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Franziska Offermann: Wenn Kollegen trauern

Cover Franziska Offermann: Wenn Kollegen trauern. Wahrnehmen - verstehen - helfen. Kösel-Verlag (München) 2016. 223 Seiten. ISBN 978-3-466-37171-6. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Trauer am Arbeitsplatz steht im Mittelpunkt des Buches von Franziska Offermann.

Autorin und Entstehungshintergrund

Vor rund 20 Jahren starb ein Sohn der Autorin kurz nach der Geburt. In der Folge veränderte Offermann ihre berufliche Orientierung und ließ sich u.a. als Trauerbegleiterin ausbilden. Heute berät sie Unternehmen, in denen das Thema Trauer am Arbeitsplatz virulent ist.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neun Kapitel strukturiert.

Bevor es zum eigentlichen Gegenstand des Buches kommt, skizziert Offermann im Kapitel „Als meine Welt aus den Fugen geriet“ ihre eigene Verlusterfahrung und verdeutlicht an diesem autobiografischen Beispiel ein charakteristisches Spannungsfeld von Trauernden: Da ist zum einen der Wunsch, nach dem Verlust wieder erwerbstätig zu sein, um dem inneren Ausnahmezustand, wieder ein wenig Normalität, Struktur und bekannte Routinen entgegen zu setzen. Zum anderen besteht aber auch die Angst, den Leistungsanforderungen der Erwerbstätigkeit oder dem professionellen Kontakt mit Kund/innen nicht gerecht werden zu können. Dieser Spagat erfolgt zudem vor der Herausforderung, innerhalb der Erwerbstätigkeit der Verlustbearbeitung ausreichend Raum zu geben.

Im Kapitel „Trauer“ beschreibt Offermann zunächst eher allgemein, wie diese definitorisch zu fassen ist und welche Verlustarten existieren. Sie rekurriert dabei auf klassische Trauertheoriemodelle (z.B. von Kübler-Ross, Bowlby, Kast, Worden). Hinzugefügt werden sieben Fallgeschichten, die für den weiteren Verlauf des Buches relevant sind, da die Autorin in den nachfolgenden Kapiteln immer wieder darauf Bezug nimmt.

Im darauffolgenden Kapitel „Trauer am Arbeitsplatz“ betont die Autorin, dass die stärksten stressauslösenden Faktoren im Leben nicht erwerbsbezogen sind, sondern maßgeblich durch Tod, eigene Erkrankung, Gewalterfahrungen oder private Beziehungsprobleme geprägt sind. „Wir müssen leider draußen bleiben“ (S. 43) – anhand dieser bildreichen Analogie zeigt Offermann, dass Unternehmen nicht umhin kommen, solche privaten Problemlagen vor der Unternehmenstür „anzuleinen“ (ebd.). Mitarbeiter/innen, Kolleg/innen und Führungskräfte beim Thema Trauer zu unterstützen, ist in Unternehmenskulturen bislang aber noch wenig verbreitet. Zugleich ist Trauer omnipräsent. Zunächst bei wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrenden Trauernden, bei denen eventuell geringe Stressbelastbarkeit, Erschöpfung, Übererregtheit oder Vergesslichkeit auffallen. Trauernde Beschäftigte beeinflussen das System Arbeitsumfeld und wirken auf Kolleg/innen, Vorgesetzte und ggf. auch Kund/innen bzw. Geschäfts- oder Kooperationspartner/innen. Deren Reaktionen wie Mitgefühl, Angst, Hilflosigkeit oder vielleicht auch Ärger über die Mehrbelastung, wenn die Arbeit der/des krankgeschriebenen Kolleg/in kompensiert werden muss, führen dazu, dass auch diese Personengruppen nicht unbeeinflusst von Trauer weiterarbeiten können. Die Autorin zitiert in diesem Zusammenhang Ergebnisse einer explorativen Befragung verwaister Mütter und Väter. Diese geben Hinweise, auf welche Art und Weise Verlustbewältigung seitens eines Unternehmens bzw. des Arbeitsumfelds unterstützt werden kann (z.B. durch persönliche Anteilnahme, kleine Aufmerksamkeit am Wiedereinstiegstag) und was den Wiedereinstieg erschwert (z.B. Totschweigen, Vorwürfe wegen geringerer Leistung, Bewertung des Trauerstils). Die Autorin offeriert hiermit erste Ideen, was jede/r Einzelne tun kann, um trauernden Kolleg/innen zu begegnen. Wirkungen und Nutzen für Unternehmen, wenn Trauer in den Unternehmensalltag integriert wird, schließen das Kapitel ab.

