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Gertraud Kremsner: Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen

Cover Gertraud Kremsner: Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen. Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 314 Seiten. ISBN 978-3-7815-2189-6. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.

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Thema

Gertraud Kremsner legt mit dieser Veröffentlichung ihre Wiener Dissertation von 2016 vor, in der sie die berichteten Erfahrungen von sechs Menschen „mit Lernschwierigkeiten“ (mit kognitiver Beeinträchtigung) mit institutionellen und personalen Strukturen in Einrichtungen der Psychiatrie und der Behindertenhilfe mittels Kategorien der Macht und ihres Missbrauchs, der Gewalt, Abhängigkeit und Unterdrückung gemeinsam mit den Betroffenen aufarbeitet.

Autorin

Die Autorin ist Mitarbeiterin am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien, je zur Hälfte als Dozentin in der Lehre (Senior Lecturer) und in der Forschung (PostDoc).

Entstehungshintergrund

Eigene Praktika und eigene Berufstätigkeit haben die Autorin in Kontakt mit Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen gebracht und deren subjektive Sicht, deren Erleben ihrer Lebensverhältnisse erfahren lassen. Diese subjektive Sicht soll in vorliegender Studie in Gesprächen mit Betroffenen erhoben, in einem theoretischen wie historischen Rahmen verortet und in diesem Rahmen neu interpretiert werden und zu Desideraten für die Einrichtungspraxis wie für die Forschung führen.

Aufbau und Inhalt

Nach der obligaten Danksagung (S. 5–6) und dem Inhaltsverzeichnis (S. 7–10) dient die Einleitung und Hinführung zum Thema (S. 11–14) einer knappen Skizzierung des Lebens im System der Behindertenhilfe mit Wohn-, Freizeit- und Arbeitsmöglichkeiten (die Autorin spricht durchgängig von „Beschäftigungstherapie“; S. 12 et passim) wie des Anstoßes zur intensiven Befassung.

Zum Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (im institutionellen Kontext) (S. 15–16), den die Autorin durchgängig benutzt, folgt die Autorin der Begriffswahl durch die Selbstvertretungsbewegung und von People First, welche den konventionellen Begriff „Menschen mit geistiger Behinderung“ als diskriminierend ablehnen (S. 15).

In Kapitel 1: Rahmung der Studie: Ziele, Relevanz und Forschungsgegenstand (S. 17–33) werden die Forschungsziele offengelegt: Wie Menschen „mit Lernschwierigkeiten“ institutionelle und personale Strukturen in Betreuungseinrichtungen erleben und wie sich „dieses Erleben im Laufe ihres Lebens verändert“ (S. 17) hat, konkretisiert am „Missbrauch von Macht und Gewalt“ (S. 18), den Veränderungen der und in den Einrichtungen von 1955 bis 2016 (S. 18) und die jeweiligen Mechanismen der Konstruktion von „Behinderung“ (S. 19). Offengelegt werden die bildungswissenschaftliche Relevanz (S. 19–23) und der Forschungsstand bezogen auf Österreich nach dem II. Weltkrieg auch mit den Verstrickungen einzelner Personen in der Vergangenheit, wobei sexuelle Gewalt besondere Aufmerksamkeit erfährt (S. 29–31). Das Kapitel endet mit der Feststelllung, dass bezogen auf Österreich Erträge der Biografieforschung nur in Einzelfallstudien und zu institutionellen und personalen Strukturen nur in wenigen empirischen Befunden vorliegen (S. 33). Es gibt also Handlungsbedarf.

