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Lars Oberhaus, Christoph Stange (Hrsg.): Musik und Körper. Interdisziplinäre Dialoge (...)

Cover Lars Oberhaus, Christoph Stange (Hrsg.): Musik und Körper. Interdisziplinäre Dialoge zum körperlichen Erleben und Verstehen von Musik. transcript (Bielefeld) 2017. 338 Seiten. ISBN 978-3-8376-3680-2.
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Autoren

Lars Oberhaus ist Professor für Musikpädagogik an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen musikpädagogische lern- und Lehrforschung, Musik und Körper, Neue Musik, Philosophie der Musikpädagogik und frühkindliche musikalische Bildung

Christoph Stange hat die Professur für Musikpädagogik an der Universität Siegen inne. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Musik und Körper, Kontextualisierung von Musik sowie Kooperationen mit außerschulischen Kulturpartnern.

Entstehungshintergrund

In den letzten Jahren erlebte die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Körper in unterschiedlichen Facetten eine Renaissance. In diesem Zusammenhang wurde der Umgang mit Musik bisher weitgehend ausgeklammert. Auch in musikalischen Kontexten spielte der Körper nur eine randständige Rolle.

Im Jahr 2016 widmete sich eine erste Tagung in Delmenhorst dem Thema: „Wie lassen sich Musik und Körper aufeinander beziehen?“ Sie fokussiert dabei das körperliche Erleben und Verstehen von Musik. Entstanden ist ein umfangreicher interdisziplinärer Sammelband, der Wissenschaftler und Praktiker aus unterschiedlichen Disziplinen wie Tanzwissenschaft und Tanzpädagogik, Musikwissenschaft und Musikpsychologie, allgemeine Musikpädagogik und Instrumentalpädagogik, sowie anthropologischen Bildungswissenschaft und Musikethnologie zusammenführt.

Aufbau und Inhalt

Es wird allgemein davon ausgegangen, dass das körperliche Erleben und das Verstehen von Musik für verschiedene Disziplinen relevant erscheinen. Denn durch das Wechselverhältnis von Musik und Körper können spezifische wissenschaftliche Fragestellung und Bildungsprozesse evoziert werden, wie es in den Beiträgen deutlich wird, und damit das Potenzial zur Verfügung stellt, zu weiterführenden Dialogen zwischen den Disziplinen anzuregen.

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Einleitung der beiden Herausgeber Oberhaus und Stange, die das Thema nach Forschungsstand und -Perspektiven strukturieren, nach Bewegungserinnerungen – Bewegungsdiskurse, körperbezogene Wirkungsforschung von Musik, Bilden mit dem Körper, Verkörperung und Embodiment. Die geschieht anhand von Grundlagenliteratur (eine ausführliche Literatur ist angefügt) und Entwicklung der einzelnen Bereiche, eingestreut sind Verweise auf die folgenden 16 Artikel, die im Rahmen dieser Tagung gehalten wurden. Nur, wenn man dann die Artikel zu finden sucht, ist das etwas umständlich, denn die Reihenfolge ist verwirrend.

Die meisten der Artikel sind klassische Referate und Diskussionen, aber auch Lectures, die neben dem körperlichen Erleben auch die lebendige künstlerische Praxis sinnlich wahrnehmbar werden lassen: dem Tanz gewidmet – diese wurden videographiert und sind mit Links über das Internet verfügbar gemacht:

Ursula Brandstätter, Rose Breuss und Julia Mach: Auf der Suche nach verlorenen Bewegungsspuren. Eine Sacharoff-Interpretation aus verschiedenen Perspektiven klinischer Forschung: ästhetische Transformation von Musik in Bewegung.

Gerhad Kubik, Maya Malamusi und Sinosi Mlendo: Wo steckt der Beat? Konditionierung und Rekonditionierung der audio-emotionalen Wahrnehmung in afrikanischen Kulturen.

In Ganzen ist der Inhalt zu gliedern in abstrakte theoretisch- und fachterminologisch- begriffliche Beiträge auf der einen und tanztheoretische, musikpädagogische und musikwissenschaftliche Beiträge auf der anderen Seite.

Der abstrakte theoretisch-begriffliche Teil beschäftig sich mit den Begriffen Leib – Körper – Leibkörper – Verkörperung – Leiblichkeit. Diese lassen sich, da sie auf verschiedenen Theorien fußen, nicht zusammenfassen oder in irgend-einer Weise bündeln; denn auch wenn die Zielrichtung aller die Überwindung des funktionalen Körperverständnissen ist, sind die theoretische Bezüge zu verschieden: pädagogisch- anthropologisch (Jörg Zirfas), musikpädagogisch / musikdidaktisch (Daniel Zwiener, Frauke Heß), philosophisch- kulturwissenschaftlich (Jin Hyun Kim, Lars Oberhaus), Geist-Seele-Dualität (Peter Röbke).

Die tanztheoretisch pädagogischen Beiträge, die vorwiegend von Praktikern stammen, beziehen sich auf körperlich musikalische Bildung: Tanz und Sport (Anja Klinge), Embodiment in Anlehnung an die Kognitionswissenschaften (Wilfried Gruhn), instrumentalpädagogisch (Wolfgang Rüdiger), Musik in, zu und als Bewegung in Choreographie und Performance (Stephanie Schroedter)

Allen pädagogischen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie Bewegungen als individuellen Akt leiblich expressiver Erlebnisse beschreiben und ein mechanisches Körperverständnis kritisieren. Die videographierten Lectures wurden schon erwähnt (s.o.), die ihre so veranschaulichten Aufführungen in einen größeren Kontext stellen.

Die Rezensentin beeindruckte zwei Artikel, die als übergreifend klassifiziert werden können: der Beitrag von Jim Hyun Kim: Musik als nicht-repräsentatives Embodiment – philosophische und kognitionswissenschaftliche Perspektiven einer Neukonzeptualisierung von Musik – und Lars Oberhoff: Quälende Qualia – Argumente gegen die Reduktion sinnlicher Erfahrungen auf körperliche Zustände. Diese beiden Artikel könnten dazu dienen, dieses weite Gebiet inhaltlich zu leiten.

Diskussion und Fazit

M.E. ist dieses Buch trotz aller Welten, die zwischen den einzelnen Beiträgen liegen, ein erster eindrucksvoller und wichtiger Beitrag, ein neues Gebiet aus der bisher zur Verfügung stehenden Grundlagenliteratur und angewandter Praxis, inhaltlich zusammen zu stellen und als ein weitgestecktes Ganzes zu umfassen. Die Hürden zur Überwindung fachspezifischer Argumentationsfiguren sind groß und können sicher nicht so leicht abgebaut und auf ein logisch verfolgbares Maß geführt werden. Im Rahmen einer Rezension ist es leider nicht möglich, alle Artikel im Einzelnen zu besprechen – das ist auch nicht nötig. Denn der fachkundige Leser, der sich interessiert, Brücken zu finden und eigene theoretische und praxisorientierte Bereiche zu erweitern, wird in diesem Buch wichtige Anregungen und Verknüpfungen finden


Rezensentin
Dr.sc.mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vorstand Freies Musikzentrum München, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 07.11.2017 zu: Lars Oberhaus, Christoph Stange (Hrsg.): Musik und Körper. Interdisziplinäre Dialoge zum körperlichen Erleben und Verstehen von Musik. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3680-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23217.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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