socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Luise Hartwig, Gerald Mennen u.a. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit mit geflüchteten Kindern und Familien

Cover Luise Hartwig, Gerald Mennen, Christian Schrapper (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit mit geflüchteten Kindern und Familien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 781 Seiten. ISBN 978-3-7799-3133-1. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Flucht und Vertreibung sind in den zurückliegenden Jahren zu einem zentralen Thema gesellschaftlicher Auseinandersetzung, aber auch der Sozialen Arbeit geworden, nicht nur in Bezug auf unbegleitete minderjährige Jugendliche, sondern auch in Bezug auf begleitete Jugendliche, auf Familien und das aktuell politische Thema des Familiennachzugs. Geflüchtete sind zumeist geprägt durch erlebte, oftmals nicht verarbeitete Ereignisse wie Krieg, Gewalt und Gefahren um das eigene Leben. Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien konfrontiert die Soziale Arbeit mit den grundsätzlichen Herausforderungen und Widersprüchen jeglicher Sozialer Arbeit. Was müssen eine Sozialpädagogin und ein Sozialarbeiter in den Handlungsfeldern über Fluchtgründe, Fluchtwege, Herkunft und Kultur, über rechtliche und administrative Bedingungen in der Jugendhilfe, der Schule, dem Gesundheitswesen und in der Berufswelt wissen? So fragen die Herausgeber/innen in der Einleitung zum Handbuch (S. 15).

Herausgeber/innen

  • Gerald Mennen ist geschäftsführender Vorstand und 2. Vorsitzender von OUTLAW. die Stiftung, Hamm;
  • Luise Hartwig ist Professorin für Erziehungswissenschaft, Fachhochschule Münster und Sprecherin des Stiftungsrates von OUTLAW. die Stiftung, und
  • Christian Schrapper, Professor an der Universität Koblenz-Landau, Institut für Pädagogik, Koblenz. 1. Vorsitzender von OUTLAW. die Stiftung.

Entstehungshintergrund und Zielsetzungen

Mit flankierender Unterstützung von OUTLAW. die Stiftung ist das fast 800 S. umfassende Handbuch entstanden. Durch die fast durchgehende Bezugnahme auf Soziale Arbeit füllt das Handbuch eine bislang bestehende Lücke, zumal andere aktuelle Handbücher einzig spezielle Teilgruppen in den Blick nehmen.

Das vorliegende Handbuch nimmt für sich in Anspruch, relevantes Grundlagenwissen zu bündeln und aufzubereiten, über Hintergründe und Kontexte von Flucht und Migration zu informieren sowie aktuelles Konzept- und Handlungswissen für eine problembewusste und engagierte Soziale Arbeit mit geflüchteten, Kindern, Jugendlichen und Familien zu erschließen (S. 16).

Aufbau

Gemäß der zentralen Leitfrage strukturiert sich das Handbuch in acht große Abteilungen, zuerst der „inneren Logik einer Flucht und Vertreibung folgend, dann den Akteurinnen/Akteuren und Aktivitäten Sozialer Arbeit im Ankunftsland“ (S. 15 f.). Überschriften für die acht Abteilungen bilden:

  1. Flucht – grundlegende Aspekte,
  2. Fluchtrouten, Erfahrungen auf der Flucht,
  3. Ankommen in Europa/Deutschland,
  4. Behörden und Akteure in Deutschland,
  5. sozialpädagogische Zugänge und Themen,
  6. Bildung und Arbeit,
  7. Jugendhilfe,
  8. Ressourcen in Kultur und Sport.

Ausgewählte Inhalte

Es wird dem Rezensenten nicht gelingen, ausführlich auf die Beiträge aller 90 Autoren/Autorinnen einzugehen. Es wird mir aber darum gehen, die thematische Breite skizzenhaft sichtbar werden zu lassen und aus jeder Abteilung mindestens einen besonders markanten Beitrag näher vorzustellen.