Das von Offermann entwickelte „Prinzip BEILEID“ (S. 76) wird im Kapitel „Weiterarbeiten, aber wie?“ vorgestellt. Aus Sicht der Autorin geht es darum, „ausreichend Empathie und Mitgefühl einerseits sowie Distanz und Selbstschutz andererseits“ (S. 77) aufzubringen bzw. zu wahren. Das Akronym BEILEID soll signalisieren, worauf es in der Begleitung und bei Trauernden selbst ankommt:

  • B = Beziehung gestalten/Bedürfnisse erfragen
  • E = Empathie/Ernstnehmen aller Gefühle
  • I = Individualität/Information
  • L = Logistik
  • E = Entspannung/Entlastung
  • I = Interesse/Integration
  • D = Dauer/dranbleiben

Diese Hauptfaktoren spielen auch im folgenden Kapitel „Zeiträume der Trauer“ eine wichtige Rolle, um zu verdeutlichen, was es einerseits für trauernde Beschäftigte bedeutet und für die Kolleg/innen, Führungskräfte bzw. das Unternehmen – und das zu unterschiedlichen Zeitpunkten: wenn Trauernde unmittelbar vom Verlust betroffen sind, vor und bei der Rückkehr von Trauernden ins Unternehmen und nach einem Jahr bzw. noch später.

Im Kapitel „Angemessen kondolieren und andere Hilfen für Kollegen“ beschreibt Offermann praktische Aspekte, wie etwa die Vorbereitung des Unternehmens auf solche Fälle in Form eines Krisenplans, No-Go-Sätze gegenüber trauernden Menschen, Tipps für das persönliche oder schriftliche Kondolieren sowie der Gestaltung einer Traueranzeige seitens des Unternehmens. Ferner stellt sie Rituale vor, mittels derer verstorbenen Mitarbeiter/innen im Unternehmen gedacht oder in Gesprächs- und Erinnerungsrunden der Trauer der Kolleg/innen entsprochen werden kann.

Die Fallgeschichten greift die Autorin insbesondere im Kapitel „Trauer integrieren“ erneut auf, um zu beschreiben, wie sich deren Erwerbs- und Trauerintegration jeweils gestaltet hat. Offermann plädiert dafür, dass Trauernde möglichst viel selbst steuern und bei der Rückkehr ins Arbeitsumfeld nicht ausgegrenzt werden.

Das Kapitel „Prävention“ veranschaulicht, was Unternehmen prophylaktisch tun können, um von den Widrigkeiten des Lebens, wie etwa Trauerfällen, nicht aus der Bahn geworfen zu werden. Eine der Empfehlungen mündet in der Durchführung von Achtsamkeits- und Resilienztrainings.

Im abschließenden Epilog wird es dann wieder persönlich: Die Autorin beschreibt, wie der Tod ihres Sohnes sie verändert hat, dankt ihren Unterstützer/innen und bewirbt ihre Arbeit. Im Anhang finden Leser/innen vertiefende Praxistipps, Adressen und Literaturhinweise.

Diskussion

Zu Beginn des Buchs bleibt im Unklaren, welche Zielgruppe das Buch ansprechen will. Eine klassische Einleitung, in der Thema, Fragestellungen, Aufbau und Zielgruppe benannt werden, hätte hier Abhilfe geschaffen. Stattdessen entscheidet sich Offermann für einen persönlichen Einstieg qua eigener Verlusterfahrung.

