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Ines-Jacqueline Werkner, Klaus Ebeling (Hrsg.): Handbuch Friedensethik

Cover Ines-Jacqueline Werkner, Klaus Ebeling (Hrsg.): Handbuch Friedensethik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 979 Seiten. ISBN 978-3-658-14685-6. 79,99 EUR.
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Thema

Frieden ist eine ganz menschliche Verhaltensweise, ist Ehrfurcht vor dem Leben, ist mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung, verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen und bedeutet eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt. Mit dieser Friedensdefinition wird das kostbarste Gut der Menschheit in der Deklaration von Yamoussoukro in das Bewusstsein der Menschen gebracht (Deutsche UNESCO-Kommission, Internationaler Kongress der UNESCO: Peace in the Mind of Men, Bonn 1992, S. 39). Frieden, so das Alltagsverständnis, fällt nicht vom Himmel, sondern muss von den Individuen und Gemeinschaften immer wieder mit neuer Anstrengung erworben und bewahrt werden. Wenn wir die Erfahrungen anschauen, die Menschen in ihrem lokalen und globalen Denken und Tun machen, so sagt uns das Sprichwort auch, dass Frieden nur da und dann möglich ist, wenn alle Menschen ihn wollen: „Der Mensch kann nicht in Frieden leben, wenn der böse Nachbar es nicht will!“. Friedensbildung und -erziehung sind demnach grundlegende Herausforderungen für den Idealzustand, dass Menschen friedlich und menschenwürdig zusammen leben können. Frieden und Freiheit gehören zusammen!

Entstehungshintergrund

Wir sprechen von „Globaler Ethik“, wenn es darum geht, das Humanum im Menschen zu bestimmen. In dem anthropologischen Bemühen, ein gutes, gelingendes Leben führen zu können wird dem anthrôpos die Fähigkeit zuerkannt, Allgemeinurteile fällen und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. „Friedensethik“ lässt sich bezeichnen als die theoretisch-praktische Beschäftigung mit dem Spagat, auf der einen Seite die „Entwicklung normativer Konzepte und Kriterien zur Begrenzung und Beendigung von Kriegen und militärischen Konflikten“ zu bewerkstelligen, und andererseits „normative(n) (positiven) Friedensansprüchen“ gerecht zu werden und „ein kritisch-normatives Orientierungswissen anzubieten“.

Herausgeberteam

Ein Handbuch will dazu beitragen, für den jeweiligen Fachdiskurs einen Überblick zu schaffen, die historische Entwicklung aufzuzeigen und die aktuellen Auseinandersetzungen zu diskutieren. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. in Heidelberg und Privatdozentin beim Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Ines- Jacqueline Werkner, und der Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden in Hamburg, Lehrbeauftragter am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fachbereich der Universität in Potsdam, Klaus Ebeling, geben das Handbuch heraus, an dem 73 ExpertInnen aus zahlreichen relevanten Fachbereichen und Disziplinen mitgearbeitet haben.

Aufbau und Inhalt

Das gewichtige, buchbinderisch und damit handhabbar gut gestaltete Handbuch wird neben der Einführung von Ines-Jaqueline Werkner und einer perspektivischen Vororientierung zur friedensethischen Reflexion von Klaus Ebeling in fünf Teile gegliedert:

  1. Verständigung über Grundbegriffe.

  2. Friedensethische Diskurse: Christliche und säkulare Hauptströmungen in der abendländischen Tradition.

  3. Friedensethische Diskurse: Religiöse und säkulare Traditionen weltweit – eine dialogorientierte Perspektivenerweiterung.

  4. Friedensethische Analysen zu aktuellen Kontroversen und Entwicklungen.

  5. Ethische Selbstreflexion der Friedens- und Konfliktforschung.

Frieden ist möglich – Frieden ist nötig – Frieden ist machbar. Die einzelnen, teilweise in Abschnitte untergliederten Beiträge

  1. Frieden – Ethik – Friedensethik

  2. Die Lehre vom gerechten Krieg – Das Leitbild vom gerechten Frieden – Pazifismus – Krieg und Frieden in der politischen Theorie internationaler Beziehungen

  3. -

  4. Herrschaft – Recht – Gerechtigkeit – Gewalt (Fokus Rüstung) – Gewalt (Fokus Asymmetrische Konstellationen) – Gewalt (Fokus Konflikttransformation)

  5. -

sind der Überzeugung verpflichtet, dass für ein friedensethisches Bewusstsein Risikosensibilität und die Kompetenz zum Perspektivenwechsel notwendig sind und sich jede Form von Dogmatisierung verbietet; vielmehr ist Voraussetzung dafür „in der Sache konfliktbereite Problemlösungskompetenz und im Verhältnis der beteiligten Personen … Toleranz aus Respekt“.

Ines-Jacqueline Werkner vermittelt mit ihrem Beitrag „Zum Friedensbegriff in der Friedensforschung“ einen Überblick über den Untersuchungsgegenstand. Sie stellt heraus, dass in der intellektuellen Reflexion die Spannweite vom faktischen hin zum positiven, prozessorientierten Friedensdiskurs verläuft.

Der Politikwissenschaftler Dieter Senghaas und die Sozialwissenschaftlerin Eva Senghaas-Knobloch thematisieren mit ihrem Beitrag „Dimensionen des Friedens“ die Situation, dass sich „Frieden ( ) nicht technokratisch realisieren (lässt), denn ordnungspolitische Orientierungen … werden im je konkreten Konfliktfall in der Regel zunächst kontrovers (und) widersprüchlich beurteilt“.