Zu Teil 1: Flucht – grundlegende Aspekte-

Stephan Keßler erörtert Asyl- und Flüchtlingspolitik in Deutschland, Albert Scherr Flüchtlingsschutz im Spannungsfeld von Menschenrechten und nationaler Souveränität, Jörg Maywald das Thema geflüchtete Kinder als Träger eigener Rechte. In seinem Beitrag Flucht in die Migrationsgesellschaft umreißt Aladin El-Mafalaani Befunde und Entwicklungen zu Migration und Flucht in globaler Perspektive, indem er Migrations- und Fluchtursachen und die eingeschränkten Möglichkeiten ihrer Bekämpfung herausarbeitet. In Bezug auf Deutschland konstatiert der Autor, dass in der Integration ein Wandel mit zunehmenden Kontroversen und Konflikten registrierbar sei. Integrationspolitik wird gespeist von der Idee, dass eine gelingende Integration die Entwicklung hin zu einer harmonischeren Gesellschaft begünstige. El-Mafalaani geht davon aus, dass „durch gelungene Integration viel häufiger Differenz- und Fremdheitserfahrungen gemacht werden, u.a. dadurch, dass sich Minderheiten insgesamt selbstbewusst zu Wort melden, ihre Interessen vertreten und eigene Ansprüche erheben“ (S. 26). Die Hauptaufgaben der Integration liegen bei Städten und Kommunen. Inzwischen gibt es einige wichtige zukunftstragende Ansätze. Nach wie vor herrschen aber auf der nationalen und internationalen Ebene das Verdrängen, Schließungstendenzen sowie populistische Lösungen vor.

Am Beispiel von Pakistan und Afghanistan entwickelt Sandra de Vries Vorstellungen und Formen von Familien und Familienleben. Nach Deutschland aus diesen Ländern eingereiste Flüchtlinge kommen überwiegend aus Großfamilien, zu denen alle benennbaren Mitglieder zählen. Werden die Menschen in Pakistan und Afghanistan überwiegend auf eine Wir-Gesellschaft vorbereitet, so geraten sie in Deutschland in eine Ich-Gesellschaft. Herrscht in ihren Heimatländern in der Regel eine strikte Geschlechtertrennung mit entsprechenden Vorstellungen räumlicher Nutzung, ist überdies das Familiensystem patriarchal und hierarchisch strukturiert, so erscheint das Familienleben und -system in Deutschland zumeist sehr fremd und z.T. moralisch bedenklich. In der Sozialen Arbeit mit Familien ist daher die Familiengeschichte von hoher Bedeutung.

Lebenslagen in den Herkunftsländern: Länderspezifische Besonderheiten als Ursache für Flucht und Migration stellt knapp einer der Herausgeber, Gerald Mennen, dar. Es folgen Länderreporte von Amnesty International in Form von Überblicken u.a. zu den Ländern Afghanistan, Ägypten, Albanien, Irak, Syrien, Serbien und Tunesien. Einen kurzen Einblick in SOS-Kinderdörfer als Lebensorte in Syrien liefert der Beitrag von Katharina Ebel, einen allgemeinen Überblick über Fluchtursachen der Artikel von Sophia Wirsching. Fluchtursachen sind Krieg und Gewalt, Diskriminierung und Verfolgung, die Religion (Darstellung am Beispiel von Nigeria), Landraub und Rohstoffhandel und schließlich Klimawandel und Naturkatastrophen. Oftmals stehen die Faktoren miteinander in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig.

Zu Teil 2: Flucht

Dieser insbesondere im Vergleich zu den nachfolgenden Teilen durch drei Beiträge sehr knapp gehaltene Teil beginnt mit dem hochaktuellen Thema über „Fluchtrouten – wie flüchten Menschen nach Europa?“ von Timon Marszalek. Dass die sechs reichsten Länder, die USA, China, Japan, Deutschland, Frankreich und das Vereinte Königreich, welche über 50 % der gesamten Wirtschaftsleistung erbringen, nicht einmal 9 % der Flüchtlinge beherbergen (S. 156), konstatiert der Autor in seiner Schlussüberlegung.

