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Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation und Macht

Cover Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation und Macht. In Institutionen, Gesellschaft und Familie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2017. 120 Seiten. ISBN 978-3-95571-625-7. D: 14,99 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Es liegt mittlerweile eine Reihe von Publikationen zur Gewaltfreien Kommunikation (GFK) vor, die, entweder durch Rosenberg oder von Sympathisanten ähnlicher konzeptioneller Provinienz vorgelegt, das Grundkonzept der GFK in verschiedenen Kontexten darstellen und/oder weiterentwickeln. In diesen Kanon reiht sich die vorliegende Publikation ein und greift dabei ein Urthema europäischen Denkens auf: die Macht. Damit wird hier – fernab von der GFK, die seitens der Disziplin (und das obwohl sie ihren Weg in die Praxis gefunden hat) Sozialer Arbeit kaum beachtet wird – ein Thema behandelt, dass auch in der Sozialen Arbeit immer wieder unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert wird. Konkret lautet die Fragestellung, die diesem Werk zugrunde liegt, im Vorwort formuliert von Vilma Costetti: „Wie ist es möglich, mehr Macht zu haben, wie kann man auf andere einwirken und auf sich selbst – und dabei gleichzeitig im Einklang mit den eigenen Werten und Bedürfnissen handeln?“

Autor

Marshall B. Rosenberg (1935-2015) ist der Begründer der GFK sowie des Center for Nonviolent Communication. In Erscheinung getreten ist er neben seiner internationalen Tätigkeit als Coach und Mediator auch als Autor mehrerer Bücher zur GFK.

Entstehungshintergrund

Im Hintergrund dieses Buches steht ein Seminar, das Rosenberg zusammen mit Vilma Costetti (ebenfalls Trainerin für GFK), in Italien leitete. Dieses Seminar war der Zielsetzung gewidmet, auf Grundlagen der GFK verschiedene Themenblöcke genauer zu behandeln. Macht spielte dabei eine implizite Rolle, was konkret heißt, dass sie en passant im Zuge der Behandlung anderer Themen erläutert wurde.

Aufbau und Inhalt

Dieser Entstehungshintergrund schlug sich in der Konzeption nieder, so werden die Inhalte über die gesamte Länge in dialogischer Form dargestellt.

Im ersten Kapitel (9-15), das da lautet: „Eine Sprache des Lebens – und welchen Einfluss die Medien haben können.“, wird – der erste Teil des Titels suggeriert es bereits, entspricht er doch dem Untertitel Rosenbergs Hauptwerk, dem Standardwerk zur GFK – in die GFK eingeführt (vgl. Rosenberg 2016: 17-94) sowie einige Informationen zu deren internationalen Verbreitung und typischen Einsatzgebieten gegeben. Die Legitimation des Teils des Titels, der sich hinter dem Gedankenstrich befindet, wird ausschließlich durch den Satz erzielt: „Meiner Meinung nach ist ihr Beruf sehr wichtig, denn Journalisten können über die Medien zu einer schnellen Verbreitung von lebensdienlichen Nachrichten beitragen“ (14) – mehr wird zum Einfluss der Medien nicht gesagt.

Das zweite und umfangreichste Kapitel (17-43) ist der Anwendung der GFK in der Politik gewidmet. Zum einen wird hier der Machtbegriff, mit dem die GFK arbeitet ausgeführt: Basal „geht (es) um Situationen, in denen wir auf Menschen einwirken wollen, damit sie die Dinge auf eine bestimmte Weise sehen und sich so verhalten, wie wir es uns wünschen“ (19 f.). Diese Rahmensetzung wird dann im gedanklichen Kontext der GFK dialektisch dualisiert:

  1. „Macht über“ – Dieser Aspekt erinnert zunächst an Webers klassischen Machtbegriff. Im Zentrum steht die Durchsetzung des eigenen Willens, wobei hier implizit auch solche Fälle gemeint sind, in denen kein Widerstand vorliegt. „Macht über“ meint eine Einflussnahme auf das Gegenüber, die nicht darauf gerichtet ist zur Bedürfnisbefriedigung beizutragen, was sich konkret in verschiedenen Formen der Anwendung von „zerstörerischen Strategien“ (20) zeigt.
  2. „Macht mit“ – „Wir vergrößern unsere Macht mit anderen, wenn sie das, um was wir bitten, gerne tun. Wir wollen, dass ihr Motiv ihr eigener Wunsch zu handeln ist. Dieser Wunsch wird geweckt, wenn sie sehen können, wie ihre eigenen Handlungen zum Leben beitragen“ (22). Mit „zum Leben beitragen“ ist in der GFK die Erfüllung von Bedürfnissen gemeint. „Im Sinne der GFK sind unser bewusstes Ziel und unsere Motivation eine bestimmte Art von Verbindung herstellen zu wollen, einen Kontakt, der es erlaubt, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu befriedigen“ (24). „Macht mit“ meint somit nichts anderes als eine Klärungshilfe im Stil des Prozesses der GFK (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte), die dazu führen soll, dass sich das Gegenüber auf Grundlage seiner (neuen) (Selbst-)Erkenntnis bedürfnisorientiert Verhalten kann.

Abseits dieser begrifflichen Grundlegung bietet dieses Kapitel zum anderen einen Vorschlag zur Legitimation kommunaler Gesetzgebung respektive -durchführung. Rosenberg meint, es brauche Formen politischer Beteiligung, die es ermöglichen, Entscheidungen zu treffen und durchzuführen, die auf der Bedürfnislage der Bevölkerungsgruppen, welche konkret von (lokalen) Entscheidungen betroffen sind, basieren. In Bürgerversammlungen sollten dazu die Bedürfnisse der Bürger ermittelt werden, da, wenn „beide Parteien die Bedürfnisse der jeweils anderen Partei sehen können, ohne sie als Feind anzusehen, … es einfach (ist) den Konflikt zu lösen“ (40). Dieses Anliegen erinnert – bei allen inhaltlichen Differenzen – konzeptionell an Ansätze deliberativer Demokratie, wie sie prominent etwa Jürgen Habermas vertritt. Insofern kann hier auch von einer Spielart der ‚gewaltfreien Deliberation‘ gesprochen werden

Das dritte Kapitel nimmt sich der GFK im Kontext von Familie und Erziehung an (45-60). Abgesehen davon, wird der konstruktive Umgang mit Wut beschrieben. Im wesentlichen wird sich hier darauf beschränkt, die GFK an ausgewählten Beispielen aus ebendiesem Kontexten zu verdeutlichen.

Der Einfluss der GFK und spezieller der Empathie auf die Gesundheit werden im vierten Kapitel (61-80) dargestellt. Hierbei geht es um psychische Erkrankungen – zu denen Rosenberg meint: „So etwas wie ‚psychische Erkrankungen‘ gibt es nicht“ (71). Folgerichtig erklärt er damit auch den Begriff der Heilung als obsolet und schlägt stattdessen vor, dynamische Begriffe wie Prozess oder Entwicklung zu gebrauchen (vgl. 78). Damit diese Prozesse positiv verlaufen (was hier wieder meint, dass gegenwärtige Bedürfnisse erfüllt werden und zukünftig die Fähigkeit zur Bedürfniserfüllung gegeben ist), brauche es zweierlei: Präsenz in der empathischen Verbindung (vgl. 62), was explizit ein nicht-intellektuelles Verstehen meint (vgl. 64) sowie Ehrlichkeit, wobei der Begriff hier Deckungsgleich mit dem der Kongruenz oder Authentizität bei Rogers (2009: 38, 2014: 276) ist, wobei die GFK hier durch die vier Schritte gleichfalls Kongruenz (in Anwendung auf sich selbst) herstellen kann und das kommunikative Handwerkszeug bereitstellt, diese Ehrlichkeit zu verbalisieren.