Die Politikwissenschaftlerin von der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, Sabine Jaberg, setzt sich mit den differenten Kategorien „Frieden und Sicherheit“ auseinander. Sie zeigt auf, dass es „zum einen Unterschied (macht), ob Frieden aus einer Sicherheitsperspektive oder Sicherheit aus einer Friedensperspektive betrachtet wird“.

Patricia Schneider, Kirstin Bunge, Horst Sebastian, Mayeul Hiéramente, Michael Brzoska und Götz Neuneck, alle vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, zeigen mit dem Beitrag „Frieden in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen“ das Spannungsfeld von Macht, Herrschaft, Technologie, Recht, Moral und Religion auf. Sie stellen mit ihrer Bestandsaufnahme die Frage: „Darf alles erforscht werden, was auch erforscht werden kann?“.

Der Philosoph und Ethiker von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, Konrad Ott, reflektiert mit seinem Beitrag „Allgemeine Ethik und praktische Philosophie“ das Verhältnis zwischen „Moralen, Moralität und Ethik“. Er zeigt auf, wie ethische Kritik wirksam werden kann, und auf welchen Feldern und Ebenen sie scheitern muss.

Christine Bratu von der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität in München setzt sich mit dem Verhältnis von „Ethik – Recht – Politik“ auseinander. In den differenten Bezugnahmen und Bezugsgrößen beim liberalen Denken und Handeln insbesondere in der internationalen Politik bleibt die Forderung, „dass insbesondere das Völkerrecht dazu genutzt werden sollte, global bestimmte ethische Minimalstandards zu etablieren“.

Die Münsteraner Philosophen Thomas Gutmann und Michael Quante verdeutlichen die Unterschiede zwischen „Individual-, Sozial- und Institutionenethik“. Sie diskutieren kontextübergreifende Prinzipien, die von einem „metaethischen Pluralismus“ ausgehen und eine ethische Praxis ermöglichen.

Der Philosoph von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, Micha H. Werner, stellt sich mit seinem Beitrag „Begründungsansätze und Argumentationsformen“ den Herausforderungen zum ethischen Argumentieren. Es kommt darauf an, bei „Beiträge(n) zur Friedensethik … die ethischen Grundlagenkontroversen zur Kenntnis (zu) nehmen“.

Der Soziologe von der Bergischen Universität in Wuppertal, Peter Imbusch, exploriert „Die friedensethische Bedeutung der Kategorie Herrschaft“. Es besteht „ein enger Nexus zwischen Ungleichheit, Herrschaft und Konflikt, und die je konkrete Ausgestaltung dieses Beziehungsgeflechts (ist) wichtig für die Art des Friedens in einer Gesellschaft sowie zwischen Gesellschaften“.

Der Rechtswissenschaftler von der Universität Hamburg, Stefan Oeter, konstatiert mit seinem Beitrag „Die friedensethische Bedeutung der Kategorie Recht“ die Entwicklungen im internationalen Friedenssicherungsrecht, etwa der UN-Charta und des humanitären Völkerrechts. Während die normative, lokale und globale Entwicklung Grundimpulse der Friedensethik aufnimmt, zeigen sich im praktisch-ethischem Verständnis noch allzu große Lücken und Differenzen.

Der Religionswissenschaftler von der Universität der Bundeswehr in München, Friedrich Lohmann, diskutiert in seinem Beitrag „Die friedensethische Bedeutung der Kategorie Gerechtigkeit“ drei friedensethisch relevante Gerechtigkeitsverständnisse und setzt sich mit deren Stärken und Schwächen auseinander. „Der Versuch könnte … dazu führen, die unterschiedlichen Emphasen in ihrer Legitimität und ihren Übersteigerungen besser zu verstehen, sie einem argumentativen Diskurs zu öffnen und sie so einzubeziehen in den weiteren Horizont einer verantwortlichen, wahrhaft menschlichen Gemeinschaft mit ihrer Hoffnung auf einen gerechten Frieden“.

Die Soziologen von der Universität in Trier, Martin Endreß und Benjamin Rampp, debattieren „Die friedensethische Bedeutung der Kategorie Gewalt“. Sie setzen sich mit den unterschiedlichen Zusammenhängen und Ausprägungen zum Gewaltbegriff auseinander. „Die Bewältigung und Einhegung des Ausübens von Gewalt wie des Erlebens und des Erleidens von Gewalt (müssen) dauerhafte Herausforderungen jeder Herstellung friedlicher Verhältnisse menschlichen Zusammenlebens bleiben“.

Die Philosophin beim Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Universität in Lübeck und beim Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft an der Leuphana Universität in Lüneburg, Christina Schües, diskutiert „Vor-Urteile und Menschenbilder“. Es geht in der schulischen und außerschulischen Bildung um „die Sichtbarmachung von Vorurteilen, ihren Bedingungen und Mechanismen, sowie (den) Abbau von Vorurteilen wie auch den Aufbau einer Wahrnehmung der Wirklichkeit, die das Fremde nicht mehr als Bedrohung fantasiert“.

Der Religionswissenschaftler und Didaktiker von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Daniel Krochmalnik, denkt über „Krieg und Frieden in der hebräischen Bibel und rabbinischen Tradition“ nach. Er nimmt den Diskurs über den „heiligen Krieg“ auf und setzt den „Gottesfrieden“ dagegen.

