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Remo H. Largo: Das passende Leben

Cover Remo H. Largo: Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2017. 479 Seiten. ISBN 978-3-10-397274-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Im Grunde verrät der Titel schon alles. Es geht in diesem Buch um Passgenauigkeit, und zwar um die Passgenauigkeit von Individuum und Umwelt. Dabei wird einer plumpen Anpassung an die gegebenen gesellschaftlichen Umstände allerdings eine Absage erteilt. Largo lotet zunächst aus, was Individualität ausmacht und schreibt dabei gegen die weitverbreitete Vorstellung: „Wir können alles schaffen, wir müssen nur wollen“ an. Denn Remo Largo geht davon aus, dass niemand aus seiner Haut kann bzw. das jeder und jede gewisse Anlagen hat, die vorgeben, was für sie/ihn eine richtige Passung wäre. Dass nicht alle dieser Passungen auch gesellschaftlich gefördert werden bzw. nicht für alle lebbar sind, ist dabei natürlich klar. Daher präsentiert Largo Überlegungen, die s.E. einer „Gesellschaft des Fits“ zuträglich wären.

Autor

Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, studierte Medizin an der Universität Zürich und Entwicklungspädiatrie an der University of California, Los Angeles. Seit 1978 leitete er die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der Universitäts-Kinderklinik Zürich. Die Zürcher Longitudinalstudien, die er dort verantwortete, sind international einzigartig und gehören zu den umfassendsten Studien in der Entwicklungsforschung. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Bestseller, die sich mit der menschlichen Entwicklung befassen. Remo Largos Bücher (u.a. „Babyjahre“, „Schülerjahre“, „Jugendjahre“) gelten als Klassiker der Erziehungsliteratur. (Autorenseite beim Fischer Verlag).

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer umfassenden Einleitung, die die einzelnen Kapitel und die in diesen Kapiteln behandelten Fragen darstellt, also einer Orientierung der Lesenden dient. Largo verdeutlicht, wie die zehn Kapitel des Buches thematisch zusammenhängen.

Die Struktur der ersten sieben Kapitel gliedert sich in einen jeweils Hintergründe liefernden Part und eine abschließende Diskussion dieser Erkenntnisse für Largos Fit-Prinzip. Die letzten drei Kapitel diskutieren die Konsequenzen aus den zuvor präsentierten Überlegungen.

Teil I - Der biologische und soziokulturelle Werdegang des Menschen. Im ersten Kapitel präsentiert Largo zunächst die evolutionsbiologischen Erkenntnisse zur Entwicklung der Menschen. Dabei wird die Evolutionstheorie erläutert und die Besonderheiten der menschlichen Entwicklung hervorgehoben. Die Verwandtschaft sowohl aller Menschen miteinander als auch die graduelle Verwandtschaft mit Tier- und Pflanzenarten wird beleuchtet. Dabei ist Largo wichtig, die trotzdem gegebene Verschiedenartigkeit der Menschen zu betonen, die unterschiedlichen Umwelteinflüssen geschuldet ist. Die soziokulturelle Evolution des Menschen von den ersten Buchstaben zum Internet, von Jägern und Sammlern zur Sesshaftigkeit, von Groß- zu Kleinfamilien wird ebenso dargestellt. Largo hält fest: Jeder Mensch ist ein Unikat mit dem Willen die Welt zu verstehen, sie zu beherrschen (was bekanntermaßen auch destruktive Auswüchse annimmt) und sich sozial und emotional abgesichert zu fühlen, wozu v.a. Gemeinschaft wichtig ist.

Teil II - Über das Zusammenwirken von Anlage und Umwelt. Auch in diesem Kapitel wird das Zusammenspiel von „nature“ und „nurture“ – sonst oft gegeneinander ausgespielt – beschworen. Largo macht deutlich: „Wir sind keine Marionetten, die willenlos an den Fäden der DNS hängen und vom Puppenspieler ‚Genom‘ zum Leben erweckt werden. Das Genom gibt wohl das Begabungspotential vor. Aber wir sind es, die das Begabungspotential verwirklichen, indem wir die Umwelt zielgerichtet nutzen“ (S. 127). Kinder lernen durch ihre Aktivitäten, sie bestimmen selbst und wählen Erfahrungen gezielt aus. Das Kind wirkt auf seine Umwelt (v.a. die soziale aus Familien, Peers, Erziehungs- und Lehrpersonen) ein, die wiederum auf es zurückwirkt. Die Anlagen sorgen dabei für die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Entwicklung – wir können nicht alles können, stören uns an Unter- und Überforderung, suchen nach Passung.

