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Bettina M. Jasper, Simone Willig: Musik bewegt. Mit Evergreens Herz und Hirn aktivieren

Cover Bettina M. Jasper, Simone Willig: Musik bewegt. Mit Evergreens Herz und Hirn aktivieren. Vincentz Verlag (Hannover) 2016. 130 Seiten. ISBN 978-3-86630-456-7. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
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Zielgruppe und Thema

Zielgruppe dieses Buches: Mitarbeiter der Seniorenarbeit, Ergotherapie, Betreuung, Pflege und Leitung – also alle Individuen, „die den Gedanken von interdisziplinärer Zusammenarbeit leben“ (S. 130), um Menschen mit Musik zu erfreuen.

Herausgeberinnen

Bettina M. Jasper, Dipl. Sozialpädagogin, langjährige Dozentin u.a. für Gerontologie, Fachfrau für „Brainfitness“ und Aktivierungsübungen, wozu diverse Publikationen und Spiele erschienen sind.

Simone Willig, Dipl.-Musiktherapeutin (FH/DMtG), HP Psych, Referentin/Seminarleiterin, Fachfrau für das potenzialorientierte Musizieren mit (z.B. neurologisch/demenzkranken) Menschen.

Aufbau

Das Buch ist kreativ und ansprechend gestaltet. Fotos (aus dem persönlichen Bestand der Autorinnen!) verdeutlichen den Ablauf der Übungen.

Das Buch ist unterteilt in einen

  • Praxisteil mit 26 themenorientierten Evergreens, denen das Baukastenprinzip zugrunde liegt (für unterschiedliche Anwendungsbereiche, bei „Inhalt“ fett gedruckt aufgelistet), und einen
  • Teil mit theoretischem Hintergrundwissen.

Inhalt

1. Die Idee (S. 5). Die Autorinnen sind sich, den Ausführungen nach, fortwährend auf Kongressen und Fachveranstaltungen begegnet, bis (endlich) der Zeitpunkt kam, dieses Buch zu erstellen, um die umfangreichen, nun zusammengefassten Kenntnisse gemeinsam zu veröffentlichen.

2. Die Praxis (S. 7 bis 76). Jeder der 26 Evergreens wird mit Komponist, Texter, Interpret und Erscheinungsjahr sowie Wissenswertem über das Lied vorgestellt (z.B. wird die Nazi-Thematik zum Song „Mein kleiner grüner Kaktus“ angesprochen oder es wird dem Leser die Info zuteil, dass der Schlager „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ von Conny Francis, entgegen großer Bedenken seitens des Managements und der Plattenfirma veröffentlicht wurde, aber zum Gassenhauer der 1960er-Jahre avancierte oder es werden mit dem Schlager „Die kleine Kneipe“, als Ort „des sozialen Ausgleichs“ schichtenspezifische Gedanken thematisiert, denn „da fragt Dich keiner, was Du hast oder bist“ (S. 59).

  • Emotional-symbolischer Inhalt: „Natur – Heimat? Wehmut? Jahreszeiten? Romantik? Erntedank? Schöpfung“ bei „Bunt sind schon die Wälder“ (S. 67), bei „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder bei „Liebe, Freundschaft, Identität, gesellschaftliche Normen und Werte, Rollenverständnis“ (S. 46).
  • Material: Auflistung, welches Equipment seitens der Lehrkraft für den Evergreen für die Teilnehmer bereitzustellen und zu nutzen ist, beispielsweise Textblätter, Arbeitsblätter und/oder Rhythmusinstrumente. Bei „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ werden die Senioren und Seniorinnen zu Drummern. Sie nutzen Stifte oder dünne Holzstäbchen, um auf alles, was ihnen einfällt, im Takt zu klopfen; eine „Schreibtischpercussion“ entsteht (S. 43). Bierdeckel sind bei „Die kleine Kneipe“ passend (S. 59) und farbige Chiffon-Tücher bei „Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“ (S. 48). Für jeden Song ist aufgeführt, wie die diesbezügliche Einstimmung vor sich gehen könnte, um bestimmte Ziele für die gemeinsame Zeit zu erreichen. Häufig beginnt die Einheit damit, das Lied und somit die Musik zu hören, sich in die Melodie einzufühlen oder die Instrumente zu betasten, um mit der Situation vertraut zu werden und um im Hier anzukommen.
  • Ziele zu Übungen (Ü). Ü1 – Denken, Ü2 – Bewegen, Ü3 – Denken, Ü4? Bewegen und Musizieren, auszugsweise, da für jeden Evergreen liedbedingt unterschiedlich:
    • Ü1 – „Denken“ (immer mit Lösungsskizze, welche Themenbereiche aufgeworfen werden könnten): Beispiele: Assoziieren, Wortfindung üben, schnelles Entscheiden trainieren, Training für das Arbeitsgedächtnis, Orientierung im Raum, Zahlenverständnis fördern, Aufmerksamkeit erhöhen.
    • Ü2 – Körperbezogen „Musizieren und Bewegen“: Training der Beweglichkeit der Beine, Beweglichkeit im Arm-Schulter-Gürtel („Über den Wolken …“), Training der Beckenmuskulatur, Feinmotoriktraining mit Nutzung einer „Ocean drum“ für die „Nordseewellen“ (S. 25) und bei „Aber bitte mit Sahne“ Gehbewegungen mit verschiedenen Schrittmustern (S. 53). Ein kleines Zirkeltraining mit Wandliegestütz und Luftballon-Tennis wird beim Lied „Das alte Haus von Rocky Docky“ vorgeschlagen (S. 64).
    • Ü3 – „Singen und Denken“ wie bei „Muss i denn zum Städtele hinaus“ (S. 61), wenn den Senioren ein „Lied voller Fehler“ vorgesungen wird und die Senioren die Fehler entdecken sollen (S. 62) (auch hier mit Tipps und Hinweisen von Jasper/Willig, dass sich die Teilnehmer nicht unter Druck gesetzt fühlen).