Der Münchner Philosoph und Ethiker Friedo Ricken reflektiert „Krieg und Frieden in der griechischen Antike: Platon und Aristoteles“. Es sind die Vorstellungen vom guten, gelingenden Leben, von Muße und Frieden, die sich in der Friedensethik ausdrücken, und die den Menschen als auf die Gemeinschaft angewiesenes Lebewesen human und gemeinschaftsfähig machen muss.

Der Philosoph von der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg, Maximilian Forschner, greift mit seinem Beitrag „Krieg und Frieden in der römischen Antike: Cicero und die Stoa“ auf die naturrechtlichen Vorstellungen zurück und zeigt die eminent geistesgeschichtliche Wirkung über die Jahrtausende bis heute auf. Sie „taugen nach wie vor dazu, in völkerrechtlichen Regelungen wohlbegründeter Kriegsführung und Friedensordnung Beachtung zu finden“.

Der wissenschaftliche Assistent für philosophische Grundlagen der Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität in Tübingen, Aaron Looney, setzt sich mit dem Beitrag „Die Lehre vom gerechten Krieg im frühen Christentum: Augustinus“ auseinander. Es kann Frieden ohne Krieg, aber keinen Krieg ohne Frieden geben, weil Frieden auf der göttlichen Ordnung beruht und Krieg die Störung dieser Ordnung bedeutet.

Marko J. Fuchs, Privatdozent am Lehrstuhl Philosophie der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, schaut bei Thomas von Aquin nach, wie sich die „Lehre vom gerechten Krieg im Mittelalter“ darstellte. Es ist die Naturrechtslehre, die zur thomasischen Zeit bis heute die Begründungen für überzeitliches, kulturinvariantes sittliches Handeln liefert.

Die pädagogische Mitarbeiterin von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Kirstin Bunge, und der Dozent für Katholische Sozialethik von der Universität in Hamburg, Matthias Gillner, nehmen sich zur Frage von der Lehre vom gerechten Krieg zwei bedeutende Interpreten aus der iberischen Spätscholastik vor: Francisco de Vitoria und Bartolomé de Las Casas. Deren normatives, kulturanthropologisches und friedensethisches Verständnis kann in der globalen Diskussion um Krieg und Frieden, um Völker- und Menschenrechte wichtige Anregungen geben.

Der Sozialethiker von der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, Volker Stümke, thematisiert am Beispiel Martin Luthers „Krieg und Frieden in der Reformation“. Es sind vor allem die Wertvorstellungen – „Frieden hat auch eine persönliche Dimension: die Zufriedenheit“, „Religions- und Meinungsfreiheit“, „Schutzverantwortung“ – die Luthers Lehre auch für den heutigen Diskurs fruchtbar macht.

Der Religionswissenschaftler von der Leibniz-Universität in Hannover, Marco Hofheinz, reflektiert das Verständnis „vom gerechten Krieg in der reformierten Tradition“ am Beispiel der calvinistischen Lehre. Es ist vor allem die Differenzierung zwischen einer Legitimierung und der Einschränkung von militärischer Gewalt, die es interessant erscheinen lassen, die Lehren des Genfer Reformators in den Blick zu nehmen und damit auch anzuknüpfen an die Menschenrechtslehre: Menschen „sind geschaffen, um einer dem anderen zu helfen und einander zu unterstützen“.

Der Hamburger Jurist Christoph Stumpf schaut bei Alberico Gentili und Hugo Grotius nach, wie sich das „Recht des Krieges und des Friedens im klassischen Völkerrecht“ darstellt. Die durchaus unterschiedlichen, theoretischen, natur- und völkerrechtlichen Standpunkte der beiden Akteure bringen Stumpf zu der Aussage, dass insbesondere Grotius´ Beurteilung der Gerechtigkeit von Kriegen dazu führt, dass sie auch im aktuellen Diskurs berücksichtigt werden können.

Der Ethiker von der Theologischen Fakultät der Universität in Bern, Wolfgang Lienemann, betrachtet in seinem Beitrag „Die Revision der Lehre vom gerechten Krieg angesichts der Erfahrungen der Weltkriege und der Atombewaffnung“ die Entwicklung und Veränderung der herkömmlichen, völkerrechtlichen Legitimationsformen von Kriegen. Er zeigt auf, dass in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter) entwickelnden Welt die traditionellen Lehren „von einem rechtmäßigen Krieg ( ) grundsätzlich nicht im Blick auf einen Einsatz von Atomwaffen geltend gemacht werden (können)“.

Der Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen und Jenenser Religionswissenschaftler Michael Haspel blickt mit seinem Beitrag „Die Renaissance der Lehre vom gerechten Krieg in der anglo-amerikanischen Debatte“ auf die Argumentationen und Theoriebildungen, wie sie insbesondere der US-amerikanische Sozial- und Moralphilosoph Michael Walzer thematisiert. In dem 1977 erschienenem Buch „Just and Unjust Wars“ geht es insbesondere darum, beim Diskurs über den gerechten Krieg über Einschränkungen möglicher Kriegsgründe, -zwecke und -mittel nachzudenken und damit eine „Einhegung“ anstatt einer kategorischen Vermeidung des Krieges zu bewirken.