Teil III - Entwicklung zur Individualität. Die Entwicklung des Gehirns sowie der motorischen Fähigkeiten verläuft ebenfalls extrem individuell und ist dabei von den Erfahrungen abhängig, die wir in Kindheit und Jugend machen. Die Hirnentwicklung ist nämlich in der Adoleszenz abgeschlossen, was nicht bedeutet, dass Menschen dann nichts mehr lernen können. Erfahrungen helfen uns Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubilden und wir streben danach sie soweit zu entfalten, wie es uns sinnvoll und zu uns passend erscheint. Ihr volles Lernpotential können Kinder dann ausschöpfen, wenn sie selbstbestimmt lernen dürfen.

Teil IV - Grundbedürfnisse bestimmen unser Leben. Largo geht davon aus, dass Menschen sechs Grundbedürfnisse in unterschiedlichen Ausprägungen befriedigen möchten. Alle Menschen streben nach existentieller Sicherheit, Leistung, körperlicher Integrität, Geborgenheit, Selbstentfaltung sowie Anerkennung und sozialem Status. In vielen westlichen Industrieländern sind wesentliche Grundbedürfnisse für die Mehrheit der Personen weitestgehend gesichert: Gesundheits-, Rechtssystem und Bildungswesen beziehen sich auf körperliche Integrität, Schutz von Person und Eigentum und die Möglichkeiten unsere Begabungen zu entwickeln. Geborgenheit, Zusammenhalt und soziale Anerkennung für möglichst viele Menschen lasse sich allerdings nicht institutionell herstellen, dazu benötigt der Mensch Gemeinschaft, die laut Largo erodiert.

Teil V - Kompetenzen, die wir entfalten wollen. Das Kapitel über Kompetenzen ist am umfangreichsten ausgefallen, da Largo hier auf seine ganze Expertise zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zurückgreifen kann. So wird an zahlreichen Beispielen aus der Entwicklung von Kindern die unterschiedliche Ausprägung der acht Grundkompetenzen erläutert: soziale, sprachliche, musikalische, figural-räumliche, logisch-mathematische, zeitlich-planerische, motorisch-kinästhetische und körperliche Kompetenz. Daraus folgt: wir sind keine Alleskönner. Woraus wiederum folgt: Wir müssen die Chance haben, mit unseren Fähigkeiten und Fertigkeiten unsere Grundbedürfnisse zu erreichen.

Teil VI - Unsere Vorstellungen und Überzeugungen. Unsere Vorstellungswelten sind erfahrungsbasiert und bilden sich in Abhängigkeit von unserer Umgebung, den Menschen, Dingen und Geschehnissen, mit denen wir konfrontiert sind. Alle Menschen unterscheiden sich – wenn auch nur in Nuancen – bzgl. der Vorstellungen, die bestimmte Begriffe in ihnen wachrufen. So kann Lernen für die einen mit dem freudvollen Sich vertiefen in eine interessante Materie konnotiert sein, während andere an Durchhalten, Auswendiglernen, Notengebung denken.

Teil VII – Von der Natur zur menschengemachten Umwelt. Die menschengemachte Umwelt schadet nicht nur der Natur, sie entspricht auch den Bedürfnissen der Menschen immer weniger. Anonymität, Institutionalisierung, Konkurrenz führen zu einem Verlust von Vertrauen und Eigenverantwortung – beides könnte laut Largo durch eine Erneuerung von Gemeinschaft wiedergewonnen werden.

Teil VIII - Das passende Leben: Das Fit-Prinzip. Die Elemente des Fit-Prinzips sind in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich hergeleitet worden und werden von Largo hier noch einmal zusammengefasst (S. 345): Jeder Mensch

  • ist einmalig,
  • will seine Grundbedürfnisse befriedigen
  • will seine Kompetenzen entfalten und nutzen
  • entwickelt seine eigenen Vorstellungen und Überzeugungen
  • macht seine eigenen Erfahrungen, die seine Individualität mitbestimmen
  • strebt danach, seine Individualität in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben

Teil IX – Misfit-Konstellationen. Niemand lebt in permanenter Übereinstimmung mit seiner Umwelt. Wir alle kennen Misfit-Konstellationen, in denen unsere Bedürfnisse nicht in dem Grad befriedigt sind, wie wir es für unser Wohlergehen benötigen und/oder in denen wir unsere Kompetenzen nicht so zum Einsatz bringen können, dass wir uns damit gut fühlen. Problematisch wird dies erst, wenn es sich um einen dauerhaften Zustand handelt und die eigene Individualität nicht gelebt werden kann.

Teil X - Zeitenwende. Largo schlägt vor, die Gesellschaft so umzubauen, dass in übergenerationellen Gemeinschaften gelebt wird (teilweise bereits verwirklicht in Mehrgenerationenhäusern), ein bedingungsloses Grundeinkommen existentielle Bedürfnisse deckt, das durch Steuern finanziert werden könnte. Menschliche Arbeit könne so vor allem der Entfaltung individueller Kompetenzen dienen, wenn man sich nicht mehr nur fragen muss, ob man auch richtig qualifiziert ist um als Humanressource gebraucht zu werden.

