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Olaf Dörner, Carola Iller u.a. (Hrsg.): Biografie – Lebenslauf – Generation

Cover Olaf Dörner, Carola Iller, Henning Pätzold, Julia Franz, Bernhard Schmidt-Hertha (Hrsg.): Biografie – Lebenslauf – Generation. Perspektiven der Erwachsenenbildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-8474-2106-1. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um einen Sammelband, dessen Beiträge auf Vorträgen der Sektionstagung „Erwachsenenbildung“ der deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft im Jahr 2016 beruhen. Die Tagung hat die Bedeutsamkeit der Konzepte „Biografie“, „Lebenslauf“ und „Generation“ für die Erwachsenenbildung theoretisch und empirisch in den Blick genommen.

Aufbau

Der Sammelband umfasst neben einer Einführung durch die Herausgebenden insgesamt 25 Beiträge. Diese werden in sechs Kapitel untergliedert vorgestellt, deren Struktur und Inhalte in der Einführung erläutert wird.

In der Einführung wird zunächst die Geschichte und Relevanz der titelgebenden Konzepte für die Erwachsenenbildung nachgezeichnet, bevor die sechs Kapitel im Einzelnen vorgestellt werden.

  1. „Generationen in der Wissenschaft“ (drei Beiträge),
  2. „Generationen in Organisationen“ (vier Beiträge),
  3. „Lebensphasenbezogene Bildungsangebote“ (fünf Beiträge),
  4. „Biografische Ereignisse als Lernanlass im Lebenslauf“ (vier Beiträge),
  5. „Berufsbiografien, Beratung und Lernen“ (fünf Beiträge),
  6. „Biografien von Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildnern aus professionstheoretischen Perspektiven“ (vier Beiträge).

Zu Kapitel I

Markus Rieger-Ladich beleuchtet in seinem Beitrag aus subjektivierungstheoretischer Perspektive die Konzepte Biographie, Lebenslauf und Generation für die wissenschaftlich Tätigen. Er diskutiert Wissenschaftler*innen als situierte Subjekte, die Erkenntnisse in umkämpften Arenen generieren, die generations- und institutionsgebunden sind.

Anne Schlüter geht in ihrem Aufsatz „Biographische Ressourcen der älteren Generation für die Begleitung von Übergängen im Lebenslauf jüngerer Generationen durch Mentoring im Wissenschaftsbetrieb“ auf Erkenntnisse aus dem Mentoringprogramm der Universitätsallianz Ruhr ein.

Kapitel I wird abgeschlossen durch den Beitrag „Generationenbezüge im Kontext der ‚Sektion Erwachsenenbildung‘. Ein Gedankenexperiment im Anschluss an Ludwik Fleck“. Hannah Rosenberg und Nicole Hoffmann widmen sich der Frage, wie „Generation“ in der Geschichte der Sektion angesprochen wird und welche Rolle dem wissenschaftlichen Nachwuchs dabei zukommt.

Zu Kapitel II

Das Kapitel beginnt mit dem Aufsatz der Autor*innengruppe Beatrix Niemeyer, Sebastian Zick und Lukas Dehmel. Unter dem Titel „(Prekäre) Erwerbsorientierungen zwischen den Generationen“ gehen sie vor dem Hintergrund empirischen Materials aus Interviews mit pädagogischen Fachkräften und Teilnehmer*innen in Übergangsmaßnahmen der Frage nach, wie sich das Verhältnis der drei titelgebenden Konzepte zur Erwerbsorientierung gestaltet.

Anke Grotlüschen zeichnet unter dem Titel: „Lagerfeuer und Löschangriff, Kothe und Feldbett: Über das Lernen in Generationenfolgen ehrenamtlichen Engagements“ in einer Sekundäranalyse nach, wie Lernen in Generationenfolgen ehrenamtlichen Engagements empirisch gefasst werden kann.

„Generationenverhältnisse in Organisationen der Erwachsenenbildung: Potenziale für intergenerationale und organisationale Lernprozesse“ lautet der Titel des Aufsatzes von Julia Franz, die diskutiert, wie Lernprozesse in Organisationen durch Generationenverhältnisse gestaltet werden können.

Der letzte Beitrag des Kapitels II kommt von Bernd Käpplinger. Er stellt unter dem Titel „Generationen von Geflüchteten und Generationen von institutionellen Antworten der Volkshochschulen: Eine historische Programmanalyse“ vor, wie sich die Programme von Volkshochschulen im Zeitverlauf entwickelt haben.