Der Theologe von der Universität in Bern / Schweiz, Torsten Meireis, nimmt mit seinem Beitrag „Die Revisionist Just War Theory“ den angelsächsischen Diskurs über die „überarbeitete Theorie des gerechten Krieges“ auf, indem er sich mit Jeff McMahan und anderen Vertretern der moralischen Problematisierung der Kriegsführung kritisch auseinandersetzt. Der Fokus auf „die individuelle Verantwortung der Kombattanten“ und damit auf die Gewichtung von Recht und Moral führt dazu, dass in der Theoriebildung weiterhin das Kriegsparadigma Anwendung findet.

Der Sozialethiker von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, Thomas Hoppe, und Ines-Jacqueline Werkner setzen sich mit dem Beitrag „Der gerechte Frieden“ mit den Positionen in der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland auseinander: „Gewaltdeeskalation und Gewaltminimierung werden nicht mehr allein reaktiv gedacht; mit seinem weiten Friedensverständnis setzt das neue Leitbild bei den Ursachen an, aus denen Krieg und Gewalt erwachsen“.

Der (Friedens-)Theologe von der Vrije Universiteit Amsterdam und Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“ im Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg, Fernando Enns, informiert mit dem Beitrag „Der gerechte Frieden in den Friedenskirchen“ über Entwicklungen, Zielsetzungen und Praxis der historischen Friedenskirchen, wie z.B. den Mennoniten, den Quäkern und der Kirche der Brüder. Selbst Verfolgung und Minderheitenproblematik erleidend, haben sich bei den Gläubigen Bewusstsein und Aktivitäten entwickelt, eine besondere individuelle und kollektive Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu entwickeln.

Ines-Jacqueline Werkner vermittelt mit ihrem Beitrag „Der gerechte Frieden im ökumenischen Diskurs“ einen Überblick über den Perspektivenwechsel, wie ihn der Ökumenische Rat der Kirchen vollzieht, und wie er sich positiv, aber auch defizitär darstellt. „Die westliche Dominanz in den Debatten … (ist) einer weltweiten Ökumene wenig förderlich“.

Der Siegener Theologe Heinz-Günther Stobbe greift mit seinem Beitrag „Gerechter Friede im Kontext von Ekklesiologie und Staat-Kirche-Verhältnis“ die Geschichte der vielfältigen, kontroversen Beziehungen zwischen Kirche und Staat auf. Es bedarf neuer Denk- und Verständniswirkungen, um ein zivilgesellschaftliches, menschenwürdiges Gleichgewicht zwischen Glaubensgemeinschaften und Staat herstellen zu können: „Kaum vorstellbar, was die Christenheit zum Frieden in der Welt beizutragen imstande wäre, wenn es ihr gelänge, in Theologie und Leben besser zur Geltung zu bringen, was die Kirchen gemeinsam in ihrem Glaubensbekenntnis von sich selbst zu glauben bekennen, nämlich ‚katholisch‘ zu sein“.

Marco Hofheinz plädiert für „radikalen Pazifismus“. Er leitet den Begriff aus der jesuanischen Bergpredigt ab und verbindet ihn mit dem Ethos der Feindesliebe und Gewaltlosigkeit. Im frühchristlichen und mittelalterlichen und im humanistisch-utopischen Pazifismus sieht er Grundlagen für die verschiedenen pazifistischen Formen und Ausprägungen: Im Leo Tolstois Pazifismus, im aktiven, gewaltfreien Pazifismus bei Mahatma Gandhi und Martin Luther King, im Pazifismus der ökumenischen Bewegung und im religiösen Sozialismus, wie auch im neutäuferischen Pazifismus bei Eberhard Arnold und John Howard Yoder.

Die Philosophin von der Philipps-Universität in Marburg, Gertrud Brücher, diskutiert „Rechtspazifismus“ als die Lehre und politische Bewegung, Gewalt der Herrschaft des Gesetzes zu unterwerfen. Nicht die religionsmoralische Fundierung eines Rechtsfriedens ist es, die einen rechtspazifistischen Perspektivenwechsel möglich macht, sondern die logisch-erkenntnistheoretischen Strukturen und Denkweisen sind es, die individuell, lokal und global Rechtsfrieden schaffen.

Der Wissenschaftstheoretiker von der Berliner Humboldt-Universität, Olaf L. Müller, stellt den „pragmatischen Pazifismus“ vor. „Pazifismus ist auch ohne Gesinnungsethik möglich“. Mit diesem Standpunkt verweist der Autor auf die im Friedensdiskurs weitgehend vernachlässigten Zusammenhänge von Pazifismus und Pragmatismus. An konkreten Beispielen aus dem Kosovo-Krieg, der Afghanistan-Intervention und dem französischen, militärischen Eingreifen im westafrikanischen Mali verweist er auf militärische und zivilgesellschaftliche Aktivitäten zu Konfliktlösungen.

Felix Wassermann von der Humboldt-Universität setzt sich mit „Krieg und Frieden bei Thomas Hobbes“ auseinander. Hobbes´ „Friedensrealismus“ wird deutlich in der Aufforderung, „den Frieden und den Krieg zu verstehen und beide den souveränen Regenten wie auch den Völkern verständlich zu machen“.

Der Kieler Philosoph Wolfgang Kersting greift mit seinem Beitrag „Globaler Rechtsfrieden – Immanuel Kants Entwurf eines ‚ewigen Friedens‘“ die wegweisende, rechtsmetaphysische Aufforderung zum kategorischen Imperativ auf: „Die vernunftbegründete Rechtsgesellschaft ist keine Solidargemeinschaft der Bedürftigen, sondern eine Freiheitsgemeinschaft von Rechtssubjekten“.

