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Stefan Kühtz: Wissenschaftlich formulieren

Cover Stefan Kühtz: Wissenschaftlich formulieren. Tipps und Textbausteine für Studium und Schule. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 4., erweiterte Auflage. 112 Seiten. ISBN 978-3-8252-4666-2. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 16,90 sFr.
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Thema

Das schmale Bändchen aus der Feder von Stefan Kühtz, 2011 zum ersten Mal erschienen, erlebt nun seine vierte Auflage, obwohl der Buchmarkt mit Publikationen zum Schreiben, insbesondere dem wissenschaftlichen, boomt. Im Rahmen der Schreibdidaktik befriedigen diese das Bedürfnis nach Orientierung im Dickicht von Aufgabenprofilen, die korrektes Formulieren und Schreiben voraussetzen. SchülerInnen der gymnasialen Oberstufe sehen sich damit konfrontiert und insbesondere Studierende aller Bachelor- und Masterstudiengänge. Die meisten von ihnen fragen sich immer wieder, „ob man das denn so schreiben kann“, ob die „Verpackung“ stimmt, ob sich damit fachliche, gar wissenschaftliche Kommunikation initiieren lässt. Darauf gibt Kühtz interdisziplinär funktionalisierbare Antworten.

Autor

Stefan Kühtz ist Gymnasiallehrer für Deutsch, Biologie und Darstellendes Spiel in Rheinland-Pfalz. Er studierte Germanistik, Biologie und Erziehungswissenschaften und promovierte in Neuerer Deutscher Sprachwissenschaft.

Aufbau

Auf eine fundierte Einführung in die Benutzung des Büchleins („Über diesen Ratgeber“) folgen die beiden Makrokapitel

  1. „Grundlegendes zum wissenschaftlichen Formulieren“ und
  2. „Formulierungsmuster für wissenschaftliche Erkenntnisprozesse“.

Beide weisen eine zwar kleinschrittige, dennoch sehr übersichtliche Mikrogliederung auf, sodass sich die mögliche Nutzung als Nachschlagewerk unmittelbar erschließt.

Inhalt

In Kapitel 1 widmet sich Kühtz knapp der Charakteristik wissenschaftlichen Schreibens: Schlagworte wie „Präzision“, „Eindeutigkeit“ und „Korrektheit“ sowie „Kürze“ und „Prägnanz“ bilden die Basis für eine genauere Betrachtung der Wortebene. Hier solle man, so ein altbekannter, auch von Kühtz wiederholter Ratschlag, zwar Fachwörter nutzen, mit Fremdwörtern, die darüber hinausgehen, allerdings sparsam umgehen und diese unter keinen Umständen verwechseln (so etwa beim Beispiel „immanent“ und „imminent“) oder falsch verwenden. Hüten solle man sich ebenso vor „Wörtern, die es so nicht gibt“ (Kühtz liefert eine Reihe von teils witzigen Beispielen: „mutivieren“), vor „leeren Worthülsen“ „ungenauen Angaben“ sowie subjektiven Aussagen. Ein weiterer Abschnitt wendet sich der Frage zu, ob immer beide Geschlechter genannt werden müssen, was bekanntermaßen äußerst sperrige Formulierungen zur Folge hat. Kühtz diskutiert Möglichkeiten der Vereinfachung und betont, dass in wissenschaftlichen Texten das Binnen-I nicht üblich sei (warum eigentlich nicht?). Weitere Stolpersteine, die Kühtz behandelt, sind die 1. Person Singular in wissenschaftlichen Texten, das Tempus (an sich Gegenwart), metaphorische Formulierungen und Anthropomorphismen. Bei Sprachbildern müsse man grundsätzlich Vorsicht walten lassen, in manchen Fällen jedoch seien sie nicht zu vermeiden und/oder gar zur Veranschaulichung der Textaussage geeignet. Kühtz erläutert danach die Auflösung sogenannter „Subjektschübe“ (z.B. „XY weist in einer Fußnote darauf hin“ anstatt „Die Fußnote weist darauf hin“) sowie den Umgang mit Zahlen und Symbolen, bevor er etwas ausführlicher auf Fragen des Satzbaus eingeht: Keine „Wuchersätze“ bzw. Bandwurmsätze, so lautet die erste (bekannte) Regel. Dennoch folgt eine Tabelle voller Konjunktionen, mit deren Einsatz die Bedeutungsbeziehungen zwischen den Satzteilen geklärt werden können. Probleme auf der syntaktischen Ebene treten oft bei Pronomen, mehrteiligen Verben und Partizipialgruppen auf. Auch dafür bietet Kühtz Lösungen an. „Keine inhaltsleeren Sätze und Floskeln“ – so ein weiteres Postulat, dem alle DozentInnen zustimmen dürften, die nicht selten Arbeiten mit „Regieanweisungen“ im Stil von „Ich gehe jetzt zum nächsten Abschnitt über“ lesen. Bemerkungen zum Zitieren sowie zum Formulieren von Titeln runden Kapitel 1 ab.

Im 2. Kapitel geht Kühtz zur konkreten Schreibpraxis über, indem er zuerst alphabetisch, von Wendungen im Umkreis von „Argument“ bis hin zu „Zusammenhang“, eine „Sammlung typischer Formulierungsmuster der allgemeinen Wissenschaftssprache“ auflistet. In den daran anschließenden Abschnitten ordnet er die Formulierungsmuster nach ihren Funktionen im Text und reichert jede Liste mit Beispielen an. Auf diese Weise entsteht von „Einleiten“ bis „Resümieren“ ein Katalog von sprachlichen Bausteinen im Kontext ihrer Verwendung.