Transitland Marokko thematisiert Sophia Wirsching. Erfahrungen auf der Flucht und die Bedeutung der Flucht für Kinder und Familien thematisieren Katharina Gerarts und Sabine Andresen. Aus einer qualitativen Studie (durchgeführt vom World Vision Institut) stellen die Autorinnen Erlebnisse und Erzählungen von Kindern auf der Flucht, u. z. von ihren Familien begleiteten Kindern, dar. Dabei wird beispielhaft auf die Dimension gesundheitlichen und psychischen Wohlbefindens sowie die Dimension von Beziehungen zu anderen Menschen eingegangen. Hatten die Kinder Erlebnisse großer Unsicherheit auf ihrer Flucht zu bewältigen, so wird anhand der Interviews mit den Kindern auch sichtbar, dass Autonomie und Selbstbestimmung Sicherheit im Handeln, Fühlen und Denken geben (S. 172). Geflüchtet vor Gewalt und Terror brauchen die Kinder und ihre Familien ein Zuhause, Sicherheit und das Gefühl, dass sie beschützt werden und ihnen geholfen wird, ihre Ressourcen und Kompetenzen aufzubauen.

Zu Teil 3: Ankommen in Europa/Deutschland

Dies bedeutet Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Gesetzen und Kennenlernen verschiedener Einrichtungen. Der Teil 3 liefert davon einen Eindruck. So stellt David Werdermann die zentralen aufenthalts-, asyl- und sozialrechtlichen Regelungen für Flüchtlinge dar. Um Erstaufnahmeeinrichtungen, die die Bundesländer verpflichtet sind einzurichten und zu unterhalten, geht es Christine Rehklau., um kinderfreundliche Schutz- und Spielräume in Sammelunterkünften Biance Pergande, um ambulante Hilfen in Gemeinschaftsunterkünften Iris Engelhardt, um Geburtenregistrierung von in Deutschland geborenen Kindern Geflüchteter Dominik Bär, um Kirchenasyl Gisela Nuguid und Julia Reez um Rückführung. Ferner werden thematisiert: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Thorsten Gumbrecht), die Alterseinschätzung nach SGB VIII (Bundesverband umF e.V.), Minderjährigenehen unter Flüchtlingen in Deutschland (Dominik Bär) und während der Flucht verschwundene Kinder (Tanja Funkenberg).

Schließlich wird in zwei Beiträgen das aktuelle Thema Familiennachzug (Hendrik Cremer) und das Erlangen eines Aufenthaltstitels (Susanne Achterfeld) angesprochen. Die politisch verfügte Aussetzung des Familiennachzugs bedeutet für Personen, die z.B. von Syrien nach Deutschland geflohen sind, dass sie trotz positiven Abschlusses des Asylverfahrens zwei Jahre mindestens warten müssen, bevor sie nach Deutschland einreisen dürfen. Eine solche Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte ist grundgesetz- und menschenrechtswidrig. Folgenreich ist die Aussetzung des Familiennachzugs überdies auch, zumal die Lebensbedingungen und Sozialleistungen der Geflüchteten unmittelbar an den Aufenthaltsstatus anknüpfen (S. 244).

Zu Teil 4: Behörden und Akteure

Ging es im Teil 3 tendenziell um gesetzliche Aspekte und was diese „mit den Menschen machen“, so beschäftigt sich der Teil 4 vorrangig mit Behörden und Akteuren:

  • im Bereich der Behörden mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMMF) (Aleksandra Koluvija),
  • der Agentur für Arbeit und Jobcenter – Integration Points in NRW (Reinhard Langer),
  • der kommunalen Ausländerbehörde (Anja Tewes),
  • dem Jugendamt, einer Fachbehörde im Spannungsfeld sozialpädagogischer Dienstleistungen und Aufsichtsfunktion (Wolfgang Rüting) und schließlich
  • den Kommunalen Integrationszentren in NRW (Christa Müller-Neumann).