Der ehemalige Leiter des Instituts für Frieden und Demokratie der FernUniversität in Hagen, Hajo Schmidt, vermittelt mit seinem Beitrag „Rezeption und Kritik der Kantschen Friedenstheorie“ einen Überblick über die Kant-Rezeptionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Bezugnahmen und Vereinnahmungen der kantischen Rechts- und Staatstheorien für den Weltfriedensordnungs-Diskurs und des Global-Governance-Denkens verdeutlichen, dass ein von Kant indizierter Völkerrechtsliberalismus auf eigentumsrechtlichen (kapitalistischen) Grundlagen beruht und somit individuelle und kollektive Ungerechtigkeiten produziert.

Andreas M. Bock von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften geht mit seinem Beitrag „John Rawls und ‚Das Recht der Völker‘“ dem Vorwurf nach, ob der US-amerikanische Philosoph mit seiner Theorie „Verrat am Liberalismus und der Idee der ‚Theorie der Gerechtigkeit‘“ begangen habe. „Das Ziel des ‚Rechts der Völker‘ ist es, die strukturellen Voraussetzungen für (zumindest) achtbare politische Institutionen in den Gesellschaften und faire politische und wirtschaftliche Institutionen und Praktiken zwischen den Gesellschaften zu schaffen“.

Der Politikwissenschaftler von der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, Reinhard Zintl, fragt nach „realistische(n) versus idealistische(n) Perspektiven politischen Handelns“. In der Gegenüberstellung der beiden Positionen, Denk- und Handlungsrichtungen. Es sind die Imponderabilien und Szenarien, die von (schwachen und starken) Staaten ausgehen und Frieden gefährden. „Realisten und Idealisten müssen sich fragen, welche Friedensethik angesichts dieser asymmetrischen Kriegsform wichtig und richtig ist“.

Der Politikwissenschaftler von der Universität Bremen, Peter Mayer, stellt „friedensethische Normierungen in jüngeren Ansätzen der internationalen Beziehungen“ vor. Der Forschungsansatz im Rahmen der politischen Wissenschaften will Antworten nach den Strategien geben, die den Frieden befördern und ermöglichen. Mit der These, dass Machtgleichheit mit Frieden korreliert, wird auf die Synthese gesetzt, dass „sich das liberale Theorem des demokratischen Friedens in empirischen Untersuchungen als außergewöhnlich robust erweist“.

Der Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, Walter Homulka, reflektiert „Krieg und Frieden im jüdischen Kontext“. Er verweist darauf, „dass der Pazifismus … im Vorbild der Glaubensväter, Propheten, Gelehrten und Rabbiner wie im Judentum generell verankert ist“. In der historischen, wie in der aktuellen Betrachtung von „Schalom“ (Frieden) werden Hoffnungen, Wünsche und Visionen, aber auch Enttäuschungen, Egoismen und Unzulänglichkeiten deutlich.

Der Dogmatiker von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/M., Dirk Ansorge, setzt sich mit „Krieg und Frieden im islamischen Kontext“ auseinander. Er greift historische Traditionen und aktuelle Konfliktsituationen in einer veränderten Weltordnung auf und diskutiert die neuen Herausforderungen für eine islamische Friedensethik. Nicht das willkürliche Herauslösen von einzelnen Suren aus dem Koran, sondern ein ganzheitliches Verständnis des Islams und eine globalethische, menschenrechtliche und menschenwürdige Betrachtung von Glaubensbekenntnissen bietet die Chance für eine islamische Friedensethik.

Der Indologe von der Münchner Ludwig-Maximillians-Universität, Robert Zydenbos, thematisiert „Krieg und Frieden im Kontext hinduistischer Traditionen“. Die Nachschau bei den religiösen Schriften, wie z.B. in der Bhagavadgita, und bei traditionellen und gesellschaftspolitischen Programmen, wie bei Mahatma Gandhi oder der Hindutva, wie auch die Rückgriffe auf klassische hinduistische, brahmanische Gesellschaftsordnungen machen eine neue, lokale und globale Identifizierung notwendig.

Der Religionswissenschaftler von der Pontificia Universidade Católica de Sao Paulo / Brasilien, Frank Usarski, betrachtet „Krieg und Frieden im Kontext buddhistischer Traditionen“. Die Lehre von der Gewaltlosigkeit hat in der buddhistischen Ethik einen hohen Stellenwert. Eine gewaltfreie Welt und ein friedliches, harmonisches Zusammenleben der Menschen gilt in den verschiedenen buddhistischen Glaubenslehren als Grundlage des geistlichen und zivilen Denkens und Handelns. Es ist die „Betonung des Prinzips, dass Krieg und Frieden als kollektive Konsequenzen der persönlichen Orientierung der Menschen zu betrachten sind“.

Der Erziehungswissenschaftler von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Ulrich Bartosch, greift mit dem Beitrag „Friedensstrategie Weltinnenpolitik“ die Konzeption von Carl Friedrich von Weizsäcker auf. Es ist der dringende Aufruf zur „Schaffung eines politisch gesicherten Weltfriedens, der alleine die drohende gegenseitige atomare Vernichtung der Weltmächte verhindern könnte“.

Es sind die intellektuellen und ethischen Herausforderungen, bei denen demokratische Strukturen als Weltordnungsprinzipien übertragen werden müssen.