Kapitel 2: (Theoretische) Verortung des vorliegenden Forschungsberichts, verwendete Begriffe und verwendete Sprache (S. 35–81): Die Sprache vorliegender Dissertation ist eine andere als die der Studienteilnehmer(innen); deshalb ist eine Kurzzusammenfassung in Leichter Sprache (S. 307–314) beigegeben. In ihrem Ansatz stützt sich die Verfasserin auf die Disability-Studien, die sie zur Vermeidung von Einseitigkeiten auf „Dis/Ability Studies“ (S. 36–43) erweitert. Ausgangspunkt der Erörterungen zu Macht und Gewalt sind die Arbeiten zur Hegemonie von Antonio Gramsci (S. 43–48), der eine regelrechte Strategie zur Etablierung von Hegemonie vorgelegt hat, zum Stichwort „Subalterne“ schwerpunktmäßig erweitert um Spivak (S. 49–54) und die Analyse totaler Institutionen von Goffman (S. 54–61). Übertragen auf Wohneinrichtungen für Behinderte stufen sich Macht und Abhängigkeit ab vom vollbetreuten über das teilbetreute zum gemeindeintegrierten „barrierefreien“ Wohnen mit unterscheidbaren organisatorischen, finanziellen und personalen Strukturen (S. 61–68). Das Kapitel endet mit der Zusammenfassung biografischer Berichte Betroffener über Macht und Gewalt (S. 68–74) mit Beispielen für offene und versteckte Gewalt und einem separaten Abschnitt über sexuelle Gewalt (S. 74–78) und (Zwangs-)Sterilisation (S. 78–81).

Kapitel 3: Historische Hintergründe und Einbettung der vorliegenden Arbeit (S. 83–132) beschäftigt sich mit der Entwicklung der Unterbringung von Menschen mit geistiger Behinderung ab dem 19. Jahrhundert und der Entwicklung einschlägiger Einrichtungen der letzten 100 Jahre in Österreich: Psychiatrische Einrichtungen und Erziehungsheime bis zur NS-Zeit mit Tötungen und Euthanasie und der Entwicklung nach 1945. Auch nach dem II. Weltkrieg spielten die Psychiatrie, die Heime und Erziehungsanstalten und die aus der NS-Zeit überkommenen Einstellungen und Umgangsformen eine wesentliche Rolle. Veränderungen kamen allmählich in Gang durch die Wiener Psychiatriereform, angestoßen von der italienischen (Basaglia) Deinstitutionaliserung, und wesentlich durch neue Gesetzgebung 1991 und 2010. Abschließend wird der „Stand der Deinstitutionaliserung in Österreich“ (S. 127–132) erörtert.

Kapitel 4: Method(olog)ische Rahmung der Untersuchung (S. 133–172): Gertraud Kremsner stützt sich auf Erzählungen Betroffener, auf deren berichtete Erfahrungen mit einem Erhebungsansatz, der die Berichtenden wesentlich in den gesamten Forschungsprozess einschließt und sich inhaltlich auf das Phänomen wie Problem der Macht zentriert. Macht ist auf unterschiedlichen Ebenen und in vielen Formen erfahrbar und dient auch der Konstruktion von „Behinderung“. Da auch ein Machtgefälle zwischen der Forscherin und den Erzählenden durchgängig deutlich wird, bezeichnet sie diese zurückhaltend als „Co-Forscher*innen“ (S. 147). Der inklusiven Biografieforschung mit Menschen mit geistiger Behinderung und der eigenen Umsetzung widmet die Autoren zwei weitere Abschnitte (S. 148–154), an die sie die Darstellung ihre eigenen konkreten Methodik anschließt (S. 155–163). Forschungsethische Überlegungen führen zu aufwändigen Rückmeldungen an die und zu Gesprächen mit den Erzählenden, die auch ihren Nutzen von ihrer Mitarbeit haben sollen (S. 168–169). Das Gebot der Anonymisierung führt dazu, dass die Berichtenden sich ihre Pseudo-Namen selbst aussuchen, keine Einrichtung oder geografische Zuordnung erkennbar wird und selbst zum Verständnis einzelner Passagen möglicherweise hilfreiche Detailinformationen nicht freigegeben werden. Auch hierin kann sich „Macht“ der Berichtenden äußern.