Bei einigen Evergreens sind Tipps aufgeführt, um z.B. die Teilnehmenden nicht zu überfordern und/oder womöglich zu beschämen. Um eine partnerschaftliche Atmosphäre zu schaffen, wird zuweilen durchaus ein Rollentausch vorgeschlagen, z.B. nimmt der Teilnehmende bei „Schön ist es auf der Welt zu sein“ die Anleiterposition ein. Gesprächsanlässe werden aufgeworfen: Wovon haben Sie geträumt, als Sie 17 Jahre alt waren? Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Liebe? Was war jungen Leuten in Ihrer Jugend gesellschaftlich erlaubt, um die erste Liebe auszuleben? Was war verboten? („Mit 17 hat man noch Träume“, S. 12). Durch diese Gesprächsanlässe wird, exemplarisch genannt, die Fantasie angeregt, es wird durch die Beteiligung am Gespräch ein Kompetenzgefühl geschaffen. Erinnerungen werden geweckt, die das Gemeinschaftsgefühl unter den Seniorinnen und Senioren anregen können. Folgerichtig könnten sich auch nach der Musikstunde noch Gesprächsanlässe ergeben, die Gemeinsamkeiten entdecken lassen. Auch um dieses Buch mehrmals in der gleichen Einrichtung nutzen zu können, sind die Evergreens mit Hinweisen zu weiteren Anknüpfungspunkten für Gespräche versehen.

3. Der Hintergrund (S. 78-S. 89). Hier finden sich

  • die von Bettina M. Jasper und Simone Willig ausgearbeitete Theorie zu Musik und Emotion, z.B.: Musik beeinflusst die Emotionen, sie wird „sogar körperlich spürbar, verursacht Gänsehaut oder wohlige Wärme“ (S. 101).
  • Infos zu Musik und Kognition und Musik und Sprache finden in diesem Buch Widerhall. Ausgeführt wird: „Musik ist eine Sprache, die immer und überall verstanden wird und die ‚verletzungsfreie‘ Kommunikation ermöglicht“ (S. 104). Die Theorie zu den Bereichen Bewegung und Klänge sowie zur Biografie ist darüber hinaus in diesem Kapitel aufgeführt.
  • interessante Informationen zu Musik hören, zu Musik machen, zu Musikinstrumenten, zu einfachen Begleitinstrumenten und zu alternativen Klangkörpern, die selbst hergestellt werden können. Zwei Grafiken/Schaubilder visualisieren die Informationen. Ansprechende Fotos (der Autorinnen), Infos, was Musik als „Wunder- oder Allheilmittel“ (S. 78) ermöglichen kann, beleben den Theorieteil.

4. Die Umsetzung, Basics von A-Z (S. 90). Erläutert wird etwa, was eine „Doppelaufgabe“ ist, was „Exekutivfunktionen“ sind, was „Multisensorik“ und „Neuroplastizität“ bedeuten und was „Tapping“ ist. Bei dem Begriff „Streaming“ findet sich der praktikable Hinweis, wie Musikfachkräfte an nützliche Songlisten gelangen.

5. Arbeitsblätter (S. 110). Es folgen die Arbeitsblätter – direkt als Kopiervorlagen (Großdruck) oder zum Ausschneiden, beispielsweise für das Lied „Wo die Nordseewellen …“, oder ein Bingo-Spiel für den Evergreen „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Für „Aber bitte mit Sahne“ werden Begriffswortpaare gebildet, auch dazu ist ein Arbeitsblatt vorhanden.