Der Münchner Philosoph Michael Reder und die Hamburger Politikwissenschaftlerin Hanna Pfeifer positionieren sich mit dem Beitrag „Governance im Spannungsfeld von Frieden und Gerechtigkeit“, indem sie das vielfältige Dreiecksverhältnis von Frieden – Gerechtigkeit – Governance diskutieren. Mit Hilfe von poststrukturalistischen Theoriebildungen sollte es gelingen, gesellschafts- und kulturbedingte Verständnisse und Praktiken zusammen zu denken.

Der Bremer Sozialwissenschaftler und Entwicklungsexperte Rainer Tetzlaff fragt nach der „Friedensfähigkeit von Diktaturen und autoritären Regimen“. An Beispielen von Staats- und Gesellschaftsentwicklungen werden nichtdemokratische Regierungen als Vorstufe für eine (gelingende?) nachfolgende Demokratisierung vorgestellt: Ghana und Südkorea; als nationale Versöhnungsdiktatur (Ruanda und Algerien), und als fragile Regime mit politischer Stabilisierung (Ägypten und Äthiopien) diskutiert.

Der Theologe und Ethiker von der Universität Fribourg, Daniel Bogner, nimmt mit seinem Beitrag „Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht“ die Frage auf: „Können die Menschenrechte überhaupt ein Instrument zur Förderung und Herstellung des Friedens sein?“. Die in der UN-Menschenrechtsdeklaration deklarierten, gleichen und allgemeinverbindlichen Friedens-, Freiheits- und Gerechtigkeitsrechte sind mitnichten allgemein anerkannt. „Es muss über alternative und ergänzende Mechanismen nachgedacht werden, mit denen die Auslegungsnotwendigkeit der normativen Leitbilder ‚Frieden‘ und ‚Menschenrechte‘ geleistet werden kann“.

Thomas Hoppe und der Heidelberger Politikwissenschaftler Peter Schlotter artikulieren „Internationalen Menschenrechtsschutz und die Grenzen der Staatensouveränität“. Seit dem von den Vereinten Nationen 2005 erlassenem Prinzip „Responsibility to Protect“ gilt Staatensouveränität nicht mehr unabdingbar als Schutznorm gegen die Einmischung anderer Staaten in innere Angelegenheiten; vielmehr liegt die Verpflichtung zugrunde, dass Staaten ihre Bevölkerung vor massenhafter Gewalt schützen. Es ist die institutionalisierte, staatliche Herausforderung Schutzverantwortung zu übernehmen.

Der Mitarbeiter bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Matthias Dembinski, fragt aus gegebenem Anlass nach „Friedensnormen und Bündnissolidarität im Widerstreit?“. Spätestens „seit dem Afghanistankrieg wird in der deutschen sicherheitspolitischen Debatte ein Spannungsverhältnis zwischen den von Deutschland vertretenen Friedensnormen … und der von unseren Partnern erwarteten Bündnissolidarität konstatiert…“. Die national und international entstandenen Bündnis- und Sicherheitsstrategien können bisher keine verlässlichen Antworten darauf geben, „ob diese partikularen Arrangements eher Bausteine oder Barrieren des globalen Regierens darstellen…“.

Der an der österreichischen Universität in Graz lehrende Rechtswissenschaftler Gerd Oberleitner thematisiert „Frieden in Gerechtigkeit oder ‚Versicherung‘ des Friedens?“. Der notwendige Paradigmenwechsel weg von nationaler Sicherheit und hin zu einem umfassenden, globalen Sicherheitsverständnis ist seit dem „Human Development Report“ mit dem Anspruch „Human Security“ in vollem Gange. „Menschliche Sicherheit als Ausdruck individueller Sicherheitsbedürfnisse verlangt integriert e und kooperative Reaktionen auf der Basis gemeinsamer Werte und Gerechtigkeitsvorstellungen“.

Der Wissenschaftler beim Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Lothar Brock, verknüpft mit seinem Beitrag „Frieden in Gerechtigkeit zwischen realpolitischer Perspektive und Utopie“ die beiden Werte und Lebensformen miteinander. „Der Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit ist … höchst vielschichtig. In der Praxis besteht zwischen Frieden und Gerechtigkeit ein Spannungsverhältnis, das friedensethisch reflektiert, aber nicht aufgehoben werden kann“.

Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Simone Wisotzki, thematisiert mit „Geschlechtergerechtigkeit als friedensethischer Imperativ“ die Verbindung der beiden Werte- und Normenkonzepte und zeigt die individuellen und zivilgesellschaftlichen Wirkungen und Auswirkungen auf. In der feministischen Ethik konkurrieren unterschiedliche und kontroverse Konzepte miteinander: „Dabei gilt es auch, strukturelle Gewaltverhältnisse zu thematisieren und zu beseitigen“.

Der Direktor beim Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, Michael Brzoska, greift das hochbrisante Thema „Rüstungsherstellung und Rüstungsexport: Gebote, Verbote und Paradoxien“ auf. Es sind die wirtschafts- und marktpolitischen, technologisch motivierten und ethisch fragwürdigen Aspekte der nationalen und internationalen Waffenexporte und -importe, die friedensethische Ansprüche konterkarieren. „Das Einbringen friedensethischer Prinzipien in die politischen Auseinandersetzungen über Rüstungspolitik und deren Ausbuchstabierung für konkrete Problemlagen bleibt daher eine schwierige, aber wichtige Aufgabe“.