Diskussion

Kühtz´ Mini-Kompendium wendet sich an alle, die wenig Zeit haben und entspricht damit auf ganzer Linie der Schnelllebigkeit des 21. Jahrhunderts. So ist es kaum verwunderlich, dass er längere Abhandlungen zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben gar nicht erst in seine Bibliographie hinein lässt: Zu erwähnen wären hier der Longseller von Norbert Franck und Joachim Stary[1], Monographien von Martha Boeglin[2] oder Helga Esselborn-Krumbiegel[3], durchweg Werke mit zwar niederschwelligem Zugang, aber so angelegt, dass man sich in stärkerem Maße darauf einlassen, sich fundierter mit der Materie beschäftigen muss.

Zu fragen ist ebenso, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, zunächst einmal die Basis guten schriftlichen Ausdrucks zu erarbeiten und seine grundlegenden Unterschiede zum Mündlichen zu pointieren. Das geht sogar sehr humorvoll, wie Bastian Sick mit „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ [4]und mehreren Folgebänden bewiesen hat. In dieselbe Richtung, fachlich fundierter, bewegt sich Wolf Schneider unter anderem mit „Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß“ [5].

Für Kühtz ist Effizienz das Zauberwort. In der rationalistischen Zweckgebundenheit wird vollkommen außer Acht gelassen, dass wissenschaftliches Arbeiten im Idealfall mit viel Herzblut einhergeht, dass es nicht nur ein trockenes „prodesse“ beinhaltet, sondern zuvorderst ein „delectare“, aus dem in einem zweiten Schritt der Nutzen erwächst. Für Kühtz indessen, seine Leser direkt ansprechend, ist „die Zeit, die Sie zum Schreiben aufwenden und die ein fachkundiger Leser berufsbedingt für die Lektüre eines wissenschaftlichen Textes aufwenden muss […] Arbeitszeit.“ Und weiter: „Demnach hat das Formulieren wissenschaftlicher Texte auch eine ökonomische Dimension: werden Sachverhalte kurz und prägnant dargestellt, ermöglicht dies eine effizientere Nutzung von Arbeitszeiten“. (S. 15). „Schnelle Textrezeption“ und „leichte Erfassung der Inhalte“ sind also zu verabsolutieren. Mein lieber Herr Kühtz, so könnte man einwenden, ist das alles? Vielleicht ist das in den Naturwissenschaften der Fall, aber in den Sozial- und Geisteswissenschaften? Wäre es nicht vielmehr anzuraten, sich bei aller Rationalisierung auch der Schönheit der Sprache zuzuwenden? Ein kleiner Aspekt zwar, dennoch keine „quantité négligeable“. Einen ebenso knappen wie hervorragenden Einblick in die Elaboration schöner und als Gegenpol dazu „hässlicher“ Formulierungen gibt Wolf Schneider mit seiner „Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen“ [6]. Schneider begründet differenziert, „warum wir Verben lieben sollten“ und „warum wir am Passiv leiden“. Letzteres kann jede/r ad hoc verstehen, die/der sich schon einmal durch ein Gemenge aus den Formen „werden“, „wird“, „geworden“ und ihren Varianten gekämpft hat. Diese beiden essenziellen Punkte, Verbalstil und Vermeidung des Passivs, lässt Kühtz aus.

Trotz dieser – im Großen und Ganzen eher geringfügigen – Kritikpunkte ist unbedingt zu würdigen, dass Kühtz wirkungsvolle Soforthilfe bei unterschiedlichen Problemen des Formulierens bereitstellt. Dabei greift er Fragen auf, die sich viele Studierende (nicht nur) beim ersten wissenschaftlichen Schreiben stellen und zeigt Wege aus typischen Formulierungsdilemmata. Der Ratgeber schafft und schärft das Bewusstsein dafür, dass es ratsam ist, sich nicht nur in der Fremdsprache (man denke etwa an die Sammlungen von „connectives“ im Englischunterricht), sondern auch in der Muttersprache mit Formulierungshilfen und Textbausteinen zu beschäftigen. Diese klug und sparsam einzusetzen, in einem Text, der authentisch und nicht gestelzt oder künstlich wirkt, ist für Schreib-Anfänger und für Schreib-Experten manchmal genauso nicht immer einfach umzusetzen.

Fazit

Noch einmal: Kühtz bietet Effizienz. Mit der Reduktion der Komplexität des Schreibens auf eine leicht überschaubare Anzahl von Themen kann er viele Fragen beantworten, die sich SchülerInnen und Studierende zu Beginn und im Verlauf des Schreibens stellen. Wenn man nicht an weiteren Differenzierungen interessiert ist und ganz pragmatisch Unterstützung beim Formulieren sucht, dann ist man mit Wissenschaftlich formulieren bestens bedient. Eine sinnvolle Erweiterung der Inhalte der Printversion ist auf der Website www.wissenschaftlich-formulieren.de zu finden.


[1] Norbert Franck/ Joachim Stary: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens: Eine praktische Anleitung. Stuttgart: UTB, 17. Aufl. 2013.

[2] Martha Boeglin: Wissenschaftlich arbeiten Schritt für Schritt. Gelassen und effektiv studieren. Stuttgart: UTB, 2. Aufl. 2012.

[3] Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben: Wissenschaftssprache in Regeln und Übungen. Stuttgart: UTB, 5. Aufl. 2017.

[4] Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2004.

[5] Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß. Reinbek: rororo, 13. Aufl. 2004.

[6] Wolf Schneider: Wie Sie besser schreiben. Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen. Sonderbeilage der Zeit vom 10. Mai 2012.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 29.11.2017 zu: Stefan Kühtz: Wissenschaftlich formulieren. Tipps und Textbausteine für Studium und Schule. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 4., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8252-4666-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23192.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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