6. Literatur – Auswahl an Internetquellen und Links (S. 128/129) umfasst 24 Quellen (auch Spiele zum aktivitätsbezogenen Einsatz in der Gerontologie). Es ist erwähnenswert, dass sich die Autorinnen selbst Gedanken gemacht haben, wie die technische Umsetzung des Liederhörens in der Seniorenarbeit zu handhaben ist, um die anleitende Person – soweit wie möglich – für die Praxis fit zu machen und um die praktische Arbeit zu vereinfachen.

Fazit

Durch die historisch bedingte Institutionalisierung sind Bewohnerinnen und Bewohner, die sich für die Wohnform Pflegeheim entschieden haben, auf ein interessantes Aktivitätsprogramm ihrer sie betreuenden Einrichtung, in erster Linie in Person der Heimleitung, angewiesen.

Musik baut eine Brücke zu den Menschen, die teilweise durch Erkrankungen wesensverändert sein können. Mithin ist es sehr begrüßenswert, wenn die Heimleitung in die Ermöglichung von Musikangeboten durch Musikfachkräfte oder Musiktherapeuten investiert.

Diese Musikangebote tun den Bewohnern nachweislich vielfältig gut, der aktuellen Literatur nach zu urteilen. [1] Der Ansatz der beiden Profis Bettina M. Jasper und Simone Willig ist durch die übersichtliche, fundierte und ansprechend kreative Gestaltung leicht umsetzbar – auch ohne eigenes Instrument – als Anleiter/Anleiterin(!).

Leider sind im Bereich Basics, bei „F“, keine Hinweise zur Finanzierung dieses erfolgversprechenden Angebotes in der Seniorenarbeit zu finden. Diesbezüglich scheint gesellschaftspolitische Kreativität seitens verschiedenster Akteure gefragt und „immer nur auf die Politik zu warten“ sei „müßig“, so Ursula Lehr. [2]

Im besten Fall wird irgendwann die Gesetzgebung dafür Sorge tragen, dass jedes Altenpflegeheim obligatorisch eine Musiktherapie anbieten muss, was z.B. im Sinne des „community music“ [3]-Ansatzes positive Effekte, selbst bis hin zum Quartier bzw. in den Sozialraum [4] hinein, generieren würde.

Praktisch: Für die Beschaffung der Noten/Texte zu den Evergreens sind Links aufgeführt, von denen die Songtexte heruntergeladen werden können.

Bei dem Hören der schwungvollen Evergreens dieses sehr empfehlenswerten Buches wird vermutlich auch den weiteren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Pflegeheimes, vielleicht hoch bis zur Führungsebene, wohler ums Herz.

Sowohl für Seniorentreffs in den Quartieren (z.B. auch Fachbereich Soziale Arbeit) als auch für Hospize und für Kinder-Senioren-Begegnungen in Altenpflegeheimen bietet das Buch praktikable Anregungen, um durch die Freude, welche Musik bewirkt, die Lebensqualität aller Beteiligten zu optimieren. Wer kommt nicht in gute Stimmung, allein wenn das Lied „Pack die Badehose ein“ angestimmt wird?

Läuft: 130 praxisorientierte Seiten zum Thema Musik, Bewegung und Gehirntraining, die es wert sind, gelesen und/oder noch besser: gesungen zu werden!


[1] Auszugsweise: Hartogh, Theo; Wickel, Hans Hermann (2008): Musizieren im Alter. Arbeitsfelder und Methoden. 1. Auflage. Mainz: Schott

[2] Im Zusammenhang mit den Effekten, welche eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Kita und Altenpflegeheim ausmachen würden. In: Thiede, Rocco (Hg.) (2016): Generationsbrücke. Wie das Miteinander von Alt und Jung gelingt. 1. Auflage. Freiburg: Verlag Herder

[3] Hill, Burkhard; Banffy-Hall, Alicia de (2017): Community Music. Beiträge zur Theorie und Praxis aus internationaler und deutscher Perspektive. 1. Auflage. Münster: Waxmann

[4] Dörner, Klaus (2007): Leben und sterben, wo ich hingehöre. 1.Auflage. Neumünster: Paranus Verlag


Rezensentin
Dipl.-Sozialwirtin Christina Maiwald
Soziologin M. A., Studienrätin
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Zitiervorschlag
Christina Maiwald. Rezension vom 18.10.2017 zu: Bettina M. Jasper, Simone Willig: Musik bewegt. Mit Evergreens Herz und Hirn aktivieren. Vincentz Verlag (Hannover) 2016. ISBN 978-3-86630-456-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23198.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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