Der Wissenschaftliche Mitarbeiter beim Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Rechtstheorie und Rechtssoziologie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, Sebastian Roßner, nimmt die vorliegenden internationalen Vereinbarungen zur Rüstungsbegrenzung und des -verbots zum Anlass, um über die „Ächtung von Waffen“ zu reflektieren. Obwohl die Notwendigkeit zu internationalen Vereinbarungen zu kommen, nicht in Frage gestellt wird, verdeutlicht der Autor doch, dass „Rüstungsbegrenzungsabkommen … häufig zu spät (kommen), nämlich erst, nachdem bereits große Schäden durch den Einsatz der fraglichen Waffen angerichtet worden sind“.

Der Politikwissenschaftler von der Universität in Innsbruck, Martin Senn, unternimmt mit seinem Beitrag „Nukleare (Ab)Rüstung“ eine kritische Bestandsaufnahme darüber, wie sich Nuklearwaffen ethisch bewerten lassen. Er orientiert sich dabei an den von Joseph Nye (1986) aufgestellten fünf Maximen für eine nukleare Ethik (vgl. auch: Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php).

Der Naturwissenschaftler von der Technischen Universität Dortmund, Jürgen Altmann, diskutiert, wie unbemannte Waffensysteme ethisch beurteilt werden können. Er warnt, dass die Entwicklung, Einführung und Benutzung von autonomen Waffensystemen eine neue Ära der Kriegsführung einleiten würden. Er plädiert für ein „präventives, internationales Verbot autonomer Waffensysteme“.

Der Hamburger Friedensforscher Götz Neuneck fragt „Krieg im Internet?“. Er greift die weltweiten Sorgen auf, „dass das Internet den Status eines stabilen, offenen und friedlichen globalen Kommunikationsnetzes verliert und … zu einer neuen Domäne der Kriegsführung wird“: Cyberwar, Cybersphäre, Cyberkriminalität, Cyberüberwachung. Ein „Code of Conduct“ ist gefordert!

Der Philosoph und Anthropologe Georg Meggle von den Universitäten Leipzig und Kairo diskutiert mit seinem Beitrag „Terrorismus als ethische Herausforderung“ die verschiedenen Formen und Ausprägungen terroristischen Denkens und Handelns. „Terrorismus-Ethik“ hätte sich auseinanderzusetzen mit Fragen wie: Warum und wie entsteht und wirkt Terrorismus? Welche Ursachen sind für diese gewaltsame Form verantwortlich? Gibt es einen gerechten Terror? Welche ethischen und moralischen Werte sind ihnen entgegenzusetzen?

Der Hamburger Jurist Gerd Hankel stellt mit dem Begriff „Casualty Shyness“ Fragen nach Schuld und Verantwortung in postheroischen Gesellschaften. Die Täter-Opfer-Diskussion ist eng verbunden mit den ethischen Nachfragen nach Schuld, Verantwortlichkeit und Sühne. Die Aufforderung – „Führt euren Krieg, aber behandelt gegnerische Zivilisten so, als seien es eure eigenen Staatsbürger“ (Margalit / Walzer, 2009) – trifft den Punkt und fordert heraus, über einen ethischen Ehr- und Moralbegriff nachzudenken und sich für ein humanitäres Völkerrecht einzusetzen.

Der Frankfurter Theologe und Friedensforscher Bernhard Koch stellt „Diskussionen zum Kombattantenstatus in asymmetrischen Konflikten“ an. Es sind reduktionistische und revisionistische Gedankengänge, Theorien, Politiken, Einstellungen und Haltungen, die zu neuen Fragen und neuem Verantwortungsbewusstsein Anlass geben: „Letztlich müssen wir uns beim Handeln gegen Gegner in asymmetrischen Konflikten nicht nur die Frage stellen, ob unsere Handlungen nach unseren gegenwärtigen Maßstäben gerechtfertigt sind, sondern auch, ob sie eine Welt befördern, die dem entspricht, wie wir uns eine Welt gerne entwerfen würden“.

Der Hamburger Theologe Matthias Gillner diskutiert „Kriterien der Rechtfertigung von zivilem Ungehorsam und Widerstand“. Es sind für freiheitliches und demokratisches Denken unverzichtbare Haltungen des gesellschaftlichen und politischen Protests, von kritischen Einstellungen aus Gewissens- oder weltanschaulichen Gründen, von Formen des zivilen Ungehorsams und gewaltlosen Widerstands, die im friedensethischen Diskurs Beachtung finden müssen.

Die Berliner Referentin für Frieden und Konfliktbearbeitung bei „Brot für die Welt“, Martina Fischer, informiert mit ihrem Beitrag „Zivile Konfliktbearbeitung und Krisenprävention“, spricht über politisch-ethische Kriterien, stellt Aktionspläne und Netzwerke vor und verweist auf defizitäre und förderungswürdige Entwicklungen in Deutschland: „Es bleibt eine kontinuierliche Herausforderung, politische Mandats- und Entscheidungsträger dafür zu motivieren, differenzierte, ursachenorientierte und langfristige Politikansätze zu entwickeln, anstatt … kurzfristige, von Militärlogik geprägte Maßnahmen zu unterstützen“.

