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Annett Entzian: Denn sie tun nicht, was sie wissen (ökol. Bewusstsein)

Cover Annett Entzian: Denn sie tun nicht, was sie wissen. Eine Studie zu ökologischem Bewusstsein und Handeln. oekom Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-86581-485-2. D: 29,95 EUR, A: 30,88 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Autorin

Annett Entzian war wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) an der Universität Duisburg-Essen.

Entstehungshintergrund

Das Buch wurde als Dissertation unter dem Titel „Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Handeln. Zur Selbstinterpretation der Lebensführung im Hinblick auf ökologische Handlungsrelevanz – eine umweltbiographische Exploration“ konzipiert und mit dem Titel „Denn sie tun nicht, was sie wissen - Eine Studie zu ökologischem Bewusstsein und Handeln“ in einer Buchreihe zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen, herausgegeben von Michaela Christ, Bernd Sommer und Harald Welzer, im Oekom Verlag 2015 veröffentlicht.

Die Rezension verfolgt die Absicht, kritisch konstruktiv ein Dissertationsvorhaben zu besprechen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, deren Inhalte hier kurz dargelegt werden sollen. Ausführlicher werden diese im nächsten Abschnitt der Rezension aufgenommen und diskutiert.

In der Einleitung entwickelt die Autorin die Problemstellung ihrer Arbeit. Sie stellt einen Bezug zum Stand der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung und möglichen Desiderata her und stellt dies in den Diskurskontext der neuen erdgeschichtlichen Klassifizierung, dem Anthropozän.

Im zweiten Kapitel Theorie werden soziologische, umweltgeschichtliche und umweltgeographische Begrifflichkeiten und Kontexte vorgestellt, die für die Einordnung, Analyse und Interpretation des empirischen Materials der Probanden aus der Schweiz dienen sollen. Dazu gehören z.B. folgende Aspekte: Biographie, Generation, Selbstwahrnehmung/-verzerrung, kleine Umweltgeschichte der Schweiz, Befunde zum individuellen Umweltverhalten im Alltag, Shifting Baselines u.a.m.

Im kurzen mit Untersuchungsdesign überschriebenen dritten Kapitel werden die Anlage der empirischen Untersuchung, ihre Methodik (z.B. das Umweltbiografische Interview (UBI)) und die Untersuchungsebenen der Studie dargelegt.

Das umfänglichste Kapitel 4 ist mit Selbstinterpretation: Neun exemplarische Darstellungen betitelt. Hier stellt die Autorin erste Befunde aus den narrativen Interviews einzelner Interviewpartner aus den drei Kohorten dar. Dies entlang thematischer Schwerpunkte und Überschriften wie z.B. Biografie, Naturverständnis, Generationswandel.

Muster der Umweltwahrnehmung – ein Fallvergleich ist die Überschrift des fünften Kapitels. Auf Basis statistischer Operationen werden entlang der Fragestellung der Studie bestimmte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster im Hinblick auf Auffälligkeiten und Differenzen zwischen den Untersuchungskohorten herausgearbeitet. Die Kategorien lauten z.B. ökologisches Bewusstsein, Naturverständnis, Einstellung zum Klimawandel oder Umwelthandeln. Schließlich entwickelt die Autorin drei sich im Hinblick auf Umweltwahrnehmung und Umwelthandeln unterscheidende Typen (z.B. den „Objektiven“ gegenüber dem „Unterschätzer“).

Das sechste Kapitel lautet: Dynamik einer generationellen Wahrnehmung – das Gruppeninterview. Entlang der empirischen Methodik von Gruppeninterviews wird hier der Befund aus einem Gruppeninterview im Rahmen der Thematiken intergenerationelle Mobilität und Umwelthandeln vorgestellt.

Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse heißt der nächste Kapitelabschnitt, in dem die Autorin nochmals die Ergebnisse aus den vorhergehenden Kapiteln und Abschnitten aufnimmt. Teilweise werden diese im Kontext von Begrifflichkeiten, Thesen und Befunden der bisherigen Umweltforschung diskutiert. Dieses Kapitel schließt mit dem Absatz 7.4: Aspektorientierte Gesamtauswertung.

Das abschließende achte Kapitel Fazit und Ausblick soll noch einmal einen Brückenschlag zur anfänglichen Fragestellung der Arbeit schlagen und wagt auf den insgesamt eineinhalb Seiten noch einen Hinweis auf eine Forschungslücke über den möglichen Zusammenhang von Emotion und Umwelthandeln.

Diskussion

In der o.g. Einleitung diskutiert die Autorin sparsam den Forschungsstand zum heterogenen, unbestimmten Gebrauch des Begriffs Umweltbewusstsein und der Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln in der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung (Kluft-Hypothese). Diese Sachverhalte sind aus der sozialpsychologischen Einstellungsforschung schon mindestens seit den 80er Jahren bekannt, Allgemeingut. Hier bestimmt sie ihren Begriff zum Umweltbewusstsein dann auch als aus mehreren Komponenten bestehend für ihren Forschungszusammenhang.

Weiterhin reklamiert sie Forschungsbedarf im Hinblick auf die methodologische Ausrichtung und thematische Aspekte der Einstellungsforschung im Hinblick z.B. auf die selbstbezogenen Wahrnehmungsaspekte der bisherigen Forschungsbemühungen, womit sie allerdings im Mainstream, im Gedankengebäude der bisherigen Forschung bleibt und die Existenz eines Umweltbewusstseins axiomatisch konstatiert, hingegen nicht in Rechnung stellt, dass es ggf. gar kein Umweltbewusstsein gibt und daher auch die o.g. Diskrepanz (Kluft) folgerichtig nicht zu erforschen ist.

Die empirische Ausrichtung der Arbeit wird dann als triangulatorisches Verfahren (biografisch-narrative Interviews, quantitativer Fragebogen und Gruppendiskussion) im Rahmen des Forschungsprojektes „Shifting Baselines“ des KWI Essen ausgewiesen.