Zu Kapitel III

Die Autor*innengruppe Johannes Wahl, Dieter Nittel, Barbara Lindemann und Rudolf Tippelt betrachtet im ersten Aufsatz des Kapitels unter dem Titel: „Die Konstruktion von Biographie und Lebenslauf im Spiegel institutioneller Selbstbeschreibungen. Organisationspädagogische Zugänge zur arbeitsteiligen Gestaltung der Humanontogenese“ Prozesse des lebenslangen Lernens und ihren Zusammenhang mit Institutionen des Lernens aus empirischer Perspektive.

Matthias Alke stellt Befunde aus einer explorativen Programmanalyse aus Volkshochschulen vor. Sein Beitrag trägt den Titel „Angebotsstrukturen für die Zielgruppe der Älteren in Volkshochschulen im Kontext des demografischen Wandels“.

Die Ergebnisse einer Befragung zu Migrationsspezifika im Kontext von Weiterbildungsangeboten in Organisationen in NRW werden von Halit Öztürk und Sara Reiter in ihrem Beitrag gezeigt.

Gabriele Molzberger stellt in ihrem Aufsatz mit dem Titel „Formate wissenschaftlicher Weiterbildung an Universitäten – Vorüberlegungen zur historischen Rekonstruktion und prospektiven Fundierung“ dar, wie sich das Verhältnis von Weiterbildung und Hochschulen rekonstruieren lässt.

Im letzten Aufsatz des Kapitels beschäftigt sich Johanna Gebrande mit Lesekompetenz von Frauen im Alter unter dem Titel: „Alters- und Kohorteneffekte? Lesekompetenz von Frauen im Alter“.

Zu Kapitel IV

Dieter Nittel und Johanna Hellmann zeichnen an der Fallrekonstruktion einer Krebspatientin die Grenzen des Konzeptes Lebenslangen Lernens nach, ihr Beitrag trägt den Titel: „Eigentlich hätte ich nach drei Monaten tot sein müssen, aber ich lebe immer noch! – Die Grenzen des lebenslangen Lernens aus der Perspektive von Biographie und Lebenslauf“.

Eine Untersuchung widerstreitender Begründungsmuster promovierender Erziehungswissenschaftler*innen sind Gegenstand des Aufsatzes von Eva-Christine Kubsch mit dem Titel „Wissenschaftliche Qualifizierung als ‚ereignisreiche‘ Phase im Lebenslauf – eine Betrachtung widerstreitender Begründungsmuster promovierender Erziehungswissenschaftler*innen“.

Jörg Dinkelaker geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie in Veranstaltungen der Erwachsenenbildung auf die Lebensläufe Teilnehmender Bezug genommen wird. Sein Beitrag trägt den Titel „Operationen am offenen Lebenslauf – Varianten der Kommunikation lebensgeschichtlicher Selbstverhältnisse in Veranstaltungen der Erwachsenenbildung/Weiterbildung“.

Fanny Hösel nennt ihren Beitrag „Aber es ist allemal besser, die Qual der Wahl zu haben als nur die Qual. Lern- und bildungsbezogene Potenziale von biographischen Gestaltungsentscheidungen“ und geht darin der Frage nach, wie Gestaltungsentscheidungen in Biographien zustande kommen.

Zu Kapitel V

Ursula Sauer-Schiffer, Andreas Wahl und Stephanie Höke nehmen in ihrem Beitrag die Frage des Zusammenhangs von Biografie, Berufsverlauf, Persönlichkeit und Beratungshandeln in den Blick – und zeichnen unter diesem Titel anhand von Daten aus einem größeren Forschungsprojekt nach, wie sich der Zusammenhang empirisch darstellen kann.

„Neuralgische Sequenzen im Beratungsprozess – Bezüge zu biografischen Konstellationen im Lebenslauf“ nennen Wiltrud Gieseke und Maria Stimm ihren Aufsatz und behandeln, wie sich Paradoxien und Widersprüchlichkeiten in biographischen Prozessen in Bildungsberatungen in einer dem Beitrag zugrundeliegenden Studie gezeigt haben.

Franziska Bonna stellt in einem Beitrag Ergebnisse aus ihrer Disserationsforschung vor, in der sie berufliche Zukunftsvorstellungen Langzeitarbeitsloser aus biographischer Perspektive untersucht hat.

„Biografien als kommunikative Konstrukte in Lehr-Lern-Interaktionen: Zur Bedeutung personenspezifischer und professionsspezifischer Adressierung in pädagogischen Weiterbildungen“ lautet der Titel des Aufsatzes von Franziska Wyßuwa, die mittels konversationsanalytischer Verfahren untersucht hat, welche Adressierungsformen sich in Weiterbildungsmaßnahmen sichtbar werden und Ergebnisse dieser Studie darstellt.

Sai-Lila Rees und Bernhard Schmidt-Hertha diskutieren in ihrem Artikel, welche Rolle Weiterbildung für älterer Arbeitnehmer*innen biografisch spielen kann. Der Titel ihres Beitrags lautet: „Weiterbildung älterer Arbeitnehmer/innen als Teil biografischer Gestaltungsprozesse“ und stellt Ergebnisse einer BMBF-Studie vor.

