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Christoph Butterwegge, Michael Klundt u.a.: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 31.05.2005

Cover Christoph Butterwegge, Michael Klundt u.a.: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland ISBN 978-3-531-14463-4

Christoph Butterwegge, Michael Klundt, Matthias Zeng: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 334 Seiten. ISBN 978-3-531-14463-4. 24,90 EUR. CH: 43,70 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-15915-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einer Untersuchung von Armut und Armutsfolgen bei Kindern im Grundschulalter. Hierzu wurden Kinder in den Städten Köln und Erfurt befragt.

Grundlage Lebenslagenansatz

Theoretische Grundlage ist der sog. Lebenslagenansatz, der sich nicht auf die Einkommensressourcen beschränkt, sondern als Indikatoren für die soziale Lage auch die Familienformen, die Erwerbssituation der Eltern, die Wohnsituation, das verfügbare Taschengeld und die Freizeitmöglichkeiten, die (Schul-)Bildung sowie (Wohl-)Befinden und Gesundheit heranzieht.

Inhalt

Die Darstellung der Ergebnisse wird eingeleitet mit ausführlichen Darstellungen der deutschen Vereinigung und der Globalisierungsprozesse als "Herausforderungen für den Sozialstaat" und des Forschungsstandes zur Kinderarmut in Deutschland und im internationalen Vergleich. Am Ende des Buches werden Schlussfolgerungen für die Bekämpfung der Kinderarmut im vereinten Deutschland formuliert.

Der Vergleich zwischen den Ausmaßen und Folgen der Armut bei Kindern ergibt für Erfurt und Köln zwar manche Unterschiede im Detail, aber insgesamt keine nennenswert großen Differenzen. In beiden Städten zeigen die erhobenen Daten, dass Kinder in sozial benachteiligten Lebenslagen in den Bereichen "Gesundheit" und "Bildung" besonders starken Belastungen und Risiken ausgesetzt sind. Diese wiederum wirken sich in unterschiedlicher Art und Weise auf das Wohlbefinden und die Zukunftschancen der Kinder aus.

Der Versuch, auch die subjektiven Seiten der Armutserfahrung zu erkunden, beschränkt sich darauf, die mehr oder minder große Zufriedenheit oder Unzufriedenheit der Kinder mit verschiedenen Aspekten ihrer Lebenssituation zu erfassen. Damit bleibt die Untersuchung hinter dem selbst gestellten Anspruch zurück, die Kinder auch in prekären Lebensverhältnissen als Akteure wahrzunehmen und ihre Selbsthilfepotentiale und Problemlösungskompetenzen zu ermitteln. Um in dieser Hinsicht Neuland zu betreten und zum "nötigen Paradigmenwandel" (S. 150) in den Forschungen zur Kinderarmut beizutragen, hätte die Untersuchung sich nicht auf weitgehend standardisierte Befragungen beschränken, sondern tiefer reichende qualitative Untersuchungsverfahren einbeziehen müssen. Ein Problem der Untersuchung, auf das die Autoren selbst hinweisen, ergab sich auch daraus, dass vor allem die Eltern in Armutslagen sich weigerten, ihre Kinder befragen zu lassen, so dass diese im Sample letztlich unterrepräsentiert blieben.  

Kommentar

Die Schlussfolgerung der Autoren, dass Kinderarmut nur nachhaltig zu bekämpfen sei, wenn die "Strukturen sozialer Ungleichheit beseitigt" und Arbeit, Einkommen und Vermögen umverteilt werden (S. 317), ist zwar theoretisch plausibel, steht aber in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der eigenen empirischen Untersuchung. Die in dieser Richtung angemahnten "einschneidenden Reformen und entschlossenen Schritte" (ebd.) muten auch deshalb, weil sie sich in diametralem Gegensatz zu den vorherrschenden politischen Strömungen befinden, eher verzweifelt und hilflos an. Vielleicht wäre es weiterführend gewesen, in der Untersuchung selbst nach den subjektiven Potentialen der angemahnten Veränderungen zu fragen und dabei auch den möglichen Beitrag der Kinder selbst zu ermitteln.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 31.05.2005 zu: Christoph Butterwegge, Michael Klundt, Matthias Zeng: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14463-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2317.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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