Diskussion

„Sozialdarwinismus!“, rufen die einen, „Kommunismus!“, die anderen und selbsterklärte Realisten wittern „Sozialromantik!“.

Der erste Vorwurf ist im Grunde genommen auf oberflächliche Lektüre zurückzuführen, da hier der Begriff „Fit“ falsch verstanden wird, der zugegebenermaßen nicht ganz glücklich gewählt ist. Die Assoziation zur Evolutionstheorie Darwins und der Ausspruch Herbert Spencers über das „survival of the fittest“ sind naheliegend. Da beides immer wieder falsch interpretiert wird, so dass davon ausgegangen wird das der Stärkste überlebt bzw. der an die Gegebenheiten am besten Angepasste, lädt der Begriff dazu ein, negativ missdeutet zu werden. Largo zeigt deutlich, dass die Umwelt des Menschen positive wie auch negative Einflüsse haben kann, aber eben auch durch den Menschen selbst gestalten wird, er oder sie eben nicht ein Opfer der Umstände sein muss. Es geht ihm nicht darum, dass die Menschen sich so verändern sollen, dass sie sich bestmöglich in das Gegebene einpassen können, sondern das die Gesellschaft so verändert wird, dass die unterschiedlichen Begabungen der Menschen Wertschätzung erfahren und nicht eine Entwertung vieler Fähig- und Fertigkeiten stattfindet.

Der Vorwurf des Kommunismus dient dazu jeden gesellschaftlichen Gegenentwurf zum Bestehenden in die Nähe totalitärer sozialistischer Regime zu rücken. Sicherlich stammt von Marx der Satz: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ – was aber erstaunlich wenig nach Stalinismus klingt. Darüber hinaus würde Largo wahrscheinlich die Darstellung von Edward Bellamy in „Looking Backward“ gefallen, in der ein Zeitreisender in einer Gesellschaft landet, die alle existenziellen Bedürfnisse ihrer Bewohner befriedigt und alles daran setzt, dass diese ihre Fähigkeiten erkennen und einen Beruf ergreifen, der zu ihnen passt.

Auf Sozialromantik als Vorwurf ziehen sich gerne all jene zurück, die mit Sprüchen wie „Das Leben ist kein Ponyhof!“ (etc.) ihren vermeintlichen Realismus, gepaart mit Härte und Verachtung für Schwache zur Schau stellen. Wer es nicht schafft, sich den Gegebenheiten und Anforderungen insbesondere der Wirtschaft anzupassen, ist halt ein Verlierer und verdient auch nichts anderes. Gesellschaftskritiker mit reformerischen Ideen gelten dann gerne als Spinner. Bedenkt man allerdings die Folgen von Digitalisierung, Klimawandel, ungebremstem Wachstum, das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich, so wird es immer unwahrscheinlich sich durch Anstrengungen – oft gegen eigene Grundbedürfnisse und Kompetenzen – auf die Seite der Gewinner zu schlagen.

„By design or by disaster“ – Remo Largo hat sich dafür entschieden lieber am Design zu arbeiten.

Fazit

Remo Largo breitet eine Fülle an Wissen über den Menschen und dessen Phylo- und Ontogenese aus. Das Spektrum reicht dabei von Evolutions- und Neurobiologie, Genetik und Psychologie über Sprachwissenschaft zur Soziologie. Sicherlich ist das an der einen oder anderen Stelle ein bisschen viel und auch die vielen Wiederholungen trüben ein wenig das Leseerlebnis.

Doch schließlich entsteht aus diesem Mosaik eine Anthropologie, die deutlich macht, warum es notwendig ist den vielen Individuen ein Leben in größtmöglicher Übereinstimmung mit ihren Kompetenzen bei gleichzeitig weitgehender Absicherung ihrer Grundbedürfnisse zu ermöglichen. Das Buch ist dabei einerseits für diejenigen interessant, die sich mit ihren eigenen Grundbedürfnissen und Kompetenzen beschäftigen wollen und danach streben Misfit-Situationen zu vermeiden. Andererseits gibt es all denjenigen Argumente an die Hand, die das diffuse Gefühl oder eine bereits gefestigte Gewissheit mit sich herumtragen, dass irgendetwas schiefläuft. Eine Welt, die einer Vielzahl an Menschen verwehrt, mithilfe der ihnen zur Verfügung stehenden Kompetenzen ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen – oder aber diesen Zusammenhang auflöst – ist auf Dauer nicht lebenswert. Lesenswert hingegen ist dieses Buch.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 01.09.2017 zu: Remo H. Largo: Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-10-397274-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23199.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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