Zu Kapitel VI

Der Titel des Beitrags von Verena Liszt lautet: „Individuelle Professionalisierung von Wirtschaftspädagog*innen in der beruflichen Erwachsenenbildung – durch ein Modell strukturierte Einblicke in eine qualitative Studie aus Österreich“ und stellt die Ergebnisse ihrer Qualifikationsstudie zur Erlangung des Doktorgrades vor.

Anita Pachner geht in ihrem Artikel der Frage nach, ob Kompetenzmodelle als Orientierungsmuster für die (Re-)Konstruktion und Gestaltung beruflicher Biografien von Erwachsenenmodellen dienen können. Sie nutzt hierzu Ergebnisse aus einer eigenen inhaltsanalytischen Untersuchung und stellt diese in einen Zusammenhang mit neueren Studien.

„Erwachsenenpädagogische Professionalität und die Herstellung von Passungsverhältnissen zwischen Biografien und Institutionen“ lautet der Titel des Aufsatzes von Jörg Schwarz, der unter Berücksichtigung empirischer Ergebnisse der Frage nachgeht, wie das Konzept der Trajektorie für eine passungstheoretische Betrachtung gedacht werden könnte.

Der letzte Artikel des Bandes kommt von Tim Stanik. Unter dem Titel „Umgänge mit Prekarität von Lehrenden in der Weiterbildung – eine explorative, berufsbiographische Längsschnittuntersuchung“ zeigt er, wie sich Prekaritätsverhältnisse unter Lehrenden in der Erwachsenenbildung in einer Langzeitbeobachtung darstellen lassen.

Diskussion

Der Sammelband zeigt in seiner Dichte eindrucksvoll die Vielfalt der Beiträge, die sich zu der Konzeption der Tagung gesammelt haben. Der Einführungsbeitrag verdeutlicht die Potenziale der begrifflichen Trias für die Auseinandersetzung in der Erwachsenenbildung. Die Untergliederung in die Kapitel erscheint sinnvoll und bündelt die jeweiligen Beiträge in inhaltlich passender Weise. Die Darstellung dieser Verknüpfungsmuster „Biografie – Lebenslauf – Generation“ plausibilisiert den Kapitelaufbau in der Einführung der Herausgebenden. Am jeweiligen Kapitelanfang hätte eine erneute deutlichere sprachlichere Rahmung dieser „Verknüpfungsmuster“ der Konzepte „Biografie – Lebenslauf – Generation“ gut getan. In einer derartigen wiederholten kurzen Heranführung an das Kapitel hätte sich das Ganze leichter erschließen lassen, um Lesenden das jeweilige Kapitel in seinem Aufbau näher zu bringen. Die Heterogenität der Beiträge wird so einerseits als große Stärke des Bandes und gleichzeitig als Herausforderung für Lesende im Zugang zum Band sichtbar. Insgesamt hinterlässt die Dichte der Beiträge einen positiven Eindruck. Durch die Zusammenstellung empirischer und theoretischer Perspektiven ist eine Publikation entstanden, die in ihrer Breite viele Facetten der titelgebenden Konzepte auffächert.

Der Sammelband spricht durch diese Vielschichtigkeit für sich und lässt einen abschließenden zusammenführenden Beitrag nicht vermissen.

Fazit

Es handelt sich beim hier vorgestellten Werk um einen klassischen Tagungsband, der auf verdichtete Weise die Inhalte der Sektionstagung präsentiert. Zielgruppe sind primär Lesende in der scientific community, die mit der wissenschaftstypischen Sprache und dem Aufbau wissenschaftlicher Beiträge vertraut sind. Die Einzelbeiträge sind in ihrer Gesamtheit sehr ähnlich aufgebaut und strukturiert, bieten in den Einführungen Überblicke zu ihrem Inhalt und ermöglichen es so Lesenden, sich über den jeweiligen Beitrag und seinen Erkenntniswert rasch und fundiert Einsicht zu verschaffen. Ein lesenswerter Sammelband für Forschende und Lehrende in der Erwachsenenbildung sowie anverwandten Lehr- und Forschungsgebieten.


Rezensentin
Dipl. Soz.päd. Nina Erdmann
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FB angewandte Sozialwissenschaften FH Dortmund im Forschungsprojekt „Diversität und Bildung“
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Zitiervorschlag
Nina Erdmann. Rezension vom 14.05.2018 zu: Olaf Dörner, Carola Iller, Henning Pätzold, Julia Franz, Bernhard Schmidt-Hertha (Hrsg.): Biografie – Lebenslauf – Generation. Perspektiven der Erwachsenenbildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2106-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23188.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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