978-3-945878-48-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23159.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Sozialpädagoge (w/m) für Betreutes Wohnen, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!