Im nächsten Kapitel „Theorie“ erfolgt dann die intendierte theoretisch-konzeptionelle Einbettung der empirischen Ausrichtung der Arbeit. Dabei diskutiert sie Ansätze aus der Identitätsforschung entlang der Begriffe Selbstkonzeptbildung im Hinblick auf die Aspekte der Identitätsbildung, -wahrnehmung, Biographiekonstruktion, Generationsbezug sowie thematischer Aspekte in umweltperspektivischer Ausrichtung (als ausgewählter kognitiver Bezugspunkte der Identitätsbildung). Die hinter diesen Dimensionen liegenden Theorien und Konzepte werden dabei auch folgerichtig im Kontext des gewählten empirischen Ansatzes der qualitativen oder interpretativen Sozialforschung situiert. Der hier bedeutsam erscheinende Sozialisationsaspekt wird kurz in seiner Relevanz im Zusammenhang mit dem Biographiebegriff angedeutet. Bedauerlich ist der eher randständige Hinweis auf die Individualisierungsthese („Vor diesem Hintergrund sei noch auf die Individualisierungsthese (Beck 1986) verwiesen …“, S.19), da diese gerade eine neue Form und Herausforderung der Identitätsbildung und Biographiekonstruktion der Gegenwart darstellt und somit schon – im Kontext der Anlage dieser Arbeit – einer ausführlicheren Diskussion bedurft hätte und nicht en passant gestreift werden sollte. Dies ist insofern verwunderlich, da die Autorin später die Bedeutung der Individualitätssicherung über den Konsum thematisiert.

Vor der Aufnahme der inhaltsbezogenen Aspekte zum Thema Umwelt wird die sozialisatorische und biographische Bedeutung des Generationsbezuges dargelegt.

Das Thema und der schillernde, unspezifische Begriff Umwelt werden dann im Kontext der Klimaproblematik und -debatte als Schwerpunkt aufgenommen. Für den allgemeinen umwelthistorischen Bezug fehlt leider z.B. ein Standardwerk des Diskurses, das der renommierte Umwelthistoriker J.Radkau („Die Ära der Ökologie“) dazu vorgelegt hat.

Es folgt eine „Kleine Umweltgeschichte der Schweiz“, da die Probanden der Studie aus diesem gesellschaftlichen Bezug stammen, da sich hier exemplarisch die für die Untersuchung umweltrelevanten Aspekte in verdichteten Form, anhand ausgewählter Indikatoren wie z.B. Bautätigkeit, Energieverbrauch, Abfallvolumen in der Gesellschaftsstruktur und deren Wandel, widerspiegeln sollen. Somit sind die Folgen des Klimawandels in der Schweiz angekommen und registriert, aber die Diskrepanz zwischen Wissen und politischem Handeln bleibt, wenn von der Zielverankerung bezüglich Umweltschutz und Nachhaltigkeit als Absichtserklärung abgesehen wird, so die Autorin (vgl. S.28).

Hernach werden unter der Absatzüberschrift „Befunde zum individuellen Umweltverhalten im Alltag“ Dimensionen des Umweltverbrauchs über den Konsum Schweizer Haushalte vorgestellt, als Befund der „Umweltbeeinflussung privater Haushalte“ (29). Dies geschieht dann im Folgenden entlang einzelner Dimension des Konsums wie Wohnen, Ernährung, Mobilität, über die im Hinblick auf ihre sozial-ökologische Bedeutung referiert wird.

Überraschend werden im Nachfolgenden dann wieder sozialpsychologische Begrifflichkeiten und Ansätze diskutiert, die scheinbar für die Empirie eine Rolle spielen. Hierzu zählen Begrifflichkeiten wie Referenzrahmen (Goffman), Shifting Baselines (Daniel Pauly), räumliche und zeitliche Aspekte, Komplexität u.a.m. Dies wäre sicherlich sinnvoll im oben angeführten Theorieteil (Abs. 2.1ff.) zu integrieren gewesen, der Ansatz zu Shifting Baselines sicherlich umfassender aufzunehmen, wenn diese Arbeit doch im Rahmen eines Forschungsprojektes zu diesem Phänomen zu verstehen ist bzw. einen Beitrag leisten soll.

Spätestens hier zeigt sich, dass hier kein systematisch-theoretischer Unterbau für die empirische Arbeit vorab entwickelt wurde. Abschließend fasst die Autorin die Aspekte der einzelnen Abschnitte am Ende von Kapitel 2 noch einmal im Hinblick auf zentrale Aussagen zusammen.

Im dritten Kapitel „Untersuchungsdesign“ werden die Anlage und die Wahl der empirischen Methodologie dargelegt. Dabei kamen verschiedene Einzelmethoden – die Methodentriangulation – zum Einsatz: das umweltbiographische Interview (das aus einem biographisch-narrativen und einem leitfadengestützten Gesprächsanteil besteht), ein ergänzender Fragebogen und eine später mit anderen Probanden geführte Gruppendiskussionen. Hierzu wurden 60, in drei Kohorten aufgeteilte, Interviews und neun Gruppendiskussionen geplant. Das dabei entstehende Datenmaterial ist immens, wenn man den Anspruch der Transkription bei den narrativen Interviews bedenkt. Als Eingangsimpuls für den narrativen Teil wurden erbetene Fotos genutzt, die den Interviewpartner im Kontext seiner Heimat und ggf. diversen Naturbezügen zeigen sollten.

Die Schwierigkeiten der vielsprachigen Schweiz wurden dabei dergestalt eingeebnet, dass das Material ins Standarddeutsch transkribiert wurde. Der Zusammenhang zwischen Sprache, Wahrnehmung, sprachlicher Repräsentanz der sozialen und natürlichen Umwelt und der „Welt- Biographiekonstruktion“ wurde damit forschungspragmatisch verkürzt.

