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Anke Handrock, Maike Baumann: Vergeben und loslassen in Psychotherapie und Coaching

Cover Anke Handrock, Maike Baumann: Vergeben und loslassen in Psychotherapie und Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-621-28312-0.

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Thema

Dieses Buch widmet sich dem wichtigen Thema Vergeben im Kontext von Therapie und Coaching, einem Thema, dem momentan in der Therapieliteratur – anders als in der sogenannten Selbsthilfeliteratur oder in religiösen Schriften – noch recht wenig Aufmerksamkeit zukommt. Dieses Buch nun zeigt einen praxis- und anwendungsorientierten Weg zum Umgang mit Vergebung und auch mit Groll. Auf der Basis der Untersuchungen von Worthington (2005) und Enright (2006) und der Schematherapie bietet es einen strukturierten Ansatz zur Begleitung von Klient*innen, die aus unterschiedlichen Gründen Probleme haben, mit bestimmten Episoden in ihrem Leben abzuschließen. Dabei ist das vorgelegte Modell so angelegt, dass explizit nur die psychologischen Komponenten Berücksichtigung erfahren, die bei allen Klient*innen – unabhängig von ihrer religiösen oder säkularen Grundhaltung – zu erwarten sind. Da Vergeben jedoch für religiöse Menschen auch eine spirituelle Dimension hat, findet sich zur Orientierung eine Zusammenfassung zu den spirituellen Aspekten des Vergebens in verschiedenen Religionen.

Autorinnen

Anke Handrock ist Zahnärztin und Leiterin des Steinbeis-Transfer-Instituts Positive Psychologie und Prävention der Steinbeis-Hochschule Berlin. Sie ist auch als Trainerin und Coach, als Lehrtrainerin für Hypnose (DGZH), NLP, Positive Psychologie und Mediation tätig und ehrenamtliche Leitung von Exerzitien/Meditationskursen.

Maike Baumann ist Dipl.-Psychologin, Psychotherapeutin, Mediatorin, Master-Coach und Lehrtrainerin (DVNLP). Langjährige Dozententätigkeit an der Universität Potsdam (Institut für LER), im Steinbeis-Transfers-Institut für Positive Psychologie und Prävention.

Aufbau und Inhalt

Handrock und Baumann unterteilen ihr Buch im Wesentlichen in zwei Teile:

  1. Der Grundlagenteil beschreibt, worum es beim Vergeben geht, führt in vorhandene Vergebens- modelle ein, nimmt Definitionen und Abgrenzungen vor, z. B: zu Schuld, Kränkung oder Verletzung.
  2. Teil 2 beschreibt den Prozess des Vergebens genauer: es werden die 5 Phasen skizziert und ein eigenes Kapitel zum Vergeben in Gruppen angeboten.

Ein Anhang bietet Arbeitsmaterialien (elf Arbeitsblätter, die von den Klient*innen bearbeitet werden können) an, Literatur und das Sachwortverzeichnis.

Die Autorinnen grenzen den eher religiös konotierten Begriff Vergebung von psychologischen Vorgängen ab, indem sie vom Vergeben und von Vergebensprozessen sprechen. Zu Beginn des Prozesses nutzen sie die Begriffe Täter und Opfer und nachdem der/die Klient*in formal das Vergeben für sich erklärt hat, sprechen die Autorinnen bevorzugt vom Verletzer und dem Verletzten oder dem Gekränkten, um so dem veränderten Geschehen zu entsprechen. Eine weitere wichtige Unterscheidung nehmen sie vor:

  1. Das Vergeben gegenüber dem/der Täter*in – also gegenüber einer anderen Person, das sie als interpersonelles Vergeben bezeichnen.
  2. Eine Vergebung sich selbst gegenüber, die die Autorinnen als Selbstvergebung oder auch als intrapersonelles Vergeben bezeichnen.

Darüber hinaus nehmen sie Bezug zu zentralen Begriffe aus der Modusarbeit der Schematherapie und generalisieren diese. So sprechen sie vom Fitten Erwachsenen (statt vom gesunden Erwachsenen-Modus), vom Inneren Kind oder vom Jüngeren Selbst (statt von den unterschiedlichen Inneren-Kind-Modi) und von Inneren Antreibern bzw. Inneren Beschimpfern oder Inneren Erziehern (statt von den unterschiedlichen Inneren Elternmodi).

Die Autorinnen arbeiten im ersten Teil des Buches weiterhin Vor- und Nachteile und Nutzen und Kosten des Vergebens, aber auch eines möglichen Nicht-Vergebens heraus. Ein weiteres Augenmerk richten sie auf die systemischen Aspekten im Zusammenhang mit dem Vergebensprozess und diskutieren dabei z.B. Aspekte wie das Grundprinzip der Anerkennung und Leistung der Ausgleichsverpflichtung oder ein Recht des Schuldners auf Mahnung oder die Frage nach der „Verzinsung“ von Schuld.

Dem Thema Schuld – Kränkung – Verletzung widmen sie ein eigenes Kapitel. Z. B. in Anlehnung an Buber und andere spüren sie den unterschiedlichen Schuldbegriffen nach und nehmen folgende Unterscheidungen vor:

  • moralische Schuld
  • normativ-juristische Schuld
  • systemische Schuld
  • existentielle Schuld
  • religiöse Schuld.