Ines-Jacqueline Werkner stellt mit „Just-Policing“ ein neues (?) Paradigma vor. Das Konzept beruht auf dem Prinzip des „gerechten, polizeilichen Handelns“. JP kann Gewalt nicht verhindern, aber minimieren. Das zukunftsweisende Projekt bedarf der Beachtung, Erprobung und Erforschung. „Just Policing ist auf ein funktionierendes Gewaltmonopol der Vereinten Nationen angewiesen“.

Die Privatdozentin beim Institut für Weltgesellschaft der Universität Bielefeld, Fatima Kastner, stellt das globale Handlungsmodell „Transitional Justice“ vor, das dazu dient, versöhnungs- und friedensorientierte Vergangenheitsarbeit zu leisten. Es sind Handlungsoptionen, die für die Aufarbeitung von schweren Menschenrechtsverletzungen nach kriegerischen Konflikten, Massengewalt und systematischen Repressionen geeignet sind.

Der Politikwissenschaftler Reinhard Wolf von der Frankfurter Goethe-Universität fragt nach „Respekt und Anerkennung“ als vernachlässigte Wege zum Frieden. Im internationalen, inter- und transkulturellen Diskurs ist es erforderlich, „die Identitäten und Sichtweisen anderer Nationen noch gründlicher zu studieren, um Missverständnisse zu vermeiden und Gelegenheiten für respektvolle Gesten rasch zu erkennen“ und sich bewusst zu sein, dass eine Politik des Respekte einen langen Atem braucht.

Der bei der Stiftung Weltethos in Tübingen tätige Theologe Johannes J. Frühbauer bringt das „Projekt Weltethos“ in den Diskurs um Friedensethik und Weltfrieden ein. Die interkulturellen, interreligiösen und gerechtigkeitsbestimmten lokal- und globalgesellschaftliche Anforderungen sind in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt nötiger denn je; das Projekt Weltethos ist eine aufklärungs- und bildungsweisende Initiative dafür.

Thomas Nielebock vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen fragt mit seinem Beitrag „Ethische Herausforderungen friedenswissenschaftlicher Politikberatung“ nach den wissenschafts- und allgemeinethischen Anforderungen, die sich für die Friedensforschung ergeben. Es sind individuelle, fachspezifische und interdisziplinäre Verantwortlichkeiten, die den Forschungsprozess bestimmen müssen.

Der Geschäftsführer der „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“, Ulrich Frey, und das Vorstandsmitglied Horst Scheffler, setzen sich mit dem Beitrag „Zur kritischen Funktion zivilgesellschaftlicher Akteure“ mit der lokal- und globalgesellschaftlichen Entwicklung auseinander, dass Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in vielfältiger Weise Einfluss auf zivilgesellschaftliche Aktivitäten nehmen. Sie sind Bestandteil der demokratischen Gesellschaft und sollen zum Wohl der gesamten Gemeinschaft beitragen. Dort, wo sie separatistische, egoistische, undemokratische und populistische Interessen vertreten, können sie keinen Legitimationsanspruch erheben.

Der Frankfurter Politikwissenschaftler Gert Krell beschließt das Handbuch mit seinem Beitrag „Zur Verantwortung der Friedensforschung“, in dem er autobiographische Anmerkungen zum Untersuchungs- und Forschungsgegenstand formuliert. Er nennt Kriterien für eine verantwortungsbewusste, wissenschaftliche Analyse von internationalen Konflikten. An zwei Beispielen – den feministischen Herausforderungen und dem Pazifismusstreit – zeigt er auf, wie sich auch in der Friedens- und Konfliktforschung Konflikte ergeben können. Und schließlich die Betrachtung, dass Friedensforschung als Versuch der professionellen Weltverbesserung auch bei den „Verbesserern“ Ressentiments und eigene Verstricklungen bewirken kann.

Das mehrseitige Abkürzungsverzeichnis ist hilfreich, das Handbuch als Nachschlagewerk zu benutzen.

Diskussion

Die Thematik „Friedenserziehung“, „Friedensbildung“, „Friedensforschung“, „globale Ethik“ wird im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de in vielfältiger Weise thematisiert. Die Frage, ob der Mensch die Erde besitzt, oder ob der Mensch zur Erde gehört, rüttelt an den Grundfesten des menschlichen Daseins und seiner gegenwärtigen und zukünftigen Existenz. Exemplarisch werden hier einige ausgewählte wissenschaftliche, aktuelle Veröffentlichungen genannt, die den Diskurs um „Friedensethik“ befruchten können:

Fazit

Das Handbuch „Friedensethik“ ist ein engagierter Versuch, themen-, fachbezogene und fächerübergreifende, interdisziplinäre Aspekte zur Friedenserziehung und -forschung darzustellen. Frieden fällt nicht vom Himmel oder wird von Mächten und Autoritäten geschaffen; vielmehr bedarf es eines engagierten, optimistischen und realistischen stetigen Bemühens und Engagements eines jeden Einzelnen auf der Erde! Das ist die Botschaft, die aus den einzelnen Beiträgen herausgelesen werden kann: Frieden als Menschheitstraum, Utopie und Vision ist machbar! Es braucht dafür die demokratische Freiheit, die persönliche und kollektive soziale Sicherheit, den kritischen Bürger, und nicht zuletzt die Anerkennung der Menschenwürde, wie sie in der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen vom 12. Dezember 1948 zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.08.2017 zu: Ines-Jacqueline Werkner, Klaus Ebeling (Hrsg.): Handbuch Friedensethik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14685-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23210.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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