Die Interviewpartner für die verschiedenen Kohorten wurden nicht per Zufallsauswahl, sondern nach dem „Schneeballprinzip“ (45) über verschiedene soziale Bezüge akquiriert. Anschließend stellt die Autorin die aufwendige Datenaggregierung, Inhaltsanalyse und notwendige Typenbildung der durch die Methodentriangulation gewonnenen Daten für die intra-, interpersonale und die intergenerationelle Ebene (in Anlehnung an Flick, Mayring) dar. Aus dem Plan von neun wurde eine Forschungsrealität von späterhin einem durchgeführten Gruppeninterview.

Unverständlich ist die Aufnahme von Kritik an diesem interpretativen Verfahren, wenn die Autorin formuliert: „Aufgrund von subjektiven Verzerrungen oder Erzähllücken könnte das Material verfälscht sein“ (50). Das kann ja kein berechtigter Kritikpunkt an der qualitativen Sozialforschung sein, da die zunächst subjektive Wahrnehmung, Konstruktion und der Umgang mit der sozialen und neuerdings natürlichen Welt ja Ausgangspunkt in diesem Forschungsdesign sind. Zudem nach Fritz Schütze in der Narration eine spezifische Erzähldynamik entsteht, der die Erzähler folgen, geradezu unterworfen sind, wonach Auslassungen keine Verfälschung darstellen.

Im vierten Kapitel werden dann je drei Biographien aus jeder Kohorte entlang der durch die Biographie-Interview-Situation und die Forschungsperspektive sich ergebenden „Muster“ als konkrete Forschungsergebnisse dargestellt. Sie werden als „kontrastierende Einzelfälle“ bezeichnet und ausgewählt.

Grob werden dabei Besonderheiten der jeweiligen Biographien im Hinblick auf Brüche bzw. Kontinuitäten, dabei ggf. selbst thematisierte Natur- und Umweltbezüge als auch durch den Interviewleitfaden vorgegebene Themenschwerpunkte wie Bedrohungsempfinden, Relevanz des Klimawandels als auch Veränderungen des Lebens zwischen den Generationen dargelegt. (Der Gesprächsleitfaden ist im Anhang des Buches angefügt.)

Dabei stellt sich heraus, dass die Interviewsituation für die qualitative Erhebung sehr heterogen war, da die soziale Situation, in der dann das Interview eingebettet war, durch die teilweise Anwesenheit weiterer Personen und deren interaktionale Beteiligung doch schon bei den neun ausgewählten Gesprächen sehr unterschiedlich war. Dies wurde im Hinblick auf die Narration und die evaluative Darlegung thematisierter Sachverhalte nur wenig kritisch angemerkt. Eine größere Kontrolle der ökologischen Validität wäre hier ggf. wünschenswert gewesen. Somit hat das Forschungsdesign hier maximal Pretest-Charakter. Die Suche nach Mustern, Kontinuitäten und Widersprüchen zwischen Selbstinterpretation und ökologisch orientiertem oder motiviertem Handeln geht nicht aus der Struktur der Narration hervor, sondern, noch mehr als durch die Interviewleitfragen generiert, aus der ggf. vorhandenen „Rechtfertigungsstruktur“ oder die Identitätspräsentation durch die Anwesenheit weiterer Personen. Das von der Autorin ausgestellte induktive Vorgehen bleibt weiterhin erklärungsbedürftig. Leider gibt es im Anhang auch keine Darlegung dazu, so dass, wenn auch nur exemplarisch, die während der Durchsicht generierten Memos, die ja Ausdruck dieser Vorgehensweise und Muster- bzw. Theoriegenerierung sein sollten, das induktive Vorgehen dargelegt hätten.

Stellt dieser Teil der Dissertation den umfänglichsten dar (S.51-121), so soll hier nur auf wenige Aspekte der Falldarstellung eingegangen werden.

Das angeführte natur- bzw. umweltbezogene Wahrnehmen und Denken erscheint dann nicht überraschend als unterschiedlich diskrepant bzw. konsistent im Hinblick auf das umweltbezogene Handeln. Zeigen die Probanden nicht nur unterschiedliches umweltbezogenes Wissen und unterschiedliche Sensibilitäten für Umweltfragen, so unterscheidet sich dies noch einmal im Hinblick auf ihr Alltagsverhalten im Hinblick Mobilität, Ernährung und Wohnen als auch der Einschätzung der Relevanz des Klimawandels und der zukünftigen Entwicklung der Gesellschaft.

Aus hohem Umweltwissen resultiert dabei z.B. kein adäquates Handeln bzw. Verhalten, sondern unterschiedliche Strategien zur alltagspragmatischen „Rechtfertigung“ dieser Diskrepanz einerseits, während andererseits durchaus nachhaltige Alltagspraxen nicht in ökologischer Hinsicht repräsentiert werden, mitunter auch durch ökonomische Notwendigkeit bedingt, folgerichtig auch nicht ökologisch orientiert sind, sondern bei größerer ökonomischer Ressourcenausstattung so auch nicht praktiziert würden. Die vorfindlichen Widersprüche und (In)Konsistenzen können einerseits aus den Darlegungen der Interviews, als auch aus dem Widerspruch zwischen den Interview- und den Fragebogenergebnissen zu den einzelnen Fällen (Methodentriangulation) resultieren.

Mehr noch zeigt sich, dass auch nicht alle Interviewpartner selbstinitiativ für ihren Lebenslauf, ihre Biographie einen Umwelt- bzw. Naturbezug hergestellt bzw. aufgeführt haben. Vielmehr zeigte sich, dass es unterschiedliche Bezüge innerhalb der Kohorten gab, die zwischen instrumentellen Bezug (Aufwachsen und Mitarbeiten auf dem Bauernhof) bis hin zu „pädagogischem Begleiter“ lagen (Aufwachsen und Spielen in der Natur, dem nahegelegenen Wald). Bedeutsam ist hier zu betonen, dass die Auswahl der Fälle primär in kleinstädtischem bis dörflichem Milieu angesiedelt war, mit mehr oder weniger naturräumlicher Umgebung im Gegensatz zu einem großstädtischen Milieu.