Dem Titel des Buchs „Wenn Kollegen trauern. Wahrnehmen – verstehen – helfen“ nach zu urteilen, sollte sich das Buch an Mitarbeiter/innen, Führungskräfte, Personalverantwortliche und Unternehmen richten. So überrascht es ein wenig, dass dieses Buch viele Tipps bzw. das Prinzip BEILEID auch für die trauernden Mitarbeiter/innen selbst bereithält, die wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollen.

Wenn das Thema Tod bzw. Trauer in Unternehmen akut wird, dann sind es meiner Erfahrung nach zwei sehr verschiedene Paar Schuhe, ob ein/e Mitarbeiter/in stirbt oder ob ein/e trauernde/r Mitarbeiter/in von einem persönlichen Verlust betroffen ist. Wenn ein/e Mitarbeiter/in stirbt, sind die Kolleg/innen und Vorgesetzten selbst Trauernde. Wenn dagegen etwa eine Kollegin nach dem Tod ihres Mannes an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt, sind Kolleg/innen und Vorgesetzte primär (und bestenfalls) Unterstützer/innen. Offermann bietet zwar einen heterogenen Mix an Fallgeschichten an, Beispiele und Hinweise zum Umgang, wenn ein/e Mitarbeiter/in stirbt, fallen aber vergleichsweise kurz aus. Verstorbene Mitarbeiter/innen, gerade wenn sie am Arbeitsplatz sterben (z.B. durch Herzinfarkt), sind für Unternehmen aber mindestens ebenso eine große Herausforderung wie trauernde Mitarbeiter/innen.

Im gesamten Buch gehen die Vorschläge bunt durcheinander, ob sie jetzt gerade selbstbetroffene Trauernde adressieren, die wieder arbeiten (wollen), oder für trauernde Teams, Kolleg/innen oder Vorgesetzte sind, die damit konfrontiert sind, einen trauernden Kollegen zu begleiten. Dem Buch hätte diesbezüglich meines Erachtens mehr Differenzierung und Systematik gut getan.

Die angesprochenen Trauermodelle werden nur angerissen, nicht voneinander abgrenzt bzw. aufeinander bezogen, sodass die Lesenden keinen fundierten Einblick bekommen, was erfolgreiche Verlustbewältigung zeitgenössisch eigentlich heißt. Schwerer wiegt aus meiner Sicht jedoch, dass Offermann dabei zum Teil auf Trauermodelle (z.B. Phasenmodelle) rekurriert, die im fachlichen Diskurs mittlerweile als obsolet gelten, weil sie in Studienergebnissen nicht belegt werden konnten. Auf an die aktuelle wissenschaftliche Diskussion anschlussfähige Modelle wie das „Doppelte Prozessmodell der Bewältigung von Verlusterfahrungen“ (Stroebe/Schut) wird überhaupt kein Bezug genommen. Dieses Modell zeigt, dass sich Trauernde für die Verlustbewältigung einerseits dem Verlust widmen müssen, andererseits ihre Lebenswirklichkeit wiederherstellen müssen. Zudem beschreibt dieses Modell anschaulich, dass es darum geht, im Sinne von Emotionsregulierung Trauern auch zu dosieren und auch Pausen davon zu machen, wofür die Erwerbsarbeit für viele Trauernde Möglichkeiten bietet. Dass Offermann nicht auf solche Trauermodelle zurückgreift, ist umso überraschender, da sie ihren eigenen Trauerweg an zahlreichen Stellen genau so beschreibt.

