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Tobias Altmann: Empathie in sozialen und Pflegeberufen

Cover Tobias Altmann: Empathie in sozialen und Pflegeberufen. Entwicklung und Evaluation eines Trainingsprogramms. Springer (Wiesbaden) 2015. 191 Seiten. ISBN 978-3-658-06644-4. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

„In der vorliegenden Arbeit wurde die Idee untersucht, ob ein Training zur Vermeidung des empathisch kurzschlüssigen Verhaltens anhand der Anwendung der vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation zu einer Erhöhung spezifischer emotionaler Kompetenzen und zur Reduktion spezifischer psychosomatischer und Belastungssymptome führen kann“ (S. 157).

Diese „Idee“ wurde dabei mittels genuin wissenschaftlichen – konkret: quantitativ-empirischen – Arbeitsweisen betrachtet. Auch wenn der Autor damit keine Terra incognita betritt, bewegt er sich doch abseits des Gros der bisherigen Publikationen, zumindest in Bezug auf die Gewaltfreie Kommunikation (GFK). Denn, obgleich die GFK vielfach rezipiert wurde, war die Zahl der Wissenschaftler/innen unter den Autoren und Autorinnen eher gering und die Konzeptionen der Publikationen zumeist, wohl dem Vorbild des Hauptwerks Marshall B. Rosenbergs folgend, populärwissenschaftlich, sodass alleine das Vorhaben Altmanns Interesse beim wissenschaftlich orientierten Leser weckt.

Autor

Tobias Altmann ist Akademischer Rat auf Zeit an der Professur für Differentielle Psychologie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Expertise macht er außerdem in Seminaren zur kommunikativen Konfliktbewältigung und als Mediator geltend.

Entstehungshintergrund

Altmann geht von der Prämisse aus, dass es in der Ausbildung von Menschen, die künftig in sozialen Berufen arbeiten werden, an tragfähigen Konzepten fehlt, die einen konstruktiven Einsatz von Empathie ermöglichen könnten. Mit dem Anspruch diese Lücke zu füllen publizierten Roth und Altmann das Handbuch „Mit Empathie arbeiten – gewaltfrei kommunizieren“ (2014), auf dessen Basis diese Veröffentlichung fußt: „Das vorliegende Buch bietet zu diesem Trainingsmanual die theoretischen Hintergründe und damit die vertiefenden Informationen zu den angewandten Konzepten, die Sichtung der relevanten Literatur, die Entwicklung des Trainingsprogramms und besonders die ausführlichen Informationen zur Wirksamkeit und Akzeptanz des Trainings“ (S. 2 f.).

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band ist in sieben Kapitel gegliedert, in denen der Reihe nach in die zentralen Begriffe (Empathie, das Konzept der GFK und das Trainingsprogramm, auf das sich die Evaluation bezieht) eingeführt wird, um folgend die Methodik und Ergebnisse der empirischen Studie sowie die Auswertung und das Fazit vorzustellen.

Nachdem in Kapitel eins in die Arbeit eingeführt wird, widmet Altmann sich im zweiten Kapitel der Darstellung der begrifflichen Grundlagen dieser Studie:

  1. Es werden verschiedene definitorische Ansätze den Begriff „Empathie“ zu fassen vorgestellt und diskutiert. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass ein integratives Modell, das einzelne Aspekte verschiedener Definitionen miteinander verbindet, die Zusammenhänge betont und Empathie als Teil eines kommunikativen Prozesses versteht, dem Phänomen am ehesten gerecht wird. Dementsprechend wird u.a. in das von Altmann und Roth entworfene „Empathie-Prozessmodell“ eingeführt.
  2. Dieses Modell beschreibt vier Phasen (Wahrnehmung, mentales Modell, empathische Emotion und Antwort), die eine empathische Kommunikation idealtypisch durchläuft. „Die zweite Phase des Empathie-Prozessmodells, das mentale Modell, fasst die mentale Rekonstruktion der Situation und des emotionalen Zustands der anderen Person“ (S. 19). Diese zweite Phase determiniert die folgenden Phasen und ist die Stelle im Prozess, in der bewusst Einfluss genommen werden kann. An dieser Stelle integriert Altmann die GFK, um eine möglichst realistische Rekonstruktion der Situation und des Erlebens des Gegenübers zu sichern.

