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Hanna Sauerborn: Zur Bedeutung der Early Literacy für den Schriftspracherwerb

Cover Hanna Sauerborn: Zur Bedeutung der Early Literacy für den Schriftspracherwerb. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 221 Seiten. ISBN 978-3-8340-1466-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Im Zusammenhang mit schriftsprachlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen wird häufig die phonologische Bewusstheit als zentrales Element für gelingende Erwerbsprozesse dargestellt. Diese Ausgangslage greift Hanna Sauerborn auf und setzt sich kritisch mit dieser Sichtweise auseinander. Unter Verweis auf historische Entwicklungen, aktuelle Forschungsergebnisse und mögliche Alternativansätze begründet sie Ihre Kritik und präsentiert das Konstrukt der „Early Literacy“ als sinnvolle Form der Anbahnung von Lese- und Schreibkompetenzen. Die Theorie und Inhalte dieser Sichtweise werden im Rahmen einer Längsschnittstudie empirisch fundiert.

Autorin

Hanna Sauerborn war mehrere Jahre Grundschullehrerin an der Adolf-Reichwein Schule in Freiburg und arbeitet aktuell als akademische Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg.

Herausgeber

Die vorliegende Publikation ist als Band 14 in der Reihe „Thema Sprache – Wissenschaft für den Unterricht“ unter der Herausgeberschaft von Björn Rothstein erschienen.

Aufbau

Das Werk umfasst 221 Seiten (inklusive Literaturverzeichnis und Anhang mit exemplarischen Transkriptionen sowie statistischen Daten), die Inhalte verteilen sich auf zwölf Kapitel und sind in einen theoretischen sowie einen empirischen Teil gegliedert.

Inhalt

Unter Rückgriff auf die Ergebnisse von Vergleichs- und Bildungsstudien führt die Autorin in ihrer Einleitung auf die beiden Schlüsselbegriffe der Arbeit hin – phonologische Bewusstheit und Early Literacy – und leitet daraus die zentralen Fragestellungen ihres Forschungsvorhabens ab. Diese beinhalten zwei Großbereiche, zum einen die kritische Hinterfragung des Konstrukts der phonologischen Bewusstheit, zum anderen die Fokussierung des Early Literacy Konstrukts sowie deren konzeptionelle Umsetzung.

Im zweiten Kapitel erfolgt eine breit angelegte Begriffsklärung von Literalität sowie deren Transfer auf eine sowohl gesellschaftlich als auch individuell beleuchtete Perspektive. Dabei wird vor allem die Vorstellung der mentalen Repräsentation ausgeführt und deren Bedeutung für den kindlichen Umgang mit Schriftsprache erläutert. Das Kapitel endet mit einem kurzen Einblick in die aktuelle Situation von Literalität in vorschulischen Bildungsinstitutionen.

Im anschließenden Teil kümmert sich Hanna Sauerborn um das Konstrukt der phonologischen Bewusstheit. Neben einer Begriffs- und Inhaltsklärung erläutert sie verschiedene Sichtweisen unter Nennung von vier verbreiteten Hypothesen und ordnet diese kritisch in Schriftspracherwerbskontexte ein. Diese angedeutete Kritik am „Mythos“ der phonologischen Bewusstheit wird anschließend unter Rückgriff auf wissenschaftliche Studien sowie Bewertungen von Trainingsprogrammen konkretisiert. Abschließend konstatiert die Autorin, dass aufgrund der dargestellten Misslage „alternative Ansätze zu einer ganzheitlichen Förderung von Kindern im Vorschulalter […] in die Bildungsdiskussion einfließen“ (S. 70) müssen.

Diese postulierten, alternativen Erklärungsansätze und -inhalte benennt die Autorin im nächsten Kapitel, indem das Early Literacy Konstrukt aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Es endet mit der Präsentation des der Arbeit zugrunde liegenden Literacy-Verständnisses, das sowohl eine Sichtweise auf Teilfertigkeiten als auch die Berücksichtigung der Teilhabe an der Schriftkultur beinhaltet. Damit leitet die Autorin zum empirischen Teil über.

Der zweite, empirische Teil des Buchs stellt die Vorgehensweise der empirischen Erhebung dar. Im Rahmen einer methodenmixenden Längsschnittuntersuchung erhebt die Autorin ihre Daten durch Rückgriff auf quantitative (z.B. MÜSC) wie qualitative (z.B. das „weiße Blatt“) Diagnoseverfahren. Diese Ergebnisse werden anschließend innerhalb unterschiedlicher Kategorien tabellarisch und übersichtlich aufbereitet sowie im Hinblick auf den theoretischen Rahmen der Arbeit eingeordnet und reflektiert. Dabei kommt Hanna Sauerborn bei der quantitativen Auswertung zu dem Ergebnis, dass „der vorschulische Schriftspracherwerb nicht auf den Faktor phonologische Bewusstheit reduziert werden sollte“ (S. 153). Sie folgert aus dieser Erkenntnis ebenfalls die Fragwürdigkeit von Trainingsprogrammen zur Förderung der phonologischen Bewusstheit und schlägt stattdessen eine Umsetzung von Early Literacy, bestehend „aus vielen Facetten vorschulischer Schrifterfahrung“ (S. 154), vor. Außerdem konstatiert sie anhand ihrer empirischen Daten, dass in den Untersuchungen „keine Prädiktionskraft für die phonologische Bewusstheit nachgewiesen werden“ (S. 153.) konnte. Auf qualitativer Ebene konkretisiert die Autorin diese Erkenntnisse mit Hilfe von fünf Einzelfallbeschreibungen der Studie sowie deren detaillierter Auswertung und Interpretation.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Hanna Sauerborn greift das vermeintlich breit bearbeitete Forschungsfeld der phonologischen Bewusstheit auf und stellt sich der Thematik anhand einer begründet kritischen Argumentation. Die dabei aufgeworfenen Inhalte und Sichtweisen scheinen theoretisch fundiert, empirisch belegt sowie gruppen- als auch individualspezifisch ausgewertet. Vor allem die Betonung der immer wieder feststellbaren „Überschätzung der phonologischen Bewusstheit“ als Kernaussage des Werkes soll als wichtiger Appell für einen reflektierten Umgang bei der Förderung der Anfänge des Schriftspracherwerbs dienen. Damit richtet sich dieses Buch vor allem an theoretisch ausgerichtete Adressatengruppen elementar- wie primarpädagogischer Fachkräfte und bietet dieser Leserschaft eine erkenntnisreiche wie sinnvolle Lektüre. LeserInnen, die auf der Suche nach praktischen Impulsen zur Umsetzung oder konkreten Maßnahmen des Early Literacy Konstrukts sind, werden in diesem Buch wenig fündig. Aber das ist auch nicht Ziel und Anspruch dieses Werkes.


Rezensent
Dr. Christoph Schiefele
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Zitiervorschlag
Christoph Schiefele. Rezension vom 12.10.2017 zu: Hanna Sauerborn: Zur Bedeutung der Early Literacy für den Schriftspracherwerb. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1466-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23207.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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