Die Inhaber dieser „Macht“ werden in Kapitel 5: Vorstellung der beteiligten Personen (S. 173–188) vorgestellt. Es sind dies mit ihren selbst gewählten anonymisierten Namen „Ossi“ (*1955), „Mausi“ (männlich, * 1960), „Patricia“ (* 1961), „Hans-Peter“ (* 1961), „Prinzessin“ (* 1971) und „Kathi“ (* 1974) mit zwischen sechs und acht Interviews von 50 bis zu 120 Minuten Dauer. Ihre Institutionalisierungs- bzw. Intramuralisierungs-Erfahrungen, auch Erfahrungen sexueller Gewalt, machten sie in der Herkunftsfamilie, in Pflegefamilien, in psychiatrischen Einrichtungen wie solchen der Behindertenhilfe (Heime, Werkstätten), in Kinderheimen, Krankenhäusern, in teilbetreuten Wohngemeinschaften, pädagogisch in Sonderkindergärten, Regelschulen und Sonderschulen.

Diese Erfahrungen mit Gewalt werden in Kapitel 6: Erfahrungen mit Gewalt und dem Missbrauch von Macht in den erhobenen Biographien (S. 189–224) zusammengefasst. Die berichtete Gewalt nimmt dabei die unterschiedlichsten Formen an.

  • Körperliche Gewalt in Form von Prügeln oder Einbringen in ein Gitterbett, auch sexuelle Gewalt, wird bereits in der Familie ausgeübt (S. 190–192).
  • Sexuelle Gewalt (S. 192–196) erfolgt durch Väter, Brüder, Bekannte, übergriffig wie verbal auch durch Mitbewohner; auch massiver Druck „hinsichtlich der Verhinderung bzw. des Abbruchs von Schwangerschaften“ (S. 194) wie zur Sterilisation gehört hierzu.
  • Physische, psychische und strukturelle Gewalt wird aus Psychiatrien wie aus Krankenhäusern berichtet (Vernachlässigung, Unterversorgung, Zwangsjacke, Handschellen, medikamentöse Ruhigstellung, Gitter- oder Netzbett, Festhalten oder Fixierung mit Riemen bis hin zu Ohrfeigen (S. 197–201), aber auch aus Kinder- und Erziehungsheimen und behinderungsspezifischen Großeinrichtungen (S. 201–205), aus Letzteren etwas weniger intensiv als aus der ersten Einrichtungsgruppe, aber „verfeinert“ durch kalte Duschen, Einschließen in dunklen Räumen, Zimmerarrest.
  • Als strukturelle Gewalt gelten die Angst, den Betreuern „ausgeliefert zu sein und ihren Anweisungen unhinterfragt folgen zu müssen“ (S. 202) wie auch das strikte Einhalten der Heimordnung und erzwungener Kirchgang an Sonntagen auch bei Krankheit. Diese Formen der Gewalt werden nicht nur aus älteren Einrichtungen und aus früheren Jahren berichtet, sondern auch aus „modernen Einrichtungen der Behindertenhilfe“ (S. 205) und aus neuerer Zeit (S. 205–210). Dabei prägen sich in vollbetreuenden Wohneinrichtungen Formen struktureller Gewalt besonders aus: Verweigerung oder Reduzierung von Assistenz, übergroße zeitliche Verzögerungen, Fremdbestimmung über persönliche Einkäufe, Zwang zum Zusammenleben mit „unleidlichen“ Mitbewohnern, fehlende Autonomie der Freizeitgestaltung, Ungeduld und Zeitmangel des Personals, das häufig nicht in der erforderlichen Anzahl vorhanden ist (von der erforderlichen Qualifikation sprechen wir erst gar nicht). Gleiches findet sich auch in Werkstätten (S. 210–213), die in diesem Buch durchgängig als „Beschäftigungstherapie“ bezeichnet werden. Verräterisch ist die Bezeichnung des Lebens in solchen Einrichtungen als „drinnen“ (S. 213–221) im Gegensatz zum „draußen“ außerhalb. „Drinnen“ tobt sich auch individuelle, willkürliche Gewalt aus, die auch von den vorhandenen Strukturen als struktureller Gewalt gefördert wird. „Strukturelle Gewalt mündet dann im Missbrauch von Macht, wenn institutionelle Vorgaben bzw. Rahmenbedingungen mit individueller Willkür gekoppelt und durch Abhängigkeitsverhältnisse verstärkt werden“ (S. 217). Dagegen leisten betroffene Behinderte Widerstand in verschiedenen Formen (S. 219–221): selbst Gewalt ausüben, Nahrungsverweigerung, Abhängigwerden von Alkohol und Suchtmitteln, Abhauen bis hin zum Suizid(versuch). Positiv merkt die Autorin in ihrer Zusammenfassung (S. 222–224) allerdings an, „dass sich im Zuge der Gesetzesänderung zwar nicht die generelle Existenz dieser Formen direkter Gewalt, wohl aber die Frequenz individueller Erfahrungen damit deutlich reduziert hat“ (S. 223; kursiv im Original).