Sie arbeiten heraus, wie es zu persönlichen Schuldkonstruktionen kommt, wie Schuldempfinden und Schuldfähigkeit entstehen.

Ein höchst spannender „Exkurs“ widmet sich dem Thema „Religionsbezogene Aspekte der Vergebung“. Dieser Aspekt ist deshalb so bedeutsam, weil: „Die Einflüsse der Religion in der Medizin werden häufig nicht beachtet [.] das persönliche Verständnis der Religion kann Einstellungen und Gewohnheiten Vorschub leisten, die einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Religiöse Über- zeugungen und Praktiken haben oft Einfluss auf das Timing, wann jemand sich in Behandlung begibt, ob Vertrauen und Offenheit gegenüber den Ärzten vorhanden sind und ob man den Anweisungen der Ärzte Folge leistet. Die Religion beeinflusst die Gesundheit auch dadurch, dass sie das soziale Umfeld einer Person prägt [.] Obwohl man hoffen würde, dass religiöse Überzeugungen [.] negative Emotionen abschwächen, ist es manchmal tatsächlich aber so, dass religiöse Überzeugung sie verstärkt.“ (70)

Sie machen sich sodann auch die Mühe, konkrete Hintergrundinformationen zum Thema Vergebung in Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus zusammenzustellen.

Der zweite Teil des des Buches rückt den Prozess des Vergebens in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Es werden hier fünf Phasen unterschieden:

  1. Die Chancen des Vergebens erfassen und sich einlassen
  2. Den Verlust in vollem Umfang anerkennen
  3. Dem Täter (und sich selbst) vergeben
  4. Mit wieder auftretenden Grübelgedanken, inneren Einwänden und schwierigen Gefühlen konstruktiv umgehen
  5. Ausrichtung auf die Zukunft und Gestaltung des Kontaktes zum Verletzer.

Die Autorinnen stellen die verschiedenen Prozessschritte beim Vergeben sehr ausführlich dar und reichern sie durch zahlreiche Praxisbeispiele aus dem Beruf- oder Privatleben an. Die Basis der Darstellung orientiert sich insbesondere an Everett Worthingtons forgiveness model. Dabei werden die einzelnen psychologischen Vorgänge durch schematherapeutische Modusarbeit unterlegt und so handhabbar gemacht, das geschieht in Form sehr konkreter Formulierungsvorschläge für Interventionen (wording genannt) und durch konkrete Übungen, die in die jeweiligen Prozessschrittbeschreibungen eingeflochten werden. Außerdem wird, dort wo es sich anbietet, auch auf konkrete Widerstände seitens der Klient*innen oder Ängste Bezug genommen oder es werden konkrete Praxiserfahrungen berichtet, auf die die Autorinnen aus eigener praktischer Erfahrungen zurückgreifen können.

Das abschließende Kapitel widmet sich dem Vergebensprozess im Gruppenkontext. Konzeptionell orientieren sich die Autorinnen dabei an einem Konzept von Everett Worthington und Steven Sandage.

Elf Arbeitsblätter werden zusätzlich zur Verfügung gestellt und bieten Übungen sehr unterschiedlichen Charakters an:

  1. Hypnosystemisches Auflösen von Verstrickungen
  2. Die modifizierte Wunderfrage
  3. Vertrag mit mir selber: Entscheidung zum Vergeben
  4. Überblick zu Trauerprozessen
  5. Trauerbrücke und verabschiedende Lebensphasen
  6. Allgemeine Anleitung zum Schreiben über belastende Erfahrungen (modif. nach Pennebaker, 2010)
  7. Kosten-Nutzen-Analyse?
  8. Anklage?
  9. Ressourcenorientiertes Rescripting mittels eines modifizierten Reimprints
  10. Vergebungsurkunde
  11. Geschenkbox-Übung.

Diskussion und Fazit

Den beiden Autorinnen ist ein außerordentliches Werk gelungen, dem es vergönnt sein sollte, zum Standardwerk zu werden und von möglichst vielen Therapeut*innen und Coaches gelesen und beachtet zu werden! Vergeben oder Vergebung zu suchen und/oder zu gewähren ist ein urmenschliches Thema, das fast alle Menschen, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund oder ihrer religiösem Bezugrahmen, mindestens einmal in ihrem Leben, meist aber häufiger beschäftigt und sich oft auch zu einer zentralen Lebensfrage entwickelt, und die großen Einfluß auf die seelische Gesundheit und/oder Heilung nach kritischen Lebensereignissen haben kann.

Wie es Therpeut*innen gelingen kann, Menschen auf diesem Heilungsweg erfolgreich zu begleiten zeigen Anke Handrock und Maike Baumann in diesem besonderen Buch. Es ist eines der wenigen Bücher auf dem deutschen Markt, das sich in dieser Form dem Thema widmet und in ganz hervorragender Weise reflektiertes Praxiswissen, mit fachwissenschaftlichem Knowhow und achtsamer Wertschätzung für die Klient*innen verbindet.

Dass der Verlag beim Erwerb des Buches das ebook als kostenlosen Download zusätzlich bereitstellt, ist ebenfalls besonders hervorzuheben.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 18.09.2017 zu: Anke Handrock, Maike Baumann: Vergeben und loslassen in Psychotherapie und Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28312-0. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23169.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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