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Frank Schulz-Nieswandt: Menschenwürde als heilige Ordnung

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Menschenwürde als heilige Ordnung. Eine Re-Konstruktion sozialer Exklusion im Lichte der Sakralität der personalen Würde. transcript (Bielefeld) 2017. 241 Seiten. ISBN 978-3-8376-3941-4. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Kulturen der Gesellschaft, Band 28.
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Autor und Entstehungshintergrund

Frank Schulz-Nieswandt ist Professor für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) sowie des Seminars für Genossenschaften an der Universität zu Köln und Honorarprofessor für Sozialökonomie der Pflege an der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind darüberhinaus in verschiedenen Facetten Altersfragen und Genossenschaftswesen, diese Anwendungsfelder wirken in die hier besprochene eher theoretische Publikation immer wieder hinein..

Thema

Der Text stellt einen Versuch dar, eine theoretische Grundlegung normativer Fragen des Sozialen zu leisten.

Aufbau

Das Buch ist mit Überschriften klar gegliedert, aber die Logik der Gliederung erschließt sich zumindest der Rezensentin nicht immer und erscheint als sehr subjektiv. Die Kapitel stellen eher Kreisbewegungen der Gedankenentwicklung denn eine lineare Entfaltung von Theorien dar.

  • Im ersten Teil, der Einleitung, wird auf das Thema hingeführt – sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht. Dieser Versuch, eine enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis herzustellen, stellt einen weiteren Gliederungsaspekt beziehungsweise ein Merkmal der Publikation dar – in den folgenden Kapiteln werden entweder praktische Folgerungen aus theoretischen Postulaten gezogen oder sozialpolitische Themen ausgeführt und theoretisch reflektiert und weitergedacht.
  • Wegen der recht eigenwilligen Anlage erfolgt im zweiten Teil eine weitere Einleitung, die eher theoretische Ausgangspunkte markiert. Schulz-Nieswandt konstatiert, dass die Menschenrechte als normative Grundlegung einer Theorie des Sozialen nicht geeignet sind. Dies führt er aber nicht weiter aus. Als durchaus verwandte aber von ihm alternativ gedachte normative Grundlage setzt Schulz-Nieswandt die Menschenwürde und versucht diese konsequent zu denken.
  • Der dritte Teil ist mit Soziologie der Exklusion überschrieben und zeigt eher die negativen Folgen einer marktorientierten oder normativ unreflektierten sozialen Philosophie und setzt dem den Ansatz der Sorge entgegen.
  • Im vierten Teil – Anthropologie und Rechtsphilosophie der Personalität – wird das Konzept der Menschenwürde in verschiedenen Kontexten, vom Kindeswohl über Flucht bis hin zum Alter, verdeutlicht.
  • Im fünften Teil, findet sich die theoretische Grundgelegung dafür. Die theoretische Fundierung erfolgt als Entwurf einer gottlosen Onto-Theologie über verschiedene religionssoziologische, theologische und philosophische Stationen.
  • Die Kapitel sechs bis acht stellen methodische und anwendungsbezogene Überlegungen dar.

Drei Anhänge, die theoretische Erläuterungen beziehungsweise Vertiefungen darstellen sollen, runden das Buch ab.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Felder des Sozialen bedürfen einer normativen Fundierung – dies wird über die Menschenwürde geleistet, diese wiederum bedarf einer theoretischen Fundierung, da sie nicht rational begründet werden kann (und soll). Deren Fundierung erfolgt über das Verständnis von Würde als Sakralität der Person und über den Entwurf einer gottlosen Onto-Theologie im Sinne eines existenzialen Humanismus – so ließe sich Schulz-Nieswandts Hauptanliegen zusammenfassen. Nicht normativ fundierte Sozialpolitiken oder Institutionen im Sozialen Feld sind stets in Gefahr, zu exkludieren, exkludierend zu sein und das Feld des Sozialen unsozialen unkontrollierbaren Marktmächten zu überlassen: „Exklusion bedeutet De-Personalisierung“ (57). Diese Gedankengänge werden in verschiedenen Anwendungsgebieten expliziert und in unterschiedlichen Annäherungsschritten entfaltet.