Grundlage für die Arbeit der 53 Kommunalen Integrationszentren, die auf den Schwerpunkten „Integration durch Bildung“ und „Integration als Querschnittsaufgabe“ basieren, bildet ein kommunales Integrationskonzept. Letztere umfasst interkulturelle Öffnung der Verwaltung, Pflege und Alter, Gesundheit, Wirtschaft und Sport. Vorwiegend arbeiten die Zentren koordinierend und vernetzend, u. z. mit unterschiedlichen sozialen Diensten wie den Frühen Hilfen und der Familienbildung. Im Handlungsfeld Sprachkurse stellen die Kommunikationszentren Transparenz her über die Angebote und koordinieren die Abstimmung der Angebote zwischen den einzelnen Kursträgern.

Im Bereich der Akteure geht es im Teil 4 um die verantwortungsvolle Aufgabe des Dolmetschens (Nidha Kochukandathil), speziell um (Laien-) Dolmetschen in der Sozialen Arbeit (Nicola Fischer), um Communities und Selbsthilfe von Geflüchteten (Julia Reez), um kommunale Strategie (Gabi Gaschina), um die Kooperation von bürgerschaftlichem Engagement und professioneller Arbeit (Vera Birtsch), um multikulturelle Teamarbeit (Sabrina Naber), um rassismuskritische Stabilisierung von Ehrenamtlichen (Alina Quasinowski, Andrea Reckfort), um Anforderungen an eine systemische Fort- und Weiterbildung in der Flüchtlingssozialarbeit (Stefan Gesmann) und schlussendlich um Personalplanung/Personalentwicklung (Joachim Merchel).

Zu Teil 5: Sozialpädagogische Zugänge und Themen.

Zentrale Themen sind:

  • „Minderjährige Flüchtlinge und Ihre Familien: Identität und Identitätsentwicklung“ (Norbert Wieland),
  • Religionssensibilität in der Arbeit mit geflüchteten Menschen (Josef Freise),
  • geflüchtete Frauen und Mädchen (Luise Hartwig),
  • Männlichkeit als (letzte) geschlechtsbezogene Konstante der Identität (Sabrina Brinks, Eva Dittmann),
  • Lebenswelten von Familien mit Fluchthintergrund (Christina F. Plafky) und
  • „Bist du schwul oder bist du Flüchtling?“ von Kadir Özdemir.

Reinhold Gravelmann setzt sich mit dem Thema geflüchteter Kinder in Deutschland als sozialpädagogisches Handlungsfeld auseinander. In den zurückliegenden Jahren habe sich die Soziale Arbeit vorzugsweise mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen befasst, während der Blick auf begleitete minderjährige Flüchtlinge weitgehend verstellt gewesen sei (S. 378). Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe sei, wie grundsätzlich ohnehin vorgesehen, bedarfsgerechte Angebote zur Unterstützung anzubieten, um Kindeswohlgefährdungen zu verhindern. Dazu gehört die Erfüllung körperlicher Grundbedürfnisse. In den Unterkünften ist dies oftmals nicht gegeben. Dass die Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen von hoher Bedeutung ist, stellt der Beitrag deutlich heraus; denn Flüchtlingskinder sind zuallererst Kinder/Jugendliche mit ihren Kind bezogenen Bedürfnissen. Auf sie wirken familiale Faktoren wie Erziehungsvorstellungen der Eltern. Insofern sei die Entwicklung der Kinder durch Elternarbeit zu stützen (S. 384).

Die zweite Hälfte des fünften Teils befasst sich mit Fragen der Gesundheit. So setzen sich Hugo Mennemann und Hanns Rüdiger Röttgers mit dem möglichen Beitrag Sozialer Arbeit zur Gesundheitsversorgung Geflüchteter auseinander. In den nachfolgenden fünf Artikeln befasst sich Antje Krüger mit Gesundheit und Krankheit, mit psychischen Erkrankungen, mit Traumatisierung, mit Sucht sowie Ressourcen/Resilienz.