Die Arten des Denkens über und des Handelns mit behinderte(n) Menschen und die daran beteiligten Personen und Institutionen diskutiert die Autorin in Kapitel 7: Diskursive Welten und Akteur*innen im Kontext der institutionellen Betreuung von Menschen mit Lernschwierigkeiten (S. 225–259), gestützt auf Adele Clarke. Totale Institutionen im Sinne Goffmans werden von den älteren Berichtenden „ausschließlich als gewaltbesetzt wahrgenommen“ (S. 226; kursiv im Original), auch die spezifische Wiener Kinderübernahmestelle KÜST. „Für-Sorge“ entbehrt auf weite Strecken des „Für“. Differenzierter stellen sich die Erfahrungen mit (Sonder)Schulen dar, die aber auch nicht frei von Vorwürfen bleiben (S. 230–234), und ein großes Problem ist das Fehlen von Vorbereitung, Vermittlung und Ermöglichung von Arbeit (S. 234–236). Einrichtungsinterne Arbeitsorganisation gefährdet das Wohlbefinden ebenso wie die dort berufstätigen Personen und die Mitbewohner (S. 236–241). Ebenso negativ können von außerhalb die Medizin (S. 241–245) mit ihrem Hoheitsanspruch und ihren Gutachten wirken wie die gesetzlichen Betreuer, in Österreich „Sachwalter“ genannt (S. 246–248) und die Finanzierer der Einrichtungen (S. 248–250). Nicht neu, aber immer wieder bedrückend, ist das Fehlen von Verbündeten (S. 251–253), was zur (Selbst-)Isolation führt und zur Anonymisierung aller anderen am eigenen Schicksal beteiligten Menschen als „DIE“ (S. 253–256). Eine Zusammenfassung (S. 256–259) mit zwei Grafiken schließt dieses Kapitel ab.

Wie Menschen eine „Behinderung“ zugeschrieben wird und durch welche Mechanismen sie „behindert“ werden, erörtert Gertraud Kremsner in Kapitel 8: Behindert sein – behindert werden (S. 261–278). Als Kategorien bestimmt sie neben „Klasse“ und „ethnischer Zugehörigkeit“ insbesondere die soziale Herkunft (S. 262–264). Als zentrale Kategorie der Unterdrückung und Konstruktion von Behinderung gilt jedoch die (mangelnde) Leistungsfähigkeit (S. 264–267). Diese Kategorien führen dazu, dass „Behinderung (auch) konstruiert wird: Neben individuellen bzw. familiären Aspekten ist Behinderung insbesondere gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, kulturellen und damit auch institutionellen Aspekten unterworfen“ (S. 267). Behinderte werden so zu Subalternen mit typischer Sprache (S. 270–272) und Aggressionen (S. 272–274). In ihrer Zusammenfassung (S. 274–278) bezieht die Autorin diese Mechanismen des behindert-Werdens wieder auf Spivaks Konzeption der Subalternen, das Diagnose-Procedere und auf Gramscis „Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (S. 276), die Fragen von Migration und ethnischer Zugehörigkeit, die Frage der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit und das Problem der institutionellen Unterbringung, auch auf kapitalistische Logik, visualisiert wiederum in einer Grafik.

Kapitel 9: Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen: Zusammenfassung, Diskussion, Ausblick (S. 279–288) trägt abschließend die Ergebnisse der gemeinsamen Bemühungen zusammen. Die „Ausgeschlossenen“ sind die von der Gesellschaft abgelehnten und „Aussortierten“, die in allerlei mehr oder weniger geschlossenen Einrichtungen untergebracht uns so zu „Eingeschlossenen“ werden. Die Ergebnisse als Zusammenfassung der Überschriften: „Behinderung wird konstruiert und im institutionellen Kontext fortlaufend reproduziert“ (S. 280–281), „(Totale) Institutionen dienen als Hegemonialapparate“ (S. 281–283) und „Missbrauch von Macht sowie Gewalt sind Auswirkungen einer Betreuung in ‚Orten des Zwangs‘“ (S. 283–285).