So gilt mit Bezug auf die Befunde, dass hier immer der Sinnbezug im Alltagshandeln für die Bewusstseinsforschung expliziter herauszuarbeiten ist. Das ist erforderlich, wenn hier auch im Rahmen der Umweltbewusstseinsforschung gearbeitet werden soll und der Begriff Umwelt-bewusst-sein nicht beliebig verwendet werden soll. Gleichwohl ist hierzu zu bemerken, dass schon frühere, alltagsbezogene Lebensstilforschungen in Kieler Haushalten (z.B. Prose, Wortmann) gezeigt haben, dass bei älteren Kohorten ein heute als nachhaltig bewertetes Handeln und Verhalten allein durch „Erziehung zur Sparsamkeit“ situiert wurde, aber keinerlei explizit ökologisches Handeln darstellt. Damit ist dies den Probanden mitunter nicht bewusst, sondern wird von diesen – aufgeladen durch einen ökologischen Diskurs im Alltag – nachträglich mit diesem Sinnbezug besetzt. Das legt dar, dass in den Fallgeschichten, auch für die Biographiekonstruktion noch stärker der sozialisatorische und damit gesellschaftliche Bezug der jeweiligen Diskurse zu berücksichtigen gewesen wäre, d.h. die Deutungsmuster im Zusammenhang mit ihren Vorstellungen zu Natur im Zusammenhang mit artikuliertem „ökologischem Handeln“. Das aber lässt das Forschungsdesign nicht zu, wäre aber auch nach Fritz Schütze (1983) im Kontext narrativer Interviews realisierbar gewesen.

Die Falldarlegungen bleiben im Einzelnen beschreibend oberflächlich, d.h. es findet wenig theoretisch angeleitete Reflexion statt, die schon hier eine fundiertere Verknüpfung mit den theoretischen (soziologischen und/oder sozialpsychologischen) Vorüberlegungen herstellen, was zu befürchten war.

Die diese Kapitel abschließende Zusammenfassung führt noch neue Informationen zu den Fällen an, die sinnvollerweise zur Orientierung für den Leser in die Vorbemerkung zu den Fällen platziert worden wären. Der Rekurs auf die vormals referierten Fälle stellt dann noch einmal ohne weiterführende Reflexion oder Ausblick eine Wiederholung schon angeführter einfacher Beobachtungen aus den Interviews dar.

Die Art und Weise der Zusammenfassung der Einzelfälle erscheint daher eher überflüssig. Sinnvoller wäre hier eine Synopse über die Fälle gewesen, die einen stichwortartigen Überblick, insbesondere der inhaltsanalytisch relevanten Aspekte gibt, einen Überblick schaffend dahingehend, wie groß der Anteil nicht umweltbezogener Aspekte in Relation zum Gesamtbild ist.

Das nachfolgende fünfte Kapitel (S.122-159) versucht nun eine Zusammenschau aller Daten aus den 60 Interviews.

Das fünfte Kapitel führt mit den Absatzüberschriften „ Ein Werkzeug namens Kategoriensystem“ und „Kategorien zweiter Ordnung – Darf`s ein bisschen mehr sein?“, die sich dem Leser mit Blick auf den Inhalt nicht wirklich erschließen, in das Vorgehen der Bearbeitung der vorliegender qualitativen und quantitativen Daten ein. Dabei werden unterschiedliche Kategorien, Dimensionen und Codes gebildet und verwendet, um dem statistisch heterogenen Material der vorliegenden und selbst interpretierten Daten gerecht zu werden.

Die statistischen Operationen, die in der Studie vorgenommen werden, sind im Rahmen statistischer Verfahren mitunter problematisch, folglich auch die im Nachfolgenden darauf aufbauenden Aussagen, wenn es heißt: „Im Rahmen eines unterstellten Skalenniveaus folgen die Dimensionen zwar einer metrischen Operationalisierung, können aber wegen ihres qualitativen Ursprungs nur Lageparameter im Sinne einer Intervallskala abbilden. Entsprechend wird bei der Analyse der Kategorien zweiter Ordnung neben Häufigkeiten vor allem auf das arithmetische Mittel zurückgegriffen, um kohorten- bzw. typenspezifische Ergebnisse zu erfassen und zu beschreiben“ (124f.). Eine solche Skala würde z.B. für die Dimension „Emotionale Aspekte Klimawandel“ innerhalb der Kategorie „Einstellung zum Klimawandel“ wie folgt aussehen: Schuldgefühle/Verantwortungsbewusstsein, Resignation/Beklagen, Fatalismus/Optimismus, Gleichgültigkeit, positive Konnotation/genervt von der Thematik (vgl. XIII, Anhang E) ergeben. Erstens ist die Skala in der Skalierung 1 bis 5 in der Abstufung durch die Doppelbelegung nicht nachvollziehbar: bedeutet 3 jetzt Fatalismus oder Optimismus etc.? Die Zuordnung erfolgt über die Codierung des vorliegenden Interviewmaterials. Zweitens entstammen diese selbst- wie fremdinitiierten Narrationen bzw. Antwortreaktionen aus den Interviews. Die Beschränkung auf die Häufigkeiten zur Erkennung grober Trends im Vergleich zwischen den Kohorten erscheint noch sinnvoll, die Bildung von Mittelwerten problematisch, da die Intervallskalierung als Anspruch doch fraglich ist. Damit steht und fällt aber die nachfolgende Besprechung der Befunde bzw. ist unter diesem Vorbehalt zu sehen.