Abschließend bilden im fünften Kapitel (81-103) Unternehmen den Anwendungsrahmen der GFK. In diesem Kontext, so Rosenberg, ist der Modus des „Macht über“ besonders ausgeprägt und weit verbreitet, im Fokus steht nicht der lebendige (also fühlende und bedürfnisgeleitete) Mensch, sondern Profit und Produktion. Hier wird die These vertreten, dass Profitmaximierung und Humanität sich nicht ausschließen, im Gegenteil sogar gewinnbringende Synergien möglich sind (vgl. 86). Als Gegenprogramm wird hier zum einen vorgeschlagen Bitten möglichst unter Zeitdruck und unter Verwendung möglichst weniger Wörter pointiert zu formulieren. Zum anderen soll ehrliche Dankbarkeit (in Reaktion auf das häufig im beruflichen Kontext anzutreffende Bedürfnis nach Wertschätzung), wiederum konkretisiert in Form der vier Schritte, ausgedrückt werden.

Diskussion

Wann genau dieses Seminar stattgefunden hat, ist nicht bekannt (laut Klappentext, ist es jedenfalls „vor einigen Jahren“ gewesen), was durchaus von Interesse sein kann – bedenkt man den Umstand, dass das Werk postum publiziert wurde. Es bleibt also nicht nur unklar in welchem zeitlichen Kontext sich der dargestellte Inhalt bewegt, sondern auch inwieweit Rosenberg an den Arbeiten zu diesem Buch involviert war. Interessant ist dies nicht nur aus historischen Gründen, sondern primär im Hinblick darauf, ob es in diesem Fall überhaupt legitim ist, Rosenberg (der gewiss ‚der Name‘ in der GFK ist und damit, so darf an dieser Stelle zumindest vermutet werden, größere Umsatzchancen auf dem Buchmark erzielen könnte) als alleinigen Autor anzugeben, wenn wir es hier mit der Transkription eines – von zwei Personen geleiteten – Seminars zu tun haben. Ob die Vermutung, dass Vilma Costetti, selbst wenn es ‚nur‘ in Herausgeberschaft erfolgt wäre, international (k)eine ähnliche konsumtive Sogkraft generieren könnte Einfluss auf die Umsetzung der Publikation genommen hat, muss hier offen bleiben.

Der Aspekt der Verantwortung für die Publikation gewinnt zusätzlich an Gewicht, wenn die konzeptionellen Schwächen dieses Bandes benannt sind: So wird der Leser/innen/schaft der Eindruck vermittelt, der Text befasse sich – dem Titel gemäß – mit Macht in bestimmten Bereichen, nämlich in Institutionen, Gesellschaft und Familie. Zunächst erschließt sich nicht direkt, was unter „Institutionen“ und „Gesellschaft“ zu verstehen ist und wo Politik, Gesundheit, Unternehmen und Journalismus einzuordnen sind. So viel zum Äußeren. Geht man an die Substanz, wird deutlich, dass sich die Diskrepanz zwischen versprochenen und behandelten Themen in den Kapiteln fortführt. So findet ein expliziter Verweis auf das eigentliche Thema (Macht) lediglich in den Kapiteln zu Politik und Unternehmen statt – und dabei nennt sich das Kapitel zur Gesundheit: „Macht und welchen Einfluss Empathie auf die Gesundheit hat“. So realisiert sich die Behandlung des jeweiligen Themas über weite Teile des Buches in Form von Darstellungen zur GFK im Allgemeinen, die Rosenbergs Hauptwerk (2016) hinlänglich besorgt hat, sodass hier nicht nur großflächig am Thema vorbeigearbeitet, sondern auch mehrfach dupliziert (berücksichtig man die Themen anderer Veröffentlichungen, sogar multipliziert) wird, ohne dass dabei feinere Konturen deutlich werden. Hierzu seien einige Exempel angeführt: Die „zerstörerischen Strategien“ (vgl. 20-24) werden im Hauptwerk an verschiedenen Stellen (teilweise anders tituliert) beschrieben (vgl. 29-36, 178-181), der konstruktive Umgang mit Wut bzw. Ärger (vgl. 51 f.) war ebenso bereits Thema (vgl. 144 f.) und Macht, dem angeblichen Hauptthema dieser Publikation, das, wie dargestellt, eine eher rudimentäre Rolle spielt, wurde bereits ein ganzes Kapitel gewidmet (177-184). Hinzukommt, dass seitenlang in Form von Fallbeispielen der Kommunikationsprozess der GFK eingeübt wird, was zusätzlich an die Substanz geht (vgl. z.B. 48-56).