Zu Teil 6: Bildung und Arbeit

Mit Chancen und Hindernissen der Kindertagesbetreuung für Geflüchtete befasst sich der Artikel von Christiane Meiner-Teubner; Frank Braun und Tilly Lex geht es um berufliche Qualifizierung von Flüchtlingen, Adolf Bartz um Schule und Flüchtlinge, Martina Kriener um Studium, Markus Reissen um interkulturelles Wissen und interkulturelle Sensibilität im Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen und mit deren Familien, Antonia Veramendi um Multiprofessionalität an Schulen mit geflüchteten Schülerinnen und Schülern, Aleksandra Koluvija um Integration durch Spracherwerb und Julia Rösmann um Integration von geflüchteten Menschen in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt.

Von grundlegender Bedeutung für den Teil 5 ist der Beitrag von Ibrahim Ismail. Als Selbstgestaltung des Menschen mit Inhalten und Werten der Kultur ist Bildung viel mehr als schulische, betriebliche und universelle Ausbildung. Als Auseinandersetzung im Zwischenraum von Eigenem und Fremdem kann Bildung schmerzhaft sein (S. 478). Freiheit sei eine förderliche Rahmenbedingung für Bildung; sie sei ein Weg aus sozialer Benachteiligung und Motor für Integration. Reduziere sich die Integrationsleistung auf Spracherwerb und berufliche Qualifizierung, also Ausbildung, dann könne der Mensch in der Gesellschaft zwar „funktionieren“, doch man könne nicht davon ausgehen, dass sich dabei bereits ein demokratisches Bewusstsein mit entsprechender Wertehaltung bildet.

ZunTeil 7: Jugendhilfe

Der umfangreichste siebte Teil ist gleichzeitig das Herzstück des Handbuches. So stellt Jens Pothmann statistische Daten zu Veränderungen in der Kinder- und Jugendhilfe durch geflüchtete junge Menschen dar, Daniel Kemp und Berit Mühl Arbeit mit geflüchteten Kindern in der Kita, Angela Kühner und Mareike Paulus Frühe Hilfen für geflüchtete Familien, Frank Sibom und Susanne Wolff Kinderschutz in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Margareta Müller ombudschaftliche Beratung und Unterstützung junger geflüchteter Menschen, Ursula Enders Kinderrechte und Beschwerdemanagement in Flüchtlingsunterkünften, Christina F. Plafky Kinderschutz in Flüchtlingsunterkünften, Felix Braun Erziehungsberatung, Lale Kaisen und Hanna Böhm Integration von Kindern aus Flüchtlingsfamilien in die Offene Kinder-und Jugendarbeit, Carsten Bluhm Jugendsozialarbeit, Franz-Josef Lensker Jugendhilfe und Berufsbildung, Friedhelm Höfener die Hilfen zur Erziehung, Klaus Wolf Pflegefamilien für Kinder und Jugendliche im Exil, Irmela Wiesinger Inobhutnahme, Hubert Wimber Migration und Kriminalität, Peter Hansbauer Vormundschaft, Felix Heinemann Familiengericht und Migration und Joachim Merchel Jugendhilfeplanung.