Mehr noch verweist die Autorin bei ihrem methodischen Vorgehen auf Mayring (2002), der diese Form der Skalierung für die strukturierte qualitative Inhaltsanalyse vorschlägt (123), hingegen formuliert Mayring dort (2002) explizit, dass dieses Vorgehen einer qualitativen Inhaltsanalyse sich vorzugsweise für eine „systematische, theoriegeleitete Bearbeitung von Textmaterial“ eignet, was hier nicht wirklich gegeben ist, noch wird das hier angesprochene und an Ulich (1985) orientierte Dreischrittverfahren zur wissenschaftlichen Absicherung der kodierten Stellen hier systematisch transparent angewandt.

Die sich abzeichnende Ratlosigkeit setzt sich bei den weiteren Absatztiteln fort: „Kategorien erster Ordnung und Kohorten – empirisches Allerlei“. Die Befunddarlegung rechtfertigt nicht den methodischen Aufwand, den die Biographieforschung, das Vorgehen zu narrativen Interviews nach Fritz Schütze, zudem eingebettet in erwartete Ergebnisse zur Umweltbewusstseinsforschung, zu erwarten verspricht. Zwei Beispiele: „So berichten ältere Befragte am häufigsten von biographischen Einschnitten, jüngere Interviewpartner hingegen am wenigsten, während die mittlere Kohorte zwischen beiden rangiert“ (130). „Das obige Zitat repräsentiert das starke Bewusstsein für Umwelt- und Klimathemen vieler junger Befragter (…)“ (133), ohne dass hier wirklich empirische Evidenz für die Aussagen konstatiert werden kann. Mitunter wenig später, mit Blick auf empfundene Bedrohungen und Ängste, aus dem narrativen Teil der Erhebung festgestellt, dass auf “die gesamten Fälle bezogen (.) der Klimawandel jedoch selten als primäre Bedrohung genannt“ wird (ebd.).

Welche Aussage soll mit der Überschrift getroffen werden, wenn diese lautet „Kategorien erster [gemeint ist wohl „zweiter“ O.B.] Ordnung und Kohorten – (k)eine Frage des Alters“? Mehr noch wird der sozialwissenschaftlich sensible Leser bei der Auswertung der Kategorien zweiter Ordnung provoziert, wenn es in der Fußnote lautet: „Messbare Unterschiede werden dabei ab einer Skalenabweichung von 0,5 zugrunde gelegt. (…)“ (134), es aber wenig später im Hinblick auf die Auswertung eben dieser Kategorien, die unter diesem Wert liegen (!), lautet: „Zudem variiert in großem Maße der Stellenwert von Umweltrelevanz (Z) zwischen den Kohorten: Es stellen deutlich häufiger Angehörige der jüngsten Altersgruppe in ihren Erzählungen umweltrelevante Bezüge her oder betten diese biographisch ein; mit zunehmendem Alter der Interviewten können weniger solcher Bezüge erfasst werden“ (136).

Unter Missachtung der o.g. methodologisch-statistischen Einschränkung kann bemerkt werden, dass die Autorin zu einer interessanten Feststellung kommt, ohne dass sie diesem Befund im Hinblick auf die kognitive Struktur näher nachgeht, wenn sie formuliert: „Starke Naturverbundenheit zeigt keine Signifikanzen [gemeint sind wahrscheinlich Korrelationen O.B.] mit weiteren Kategorien der Erhebung. Das heißt, eine ausgeprägte Naturnähe geht nicht mit ökologischer Handlungsrelevanz oder entsprechender Einstellung zum Klimawandel einher.“ (137) Weiterhin werden die Dimensionen der Kategorie „Naturverständnis/-nähe“ im Hinblick auf ihre kognitive, evaluative und handlungspraktische Differenz nicht gewürdigt, wenn doch eben die Einstellungsforschung diesbezüglich unterschiedliche Korrelationen schon langhin festgestellt hat. Dies spiegeln die Andeutungen des vorgenannten Zitates eben wider. Mehr noch stellt sich die Frage, welchen Stellenwert hat denn die Naturästhetik, wenn man die Dimension „individuelle Bedeutung von Natur“ so bezeichnen wollte, für die Biographie und das Mensch-Natur-Verhältnis.

Für die Einzeleinschätzung der Kategorie „Emotionale Aspekte zum Klimawandel“ nach dem o.g. Skalenvorschlag unterhalb der Dimension „Einstellung zum Klimawandel“ kommt es dann zu der Formulierung, dass die mittlere Kohorte (40-50 Jährige) die „ökologischte“ sein soll (vgl. 139). Macht das Sinn? Rückübersetzt in das hier post hoc konstruierte Skalensystem würde das für Fatalismus bzw. Optimismus stehen. Was trifft jetzt zu? Was ist daran ökologisch?

Weiterhin problematisch ist die für die Kategorie vorliegende geringe Fallzahl, die zwischen einem Drittel und der Hälfte liegt, womit es hier schnell zu Abweichungen kommen kann, was eine trennscharfe Einschätzung der Ausprägung zwischen den Kohorten wenig sinnvoll erscheinen lässt.

Bezogen auf das Bedrohungsempfinden bzgl. des Klimawandels wird dann eine Passage aus der Transkription angeführt, die da lautet: „Aber ich fühle mich, mich persönlich fühl´ ich mich nicht bedroht und auch nicht meine Kinder, weil das wird eh erst in ein paar 100 Jahren wirklich oder 1000 Jahren wirklich schlimme Auswirkungen haben“ (139). Hier liegt aber doch für die Wahrnehmung und Biographiekonstruktion eine starke Verdrängungshypothese nahe, die es wert gewesen wäre, als These (Memo?) für die anderen Interviews aufgenommen zu werden.

Eine andere Interpretationsmöglichkeit, i.S. hier vorab angestellter theoretischer Überlegungen aus der Sozialpsychologie, wäre die Dissonanz reduzierende Funktion, wenn es später heißt, dass bei vielen „eine starke Einschränkung der Alltagsroutinen abgelehnt“ (140) wird. Nach dem Motto: Wenn der Klimawandel mich nicht unmittelbar und konkret bedroht, dann muss ich auch nicht handeln.