Die sich durch beinahe alle Kapitel durchziehenden Fallgeschichten machen das Buch gut lesbar und das Thema anschaulich. Sie bieten einen roten Faden ebenso wie das Prinzip BEILEID. Ob das Akronym BEILEID klug gewählt ist, mag jede/r für sich beurteilen, da mit dem Begriff BEILEID für nicht wenige heutzutage eher eine leere Floskel denn eine hilfreiche Umgangsformen mit Trauernden verbunden wird. Die mit dem Prinzip BEILEID verbundenen Hauptfaktoren, um die es ja eigentlich geht, sind häufig nicht wirklich trennscharf dargestellt.

Überraschend viele Hinweise gibt die Autorin für trauernde Menschen selbst. So empfiehlt sie etwa Yoga, Qi-Gong, Shiatsu, Feldenkrais mit der Begründung, „weil sie das von mir und meinem Umfeld ausführlich Erprobte aufzeigen“ (S. 163). Das hätte man meines Erachtens im Titel des Buchs deutlicher machen können, um diese Zielgruppe auch mit dem Buch zu erreichen. Dagegen fallen andere, für Unternehmen aber relevante Faktoren, wie etwa die Gestaltung einer Traueranzeige sehr kurz aus. Hierzu schreibt die Autorin nicht mal eine Drittelseite. Mehr Ausführlichkeit und Beispiele wären hier für betroffene Unternehmen hilfreich, zumal sich das Buch immer wieder als Ratgeber versucht.

Die Autorin macht im gesamten Buch deutlich, dass es mehr um eine spezifische Haltung als um richtige Standardtechniken geht. Das Buch wirbt sehr dafür und ermöglicht durch die vielen individuellen Fallbeispiele, trauernden Kolleg/innen verständnisvoller, sensibler und empathischer zu begegnen. Es lädt positiverweise dazu ein, dass Thema Trauer am Arbeitsplatz nicht auszuschließen.

Fazit

Wenn Tod und Trauer den Alltag in Unternehmen erreichen und was das für alle Betroffenen bedeutet, dazu hat Franziska Offermann ihr Buch „Wenn Kollegen trauern. Wahrnehmen – verstehen – helfen“ geschrieben. Es ist ihr Verdienst, mit diesem unkompliziert zu lesenden Buch Neuland zu betreten, weil das Thema Trauer am Arbeitsplatz immer noch in Literatur und Forschung kaum beleuchtet wird. Dennoch bleibt das Buch nur ein Blitzlicht, welches das gesamte Spektrum der mit Trauer am Arbeitsplatz/im Unternehmen zusammenhängenden Herausforderungen nicht befriedigend ausleuchten kann.

Offermann sensibilisiert für Trauer und plädiert für eine vermehrte Integration des Themas in den beruflichen Alltag, was ihr durch die häufig dargestellte eigene Betroffenheit und die Fallgeschichten aus ihrer Unternehmensberatung zu dem Thema auch gut gelingt. An einigen Stellen fehlt es dem Buch allerdings an Aktualität, an anderen an Systematik und Differenzierung. So sind die vorgestellten Theoriemodelle zum Teil veraltet und werden kaum aufeinander bezogen bzw. voneinander abgrenzt. Die Autorin versäumt es im Titel wie im gesamten Buch klar zu benennen, an wen sich dieses Buch richtet. Auffallend viele Tipps und Vorschläge werden für Trauernde gemacht, die nach einem privaten Verlust wieder ins Unternehmen kommen wollen. Dieses würde man beim Titel des Buchs nicht erwarten. Das Thema, wie Unternehmen damit umgehen, wenn ein/e eigene/r Mitarbeiter/in stirbt und damit alle im Unternehmen Trauernde sind, bleibt deutlich unterrepräsentiert, ist für Unternehmen aber eine große Herausforderung.


Rezensentin
Dr. Tanja M. Brinkmann
Homepage www.tanja-m-brinkmann.de
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Zitiervorschlag
Tanja M. Brinkmann. Rezension vom 11.08.2017 zu: Franziska Offermann: Wenn Kollegen trauern. Wahrnehmen - verstehen - helfen. Kösel-Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-466-37171-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23181.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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