Der den Teil 7 einleitende Beitrag von Eva Dittmann und Heinz Müller zur Kinder- und Jugendhilfe im Kontext von Flucht und Migration liefert einen gründlichen Einstieg. Abgeleitet aus dem § 1 des SGB VIII haben neben allen anderen Kindern und Jugendlichen auch alle geflüchteten jungen Menschen und Familien Anspruch auf Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe (S. 571). Das SGB VIII unterscheidet nicht zwischen Geflüchteten und Nicht -Geflüchteten. Aus der Fluchtsituation ergebe sich ein Unterstützungsbedarf in vielfältiger Hinsicht, von der Wohnraumgestaltung, über die Gesundheitshilfe, Bildung und Ausbildung bis hin zur Bewältigung traumatischer Erlebnisse. Als Problem sehen Eva Dittmann und Heinz Müller, dass sich die Programme in der Regel auf spezifische Problemlagen beziehen (S. 577). Befähigt werden müssten auch die aufnehmende Gesellschaft und die beteiligten Institutionen, da Integration ein hochkomplexer Wandlungsprozess, der Reflexion von Machtverhältnissen, Verteilungsfragen und die Auseinandersetzung mit Werten und Normen erfordere. Die Kinder.- und Jugendhilfe habe, so beide Autor/innen, zu reflektieren, ob die Leitnorm der Lebensweltorientierung in der Zu- und Einwanderungsgesellschaft weiterhin Bestands- und Integrationskraft besitze.

Zu Teil 8: Ressourcen in Kultur und Sport

Bernward Hoffmann setzt sich mit Medien- und Kulturarbeit auseinander, Frishta Ahmadi und Marco Mathes mit Fragen zur interkulturellen Öffnung von Angeboten und Einrichtungen am Beispiel eines betrieblichen Projektes, Nadja Kutscher und Lis-Marie Kreß mit digitalen Medien bei Geflüchteten, Philipp Harpain, Susanne Lipp und Ellen Uhrhan mit GRIPS-Kampagnen -Theater mit geflüchteten Jugendlichen, Ibrahim Ismail mit Sport und seinen Möglichkeiten für Integration sowie Ib Ivar Dahl und Knud Andersen mit dem Kulturprojekt Flüchtlingsboot M/S Anton.

Im ersten Beitrag des achten Teils befasst sich Irma Jansen mit ressoucenorientierter Projektarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Ressourcenorientierte Projektarbeit richtet ihre Wahrnehmung auf die Förderung von Ressourcen und Bewältigungspotentialen ihrer Adressaten/innen aus. Dabei orientiert sich die Projektarbeit an der Herstellung einer haltgebenden Atmosphäre und einem partizipativ-dialogischen Zugang. Voraussetzung dafür sind Kenntnisse von Lebensbedingungen geflüchteter Kinder und Jugendlichen sowie Kompetenzprofilen. Die positive soziale Atmosphäre im Aufnahmeland ist Voraussetzung für die Bewältigung von vorher Erlebtem. Die Autorin referiert dazu als Beispiel den vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik 2016 veröffentlichten Zwischenbericht zum Projekt „Young Refugees NRW“. Auf der Grundlage der Aussagen der geflüchteten Kinder und Jugendlichen wurden drei zentrale Gruppencluster gebildet: diejenigen, die sich subjektiv wohlfühlen, die versorgten aber emotional belasteten Kinder und Jugendlichen und die diejenigen, die in ertragener Isolation und Ablehnung leben (S. 715). Ressourcenbezogene Projektangebote sollten auf der Grundlage dieser Gruppenhintergründe eine hohe Sensibilität für die individuelle Lebenssituationen und Gefühlszustände der Kinder und Jugendlichen haben.

Ein Stichwortverzeichnis ermöglicht am Ende des Handbuches eine artikelübergreifende Orientierung für spezifische Themen. Der Serviceteil mit Internet-Adressen und Kontaktdaten von staatlichen Stellen, Organisationen und Verbänden liefert einen Überblick für Interessierte zu entsprechenden Kontaktaufnahmen.