Die Bedeutung sozialisatorischer Rahmenbedingungen für Wahrnehmen, Denken und Handeln werden dann en passant im Zusammenhang mit der von den Probanden selbst generierten Umweltrelevanz ihres Handelns beschrieben: „Gemeinhin werden jedoch ökologische Gründe (…) selten als primäre Handlungsmotivationen genannt. Zumeist ergeben sie sich aus alltagspraktischen Strukturen und werden als Nebeneffekte von Handlungen beschrieben“ (141). D.h., einerseits wird der „ökologische Sinn“ dem Handeln nachträglich zugeordnet, ist nicht a priori handlungsmotivierend, andererseits scheinen für das (ökologische) Handeln im Alltag eingelassene Strukturen (Institutionen, Möglichkeiten, Handlungszwänge etc.) vordergründig als handlungsstrukturierende Elemente zu begreifen zu sein. Der naheliegende Gedanke wird hier nicht verfolgt.

Zur Kategorie „individuelles Umwelthandeln nach Lebensbereichen“ werden mangels Repräsentanz an Befunden keine Aussagen gemacht. Was sagt das als Befund aber über ein sog. „Umweltbewusstsein“ o.ä., wenn hier in der Selbstdarstellung, in biographischer Perspektive von den Interviewten keine nennenswerten Aussagen getroffen werden? Gibt es ein umweltbewusstes Sein?

Da die Geschlechterzuordnung empirisch erfasst wurde, stellt sich dem Leser die Frage, ob es bzgl. der Umweltorientierung etc. geschlechtsspezifische Profile gibt. Lässt das Material hier keine Interpretation zu oder Merkmalsprofile erkennen? Hinweise ohne thematische Aufnahme dessen werden dazu ja in der Fallbesprechung gegeben.

Das fünfte Kapitel schließt mit einer Typenbildung aus dem erhobenen Material ab. Die Typen werden aus der Kluft zwischen umweltbezogener Selbstinterpretation und Umweltpraxis (Umwelthandeln) generiert. Diese dann in den Typus Objektiver, d.h. Konvergenz zwischen Wahrnehmung und Handeln, und Überschätzer und Unterschätzer klassifiziert, da eine Divergenz der aggregierten Werte besteht. Die Verteilung auf die Typen unterliegt aber den o.g. Bedenken im Hinblick auf die post hoc konstruierten Skalen und den statistischen Umgang mit diesen Werten, da doch in der Auswertung häufig nicht nur mit einem einfachen Vergleich der prozentualen Häufigkeit gearbeitet wurde.

In abermals redundanter Weise werden diese Ergebnisse dann nochmals zusammengefasst.

Wie erklären sich die Aussagen in dieser Zusammenfassung, die da lauten: “Insgesamt beschreibt die Mehrheit der Interviewten aller Altersgruppen einen hohen Stellenwert von Natur“, im Kontext der sog. Kategorie Umweltbiographie (155), hingegen später: „Abschließend kann für alle Typen festgehalten werden, dass ihnen keine spezifische Naturverbundenheit gemein ist“ (158)?

Nichtdestotrotz werden hier Hinweise gegeben, dass ein hier so klassifiziertes durchschnittliches Umwelthandeln mit und ohne „Umweltbewusstsein“ zu konstatieren ist. Es aber hierfür biographische Erklärungsansätze gibt, die z.B. bei der älteren Kohorte in der Lebenssituation der Armut und Sparsamkeit begründet liegen könnten. Dazu bilden Sozialisationsbedingungen im Kontext von Sparsamkeit und Armut, geringerer allgemeiner materialistischer Orientierung einen Habitus aus, der durch die Trägheitsannahme das Verhalten und Handeln noch in späterem Alter anleiten lässt (vgl. auch Bourdieu, Inglehart). Dem stehen völlig anders strukturierte Sozialisationsbedingungen der jüngeren Kohorte gegenüber, zudem, und das wird hier als biographischer Einflussfaktor angedeutet, unterscheidet sich die Alltagspraxis z.B. der jüngeren gegenüber der ältesten Kohorte.

Fehlt auch hier eine Verzahnung mit theoretischen Vorüberlegungen, so kann mit einem Hinweis angemerkt werden, dass die behauptete Kluft ja vor dem Hintergrund des traditionellen Verständnisses von Umweltbewusstsein nur angenommen werden kann, wenn eine „Ganzheitlichkeit“, enge Integration, konsistente Beziehung von Wissen und Handeln i.S. rationalen Handelns unterstellt wird. Wird aber hier mit Blick auf die ursprünglich biographische Ausrichtung der Arbeit auf Selbst- ggf. Identitätskonzepte Bezug genommen, dann müsste ja, den neueren Forschung und den interaktionistischen Überlegungen folgend, von situational variierten Selbst im Plural gesprochen werden. Dann stellt sich die Frage nach der Kluft anders.

Konstatiert man aber gar nicht die Existenz eines Umweltbewusstsein zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dann kann diese Orientierung auf die Umwelt differenzierter erfasst und klassifiziert werden als Meinung, Einstellung, Problembewusstsein etc. (Brilling, 1997), die alle eine durchaus unterschiedliche bis gar keine Korrelation zum umweltbezogenen Handeln beanspruchen; dann ist die Kluft zunächst kein nennenswertes Thema. Demnach haben die Menschen eine Meinung, vielleicht sogar eine verfestigtere Einstellung zu umweltbezogenen Themen, entnommen der öffentlichen Diskussion, was aber nicht folgerichtig auch eine konsistente Beziehung zu ihrem umweltbezogenen Handeln im Alltag verlangt.

Da die oben (Kapitel 3) dargelegten Einzelfälle schließlich auch zu der vorgenannten Typologie herangezogenen worden sind, wäre es für den Leser – zur Plausibilitätsprüfung – aufschlussreich gewesen, dass diese Fälle im Kontext noch einmal „gelesen“ werden können. Diese Öffnung oder Zuordnung nimmt die Autorin nicht vor. Die Einzelfälle verschwinden unkenntlich in der kontrastierenden Typenbildung.

