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Josef Bäuml, Monika Brönner u.a. (Hrsg.): Die SEEWOLF-Studie

Cover Josef Bäuml, Monika Brönner, Barbara Baur, Gabriele Pitschel-Walz, Thomas Jahn (Hrsg.): Die SEEWOLF-Studie. Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Großraum München. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. 324 Seiten. ISBN 978-3-7841-2910-5. D: 26,00 EUR, A: 25,80 EUR, CH: 30,00 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Ergebnis der sogenannten SEEWOLF-Studie, einer Studie der TU München, die sich der psychischen und physischen Gesundheit wohnungsloser Menschen im Großraum München widmet. Auf Initiative des Katholischen Männerfürsorgevereins München und der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe München und Oberbayern wurde das Team von Prof. Josef Bäuml von der Klinik für Psychiatrie des Klinikums rechts der Isar mit dieser Studie beauftragt. Unterstützt wurde das Forschungsprojekt vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Integration, vom Bezirk Oberbayern und von der Landeshauptstadt München.

Thema

SEEWOLF ist ein Kunstwort und steht für „Seelische Erkrankungen in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Großraum München“. Die Studie untersucht die Häufigkeit, die Art und das Ausmaß der Erkrankungen und erstmalig in diesem Zusammenhang in Deutschland auch die kognitive Leistungsfähigkeit wohnungsloser Menschen. Das Ziel der Studie ist es, auf Basis der Ergebnisse der Erhebungen zu ermitteln, inwieweit das aktuelle Hilfssystem im Großraum München den Problemlagen der wohnungslosen Menschen entspricht bzw. welche Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung not-wendig wären. Die Studie verbindet Interessen von Forscher/innen aus der Sozialmedizin, der Psychiatrie und den Sozialwissenschaften mit dem Wunsch nach Erkenntnisgewinn und Verbesserung der Vertreter/innen der Wohnungslosenhilfe. Die Autor/innen betonen eingangs, mit ihrer Untersuchung auf die Lebenssituation, die Problemlagen und den Unterstützungsbedarf wohnungsloser Menschen hinweisen, und nicht zur Stigmatisierung der Zielgruppe beitragen zu wollen.

Den historischen Hintergrund der Studie bildet ein mit der Psychiatrie-Enquete 1975 eingeleiteter Prozess der „Enthospitalisierung“, in dessen Folge in Deutschland die Zahl der stationären Psychiatriebetten deutlich reduziert wurde, aber auch viele der chronisch psychisch Kranken in der Folge nicht in ihren Gemeinden Fuß fassen konnten und sukzessive in die Wohnungslosigkeit gerieten mit den Folgeerscheinungen von hoher Verwahrlosung und Mortalität. Die Seewolf-Studie baut auf den Befunden der in den 90er Jahren in München durchgeführten sogenannte Fichter-Studie auf, die feststellte, dass psychische Erkrankungen bei wohnungslosen Menschen gehäuft vorkommen, worauf man die Versorgung für psychisch kranke Wohnungslose zu verbessern versuchte. Dies führte u.a. zur Kooperation zwischen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe mit psychiatrischen Einrichtungen und zu einigen spezifischen Wohnangeboten für psychisch kranke wohnungslose Menschen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Ausflug in die Geschichte des Umgangs mit wohnungslosen Menschen, dem historischen Wandel von Begrifflichkeiten und ersten Untersuchungen zum Gesundheitszustand wohnungsloser Menschen: vom Beginn des 20. Jahrhundert über die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Gegenwart. Im Anschluss werden ausführlich die Ergebnisse und Konsequenzen der oben bereits erwähnten Fichter-Studie aus den 1990er Jahren präsentiert, einer breit angelegten epidemiologischen Studie, die die Prävalenz psychischer Erkrankungen unter wohnungslosen Menschen untersuchte und breite internationale Verbreitung fand. Die Studie von Fichter zeigte, dass neben Suchterkrankungen auch affektive Störungen, Angststörungen und Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis bei wohnungslosen Menschen gehäuft vorkommen.