Repetitiv werden im dritten Kapitel bisher angestellten Räsonnements zusammengefasst und auf Basis dessen Vorannahmen formuliert, die dem Trainingsprogramm, das dieser Untersuchung zugrunde liegt, vorangestellt sind. In der Interaktion sind dies:

  • gesteigerter, eigenverantwortlicher Umgang mit den eigenen Bedürfnissen;
  • gesteigerte Kompetenz zur Differenzierung zwischen eigenen und „fremden“ Gefühlen;
  • steigende Tendenz zum aktiven Zuhören und akzeptieren der Gefühle anderer.

Erwartete Veränderungen mit Selbstbezug sind:

  • intensiveres Erleben und akzeptieren der eigenen Emotionen;
  • das Sichern von Handlungsfähigkeit, auch in belastenden Situationen;
  • die erlebte Belastung im Beruf und die daran gekoppelten psychosomatischen Symptome werden reduziert (vgl. S. 68 f.).

Kapitel vier stellt die Prinzipien und Struktur des Trainingsprogramms vor. Dieses fokussiert im Wesentlichen „die Reflexion des eigenen empathischen Handelns anhand des Empathie-Prozessmodells zur Vermeidung von empathischen Kurzschlüssen und den daraus resultierenden emotionalen Fehlbelastungen“ (S. 71) und soll so zum „Aufbau von Handlungsalternativen und deren Integration in den Arbeitsalltag“ (ebd.) befähigen. Das Training fand an vier Tagen statt, in denen unterschiedliche didaktische Methoden Anwendung fanden: Vortrag, Diskussion, Übung und Fallarbeit. Thematisch waren die Tage folgendermaßen gestaltet:

  1. Reflexion der Empathie
  2. Erlernen der GFK
  3. Ausprobieren der GFK
  4. Integration der GFK in das alltägliche berufliche Handeln

Die Konzeption der empirischen Untersuchung wird in Kapitel fünf vorgestellt. Es wurden 448 Personen in die Untersuchung einbezogen, die zum Zeitpunkt der Erhebung im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung zum/r Krankenpfleger/in waren. Dabei sollten die Daten sowohl eine summative (Wirksamkeit des Trainings) als auch eine formative (Akzeptanz des Trainings durch die Teilnehmer/innen) Evaluation des Trainings ermöglichen, wobei die summative Evaluation mittels Messung von Belastungsindikatoren sowie der emotionalen und sozialen Kompetenzen realisiert wurde. Es wurden zwei zufällig ausgewählte Gruppen (Trainings- und Kontrollgruppe) gebildet und drei- bzw. zweimal zur Datenerhebung herangezogen (Prä- und Posttest sowie Follow-up). Die Hypothesen ergaben sich dabei im Wesentlichen aus den bereits beschriebenen Vorannahmen (vgl. Kapitel drei).

Die eruierten Befunde werden im sechsen Kapitel präsentiert. In Bezug auf die formative Evaluation kann konstatiert werden, dass das offerierte Training in hohem Maße auf die Akzeptanz der Teilnehmenden stieß bzw. diese erzeugte (vgl. S. 126 ff.). Dagegen zeigen die Daten, die die summative Evaluation generierte ein differenzierteres Bild. So gab es eine Reihe von Befunden, die die formulierten Hypothesen bestätigen konnten. Gleichzeitig blieben einige erwartete Effekte unter der Signifikanzgrenze zurück. Nichtsdestotrotz weisen alle Effekte in die Richtung der Hypothesen, sodass Altmann gefolgt werden kann, wenn er schlussfolgert, dass diese „absolute Konsistenz … als starkes Indiz für die Wirksamkeit und Spezifität des Trainings im Sinne der Hypothesen angenommen werden“ (S. 148) kann.

In Kapitel sieben, dem abschließenden dieser Studie, widmet Altmann sich der gebündelten Präsentation der Ergebnisse, interpretiert diese und nimmt sich methodischen Schwachstellen seiner Untersuchung an. Final wird mit dem obligatorischen Fazit und einem Ausblick geschlossen.