Der letzte Abschnitt des Buchs „Weiterführende Fragen und Ausblick“ (S. 285–288) legt zunächst ein deprimierendes Fazit nahe: Die einst von der Gesellschaft Ausgeschlossenen und in Einrichtungen Eingeschlossenen sind als heute immer noch in Einrichtungen weitgehend Eingeschlossene trotz aller Bemühungen um Integration und Inklusion immer noch weitgehend gesellschaftlich Ausgeschlossene. Umso wichtiger scheint es, sie selbst zu Wort kommen zu lassen und das Machtungleichgewicht in Behinderteneinrichtungen zumindest abzumildern. Selbstbestimmung lässt sich auch im Alltag teilweise realisieren, wenn Einrichtungen und ihre Mitarbeiter ihren Drang, alles bestimmen zu wollen, zurücknehmen. Ein besonderes Problem bleibt die österreichische Sachwalterschaft (in Deutschland die gesetzliche Betreuung), in deren Zusammenhang die Einrichtung von Ethikkommissionen angeregt wird. Insgesamt fordert die Autorin nicht zum Warten „auf bessere Zeiten“ (S. 287) auf, sondern zum Handeln, zum „Schaffen und Eröffnen von Möglichkeiten“ (S. 288).

Verzeichnisse: Literaturverzeichnis (S. 289–302), Tabellen- und Abbildungsverzeichnis (S. 303) – Abstract Deutsch (S. 305) – Abstract English (S. 306) – Zusammenfassung in Leichter Sprache (S. 307–314)

Diskussion

Hinsichtlich der Lebensverhältnisse behinderter Menschen, nicht nur solcher „mit Lernschwierigkeiten“ (geistig Behinderter), bringt vorliegendes Buch keine Informationen, die über den heutigen Kenntnisstand hinausgehen. Seine Bedeutung liegt darin, Macht, Gewalt und Hegemonie aus kapitalismuskritischer Perspektive aufzuarbeiten und auf dieser Folie die vergangenen und gegenwärtigen Lebensverhältnisse Behinderter in Einrichtungen eindrucksvoll darzustellen. Zu dieser Eindrücklichkeit verhelfen wesentlich die narrativen Rekonstruktionen der eigenen Erfahrungen durch Betroffene, die in aufwändiger Arbeit zusammengetragen und gemeinsam ausgewertet und interpretiert wurden. Dieser Forschungsansatz verdient alleine bereits Anerkennung.

Allerdings stützt sich das Werk ausschließlich auf die Narrationen subjektiven Erlebens betroffener Behinderter. Zu Gewalt und Missbrauch von Macht in Einrichtungen tragen auch deren Mitarbeiter bei, deren Mittel(Sandwich)position (der Hamburger zwischen zwei halben Brötchen) sie fast dazu zwingt, nach „oben“ zu ducken und nach „unten“ zu treten. Auch deren Berufssituation ist der Forschungsarbeit wert wie auch die strukturelle Macht der Einrichtungsleitungen und der Träger, deren Maxime auf weite Strecken immer noch zu sein scheint: „Wir leben nicht für Behinderte, wir leben von Behinderten“.

Vorliegendes Buch ist eine Dissertation, eine wissenschaftliche Arbeit, und entsprechend ist ihre Sprache komplex und das Lesen anstrengend. Dazu kommt eine zuweilen eigenwillige Geschlechterverdopplung, die auch vor der Bezeichnung juristischer Personen nicht Halt macht: Aus einem „Trägerverband“ wird so ein „Träger*innenverband“. Demnächst wird dann wohl aus der „Arbeiterklasse“ eine „Arbeiter*innenklasse“. Lädt dies noch zum Schmunzeln ein, so eine andere Begriffsverwendung nicht mehr: An mehreren Stellen werden Psychiatriepatienten/Heimbewohner als „Überlebende“ bezeichnet, geradeso, als seien diese Einrichtungen wie ein NS-KZ auf die Vernichtung ihrer Gefangenen angelegt (gewesen). Solches darf man aber auch den übelsten Einrichtungen nicht vorwerfen. Mit „Insassen“ dürfte die Grenze des Erträglichen erreicht sein.