Selektiert man die konzeptionellen Monita und die aus anderen Werken bekannten Überlegungen, bleiben allerdings noch einige erwähnenswerte Punkte, die Kritik ermöglichen, aber auch weitere Ergänzungen oder Konkretisierungen darstellen:

  • Ebenfalls kein Novum, hier aber sehr prägnant, wird Rosenbergs Haltung zum Verhältnis von Kultur und Subjekt, die an Rousseau erinnert und sich auf folgende Formel bringen lässt: Die Grundlage menschlichen (Zusammen-)Lebens sind Bedürfnisse, und diese sind immer konstruktiv, dem Leben dienlich; alles Destruktive ist Erzeugnis der Kultur, des Sozialen, der Erziehung (vgl. 11, 21, 37 f., 57, 84).
  • Weiter wird eine Dialektik von Verstand und Gefühl, zwischen „Kopf oder Herz“ (27) deutlich, die, in Entsprechung zur Relation von Subjekt und Kultur, auch ‚Vernunftpessimismus‘ genannt werden könnte: Jede Form von Gewalt, ob realisiert oder in mentaler Repräsentation, ist die Folge eines Denkens, dass nicht darauf gerichtet ist Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Art zu Denken (damit ist explizit auch Kritik gemeint) ist anerzogen und damit negative Konsequenz des Kulturellen (vgl. u.a. 11, 21, 25, 27, 29, 37). Das Denken kann zwar auch „ein wertvolles Instrument“ (100) sein, wenn es bedürfnisfokussiert stattfindet, trotzdem bleibt jede „Art von Diskussion, die auf der mentalen Ebene bleibt, … bestenfalls interessant ., aber sie befriedigt nie das Leben“ (101). Ob Kritik und kritisches Denken (als Strategie im Sinne der Bedürfniserfüllung) in institutionalisierter Form, wie sie konstitutiv für Wissenschaft ist, im Sinne Rosenbergs legitim sind, wenn sie Bedürfnisse befriedigt – wobei hier sowohl die Bedürfnisse der Wissenschaftler während des Betreibens derselben als auch der Nutzen der Erkenntnisse für die Erfüllung von Bedürfnissen der Menschheit insgesamt mitgedacht werden müssen – darf damit unterstellt werden.
  • Interessant und auch für einige Handlungsfelder Sozialer Arbeit direkt anschlussfähig wäre der Gedanke der ‚gewaltfreien Deliberation‘, der leider nicht hinreichend ausgeführt wird und somit für die praktische Umsetzung und damit auch empirische Erforschung sehr unspezifisch bleibt.

Fazit

Es ist deutlich geworden, dass der vorliegende Band inhaltlich nicht hält, was er verspricht, sondern am gesetzten Thema vorbeiführt und vielfach (für mit der GFK Vertraute) bekannte Gedanken wiedergibt. Wer die GFK im privaten und/oder beruflichen Kontext umsetzten will, der ist mit den bereits erschienen Werken, allen voran dem Grundlagenwerk, bestens beraten. Wer sich der GFK unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nähert – was im Hinblick auf die Potenziale des Konzepts für die Soziale Arbeit noch zu leisten ist –, der kann in diesem Werk die eine oder andere Ergänzung oder Explizierung finden, wirklich neu sind aber auch diese nicht, sodass abschließend resümiert werden kann, dass dieses verschriftlichte Seminar keine Bereicherung im Kanon der bisher vorgelegten Veröffentlichungen zum Thema darstellt.

Literatur

  • Rogers, R. C.: Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschliche Beziehungen, 2009 München
  • Rogers, R. C.: Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus Sicht eines Therapeuten, 19. Aufl., 2014 (1973) Stuttgart
  • Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens, 12., überarbeitete und erweiterte Aufl. 2016 Paderborn

Rezensent
Michael Bertram
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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 12.02.2018 zu: Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation und Macht. In Institutionen, Gesellschaft und Familie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2017. ISBN 978-3-95571-625-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23205.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


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