Diskussion

Altmann zeigt sich nicht nur als Experte in den Bereichen der Empathie und der GFK aufgrund der umfangreich ausgewerteten Literatur zum Thema, sondern auch, weil er zentrale Aspekte der GFK korrekt benennt. So etwa, wenn er feststellt, dass in der GFK „Empathie … als Haltung im zwischenmenschlichen Kontakt zu verstehen“ (S. 52) ist und eher angestrebt wird „eine bestimme Art des Umgangs mit Empathie zu beschreiben, statt das Phänomen in seinem Zustandekommen selbst zu erörtern“ (S. 53). Wenn der Autor allerdings die Empathie in der GFK „primär in der Methode der kognitiven Perspektivübernahme mit emotionalem Fokus und mit Betonung des Interaktionsmusters aus Rückmeldung und Reflexion“ (S. 54; Hervorh.M. B.) verortet, dann ist dem nur unter Vorbehalt zuzustimmen: Rosenberg war der Ansicht, dass ein „intellektuelles Erfassen eines menschlichen Problems … genau die Art der Präsenz (blockiert), die wir für die Empathie brauchen. (…) Wir sind ganz da für den anderen und seine Erfahrungen. Diese Qualität der Präsenz unterscheidet Empathie von vernunftmäßigem Verstehen“ (2016: 97). Lässt diese Aussage auch kein pronociertes Urteil zu, so lässt sie doch Spielraum für alternative Lesarten. Wenngleich unklar bleibt was Empathie konkret ist, erscheint es doch angebracht, davon auszugehen, dass ein gedankliches Verstehen nicht gemeint ist, sondern ein ganzheitliches Sich-Einlassen auf das Gegenüber (wie auch immer dies konkret zu realisieren ist).

Dies ist für die Tragfähigkeit des dargelegten Models jedoch von untergeordneter Bedeutung. Vielmehr lässt sich feststellen, dass das Empathie-Prozessmodell auch überzeugend bleibt, wenn eine sozialpsychologische Perspektive eingenommen wird. So hat Harald Welzer gezeigt – und dabei folgt er der Prämisse, dass konkretes Handeln aus der jeweiligen Situation heraus Verstanden werden will, in der die konkrete Interaktion aber auch makrosoziale Strukturen (und den in ihnen eingelassenen Deutungsschemata) begrenzend wirken – weshalb nicht auffällige, „normale“ Personen unmittelbar an der Realisierung von Genoziden beteiligt sein können, und das mit „eine(r) erstaunliche(n) psychologische(n) Folgenlosigkeit“ (Welzer 2013.: 218). Auf das Empathie-Prozessmodell übertragen: Es ist folgerichtig empathisches Handeln als einen Prozess zu verstehen, in dem die kognitive Deutung des emotionalen Aspekts einer Situation (mentales Modell) der empathischen Emotion vorgeschaltet sind, da diese – in Abhängigkeit zum jeweiligen sozialen Rahmen – alternativ ausfallen oder gänzlich ausbleiben können; oder klassisch soziologisch gesprochen: Die Art und Weise, wie Menschen Situationen subjektiv Interpretieren, muss zwar nicht notwendigerweise der objektiven Wirklichkeit entsprechen, sie stoßen aber eine Interaktionskette mit realen Konsequenzen an.

Fazit

Altmann ist mit dem vorgelegten Band eine interessante und relevante Arbeit gelungen, die einen Beitrag zur wissenschaftlichen Erörterung der GFK liefert und gleichzeitig an den Fachdiskurs zum Begriff der Empathie anknüpft. Die Formulierung des Empathie-Prozessmodells stellt dabei die praktische Schlussfolgerung aus den theoretischen Überlegungen dar, die hier empirisch geprüft wurde. Es kann also resümiert werden, dass dieser Band eine gelungene Bereicherung für Disziplin und Profession sozialer Berufe darstellt.

Literatur

  • Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation Eine Sprache des Lebens. 12., überarbeitete und erweiterte Aufl. Paderborn 2016
  • Welzer, H.: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. 6. Aufl. Frankfurt am Main 2013

Rezensent
Michael Bertram
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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 13.11.2017 zu: Tobias Altmann: Empathie in sozialen und Pflegeberufen. Entwicklung und Evaluation eines Trainingsprogramms. Springer (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-06644-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23206.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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