Die folgenden drei Teile widmet sich gänzlich der Seewolf-Studie: den Fragestellungen und Methoden, der Präsentation und Diskussion der Ergebnisse und den Schlussfolgerungen aus der Studie. Neben der Häufigkeit, der Art und dem Ausmaß psychischer und körperlicher Erkrankungen wurde erstmals in Deutschland auch die kognitive Leistungsfähigkeit wohnungsloser Menschen ausführlicher untersucht. Darüber hinaus wurden Daten zur Krankheits- und Behandlungsvorgeschichte sowie zur Lebensgeschichte der Betroffenen sowie zur Zufriedenheit mit der aktuellen Wohnsituation in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe erhoben.

Das Forschungsdesign der Studie wird detailliert und nachvollziehbar beschrieben: die Stichprobe, die Untersuchungsinstrumente (biographische und psychiatrische Anamnese, psychiatrische Diagnostik mittels strukturierten klinischen Interviews für DSM IV, körperliche Untersuchungen, neurophysiologische Testdiagnostik und ergänzenden Fragebögen und Ratingskalen) und die statistische Datenanalyse.

Mit 232 zufällig ausgewählte Personen, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sowie in Notunterkünften und Pensionen im Großraum München lebten, ist die SEEWOLF-Studie die diesbezüglich bisher größte Wohnungslosenstudie in Deutschland.

Die Studienergebnisse zeigen, dass über zwei Drittel der untersuchten wohnungslosen Menschen unter verschiedensten psychischen Erkrankungen leiden, aber nur ein Drittel eine entsprechende Versorgung erhält. Im Gegensatz zur psychischen Situation waren die Ergebnisse hinsichtlich körperlicher Verfassung der Studienteilnehmer in der Regel besser, was für eine gute Grundversorgung in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe spricht.

Für die Autor/innen ergeben sich vorrangig folgende Konsequenzen aus der Studie: Schaffung von angemessenen Wohnraum, Verbesserung der Betreuungsstruktur, Stärkung von Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen und Implementierung neuer Beratungsinstrumente. Die psychiatrische Betreuung der Menschen in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sollte weiter verbessert werden durch einen weiteren Ausbau der Kooperation mit psychiatrischen Institutionen. Die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sollten mit mehr Fachkräften aus dem Bereich der Psychiatrie ausgestattet werden.

Fazit

In der Studie sind einige Untergruppen von Wohnungslosen nicht einbezogen: neben Personen, die ausschließlich auf der Straße leben, konnten auch Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen nicht untersucht werden. Trotz dieser Einschränkungen handelt es sich bei der SEEWOLF-Studie um die bisher größte Wohnungslosen-Studie Deutschlands. Ihr Hauptergebnis ist in dem Nachweis zu sehen, dass auch 20 Jahre nach der wegweisenden Studie von Fichter und Mitarbeitern psychische und teilweise auch körperliche Beeinträchtigungen bei wohnungslosen Menschen weitaus häufiger anzutreffen sind als in der Allgemeinbevölkerung, was auch schwere psychiatrische Erkrankungen wie etwa Schizophrenien, und neuropsychologische Beeinträchtigungen einschließt. Die Darstellung der Ergebnisse ist sehr langatmig und für das mit psychiatrischen Termini und psychologisch, psychiatrischen Testverfahren und Statistik wenig vertrauten Publikum ist das Buch teilweise schwer leserlich. Fallbeispiele am Ende der Darstellung der statistischen Datenanalyse bieten allerdings eine anschauliche Auflockerung.

Das Buch bietet eine umfassende wissenschaftlich fundierte Untersuchung an der Schnittstelle Wohnungslosigkeit und Psychiatrie. In erster Linie richtet sich die Studie an das wissenschaftliche Fachpublikum aus Psychiatrie und Wohnungslosenhilfe und ist ein Muss für Mitarbeiter/innen an dieser Schnittstelle. Es ist auch einschlägig interessierten Studierenden sehr zu empfehlen. Auch wenn sich die Studie auf den Großraum München fokussiert, sind die Ergebnisse über die Region hinaus für ganz Deutschland und auch international von Bedeutung und lesenswert.


Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 09.01.2018 zu: Josef Bäuml, Monika Brönner, Barbara Baur, Gabriele Pitschel-Walz, Thomas Jahn (Hrsg.): Die SEEWOLF-Studie. Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Großraum München. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. ISBN 978-3-7841-2910-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23193.php, Datum des Zugriffs 22.04.2018.


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