Im sechsten Kapitel findet die Auseinandersetzung mit der Gruppendiskussion statt, die im Forschungsplan angelegt war, wobei aber von den neun geplanten, wie gesagt, nur eine realisiert werden konnte. Die bisher übliche, inhaltliche Absatzgliederung unterbleibt hier eingangs.

Werden hier die Protagonisten der Diskussion dargestellt, so deutet die Darlegung der ausgewählten Passagen (zu Reisemobilität und Umwelthandeln) durchaus interessante Einblicke in das Denken über Umweltprobleme, eigene Motivationslagen, Herkunft der ökologischen Orientierung sowie erkannter wie unerkannter Widersprüche seitens der Diskutanten, intergenerationeller Differenzen im Denken und Umwelthandeln an, wobei der Plan leider nicht ausweist, in welcher Kohortenkonstellation die weiteren – geplanten – Gruppendiskussionen gedacht waren. So kann hier auf Basis der kleinen Zahl wenig über die kohortenspezifischen Deutungsmuster gesagt werden, da diese sicherlich in Abhängigkeit von der sozialen Stellung der Probanden auch im Hinblick auf die ökologische Frage variieren werden. Neben dem methodischen Mangel, dass die Gruppe nicht bis zum Ende der avisierten Zeit als solche bestehen blieb, ist es auch bedauerlich, dass als Passagen für die „reflektierende Interpretation“ jene mit relativ homologen Einschätzungen ausgewählt wurden, nicht hingegen diejenigen, wie die Autorin selbst in der thematischen Übersicht für die gesamte Diskussion anführt, die zur lebendigen Diskussion, zum kontroversen Meinungsaustausch (163) innerhalb der Gruppe führten, zumal es hier um die ausgeübten Berufe ging, die wohl hochgradig biografische Bedeutung haben und zudem noch dem Spektrum umweltspezifischer, -affiner bzw. -naher Berufsbilder entstammen.

Im siebten Kapitel findet eine Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse statt. Neben Wiederholungen greifen jetzt ansatzweise Verknüpfungen der Ergebnisse mit soziologischen und sozialpsychologischen Ansätzen, die weiter führen. Allerdings werden hier Ansätze diskutiert, die in der theoretischen Einführung nicht in der Form von Belang waren. Nicht erkennbar ist, ob diese als neue Kategorien, Subkategorien einen besonderen Stellenwert während der Materialauswertung gewonnen haben. Mehr noch werden hier Erkenntnisse, Thesen aus der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung quasi widerlegt, was Kelle/Kluge (2010) als Vorgehen und Möglichkeit aus den Befunden qualitativer Fallarbeit eher ausschließen. Die qualitative Sozialforschung, das narrative Interview (auch leitfadengestützt) bezieht seinen wissenschaftstheoretischen Kontext verstärkt aus der interpretativen Soziologie, wie sie z.B. von den Bielefelder Soziologen entwickelt und vertreten wurde. Das findet hier keinen ansprechenden Niederschlag, sondern beim Vergleich von Befunden wird die methodologisch-empirische Differenz zwischen dem durch qualitative und quantitative Erhebungen gewonnenem Material weitgehend ausgeblendet, ohne die jeweilige methodologische Erhebungssituation zu beachten. In diesem Tenor konnten sowohl Differenzen als auch Trendähnlichkeiten der vorliegenden Befunde zu andern Studien skizziert werden: Die nochmalige Aufnahme der Ergebnisse aus der Gruppendiskussion, die aus vier, späterhin zwei Teilnehmern bestand, darf wohl nicht mehr als Orientierungsidee mit tentativem Anspruch zu sein für sich geltend machen, so dass die hier angeführten, generalisierend wirkenden Aussagen wohl nicht ernst gemeint sein können: „Dabei fällt weiterhin die positive Konnotation von ökologischer Alltagspraxis im Gespräch mit der jungen Generation auf. (…) Dabei bewerten die Mitglieder der jüngsten Alterskohorte das eigene Verhalten zur Elterngeneration als ökologischer. (.) Bemerkenswert sind hier die beschriebenen „Erziehungsmaßnahmen“ der eigenen Generation gegenüber den Eltern im Bereich des Umwelthandelns“ (200), was von nur einem jungen Erwachsenen dort erzählt wurde.

Im sieben und achten Kapitel werden in schon beklagter Redundanz die Ergebnisse nochmals referiert und mit Befunden aus anderen Studien verglichen. Dabei kommt es zu Übereinstimmungen und gegensätzlichen Befunden, wobei hier nochmals auf die Zielstellung qualitativer Erhebungen verwiesen werden soll, die nicht in der (Hypo)Thesenüberprüfung anderer Studien liegt!

Exemplarisch seien hier zwei Ausführungen aus diesem Abschnitt kommentierend aufgenommen: Zum einen taucht hier wieder die Fragestellung der Kluft auf, deren Relativierung hier schon angesprochen wurde, dergestalt, dass in Rekurs auf Preuss (1991) ausgeführt wird: “Eine wesentliche Bedingung für die Ausführung ökologischer Handlungsweisen liegt in der situativen Verfügbarkeit bzw. in der Voraussetzung, die nachhaltige Praxis grundsätzlich überhaupt zu ermöglichen“ (207). Wären das nicht schon interessante Analysekategorien für die Probanden gewesen? Wie hätten diese den Sachverhalt gedeutet? Ist dieser ihnen bewusst? Wäre dann die hier entwickelte These der Autorin, doch von dem Mind-Behavior- zu einem Mind-Perception-Gap zu gelangen noch haltbar?