Insasse, in diesem Fall eines Gefängnisses, war auch Antonio Gramsci; seine wesentlichen Arbeiten zu Macht, Gewalt und Hegemonie sind dort entstanden, wo die „totale Anstalt“ am totalsten ist. Nebenbei hat Gramsci in den 1920er Jahren für ein halbes Jahr auch in Wien gelebt, und diese Wiener Zeit war durch mangelnde Integration in die Gesellschaft, durch weitgehende Isolation geprägt (Misik 2015). Bei Gramsci gehen wir davon aus, dass er wusste, worüber er schreibt. Dass seine Ideen heutzutage auch in der politisch national-konservativen Ecke aufgegriffen werden (Misik 2018), mag als Treppenwitz der Ideengeschichte gelten. Eines aber kann der Rezensent nicht nachvollziehen: die „so genannten Menschen“ im Untertitel. „Menschen mit so genannten Lernschwierigkeiten“ wären ihm noch akzeptabel. Aber was, fragt er sich, sind „so genannte Menschen“? Lebewesen, die man nur so nennt? Oder doch „richtige“ Menschen, mit welchen Merkmalen auch immer?

Fazit

Gertraud Kremsner legt eine streng am Subjekt orientierte Übersicht über das subjektive Erleben von Macht, Gewalt und Missbrauch von sechs Menschen mit geistiger Behinderung (mit Lernschwierigkeiten) in Familien, Kliniken, Psychiatrien und Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe wie in Schulen vor und analysiert diese Bericht hinsichtlich der Auswirkungen von Macht, Gewalt und Missbrauch auf die Zuschreibung und Perpetuierung von „Behinderung“ wie auf die Lebensprobleme der so Etikettierten. Die berichtenden Behinderten werden dabei so weit irgend möglich auch mit eigenen Entscheidungen in den Forschungsprozess einbezogen; die hierauf bezogenen Ausführungen können als beispielhaft gelesen werden. Eindrucksvoll sind auch die Analysen von Macht, Gewalt, deren Missbrauch und von Hegemonie und deren Wirkung auf den subalternen Habitus (geistig) Behinderter.

Eine fünfseitige Kurzfassung dieser Arbeit (Kremsner 2017) ist in der österreichischen Zeitschrift „behinderte menschen“ erschienen und erlaubt eine Übersicht über die wesentlichen Ergebnisse (siehe Literaturhinweise), bevor sich Leser dem Gesamttext (kostenlos zum Download; siehe Titelkopf) widmen.

Literatur

  • Kremsner, Gertraud (2017): „Verhindert ist auch behindert“ – Zur (Re-)Produktion von Behinderung in Einrichtungen der Behindertenhilfe. In: behinderte menschen. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, 40. Jg., Heft 1, S. 55–60. Erhältlich über die Steierische Vereinigung für Menschen mit Behinderung (STVMB), Albertstraße 8, A-8010 Graz zum Preis von 12,00 Euro (innerhalb Österreichs) bzw. 14,00 Euro (außerhalb Österreichs).
  • Misik, Robert (2015): Herr Gramski will die Hegemonie. In: Die Zeit, Österreich-Ausgabe, Nr. 34/2015. http://www.zeit.de/2015/34/robert-misik-was-linke-denken-vorabdruck-denken [25.02.2018].
  • Misik, Robert (2018): Wie ein Kommunist und ein Werbeguru die AfD stark machen. Vom 25.02.2018. http://www.t-online.de/-/id_79772292/tid_pdf_o/vid_83199606/index [25.03.2018].

Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Pitsch
Sonderschulrektor i. R., bis 2008 Université du Luxembourg
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Pitsch. Rezension vom 29.03.2018 zu: Gertraud Kremsner: Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen. Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2189-6. Zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung unter: www.pedocs.de/volltexte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23174.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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