Diskussion und Fazit

Gibt das Handbuch zufriedenstellend Antworten auf die in der Einleitung formulierten Leitfragen? Das Handbuch Soziale Arbeit mit geflüchteten Kindern und Familien ist ungewöhnlich facettenreich, nicht zuletzt bedingt durch die unterschiedliche professionelle und disziplinäre Verortung seiner Autor/innen. Es gibt Sozialarbeitern/innen und Sozialpädagogen/innen viele Informationen für ihre Arbeit vor Ort, aber auch Anregungen, über ihre Arbeit zu reflektieren. Leser/innen erhalten vielfältige Hinweise, auch praxisnahe, zur Gestaltung ihrer Praxis. Es werden rechtliche und administrative Bedingungen für Einreise und Bleiben in Deutschland ausführlich angesprochen, aber auch kritische Überlegungen angestellt zu naiven Integrationsvorstellungen. Hervorzuheben ist hier der Beitrag von Ibrahim Ismail (Bildung: keine Integration ohne (informelle) Bildung, S. 478-490). Hervorzuheben ist ebenfalls der grundlegende Beitrag von Aladin El-Mafaalani zu Flucht in die Migrationsgesellschaft. Er arbeitet prägnant die politische Herausforderung der Integration von Geflüchteten heraus. Ein Lehrstück für all die Politiker/innen, die die schlichte Gleichung aufstellen: Spracherwerb und Arbeit gleich Integration! Beide Beiträge bieten reichlich Potenzial, über das jeweilige Verständnis von Bildung und Integration in der eigenen Praxisgestaltung nachzudenken. Auch im Handbuch selbst sind Querüberlegungen denkbar, z.B.: wenn von beruflicher Qualifizierung von Flüchtlingen die Rede ist, liegt die Frage nahe: Ist dabei auch an Bildung gedacht? Sie benötigt schließlich auch einen Ort!

Die Bedeutung der Flucht für Kinder insbesondere und ihre Familien arbeitet der Beitrag von Katharina Gerarts und Sabine Andresen heraus. Den Ergebnissen aus einer qualitativen Studie entnommen, erhalten im Artikel beider Autorinnen Kinder durch ihre Erzählungen eine eigene Stimme. Dies soltte nicht nur aufgrund eines ethnografischen Ansatzes für qualitative Studien gelten, sondern auch in den verschiedenen Orten der Kinder- und Jugendhilfe zum Standard werden: So sollte zur sozialpädagogischen Dienstleistung im Jugendamt die Biografiearbeit, in Bezug auf geflüchtete Kinder und Jugendliche die transnationale Biografiearbeit, konstitutiv sein.

Hervorzuheben ist wegen seines pointierten Überblicks zur Kinder- und Jugendhilfe im Kontext von Flucht und Migration sowie insbesondere wegen seines reflexiven Ansatzes der Beitrag von Eva Dittmann und Heinz Müller.

Kurzum: Theoriebezogene Diskurse und eher praxisbezogene Beiträge bilden in den acht Teilen eine gelungene duale Einheit. Die Aufteilung in acht große Teile ist überzeugend. Zur Erinnerung: Sie reichen von den Lebenslagen in den Herkunftsländern, über die Flucht/die Fluchtwege, Ankommen in Europa/ Deutschland, die Behörden, bis hin zu den sozialpädagogischen Zugängen und Themen, speziell auch der Jugendhilfe. Diesbezüglich ist auch der Titel des Handbuchs stimmig. Bleibt einzig die Frage: Zu Ankommen in Europa findet sich fast nichts, wie kommt es?

Ende gut – alles gut? Konzeptionell und inhaltlich ohne Frage! Zu beklagen sind vom Rezensenten einzig sich häufende kleine formale Fehler, z.B. in dem ansonsten sehr lesenswerten Beitrag von Sandra de Vries (S. 74 f.) oder in dem Beitrag „Anforderungen an eine systematische Fort- und Weiterbildung in der Flüchtlingssozialarbeit“ von Stefan Gesmann. In den Vorarbeiten zu einer zweiten Auflage, die dem Handbuch zu wünschen ist, sollten diese kleinen Mängel behoben werden.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 23 Rezensionen von Hans Günther Homfeldt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 04.12.2017 zu: Luise Hartwig, Gerald Mennen, Christian Schrapper (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit mit geflüchteten Kindern und Familien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3133-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23208.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!