Die historischen Grundlagen von Schulz-Nieswandts Konzepts der Menschenwürde und einer gottlosen Onto-Theologie werden zwar mit viel Literaturhinweisen und theoretischen Ausflügen zu wie z.B. zu Hegel oder Tillich belegt, aber nicht wiederum eigens ausführlicher dargestellt.

Wichtig ist zum Einen aber sein Konzept des Menschen im Konzept der Menschenwürde – Schulz-Nieswandt begreift die Person als Träger von Würde nicht legalistisch als Inhaber von Rechten sondern sozial und fordert, sie „als ein personales Selbst immer nur im Modul der Teilnahme an einem liebenden sozialen Miteinander zu denken“ (15). Personwerdung wird als entelechetischer Prozess in einem sozialen Miteianander gedacht: „der Mensch ist Person, aber er wird dies erst.“ (18). Empathie und Sorge sind hier zentrale Kategorien, da sie die Hinwendung des Subjekts zum Andern andeuten.

Analog dazu ist die gottlose Onto-Theologie nicht theologisch dogmatisch sondern als Transzendierungsprozess innerhalb einer Immanenz zu verstehen. Es geht nicht um Gottesvorstellungen, sondern um das Heilige. Der Autor zieht dafür sowohl den neo- pragmatischen Ansatz von Hans Joas heran (der selbst auch von der Sakralität der Person spricht) als auch die kantianisch beeinflusste Philosophie des „Als ob“ von Hans Vaihinger. Für Schulz-Niewswandt beinhalten Begriffe wie Humanismus oder Menschenwürde „Theologische Restbestände im Sinne der Heiligkeit der Würde“ (22), aber sie sind nicht an sie gebunden, da Theologie im Sinne einer Transzendenz innerhalb einer Immanenz des Seins auch gottlos gedacht werden kann. Die Idee einer Transzendenz in der Immanenz des Seins überwindet eine Gegenübersetzung von Transzendenz Empirie und denkt an dieser Stelle denkt eher ein Werden, ein sich Entwickeln, ein Überschreiten innerhalb einer erweitert gedachten Wirklichkeit des Seins.

Diskussion und Fazit

Der Autor stellt mit dem Anspruch der Fundierung der Menschenwürde ohne Zweifel ganz entscheidende aktuelle Fragen und verfolgt vielversprechende jedoch auch disparate Pfade zu ihrer Beantwortung. These und Begründung von der Sakralität der Person im Kontext des Sozialwesens sind sehr interessant und folgenreich. Es ist daher zu bedauern, dass die verschiedenen Pfade zu den Thesen nicht weiter ausgeführt oder verbunden wurden, um eine theoretische Fundierung der Grundgedanken zu vertiefen. Der Autor gibt einige Fundierungen in den letzten Kapiteln und im Anhang aber diese sind entweder elegant aneinandergereiht oder eher apodiktisch.

Zum anderen kann nicht genug betont werden, wie wichtig in Schulz-Nieswandts Konzeption der Person mit ihrer dialogischen, emphatischen, dem Andern zugewandte und vom Anderen abhängige, vulnerabler Seite den sozialen Bereich ist. Dies steht einigen aktuellen legalistischen Menschenrechtsdiskursen und dem neoliberalen Denken entgegen, denen das bereits konstituierte souveräne Subjekt als Träger von Rechten und „Herr seiner selbst“ zugrunde liegt. Theoretisch wird die andere, eher emphatische, abhängige, soziale Seite des Subjekts aber oft mehr von Levinas her gedacht, der aber nicht von einem bereits konstituierten Subjekt ausgeht, das wiederum aber für das Konzept der Menschenwürde zentral wäre. Diese Spannungen oder die Potenziale intersubjektiv ausgerichteter soziologischer und philosophischer Ansätze näher zu beleuchten, wäre weiterhin interessant.

Nach der Lektüre bleibt daher viel Denkarbeit noch zu leisten aber der Weg ist klarer – daher ist das Buch allen, die zu sozialethischen Fragen arbeiten und forschen, zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 04.01.2019 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Menschenwürde als heilige Ordnung. Eine Re-Konstruktion sozialer Exklusion im Lichte der Sakralität der personalen Würde. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3941-4. Kulturen der Gesellschaft, Band 28. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23213.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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