Wenig später eröffnet sie Überlegungen im Kontext der Theorien zur Selbstaufmerksamkeit, die hier einen Zugang zu unbewussten Verhaltensweisen oder der besagten Kluft eröffnen sollen, um dann mit Blick auf die jüngste Kohorte der Studie vorzuschlagen, dass in Anlehnung an die „Quantified-Self-Bewegung“ digitale Daten über die Methode des „Self-Tracking“ erhoben werden könnten, um dann, etwas unglücklich zu relativieren, dass sicherlich „der Trend des Self-Trackings kritisch zu bewerten ist“ (208f.).

Kritischer Ausblick

Mit dem Vorhaben ist sicherlich ein weiterer, auch methodologisch interessanter Vorschlag zur sozialwissenschaftlichem Umwelt-, genauer Umweltbewusstseinsforschung vorgelegt worden. Bemerkenswert für ein Dissertationsvorhaben bleibt nur, dass zumindest zwei systematische Vorarbeiten zu diesem Themenfeld keine Berücksichtigung gefunden haben (Brilling, 1997; Rivera, 2007), die hier schon wichtige Vorarbeiten geleistet haben. Behauptete Forschungsdesiderata und systematische Überlegungen zum empirisch-methodischen Vorgehen lassen sich so nicht aufrechterhalten, da diese in diesen Arbeiten schon angemerkt wurden. Somit ist es bedauerlich, dass hier keine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung stattgefunden hat, die auch eine ansprechendere theoretische Fundierung (Sozialisationsperspektive (Hurrelmann, Ottomeyer), Habituskonzept (Bourdieu) und Struktur des Alltagsbewusstseins) perspektivisch ermöglicht hätte. Dies hätte in Kombination mit einer Auseinandersetzung mit Hinweisen aus der Biographieforschung sicherlich interessante, weiterführende Befunde erbracht.

Selbst wenn die hier formulierte Kritik ins Leere läuft, da die Autorin für das qualitative Paradigma ein induktives Vorgehen reklamiert (z.B. S. 48), so sollte hier doch daran erinnert werden, dass diese Theorien doch als Kategoriensystem für die Auswertung genutzt werden können, um Strukturen, Relevanz- und Referenzsysteme in der Biographie der befragten Menschen zu identifizieren und am Material selbst entwickelte hinzugefügt werden. Unbrauchbare werden verworfen, brauchbare zur Inhaltsanalyse, für Lebenslaufstrukturen, die Arbeitsweise kognitiver Strukturen, gegebene Natur- und Umweltbezüge etc. genutzt. Darauf wird hier leider verzichtet, so dass es nicht nur empiriearme Theorien, sondern auch theoriearme Empirie gibt. So fehlte der Arbeit ein kompakter, schlüssiger theoretisch-konzeptioneller Vorbau, in dem der Stellenwert und die Verzahnung von Theorie und Empirie explizit entwickelt und beschrieben wird; der Stellenwert und die Struktur der qualitativen Sozialforschung klar herausgearbeitet werden. Dann hätten diese fundierten Vorüberlegungen auch einen konstruktiven und erlaubten heuristischen Rahmen dargelegt, der sicherlich eine wertvollere Verwertung des Materials erlaubt hätte.

Fazit

Der Titel des Buches ist vor dem Hintergrund des Dissertationsvorhabens unglücklich gewählt. Ist der Dissertationstitel ggf. zu sperrig für eine verkaufsfördernde Publikation, so ist dies hier anzumerken und ggf. der Autorin nicht in vollem Umfang anzulasten. Aber wo liegt die Priorität?

Nun ist über das Forschungsdesign nicht abgebildet, in welchen Zeitfenstern die jeweiligen Anteile der Studien entstanden sind. Eine sinnvolle und konstruktive Erarbeitung und Verzahnung theoretischer Grundlagen, die Integration des empirischen Materials und ihrer analytischen Zusammenführung sind nicht erkennbar.

Insgesamt ist die Arbeit nicht gut strukturiert angelegt. Sie leistet keinen systematischen Ertrag und Erkenntnisse für die sozialwissenschaftliche Umweltforschung bzw. Forschungen zum Umweltbewusstsein bzw. der hier intendierter Bearbeitung vermeintlicher Desiderata. Eine Reduzierung auf den Fokus der Themenstellung und eine daran gebundene, theoretisch fundierte Auseinandersetzung mit bestehen Ansätzen und Theorien hätten der Arbeit und der Forschung sicher einen besseren Dienst erwiesen. Das hätte hier eine konsequente Einbettung von Natur- und Umweltbezügen und deren Repräsentanz in Biographien bedeutet. Dazu gehört dann die Aufarbeitung der Befunde aus der Biographieforschung und der Theorieansätze aus dem Umfeld des interpretativen Paradigmas, jetzt verknüpft mit hier interessierenden thematischen Foki.

Im Kontext der Shifting Baselines-Forschung, in die dieses Vorhaben ja auch eingebettet sein sollte, stellt sich ebenfalls die Frage nach dem Beitrag dieser Arbeit.

Die Triangulation kennt ja auch die Investigator-Triangulation, die hier methodisch geboten gewesen wäre, da nicht nur mehr aus dem Material zu holen gewesen wäre, sondern auch der Begrenzung der soziologischer Phantasie der jungen Autorin bei der Kommunikation mit und der Auswertung des Materials mit den älteren Probanden vorgebeugt hätte. Das aber wird durch das Vorhaben einer Dissertation als eigenständiger Arbeit konterkariert.

Bleibt insgesamt zu resümieren, dass diese Arbeit wahrscheinlich selbst Ausdruck von Shifting Baselines bei Dissertationsvorhaben ist.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Soz.Wiss. Oskar Brilling
Sozial- und Erziehungswissenschaftler, ehem. Lehrbeauftragter für Erziehungswissenschaften und Umweltbildung an der Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Oskar Brilling. Rezension vom 10.10.2017 zu: Annett Entzian: Denn sie tun nicht, was sie wissen. Eine Studie zu ökologischem Bewusstsein und Handeln. oekom Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-86581-485-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23191.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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